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Moretti 850 Sportiva - Sportwagen mit schweizerisch-italienischen Genen

Erstellt am 21. Oktober 2015
, Leselänge 5min
Text:
Bruno von Rotz
Fotos:
Daniel Reinhard 
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Bruno von Rotz 
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Werk / Moretti / Archiv Silvio Cibien 
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Archiv Silvio Cibien 
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Archiv 
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Er ähnelt einem geschrumpften (Ferrari) Dino, ist aber den meisten Leuten unbekannt. Dabei offerierte der Moretti 850 Sportiva damals viele Reize für vergleichsweise wenig Geld.

Moretti 850 Sportiva (1968) - zwei Brüder unterwegs, ider hintere Wagen ist ein Moretti 124 GS
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Vom Eigenbau zur Sonderkarosserie

Giovanni Moretti hatte in den Fünfzigerjahren mit Eigenkonstruktionen Furore gemacht, doch dieser Ansatz erlaubte weder ein starkes Wachstum noch ein Überleben in den Sechzigerjahre. So lehnte er sich an Fiat an und nutzte fortan die technischen Komponenten des Turiner Herstellers, besetzte Nischen, die die Grossserienfertigung nicht füllte.

So entstanden hübsche Coupés auf den Plattformen des Fiat 500, 600, aber auch 2300, 1500 (Spider) und schliesslich 850, zu dem man ein hübsches Coupé, ein Cabriolet und eine viertürige Limousine konzipierte.

Doch Fiat begann auf der Sache nach eigenem Wachstum immer mehr selber Nischenprodukte zu produzieren, stellte zum Beispiel 1965 eigene Coupé- und Cabriolet-Varianten zum 850 vor.

Moretti musste ausgeklügelte Alternativen zu den Fiat-Eigengewächsen sorgen und setzte beim 850 Sportiva, gezeichnet vom Schweizer Dany Brawand, auf Sportlichkeit und Dynamik.

Dany Brawand und Giovanni Michelotti beim Besprechen von Entwürfen
Copyright / Fotograf: Werk / Moretti / Archiv Silvio Cibien

Ein Schweizer Designer namens Brawand

Dany Brawand wurde am 9. März 1934 in Vevey geboren und besuchte auch die Schulen in der Schweiz. Schon früh interessierte er sich für das Automobil und so bat er seinen Vater, ihm bei der Stellensuche behilflich zu sein, mit Erfolg.

Im Jahr 1952 konnte Brawand seine Passion für Autos zum Beruf machen, er trat eine Stelle bei der Carrozzeria Ghia-Aigle an. Dort traf er auch Felice Mario Boano und Giovanni Michelotti, der ihm schliesslich eine Stelle in seiner Designfirma anbot. Aus einem sechsmonatigen Praktikum wurde eine 12-jährige Schaffensperiode, in der Brawand sehr viel lernte und massgeblich etliche Projekte Michelottis mitgestaltete.

Anfangs der Sechzigerjahre entschied sich Brawand, unter eigenem Namen zu arbeiten und seine Dienste als Industrie-Designer unterschiedlichen Firmen, die vom Kugelschreiber bis zum Mähdrescher alles produzierten, anzubieten. Kurze Zeit später offerierte ihm aber Giovanni Moretti die Stelle als Direktor des Styling Centers, die beiden hatten sich natürlich schon früher kennengelernt, denn auch Michelotti hatte für Moretti Autos gezeichnet.

Zwischen 1965 und 1989 war Brawand für die Gestaltung praktisch aller Autos aus der Moretti-Fertigung verantwortlich. Am 13. Januar 2012 verstarb er 77-jährig.

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Wer hat’s erfunden?

Steht der Moretti-Heckmotorsportwagen vor einem, fallen einem sofort Ähnlichkeiten zum Fiat Dino, aber auch zum Dino 206/246 GT von Ferrari auf.

Gemeinsame Designelemente sind insbesondere die Wölbungen über den Kotflügeln und die in einem oval endenden Frontabschluss integrierten Scheinwerfer. Wer hatte da wem abgeguckt in den Sechzigerjahren?

Ferrari Dino 206 Berlinetta Speciale Pininfarina (1965) - Dino - am Genfer Automobilsalon von 2013
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Wenn man die Abfolge der damaligen Präsentationen genauer studiert, stellt man schnell fest, dass der Fiat Dino Spider, dessen Design von Pininfarina stammt, im Oktober 1966 in Turin präsentiert wurde, während der Moretti 850 Sportiva bereits rund acht Monate vorher am “Saloncino dell’ Auto da Competizione” in Turin erstmal gezeigt wurde.

Moretti 850 Sportiva (1968) - am Turiner Autosalon 1968, mit Speichenrädern
Archiv Automobil Revue

Beide Wagen dürften daher eher als Weiterentwicklung der Grundzüge der Ferrari Dino Berlinetta Speciale gewesen sein, die Pininfarina bereits am 52. Pariser Autosalon im Herbst 1965 vorstellte. Jene Studie trug die Scheinwerfer allerdings noch unter Glas und hatte besonders kräftige Ausbuchtungen über den Rädern.

Man kann sowieso davon ausgehen, dass zwischen den italienischen Designern jener Zeit ein fruchtbarer Austausch von Ideen stattfand, so zumindest mutmasst Alessandro Sannia, der Autor des neuesten Moretti-Buchs.

Eigentlich ein Mini-Dino

Der Moretti 850 Sportiva jedenfalls gedieh zu einem Meisterstück Dany Brawands. Die knappe Karosserie weist eine schungvolle Linienführung und attraktive Details auf. Das knackige Heck, das grosszügige Glashaus und die kurze Front wirken wie aus einem Guss. Das Ergebnis war zudem mit rund 660 kg leichtgewichtiger als das Fiat 850 Coupé, das über 700 kg wog.

Moretti 850 Sportiva (1968) - grosszügig verglastes Cockpit
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Technik des Fiat 850

Die technische Basis des Moretti 850 Sportiva war der Fiat 850, was einen Vierzylinder-Heckmotor und einzeln aufgehängte Vorder- und Hinterräder - Trapez-Dreieckslenker und Schraubenfedern vorne, Dreieckslenker und Schraubenfedern hinten - bedeutete.
Gebremst wurde mit Scheiben vorne und Trommeln hinten.

Moretti 850 Sportiva (1968) - Reihenvierzylinder mit seitlicher Nockenwelle vom Fiat 850
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Wurde zunächst der leistungsgesteigerte 850-Motor mit hängenden Ventilen, seitlicher Nockenwelle und gut 50 PS eingebaut, konnten später auch Varianten mit einem auf 1000 cm3 vergrösserten Motor mit Einspritzung (!) und 62 PS bestellt werde.

Vergleichsweise günstig

Im Jahr 1969 figurierte der Moretti 850 Sportiva mit 11’950 Franken in den offiziellen Preislisten. Für den Import in die Schweiz sorgte ein rühriger Garagist namens René Saegesser, der mutig ein Kontingent von 30 Autos bestellte und diese über zwei Jahre mit für ihn desaströsem finanziellen Ergebnis an den Mann oder die Frau brachte.

Im Vergleich zum “normalen” Fiat 850 Coupé, das 7690 Franken kostete, war der Moretti natürlich deutlich teurer und für dasselbe Geld hätte man auch schon fast ein deutlich grösseres Fiat 124 Sport Coupé oder einen BMW 1600 kaufen können. Andererseits kostete ein Dino 246 GT 45’000 Franken und den sah man dazu noch deutlich häufiger auf der Strasse. Unterhaltstechnisch blieb der Moretti ein relativ anspruchsloser Fiat 850 und somit hielten sich die Folgekosten in Grenze.

Kontinuierliche Evolution

Ein Vorzug der händischen Produktionsweise der Moretti-Coupés war es, dass man stetig am Entwurf und den Varianten ändern konnte. Nach der Präsentation im Jahr 1966 wurde 1967 eine viersitzige (und weniger hübsche) Variante vorgestellt.

Moretti 850 S2 (1970) - modifizierte Frontpartie mit in den Kotflügeln eingebauten Lampen wie beim Dino 246 GT
Archiv Automobil Revue

Und 1969 änderte man die Frontgestaltung des kompakten Coupés, die nun stärker dem Dino 246 GT glich. Die letzten 850 Sportiva Modelle wurden wohl 1971 gebaut, so ganz sicher ist man sich da genausowenig wie über die Gesamtzahl der produzierten Exemplare.

Auf Tuchfühlung

Der Moretti 850 SS Sportiva fühlt sich trotz seiner “nur” 50 PS vom ersten Meter wie ein Sportwagen an. Nun, eigentlich schon vorher, denn es bedarf einer gewissen Gelenkigkeit, um überhaupt in das nur 1.16 Meter hohe Coupé einsteigen zu können. Und wenn man sich gesetzt hat, staunt man darüber, dass das Lenkrad nicht direkt vor dem Fahrer montiert zu sein scheint, sondern zur Mitte versetzt.

Moretti 850 Sportiva (1968) - das sportliche "Schwarz" Dominiert im Cockpit
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Hat man sich an diese Eigenschaften einmal gewöhnt, fühlt man sich im quirligen Moretti pudelwohl, vorausgesetzt man misst keine 1.90 Meter. Der mit 3,78 Metern lange und 1,45 Metern breite Sportwagen fühlt sich auch beim Fahren wie ein kleiner Dino an und lädt mit geringen Masse zum Kurvenwedeln ein.

Wir danken dem Besitzer Patrick Bischoff (Carrosserie Koch Wattwil) für die Gelegenheit, den kleinen Fiat ausführen zu dürfen. Herzlichst danken möchten wir auch Silvio Cibien, der die Redaktion nach Kräften unterstützte.

Weitere Informationen

Bilder zu diesem Artikel

Quelle:
von Ru******
22.10.2019 (12:37)
Antworten
Da gab es einen 'interessanten' Vertreter in Grellingen im Laufental.
Was aus dem wohl geworden ist.
von mo******
27.10.2015 (11:03)
Antworten
Ich bin damit einmal einen Schnee-Slalom gefahren. Der kleine Flitzer war überraschend schnell!
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