Das doppelte Lottchen - Prototyp Matra-Simca Bagheera U8

Erstellt am 2. April 2014
, Leselänge 4min
Text:
Bruno von Rotz
Fotos:
Archiv 
6

Wäre die Geschichte an einem 1. April erzählt worden, man hätte wohl einen Scherz vermutet. Die kleine Sportwagen-Firma Matra-Simca hatte auf der Suche nach mehr Leistung für das neue Modell Bagheera zwei Vierzylindermotoren zusammengeschraubt und damit einen Achtzylinder-Aggregat mit zwei verbundenen Kurbelwellen geschaffen. Im Cockpit hätte der Fahrer zwei Öldruckmesser und zwei Wassertemperatur-Instrumente im Auge halten müssen. Doch nicht nur deshalb wurde das Modell kein Erfolg.


Matra-Simca Bagheera U8 (1973) - zusätzliche Kühlöffnungen in den Flanken und spezielle Felgen
Archiv Automobil Revue

Aussichtsreiche Basis


Matra-Simca Bagheera (1974) - Silhouette
Archiv Automobil Revue

Der Matra-Simca Bagheera (interner Code M550) war ein Erfolg, trotz wechselhafter Fertigungsqualität (Stichwort “silberne Zitrone”) und einem Defizit an Motorenkraft. Immerhin fast 48’000 dreisitzige Kunststoff-Coupés wurden zwischen 1973 und 1980 gebaut. Für die Suche nach mehr Motorleistung allerdings gab es bei Matra-Simca ein Rezept und dies nannte sich “U-8”.

Über den kühnen Entwurf wurde damals nur wenig geschrieben, die Automobil Revue aber widmete dem interessanten Projekt (interner Code M560) 1973 eine halbe Seite, deren Wortlaut hier in Teilen wiedergegeben wird:

Ein «U8»-Motor für den Matra-Simca Bagheera

Nur wenige Wochen nach der offiziellen Präsentation des Mittelmotorcoupés Matra-Simca Bagheera als Nachfolger des früheren Matra 530 ist bereits von einem technisch sehr interessanten Derivat dieser Co-Produktion von Matra und Chrysler France die Rede: es ist geplant, eine Hochleistungsversion mit «U8»-Motor in beschränkter Stückzahl zu produzieren.

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Kühnes Projekt

Der auf dem Fahrgestell und der Antriebseinheit des Simca 1100 Special basierende Bagheera mit Kunststoffkarosserie und quergestelltem Mittelmotor war schon von Anfang an für höhere Motorleistung ausgelegt worden, als sie der 1294-cm3-Vierzylinder-(84 DIN-PS) auszuspielen vermag. Wie jedoch Philippe Guedon, Leiter der Entwicklungsabteilung von Matra betonte, konnte der Weg zu mehr Drehmoment und Leistung nur über den Hubraum realisiert werden; eine wesentliche Erhöhung der spezifischen Leistung des 1,3-Liters wäre nur in beschränktem Masse zu realisieren gewesen, da sonst bedeutende Entwicklungskosten für eine entsprechende Abgasentgiftung nicht zu umgehen gewesen wären.

Matra entschloss sich deshalb zum kühnen Projekt, zwei der bisherigen 1,3-Liter-Vierzylinder zu koppeln und dadurch auf relativ einfache Art eine Verdoppelung der Leistung auf fast 190 DIN-PS zu erreichen.


Matra-Simca Bagheera U8 (1973) - der U8-Motor mit acht Zylindern und zwei verbundenen Kurbelwellen
Archiv Automobil Revue

Ungewöhnliche Motorkonstruktion

Die Motorbezeichnung lautet «U8», da die beiden Aggregate parallel nebeneinanderliegen -  allerdings in Längsrichtung gegeneinander verdreht - und fest miteinander verblockt werden. Der Doppelmotor weist ein gemeinsames “Carter” auf; damit dies realisiert werden konnte und um gleichzeitig die Bauhöhe zu reduzieren, stehen die Zylinderblöcke in einem Winkel von 82° gegeneinander.

Die beiden Motoren arbeiten für sich unabhängig voneinander, verfügen also über getrennte Zündung und Ventiltrieb sowie über eigene Benzin-, Wasser- und Ölpumpen. Die Übertragung des Drehmoments erfolgt von Motor 1 über eine Kette auf eine auf Torsion beanspruchbare Zwischenwelle und von deren gegenüberliegendem Ende wiederum durch Kettentrieb auf die Kurbelwelle von Motor 2, von wo auch der Antrieb erfolgt.


Matra-Simca Bagheera U8 (1973) - Funktionsweise des Motors (Skizze)
Archiv Automobil Revue

Längs statt quer eingebaut

Die Doppeleinheit ist im Gegensatz zum normalen Bagheera-Antriebsaggregat nicht quer, sondern längs vor der Hinterachse eingebaut. Aus diesem Grunde musste der Radstand um 23 cm auf 260 cm verlängert werden. Der U8-Motor ist mit einem Fünfganggetriebe verblockt.

Modifikationen am Fahrwerk

Um den U8-Bagheera an die verdoppelte Motorleistung und an das auf über 21 mkg (DIN) angewachsene Drehmoment anzupassen, waren verschiedene Modifikationen erforderlich. So gelangt anstelle der bisherigen Hinterradaufhängung mit Längslenkern und Quertorsionsstabfedern eine Doppelquerlenker-Aufhängung zum Einbau, und die Bremsscheiben sind vorn und hinten radial belüftet.

Genügten für den 1,3-Liter-Bagheera noch Reifen der Dimensionen 155 HR 13 vorn bzw. 185 HR 14 hinten, so ist die 190-PS-Version mit solchen von 185/70 VR 13 bzw. 205/70 VR 14 bestückt.

Das Fassungsvermögen des Benzintanks erfuhr eine Vergrösserung von 60 auf 80 Liter. Änderungen sind auch am Armaturenbrett zu verzeichnen, wo je zwei Öldruckmesser und zwei Wassertemperatur-Anzeigegeräte zu finden sind.

Die Karosserie wurde geringfügig geändert; am augenfälligsten ist das «U8»-Emblem an der Front sowie die zusätzlichen Lufteinlassschlitze vor den Hinterrädern.

Das Werk gibt für den potenten Wagen eine Höchstgeschwindigkeit von 230 bis 240 km/h an.

U8-Preis rund doppelt so hoch wie 1,3-Liter-Version

Wie auch der 1,3-L-Bagheera wird auch der neue Typ nicht vor 1974 in der Schweiz erhältlich sein. Ein Preis ist noch nicht definitiv fixiert worden, doch spricht man in Frankreich von rund 50 000 Francs. (Ende der damaligen AR-Berichterstattung)

Keine Gnade für unkonventionelle Ideen

Der erwartete Preis stieg im Laufe des Projekts allerdings auf weit über 60’000 Francs, während die “Normalversion” für gerade einmal 25’990 Francs zu kaufen war.

Nur drei oder vier Fahrzeuge wurden als Prototypen gebaut, dann wurde das Projekt nach rund 18 Monaten gestoppt. Die Energiekrise und die finanziellen Probleme bei Chrysler in Frankreich waren für eine Serienentwicklung nicht förderlich. Der Entscheid ist zu verstehen, denn die Wahrscheinlichkeit ist gross, dass der Matra-Simca U8 mit dem verdoppelten Motor auch annähernd doppelt soviel verbraucht hätte - man munkelte von 28 Litern pro 100 km - wie sein vierzylindriges Budget-Pendant.

Aus diesem Grunde wurde wohl auch der Motor selber nie in Serie gebaut, der Bagheera musste sich Zeit seines Leben mit maximal 90 PS bescheiden.

Weitere Informationen

Bilder zu diesem Artikel

Quelle:
von be******
08.04.2014 (09:33)
Antworten
Nach meiner Meinung hat ein Fahrzeug mit Facelifting und über 300! Detailverbesserungen eine Erwähnung verdient und nicht dieselbe Schublade wie sein bis 1976 gebautes Vorgängermodell. Die 2. Serie ab 1976/77 wurde ja dann auch S, bzw. X genannt.
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