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    Mit dem Alvis Special von 1936 die wilden Pässe am Gardasee bezwingen

    21. November 2010
    Text:
    Bernhard Brägger
    Fotos:
    Bernhard Brägger 
    (8)
     
    8 Fotogalerie

    Der Wunsch einmal einige wilde Pässe rund um den Gardasee mit einem Oldtimer zu befahren, schlummert schon Jahre in mir. Diesen Sommer ist es endlich soweit. Bernadette äussert im ersten Moment keine grossen Einwände, auch wenn der vorgesehene Oldtimer weder Dach, noch Kofferraum, noch  Clubsessel aufweist. Dafür läuft der beinhart gefederte, kurz übersetzte Alvis von anno 1936 ganz zügig den Berg hinauf und die Wirkung der Seilzugbremsen ist auch bei 25% Gefälle beachtlich. Eher gewöhnungsbedürftig könnte das Zweierzelt sein – machen doch Oldtimerfahrerinnen und Fahrer eher vor besternten Hotels Halt! Und so verkriechen wir uns mit Denzels „Grossem Alpen Strassenführer“ und einigen 200‘000er „Marco Polo-Strassenkarten“ in eine helle Ecke, einigen uns auf wilde Pässe zwischen dem Veltlin, dem Lago die Garda und dem Pasubio. Die Heimreise sollte über den Gaviapass führen. So starten wir am 31. Juli 2010 nach einem uns beiden unbekannten Italien.

    31.  Juli 2010 - ein Samstag

    Dominik - Sepp Wagners Carrosseriegeselle in Bad Ragaz - montiert das längst Bernadette versprochene „Brookland-Scheibchen“. Endlich geniesst auch sie minimalsten Schutz vor Wind und Wetter. Die wenigen Habseligkeiten nach dem Motto „Bikini und Zahnbürste“,  verstauen wir unter den Sitzen, hinter der Rückenlehne. Ans Reserverad wird der Rucksack gebunden, stecken das 2,6 kg schwere „Ueberlebenszelt“  von „Outdoorskills“ samt Thermomatten mit integrierten Luftpumpen und den Schlafsäcken hinein und mit 160 PS, unendlichem Drehmoment, Seilzugbremsen, Aluminium-Carrosserie, labiler Hinterachse und Reibungsstossdämpfern geht die Post ab in Richtung Süden. Das Trentino mit seinen verrückten Pässen aus vergangen Zeiten wartet. Den längst verstorbenen, englischen Ingenieuren aus Coventry sei Dank: kein Elektronikschrott, kein Servo, kein ABS, kein ESP, nichts, dafür wird Gefühl und Kopf, Erfahrung und Respekt vor alter Mechanik verlangt.  Und noch dies:  Ein Dach besitzt der Alvis natürlich nicht - Motorradfahrer kommen ja auch ohne Dächer ans Ziel - dafür einen soeben von Edy Schorno in Küssnacht revidierten 3,6-Liter-6-Zylindermotor von anno 1936.  Der Autozug bringt uns durch den Vereinatunnel ins Engadin. Platz in einem Personenwagen wird uns nicht angeboten. Wir verharren die 19 Kilometer ungeschützt im offenen Alvis. Die ratternde und quietschende Zugkomposition bringt es locker auf 100 Dezibel! Der räthischen Bahn sei Dank!

    Die grosszügig ausgebaute Berninapassstrasse ist heute auch für Wohnwagentouristen kein Problem. Anders war es da 1929 und 1930 als die St. Moritzer Automobilwoche stattfand. Nebst einer Sternfahrt aus europäischen Startorten nach St. Moritz, einem Kilometer-Lancé auf der Shellstrasse zwischen Samedan und Pontresina und einem Geschicklichkeitsfahren wurde als Krönung ein Bergrennen am Berninapass ausgetragen. Prominente Rennfahrer wie Rudolf Caracciola, Hans Stuck, Ernst-Günther Burggaller, Prinz zu Leiningen oder Graf Arco-Zinneberg nahmen daran teil. Doch das Rennen auf der grob geschotterten Strecke konnte sich im internationalen Kalender nicht behaupten und wurde nach der 2. Austragung gestrichen und bald einmal vergessen Nicht vergessen hingegen bleibt J.C. Heers  Berg- und Heimatroman „König der Bernina“,  seine tragische Hauptfigur Markus Baltram, und Heers Kritik an der modernen Technik, dem überbordenden Tourismus, der, gemässigt angewendet, der Bergbevölkerung Segen bringen würde. Wohlverstanden anno 1900 geschrieben.  Poschiavo. Wir können es nicht verkneifen, das 1987 schwer verwüstete Poschiavo mit dem Alvis zu besuchen. Trotz Fahrverbot, zirkeln wir leise durch die engen, von den Unwetterschäden befreiten Gassen, im Schritttempo, mit keinen 1000 Touren. Es ist mein persönlicher Gruss an Poschiavo, das nach seiner Verwüstung für längere Zeit mein Arbeitsplatz war.

    An der Grenze in Campocologno interessiert sich niemand um uns und in Tirano, das von den Bündnern im 15. und 16. Jahrhundert zerstört - und zu ihrem Untertanengebiet gemacht wurde, denke ich an einen ihrer Bürger: Omobono Tenni. Der Veltliner holte sich in den 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts Ruhm und Ehre. Omobono Tenni, bester Motorradrennfahrer in den 30er-Jahren, kam hier zur Welt, gewann in Europa jedes Rennen und stürzte 1948 tödlich am GP Suisse in Bern. Auch Achille Varzi, der introvertierte, von Geheimnissen umwitterte Italiener aus Gallarate kam am gleichen Ort, am gleichen Datum um sein Leben.

    Dem vom modernen Tourismus verwüsteten Passo Aprica mit der gleichnamigen Ortsbezeichnung widmen wir wenig Sympathie und erst beim Aufstieg zum 1828 hohen Passo del  Vivione - er verbindet das Val Paisco mit dem Valle di Scalve -  verschwindet das Bild vom Natur und Landschaft auffressenden Massentourismus. Dieser wenig befahrene Pass gehört zu den  engsten asphaltierten Pässen in Europa. Keine 3 Meter breit, über 1200 Höhenmeter überwindend, oft ohne Absicherung aber auch ohne Verkehr, diverse Spitzkurven zum Zurücksetzen - für Könner mit ausbrechendem Heck zu befahren - machen den Vivione zu einem selten gewordenen Vergnügen.  „Die Kiste läuft wie die gesengte Sau“, würden meine Freunde von der „Ecurie Bleu“ auf der Schwäbischen Alb sagen. Fahrtwind, Sound und der offene, rhythmische Streckenverlauf vor und nach der Passhöhe lassen uns die Suche nach einem geeigneten Platz für unsere erste Übernachtung im Zweierzelt vergessen. Schon schlängelt sich die Abfahrt an Felsen entlang mit Blick in tiefe Abgründe – aber Platz für ein Zelt ist nirgend vorhanden. Erst in der Waldzone finden wir einige geeignete m2. Direkt an der Strasse schlagen wir das Zelt auf, pumpen die Matten mit Luft voll und kochen uns Ravioli aus dem langweiligen Fastfoodangebot irgendeines Grossverteilers. Das Zelt steht nach wenigen Minuten, die Matten isolieren super, nur die Schlafsäcke sind zu dünn! Aber da sind wir wohl selber schuld, haben wir doch unsere alten Säcke mitgenommen – um Gewicht und Volumen zu sparen!

    1. August 2010  - ein Sonntag

    Auf dem Kirchplatz von Schilpario - am Fuss des Passo Vivione, ein Luftkurort mit Ausgangspunkt zu  vielen Wanderungen und sogar einem ethnologischen Museum - bestaunen und diskutieren Kirchgänger, Barbesucher und Feriengäste den Alvis, als sei er ein Relikt aus einer andern Welt. Die Fragen sind sympathisch. Der Jahrgang interessiert, die Mechanik, die Höchstgeschwindigkeit. Frauen wollen wissen, ob Bernadette bei Sturm und Regen im Hotel bleibe und reagieren überrascht, wenn sie vom trockenen Zweierzelt, der wasserfesten Bekleidung und dem ins Gesicht peitschende Regen schwärmt. Nie wird nach dem Preis, dem Wert gefragt, nie werden Daumen und Zeigefinder aneinander wund gerieben wie im deutschsprachigen Raum Europas und wir beide können uns in der italienischen Sprache üben - besser als an jedem zertifizierten Sprachkurs, mit Geld-Zurück-Garantie im Falle eintretender Sprachblockaden.

    Kurz nach Schilpario wartet die einst für Autofahrer berüchtigte Dezzo di Scalve-Schlucht. Nichts ist mehr von der alten, spektakulären Strecke zu sehen, noch zu spüren. Zerfall auf der einen Seite, langweilige, beleuchtete Tunnels auf der andern.  Um nicht unser Ziel am Gardasee zu verfehlen, fahren wir auf  Nebenstrassen via Borno, Breno in Richtung Passo di Croce Domini. In Borno besuchen wir das „Feste del Alpini“ mit Blechmusik, strammer Marschordnung und mit  den vom Berglerleben geprägten Alpini. In den Kämpfen am Pasubio oder an der Isonzofront im Ersten Weltkrieg  gehörten ihre Vorfahren zur Elite der italienischen Armee. Heute unterscheiden sie sich kaum noch von den übrigen Armeeeinheiten. Umso mehr wird ihr Mythos der Unzerstörbarkeit zelebriert und auch die Geistlichkeit macht mit. Jedenfalls ist ein Kardinal aus Bergamo dabei. Unter der Soutane gucken Schuhe von Hugo Boss hervor, der Goldring glänzt in der Sonne – aber keiner küsst ihn!

    Nach diesem Intermezzo kurven wir den Passo di Croce Domini hinauf. Scheinbar ein Muss vieler Italiener mit ihren breitbeinigen, platzheischenden, mit Nonna, Mama und Bambinis vollgestopften Off-Roaders. Sie kriechen alle die asphaltierte, teilweise zwölfprozentige Steigung zum 1895  Meter hohen Refugium hinauf. Zum Glück für den Alvis verläuft die Strecke von Breno aus im kühlen Wald. Er lässt die Wassertemperatur noch knapp unter dem roten Bereich einpendeln. Trotzdem ist es zum Verzweifeln und meine italienischen Schimpfwörter – sie stammen noch aus meiner Jugendzeit, als ich mithalf meinen Zios mütterlicherseits in Orino, im Varesotto, Kühe vor die Heu- und Holzkarren zu spannen – ärgern bloss Bernadette und nicht die „Milanesi“ mit ihren „Machine maledetti“. So halten wir auf der Passhöhe nicht an, lassen den bekannten Motorradtreffpunkt rechts liegen und fahren unverzüglich  weiter zum Coletto di Cadino auf 1938 Metern und alsdann bergabwärts via Coletto Caver hinunter nach Bagalino im Valle del Cafarro. Die recht breite und teilweise geschotterte Strasse  vom Passo di Croce Domini  über den Giogo della Balla und Goletto delle Crocette zum Giogo del Maniva sparen wir uns für ein nächstes Mal auf. (Giogo: Joch). Der Motor hat sich unterdessen längst abgekühlt, die schmale, ruppige  Asphaltstrasse – ohne Randsicherung dafür mit freier Aussicht auf die tiefer liegenden Weiden - ist schwach befahren. Einzelne Biker, wenige Motorräder. Am Lago d’Idro erwischen wir im Camping mit dem verheissungsvollen Namen „Venus“ den letzten freien Platz - inmitten freundlicher Holländer, die uns wahrscheinlich aus Erbarmen zwei Stühle und ein Tischchen anbieten. Dass uns das Leistungsgewicht des Alvis wichtiger ist als Sperrgut, nehmen sie ungläubig zur Kenntnis!

    3. August  2010 – ein  Dienstag

    Nachdem wir uns am Nationalfeiertag im „Dolche far niente“ und lesen  (Christian Klucker - Erinnerungen eines Bergführers und der 24. Auflage des Alpenstrassen Führers) erfreut haben, schleichen wir uns  um 7 Uhr früh mit 800 Touren aus dem Campingplatz – wir wollen doch unsere Gönner nicht verärgern - und fahren via Bagolino zum Giogo del Maniva hoch. Die Zeit in diesem pittoresken Dorf Bagolino scheint stehen geblieben zu sein: der Kaffee herrlich, die Brioches frisch und süss, die Strasse zum Maniva vom Tau rutschig, der neu revidierte Motor von Edy Schorno bissig. Der in engen Kurven übersteuernde Charakter des Alvis hilft mit,  die viel Kraft verlangende Lenkung etwas zu vergessen. Die Strasse ist keine fahrerische Herausforderung und mit den Narben des modernen Skigeländes  kann kaum Reklame für den Sommertourismus gemacht werden.  Auf der Passhöhe ist das vor beinahe 100 Jahren in den Fels gesprengte Trasse der Strasse nach dem Passo del Dosso Alto sichtbar. „Ist es wirklich dein Ernst, da  hinauf zu fahren?“, verraten mir Bernadettes Augen. „Ja natürlich – die Strasse ist ja nach jahrelanger, durch einen Felssturz verursachte Sperre, wieder befahrbar!“

    Die sehr schmale, teilweise mit Holzleitplanken vor Absturz in die Tiefe gesicherte Passage, hat an der Felssturzstelle eine Galerie bekommen. Trotzdem, eine Garantie für eine sichere Durchfahrt am Passo del Dosso Alto ist nie gegeben. Jedenfalls ist die Strecke für Fussgänger gesperrt! Oder wie würden Sie eine Warntafel mit folgender Aufschrift interpretieren: „Divieto di Transito ai Pedoni?“ Der Ausblick ins Val Trompia – in Kriegszeiten sei dort Schwerindustrie ansässig gewesen, erzählt uns ein betagter Einheimischer - ist atemberaubend. Zwischen den Pässen Dosso Alto und Passo della Berga ist über eine Distanz von ca. 2 km das Strässchen grob geschottert aber auch für einen Oldtimer gut befahrbar.  Um die steilen Aufstiege zu vermeiden, fahren wir diese vier Pässe von Norden nach Süden. Im Schotter wühlende Räder können somit vermieden werden. Apropos Schotter. Als unser Alvis 1936 in Coventry gebaut wurde, waren die Bergstrassen geschottert, die Nebenstrassen ebenso. Wozu also die Angst vieler Oldtimerbesitzer um Achse, Lenkung oder Carrosserie? Begegnungen finden hier oben praktisch keine statt – einige Motorräder, einige Mountain-Biker und ein Holländer, schreckensbleich, den schwarzen Alvis mit dem Leibhaftigen verwechselnd und in letzter Sekunde mit einem gewagten Manöver die Fahrt zur Hölle vermeidend!

    Am Passo del Marè verlieren wir über kürzeste Distanz 1‘200 Meter an Höhe – was mit dem kurz übersetzten Alvis und den vielen engen Wendeplatten praktisch ohne Bremsen möglich ist. (Bremssystem: Seilzugbremse ohne Waage und überdurchschnittlich gross dimensionierte Bremstrommeln.)  Kaum auf dem Camping angekommen, überfällt uns ein fürchterliches Gewitter  - es reicht noch den Alvis mit einer Militärplache abzudecken und uns ins sturmsichere, wasserfeste Zelt zu verkriechen und dem niederprasselnden Regen zu lauschen. Die Beratung durch meinen Freund Roli Meier („outdoorskill“) hat sich bestens bewährt.

    4. August 2010  - ein Mittwoch

    Am vierten Tag unserer Reise entscheiden wir uns via dem Capovalle, dem Stausee Lago di Valvestino nach Gargnano an den Gardasee zu fahren. Unterwegs finden wir ein schönes Schottersträsschen um ungestört einige Fotos zu schiessen. Erstmals setze ich nach vielen Jahren wieder Vaters Balgenfotoapparat ein. Hergestellt 1936 von der Gauthier GmbH in Calmbach. Ob der Balg noch lichtundurchlässig ist? Wir müssen die Entwicklung der Aufnahmen abwarten. Die Fahrt am Gardasee entlang ist immer wieder ein Erlebnis, besonders im völlig offenen Alvis mit viel Power und Sound,  den Felswänden entlang und durch die schmalen Tunnels, diesen Relikten aus der Zeit des Faschismus.  In Riva del Garda lassen wir den Motor abkühlen, beobachten die Surfer wie sie elegant die Böen zum Fliegen ausnützen und setzen alsdann die Fahrt via Rovereto  zum Passo Pian delle Fugazze am  Pasubio fort. Am Fugazze ist wenig Verkehr. Nur einige Motorradfahrer verwechseln sich auf ihren Pseudorennmaschinen mit Valentino Rossi. Die Furcht von einem solchen Geschoss getroffen zu werden, ist nicht unbegründet.

    Zwei Kilometer vor der Passhöhe kommt fürchterlicher Lärm vom Motorraum her. „So kann nur ein gebrochener Auspuffkollektor tönen“, ist mein erster Gedanke. Zum Glück ist nur die Schweissnaht am Flansch zwischen Kollektor und Auspuffrohr gerissen. Eine einfache Reparatur sofern ein Schweissapparat vorhanden ist! Doch hier am Pasubio? Notdürftig lassen sich die beiden voneinander getrennten Teile verbinden - sofern Draht mitgeführt würde. Nun rächt es sich, dass der Draht zu Hause blieb. „Aus Platzgründen“, versuche ich mich bei Bernadette zu entschuldigen - was natürlich eine Notlüge ist! Doch zwei Motorradfahrer auf älteren Modellen halten an, besorgen uns im Gasthaus auf der Passhöhe Draht und die Reparatur hält bis hinauf zum Wirt. Der kennt einen bestens ausgerüsteten Kollegen, ich baue den Auspuff aus, er bringt mich in seinem Wagen zum Abwart eines Altersheim weit im Tal unten und nach 15 Minuten ist der Auspuff samt Flansch wieder einsatzbereit. Nach der Rückkehr stossen wir mit Frizzantino auf die gute Kameradschaft an und lassen uns bei „Polenta con ragout“ verwöhnen. Und noch etwas: Ein weiches Bett ziehen wir heute den Thermomatten vor.

    5. August 2010 - ein  Donnerstag

    Es regnet in Strömen, bayrische Biker suchen ebenfalls Unterschlupf im Gasthaus auf dem Passo Pian delle Fugazze und so kommt es zu interessanten Gesprächen mit den durchtrainierten Bikern auf ihren Hightech-Rädern und uns  Alteisenfetischisten. Ihr Ziel ist auch der  Pasubio. Ob sie die verbotenen Strassen befahren wollen, geht nicht eindeutig aus den Gesprächen hervor. Von der Polizei erwischte Mountainbiker sollen hohe Bussen bezahlt haben. Dies scheint sie am ehesten von der Befahrung abzuhalten. Verbotene Strassen? Die aus der Zeit des 1. Weltkrieges als Nachschubwege an die Pasubiofront gebauten Strassen, sind heute mit Fahrverboten belegt. Die „Strada degli Eroi“ oder die „Strada delle Scarubbi“ als bekannteste. Vor wenigen Jahren noch herrschte auf ihnen reger Verkehr: Automobile, Motorräder, die ersten zweifach gedämpften Mountainbikes. Schwere Unfälle waren nicht selten. Und  die „Strada delle Galerie“, ein in den Felsen gehauener Weg mit 52 Tunnels, keine 180 cm hoch, stockdunkel und an exponierten Stellen Schwindelfreiheit verlangend, ist nur noch gut ausgerüsteten Berggängern vorbehalten.  Ich finde diese Verbote richtig – auch aus Pietätsgründen all den tausenden und abertausenden an der Front gefallenen Österreichern, Ungaren und Italienern gegenüber. Ihnen gehört heute die Ruhe am Pasubio.

    6. August 2010 – ein Freitag

    Zu Fuss gehen wir am 6. August die „Strada degli Heroi“ zum Refugio Generale Achille Papa hinauf. Die ersten 700 Meter Höhendifferenz sind auf der regelmässig ansteigenden Schotterstrasse problemlos zu bewältigen. Nach dem Scheiteltunnel zwischen dem „Val di Fieno“ und dem „Val Canale“ ändert sich die Landschaft schlagartig. Die Strasse führt nun an Felswänden entlang, durch 
Tunnels und schraubt sich ungesichert mittels Spitzkehren dem Refugio entgegen. Stets drohen Steinschläge, auch Geröllrutsche und bilden je nach Jahreszeit oder Regenwetter eine ständige Gefahr. Die „Strada degli Heroi“  ist kein Plauderweg, geschweige denn ein Tummelfeld für Enduros und Mountainbikes. Zu deutlich sind heute noch die Schrecken der Pasubiofront spürbar, sichtbar. Eine Front, die sich kaum vorwärts noch rückwärts bewegte.

    Eine blutgetränkte Front, die durch diese Strasse von gewissenlosen Politikern und rücksichtslosen Generälen mit abertausenden von italienischen Soldaten, mit Kanonen, Munition und Giftgas gefuttert wurde. Das melancholische Volkslied von der Sinnlosigkeit des Krieges „Oh Gorizia, tu sei maledetta“ hätte ebenso hier am Pasubio entstehen können.

    Nach sechs Stunden kehren wir wieder zum Passo Pian delle Fugazze zurück. Stillschweigend bereiten wir den Alvis für die Fahrt über den Passo di Xomo vor. Via den Passo della Borcola mit seiner im südlichen Teil nicht enden wollenden „Tornanti“, erfreuen wir uns am Val Terragnolo, ein  steiles Tal mit vielen kleinen Dörfern und Weilern, alle in Terrassenbauart und mit einer von wenigen Bewohnern noch gesprochenen Sprache germanischen Ursprungs. Über Folgaria erreichen wir den Passo del Sommo und stellen unser Zelt für drei Nächte auf.

    7. August 2010 – ein Samstag

    Der Passo del Sommo bietet vom Strassenbau oder von seiner Charakteristik her wenig Spektakuläres, abgesehen von seiner geschichtlichen Bedeutung. In seiner Umgebung verlief ein Frontabschnitt verteidigt durch diverse österreichisch-ungarische- und italienische  Festungen. Die bekannteste Festung „Gschwent-Belvedere“  ist heute zum Museum und Kriegsmahnmal restauriert worden.  All diese Festungen, Soldatenfriedhöfe, Mahnmale und Schützengräben sind durch den 370 km langen „Sentiero della pace“ verbunden.  Auch diese Festungen trugen nichts Entscheidendes im Kampf um Sieg oder Niederlage bei. Italien kassiert die von den Allierten versprochenen Gebiete, die Habsburger mussten ihre Machtträume endgültig begraben.                       

    Interessant ist in unmittelbarer Nähe des Passo del Sommo das 12 km lange, in früherer Zeit bestimmt abenteuerliche Kaiserjägersträsschen. Die österreichischen Kaiserjäger - das Pendant zu den italienischen Alpini – bauten in den Felsen des Monte Rovero diese schmale, teilweise mit Tunnels versehene Verbindungsstrasse zu ihren Festungen hinauf. Wir fahren das heute asphaltierte Strässchen  abwärts und bewundern nicht nur die grandiose Aussicht auf den Lago di Caldonazzo. In ganzen Rudeln kraxeln Radfahrer auf ihren Rennrädern die stellenweise 12 %  steile Strasse hinauf. Es scheint, dass hier jeder auf eine neue persönliche Bestzeit aus ist – die Kaiserjägerbestzeit. Jedenfalls warten schon die Betreuer oben auf der Hochebene von Lavarone auf ihre Schützlinge, während wir mit viel Spätzündung und teilweise im ersten Gang talwärts schleichen. Dabei kommt mir vor den „Tornanti“ der Militärfahrertrick auf den alten Saurer-Lastwagen zu Gute. „Um vom zweiten Gang in den ersten zu schalten, ist die Handbremse vorsichtig anzuziehen, auf die zum Gangwechsel geeignete Tourenzahl zu warten und nun lässt sich mit viel Zwischengas der 1. Gang butterweich einlegen. („Die Kunst des Fahrens, Ausgabe 1928“)

    9.  August  - ein  Montag

    Nach zwei ausgiebigen Badetage am Lago di Caldonazzo möchten wir heute Montag drei Pässe befahren: der 1682 m hohe Passo Campo Carlo Magno bei Madonna di Campiglio, der 1884 m hohe Passo del Tonale im Val Vermiglio und als Krönung den 2621 m hohe Passo di Gavia zwischen Ponte di Legno in der Lombardei  und Bormio im Veltlin.  Während der Carlo Magno und der Tonale weder an Fahrzeug noch Fahrer spezielle Anforderungen stellen, sieht es am Gavia ein bisschen anders aus. In den 50er-Jahren gehörte der Gavia oft ins Programm der grossen Alpenrallies wie „Liège – Rom – Liège“ oder  die „Rallye International des Alpes“. Und als ob der Gavia bei schönem Wetter nicht genug Schweiss und Schmerzen kostet, litten die Radfahrer des Giro d’Italia immer wieder fürchterlich an diesem Berg. Unvergessen das Jahr 1988 als der Schweizer Urs Zimmermann auf dem dritten Gesamtrang liegend, bei der Abfahrt nach Bormio richtiggehend erfror und den in Griffnähe liegende Gesamtsieg dem Amerikaner Andy Hampsten überlassen musste.

    Heute ist der Gavia auf der Südseite immer noch schmal und steil – doch er ist durchgehend asphaltiert und die exponierteste Stelle wird schon seit vielen Jahren mit einem Tunnel umfahren. Von Ponte di Legno nehmen wir abends um 19.00 Uhr den Gavia in Angriff, in der Hoffnung auf den 16 Kilometern bis zur 2621 Meter hohen Passhöhe niemandem mehr zu begegnen. Auf den übersichtlichen Passagen bis Santa Apollonia lassen wir den Alvis so richtig laufen, schliessen aber bald einmal auf eine kleine stehende Kolonne auf

    Kaum zu glauben, da versuchen drei Italiener mit ihren überdimensionalen Wohnmobilen den Pass zu überqueren, samt Frau und Kinder. „Machen die nur, um sich im Kollegenkreis zu brüsten: wir haben den Gavia geschafft“, meint ein in der Kolonne stehender Einheimischer. Zu schmal, zu steil, kein Platz zum Kreuzen, die Bambini auf der Strasse,  weinende und lamentierende Mamas ebenfalls. Fellini live! Ein Motorradfahrer scheint die drei Machos endlich zur Vernunft zu bringen, setzt sich selber hinter die Lenkräder und lässt ein Wohnmobil nach dem andern zu einer breiter ausgebauten Kurve zurückrollen, wo er mit viel Geschick die schwerfälligen Kisten  talwärts  wendet und den blass erstaunten das Lenkrad übergibt. Nach wenigen Minuten ist die Strasse frei – der Gavia bis zum Scheitelpunkt menschenleer. Vor der unbeleuchteten ca. 800 Meter langen Galerie halten wir an und gehen die alte, keine 3 Meter breite Strasse bis zur Gedenkstätte  zu Fuss. Hier stürzte in den 60er-Jahren ein mit Soldaten vollbesetzter Militärcamion in die Tiefe. Zwei Alpini konnten sich retten alle andern fanden den Tod. Die letzten paar Kilometer fahren wir ruhig und nachdenklich hoch, geniessen die hereinbrechende Nacht, bestellen im Refugio Bonetta Veltliner Pizzocheri und ein weiches Bett. Doch vorher gewähren uns drei italienische Astronomen einen Blick durch ihre Teleskope in die fantastische Sternenwelt. Der stockfinstere Gaviapass soll sich besonders gut für ihre Leidenschaft eignen.

    10. August – ein Dienstag

    Der letzte Tag bringt wenig Erwähnenswertes mehr. Die Pässe rund um Livigno zählen nie und nimmer zu den wilden und das billig eingekaufte Benzin in der zollfreien Zone verursacht Fehlzündungen und verrusste Kerzen.  Mit Bleiersatz können wir den stotternden Motor etwas beruhigen und beenden nach rund 1000 Kilometer am Ausgangspunkt in Zug die unvergessliche Reise zu den wilden Pässen rund um den Gardasee. Und zum Schluss noch dies: niemandem verraten wir, dass spätestens beim Begriff „Reise mit Zelt“ Bekannte und Oldtimerfreunde zu spötteln anfingen, ihre Pfadizeit sei bereits  mit 18 Jahren ausgeklungen!

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