Wer in Deutschland ganz früher oft im Kino war, kennt den Refrain „like ice in the sunshine“ noch, mit dem eher klischeebeladen zum Kauf von Eiskonfekt animiert wurde. Und plötzlich ist dieser Ohrwurm wieder im Kopf; als bei stahlblauem Himmel und minus 14 Grad Celsius am frühen Morgen Speiseeis für Erwachsene serviert wird: Sehr teure, besonders schöne, (automobil-)kulturhistorisch bedeutsame, exotische oder gar alle vier Auswahlkriterien erfüllende automobile Kreationen, welche um die Gunst des Publikums und der Tausenden Kameras der Instagram-„Grippeträger“ oder „Car-Spotter“ strahlen. Das Siegerfahrzeug der „Best of Show“-Kategorie ist ein gutes Beispiel für „Der hat alles, was eine Jury sucht“ und verdient diesen Preis sicher; aber mehr dazu später.
Auf der mit Neuschnee-, Champagner- und Austernbars-bedeckten und zum Glück stabilen Eisfläche des St. Moritzer Sees ist diesmal kein feines Reifenknirschen eines Rolls-Royce-Phantoms zu hören, dessen Chauffeur eine im Hotel vergessene Zobelmütze bei irgendeiner Champagner-Veranstaltung mit fröstelnden Pferden ausliefert. Heute geht es um „Rock'n'Roll“; um Fahrmaschinen aus einer besseren Zeit und um das Dröhnen und Vibrieren von Sport- und Rennsport-Aggregaten, welches die dünne Bergluft messerscharf zu zerschneiden scheint, inklusive Echo aus dem Dorf von St. Moritz. Jedenfalls, wenn die Motoren anspringen; nachdem in aller Frühe mit Starthilfespray oder Heissluftfön lustlose Vergaser oder weitere Komponenten auf ihren Einsatz vorbereitet werden mussten.
Kommen wir zur Startaufstellung; hier einige Höhepunkte in den Kategorien:
Legendary Liveries (Legendäre Lackierungen):
Gewonnen hat hier der Lancia Stratos (1976) in voller Alitalia-Montur, sicher einer der Publikumslieblinge:
Des weiteren bemerkenswert sind hier:
Und der Gewinner vom Sonderpreis als „Hero below Zero“
Open Wheels (Vorkrieg oder Monoposti)
Sieger ist hier unter allen Bildschönen der noch schönere Maserati 4CLT (1949)
Noch aufregender erscheint manchem Besucher der Colin Chapmans Lotus 18 (1961); Stirling Moss gewann im selben Jahr und Fahrzeugtyp den GP von Monaco.
Diese Wettbewerbsklasse erinnert unweigerlich an das Motto der Olympiade: Dabei sein ist alles; Verlierer darf es hier keinen einzigen geben:
Vertreten sind aber auch zahlreiche Traumwagen der U40-Generation;
«Weil Originale von unschätzbarem Wert sind»
8370 Sirnach, Schweiz
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Audi, BMW, BMW Alpina, und weitere
Birth of the Hypercar (Geburt der Hypercars):
Doch obwohl neben Bugatti-CEO Mate Rimac auch die Herren Koenigsegg und Pagani nicht nur Autos einlieferten, sondern auch persönlich zugegen sind, versteht es die Jury zu überraschen und kürt den Jaguar XJ220 von 1993 zum Sieger in dieser Kategorie.
Barchettas on the Lake
Welche Kategorie könnte besser zu dieser Veranstaltung passen: Mit Barchettas sind dem klassischen norditalienischen Bootsbau („Runabouts“) nachempfundene, offene Sportwagen-Karosserien gemeint.
Spannend und auf seine eigene Art herausragend war hier der Lancia Fulvia Prototipo F&M Barchetta von 1968.
Als einer der charismatischsten „Barchettas“ liefert der Lancia eine fast schon radikale, funktionale Rohheit. Das Kürzel F&M steht für zwei Legenden des Lancia-Rennstalls: Cesare Fiorio (Teamchef) und Claudio Maggio (Chefmechaniker). 1969 wollten sie die Lancia Fulvia für Langstreckenrennen wie die Targa Florio (wo Fahrer den kühlenden Fahrtwind begrüssten) oder den Marathon de la Route (84 Stunden auf dem Nürburgring) wettbewerbsfähiger machen. Sie nahmen eine normale Fulvia Coupé 1.6 HF und dann kam die Flex: Dach ab, Windschutzscheibe weg (ersetzt durch eine kleinere aus Plexiglas), Türen zugeschweißt und alles Unnötige im Interieur entfernt. All dies brachte fast 200 kg Gewichtseinsparung gegenüber dem Standard-Coupé und schuf eine deutlich flachere Silhouette.
Auf THE I.C.E. ist es faszinierend zu sehen, wie der Fahrer der Fulvia den Wagen mit dem „linken Fuß auf der Bremse“ und viel Gas um die Kurven des gefrorenen Sees zieht. Die Traktion des V4-Motors über der Vorderachse erweist sich auf dem glatten Untergrund als erstaunlich effizient, während die heckgetriebenen Ferraris oder der Maseratis klassische Übersteuer-Drifts vorführen.
Das Unikat mit seinen 1,5 Liter Hubraum (ursprünglich 1,3) ist ein sympathischer „Underdog“ in einer Welt der Superlative. Der Barbier ist mit weniger als 600 kg ein federleichtes Auto, bei dem talentierte Ingenieure mit modifizierter Gross-Serientechnik Rennerfolge einfahren wollten.
Gefahren wird das Fahrzeug, welches sich im Besitz eines Schweizer Sammlers aus Zug befindet, von einer jungen Frau mit etwas Schmutz unter den Fingernägeln, da sie in der Pflege der Sammlung arbeitet und höchstselbst den Vergaser des Wagens überholt hat, dessen Interieur ebenfalls erst 2 Tage vor THE I.C.E. als letzte Maßnahme komplettiert werden konnte.
Gewinnen wird später ein weitgehend originaler und lückenlos dokumentierter Ferrari 750 Monza (1955).
Sieger der Herzen
Im Publikum stellt man sich unterdessen die Frage, ob nicht der weltweit einmalige Pontiac Vivant 77 aus dem Jahre 1965, bislang ein seltener Gast in Europa, der wahre Sieger dieser Kategorie ist. US-Cars hatten generell schon einmal bessere Sympathiewerte als aktuell; bei dem VIVANT denkt man aber unweigerlich an eine sonnenlicht-geflutete Auffahrt zu einem ebenso schönen wie schlecht isolierten Mid-Century-Haus im metallic-bunten Palm-Springs der 70er Jahre.
Und immerhin wird der Pontiac dann doch noch geehrt mit dem von Bang & Olufsen gestifteten „Best of Sound“-Award; wobei das Auto mindestens so gut klingt wie gewöhnliche B&O-Lautsprecher.
Der VIVANT ist ein "One-Off"-Meisterwerk mit europäischem Design und erwartungsgemäß einem 6.1-Liter V8. Er entstand als privates Projekt des Pontiac-Ingenieurs Herb Adams, auch bekannt als Vater des „Trans Am“ und „GTO Judge“.
Betrachtet man das Design, erinnern sowohl die Front als auch die Heckpartie an die berühmten Alfa Romeo B.A.T.-Konzeptautos, oft auch als Trio präsentiert, aus der Feder von Bertone beziehungsweise Scaglione.
Die vollständig aus Aluminium gefertigte Karosserie wurde von den talentierten "Beatles von Troy" geformt, drei ehemaligen Rolls-Royce-Blechner aus dem Örtchen Troy, nahe Detroit. Nach der Premiere auf der Detroit Autorama 1966 fuhr Adams den Wagen zwölf Jahre lang selbst. Danach verschwand das Auto für Jahrzehnte von der Bildfläche, bis es 2009 in desolatem Zustand wiederentdeckt wurde. Es folgte eine über 4000 Stunden dauernde Restaurierung, die 2017 mit dem Klassensieg beim Pebble Beach Concours d'Elegance gekrönt wurde.
Pilotiert wird der VIVANT auf THE I.C.E. von Richard Gauntlett, der als neuer Inhaber aktuell die legendäre Buggy-Marke „Myers Manx“ mit großem Erfolg wiederbelebt. Zum VIVANT weiß Richard zu berichten, dass dieser Leichtbau mit mehr als 400 PS und sonst beheimatet in L.A., Kalifornien, bereits dort und sogar auf trockener Straße schwer zu bändigen ist. Auf schneebedecktem Eis wird das Fahren zu einer Art Sonderbegabung, welche nur dank exzellent funktionierender Winterbereifung gelingt. Eine bessere Werbung für einen Reifenhersteller hätte es nicht geben können; eine verpasste Chance für diesen.
Nachwuchsförderung und Frauenpower
Jüngere und jung gebliebene Fahrer, aber auch Kinder als Beifahrer sind in der Barchetta-Gruppe besonders stark verteten:
Bewegender Abschied der Patrouille Suisse
Vor den fahraktiven Nachmittags-Einheiten auf dem Eis schweift der Blick der an beiden Tagen je etwa 15‘000 Zuschauer gen stahlblauen Himmel für einen historischen Moment: Am Samstag verabschiedet sich die Patrouille Suisse mit einer emotional bewegenden Abschiedsvorstellung vom Engadin und der Schweiz: Sechs rot-weiße Jets vom Typ Tiger F-5E donnerten punkt 14 Uhr über den gefrorenen See und sorgten für Gänsehaut-Momente. Da die Flieger-Asse der Schweizer Luftwaffe vor dem politisch-wirtschaftlichen Aus stehen – mindestens temporär – war dies ihr letzter großer Auftritt und dieser noch dazu in passender, hochalpiner Kulisse.
Zurück zur automobilen Königsklasse – mit den üblichen Verdächtigen, aber auch einigen Überraschungen:
Icons on Wheels (Ikonen auf Rädern):
Besonders hervorzuheben ist hier der Talbot-Lago T150C SS ‘Teardrop' von 1937, der hochverdient die „Best of Show“ verdient.
Für viele eines der schönsten Autos aller Zeiten, vom Zeichenbrett Figoni & Falaschi. Das Design folgt der berühmten „Goutte d'Eau“-Wassertropfen-Form, die damals als Nonplusultra der Aerodynamik galt. Vollverkleidete Vorderräder, die fließende Hecklinie und in die Karosserie integrierte Scheinwerfer waren vor dem Krieg ultramodern. Es handelt sich um das kurze Chassis (2,65 m Radstand) und „SS“ stand zu dieser Zeit noch für Super Sport, da dieses Modell eigentlich für den Rennsport entwickelt wurde und besonders agil machen sollte; was er auch war: Der Reihen-Sechszylinder brachte es auf mehr als 140 PS und 180 km/h Höchstgeschwindigkeit – heute nur vergleichbar mit Super-Sportwagen und Tiefflugreisen jenseits der 400 km/h.
Wenn auch Sie sich fragen, wie „Ikone“ definiert wird, so findet man viele Interpretationen; passend erscheint hier das Vorhandensein dieser Merkmale:
- Sofortige Wiedererkennbarkeit (also z.B. ohne Markennamen lesen zu müssen).
- Eine tiefere Wahrheit oder Ära repräsentierend (z.B. „Die goldene Ära des Motorsports“)
- Zeitlose Ästhetik oder Schönheit
Sicher trifft all dies zu, auf jedes Exemplar der nachfolgenden Liste an herausragend exklusiven und schönen Fahrzeugen. Aber es liegt an Ihnen, als Leser, in jedem dieser Fahrzeuge eine tiefere Wahrheit zu entdecken. Wir freuen uns sehr auf Ihre Favoriten in den Kommentaren.
Sonder-Preisträger des vom Künstler Rolf Sachs signierten „Spirit of St. Moritz-Award“ ist schließlich der so rare wie aufregend formschöne Ferrari Dino 206 S.
Dieser passt ohnehin exzellent ins Engadin, wo Silvaplana auch in diesem Jahr im Juni erneut Austragungsort für das große Dino-Raduno sein wird. Wer einen fährt, findet HIER weitere Informationen zur Teilnahme.
Insgesamt war THE I.C.E. gemäß den Aussagen von erfahrenen Besuchern in diesem Jahr „das Beste“ im Vergleich zu den Vorjahren; vor allem bezogen auf die Atmosphäre vor Ort und der Grundstimmung, eben die „einer großen und entspannten Party“. Hierzu hat sicher auch das Schaulaufen überraschend vieler junger Menschen beigetragen. Darunter waren sogar einige zu sichten, welche sich auch für alte Autos interessierten. Daneben galt das weiterführende Interesse den neueren Hypercars, Mode- oder THE-I.C.E.-Accessoires (vor dem Souvenirzelt bildeten sich lange Schlangen), der Parade berühmter Mode-Label am Körper von möglicherweise partnersuchenden Vertreter/-innen des anderen Geschlechts oder einfach nur der Trüffel-Pizza mit Aperol-Spritz; ein Sonnenbrand gratis inkludiert.
Dank alldem dürfte THE I.C.E. mit geschätzt 30‘000 Besuchern an nur zwei Tagen in diesem Jahr erstmals mehr und vor allem jüngeres Publikum angezogen haben als ein Polo-Turnier oder das „White-Turf“-Galopprennen; allen Unkenrufen zur Beliebtheit von Oldtimern und automobilen Kunstwerken zum Trotz. Da mag etwa das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ seinen Lesern noch so oft die Lebensfreude nehmen oder Investitionsängste schüren wollen und erklären, der Oldtimer-Markt sei am Ende; „THE I.C.E.“ beweist das Gegenteil; wenn auch – zugegeben – auf allerhöchstem Sammler-Niveau.
Weitere Eindrücke haben wir für Sie in der Bildergalerie festgehalten.

















































































































































































































































































































































































































































































































































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