Vom 8. bis zum 12. April 2026 fand auf dem Messegelände an der Gruga erstmals die Retro Classics Essen statt, nachdem es an dieser Stelle 35 Ausgaben der Techno Classica gegeben hatte. Da liegt einen Vergleich mit früheren Jahren natürlich nahe. Doch sollte man fairerweise sagen, dass die Rekorde, die Vorgängerveranstaltungen bis etwa 2015 erzielt hatten, heute wohl nicht mehr erreicht werden können. Schauen wir also nicht zurück, sondern halten wir uns an einen Satz von Hermann Hesse, wonach jedem Anfang ein Zauber innewohnt…
Bei der Premiere der Essener Retro Classics erwartete die insgesamt 65'500 Besucher eine von über 600 Ausstellern bespielte Ausstellungsfläche mit 80'000 Quadratmetern. Diese verteilte sich auf acht Hallen nebst der zur "British Lane" umfunktionierten Galeria. Zu sehen waren über 2500 Fahrzeuge. Halle 3 galt als "Premiumhalle"; die Hallen 1 und 8 wurden als "Markenhallen" bezeichnet.
Die erste Retro Classics in Essen bildete das gesamte Geschehen der Oldtimerszene ab: Neben klassischen Fahrzeugen und Youngtimern konnte man Werkstattbedarf, Zubehör oder Ersatzteile ebenso finden wie Modellautos, Literatur und sonstige Automobilia. Die grossen Automobilhersteller selbst waren einmal mehr abwesend, doch neben Automobilverbänden waren die einschlägigen (Marken)clubs zahlreich vertreten. Privatanbieter fand man diesmal nicht auf den Freiflächen, sondern im Innenbereich. Man mag dies wegen des frühlingshaften Wetters bedauert haben, doch bei Regen wäre es sicher von Vorteil gewesen, ein Dach über dem Kopf zu haben.
Jubiläen und Sonderausstellungen
Im Aussenbereich gab es stattdessen einen Unimog-Parcours und Gastronomie. Üblicherweise werden Veranstaltungen wie diese zum Anlass genommen, um an Jubiläen zu erinnern. Und die gab es in Essen zuhauf, hier nur ein paar Beispiele: Mercedes-Benz SLK und Audi A3 (30 Jahre), Opel Omega A (40 Jahre) Mercedes-Benz W123 und Volkswagen Golf GTI (50 Jahre), Audi 72 und Opel Rekord C (60 Jahre) sowie 100 Jahre Pontiac usw.
Begeben wir uns nun auf einen Rundgang und starten in der Halle 3 mit der Sonderausstellung "100 Jahre Bugatti Royale". Ohne Zweifel ist der mächtige Bugatti Typ 41 schon durch seine riesigen Räder, den Radstand von 4,3 Metern und seine Länge von über sechs Metern beeindruckend. Der Royale sollte seinerzeit die Spitze des Automobilbaus verkörpern, scheiterte letztlich aber an der Weltwirtschaftskrise, weshalb nur ein paar Exemplare entstanden. In Essen waren gleich drei Royales zu sehen, allesamt Nachbauten.
Ausgestellt waren der offene Prototyp Packard (1926), der Royale mit vierter Karosserie von Weymann (1929) sowie der Esders-Roadster von 1932. Letzterer wurde für den Textilfabrikanten Armand Esders gefertigt und verfügte über abnehmbare Scheinwerfer, weil der Eigentümer meinte, diese würden das Erscheinungsbild stören und zu Nachtfahrten benutze er das Auto ohnehin nicht.
Leider war die Präsentation der Exponate in Essen nicht optimal. Die drei Autos wirkten auf der grossen Fläche etwas verloren. Auch hätte man sich eine effektvolle Ausleuchtung der Objekte gewünscht. Zur Vertiefung gab es zwar QR-Codes, diese ersetzen aber keine Erläuterungen. Ohne Kenntnis der Geschichte des Bugatti Royale dürfte sich mancher Besucher daher gefragt haben, welche Bewandtnis es mit dem ausgestellten Motor hatte, und eine ergänzende Fotografie sollte wohl selbsterklärend sein. Kurzum: Diese Präsentation enttäuschte. Da war noch Luft nach oben.
Gar nicht so weit entfernt von der obigen Sonderausstellung war der Stand der argentinischen Firma Pur Sang zu finden. Sie zeigte zwei ihrer vorzüglichen Nachbauten, nämlich einen Bugatti Typ 35 und einen Alfa Romeo 8C. Das wohl älteste Auto der Retro Classics kam übrigens ebenfalls aus Argentinien: ein Anasagati von 1912.
Gewohnt hochpreisig
Das Angebot von hochpreisigen und seltenen Automobilen war in Essen reichhaltig, dafür sorgte schon die Beteiligung namhafter Aussteller wie z. B. Gallery Aaldering, Metropole Classics, HK Engineering oder Axel Schuette Fine Cars. Sehen wir uns also ein wenig um. Gezeigt wurden interessante Vorkriegsfahrzeuge, etwa ein Lagonda 2 Litre von 1932 oder ein Maybach SW 38 von 1938, der 995'999 Euro kosten sollte. Sehr selten bekommt man auch einen Mercedes-Benz 290 Stromlinie zu Gesicht. Einen VW Schwimmwagen von 1943 hätte man für 195'000 Euro erwerben können.
Britische und italienische Sportwagen der 1950er- und 1960er-Jahre waren in Essen reichlich zu finden. Hier seien beispielhaft ein Lamborghini Islero 400 GT für 359'500 Euro sowie ein Ferrari 250 GT Boano für 1'295'000 Euro genannt; überwiegend waren diese Autos jedoch mit dem Schild "Preis auf Anfrage" versehen. Selten wird auch einmal ein Auto der spanischen Marke Pegaso angeboten. Hier wurde ein Z-102 mit Karosserie von Saoutchik zum Preis von 640'000 Euro offeriert.
Vermutlich wegen des Skandals um gefälschte Mercedes-Benz 300 SL waren diese Autos auf den letzten Messen kaum zu sehen. In Essen wurden nun wieder einige 300 SL – auch Roadster – angeboten. Die verlangten Preise waren natürlich auf einem hohen Niveau, schienen aber deutlich moderater zu sein als vor 2023.
Das Angebot an neueren und seltenen Sportwagen war vielfältig. So wurde etwa ein Isdera Spider für 324'500 Euro, ein Spyker C8 Laviolette für 496'500 Euro angeboten. BMW M1 waren von 489'000 bis 599'500 Euro im Angebot. Auch sogenannte "Supercars" fehlten nicht. So gab es einen Bugatti EB 110 GT für 1'659'000 Euro und einen Kremer 963 CK6 mit britischer Strassenzulassung für 1'190'000 Euro. Ein Ferrari Monza SP1 wurde für 2'880'000 Euro offeriert. Knapp eine Million sollte ein Aston Martin Vantage GTE von 2023 kosten.
Raritäten und Restomods
Doch auch jenseits dieser Hochpreiswelt gab es einige Trouvaillen, etwa einen Qvale Mangusta von 2000, der für 44'000 Euro im Angebot war. Nicht erwartet hatten wir auch einen Boldmen CR4 "First Thirty" für 148'750 Euro, ein Roadster auf der Basis des BMW Z4 M 40i, bei dessen Einwicklung Friedhelm Wiesmann involviert war. Da bot sich doch der Vergleich mit einem für 149'000 Euro offerierten Wiesmann MF3 an. Selten wird auch ein Opel Lotus Omega angeboten. Das in Essen präsentierte Exemplar war kurz nach der Eröffnung schon verkauft.
Auf der Retro Classics konnten wir auch Restomods entdecken. Ausser den auf dem grossen Stand von JB Car Design offerierten Ableitungen vom Porsche 911 entdeckten wir an anderer Stelle ein zumindest gewöhnungsbedürftiges Exemplar: Unter der Hülle eines Mercedes-Benz 180 "Ponton" verbarg sich die neuere Technik des W 202. Ob der dafür geforderte Preis von 89'000 Euro allerdings erzielt werden konnte, entzieht sich unserer Kenntnis.
Niedrige Preise, niedrige Laufleistungen
Auch in Essen wurden einige Fahrzeuge mit sehr geringer Laufleistung ausgestellt, wenn auch längst nicht so viele wie etwa auf der Interclassics Maastricht. Offeriert wurde hier beispielsweise ein VW Polo von 1977 mit einer Laufleistung von 24'000 km oder ein zwei Dekaden jüngerer Mercedes-Benz SLK 230 Kompressor, der für 19'900 Euro im Angebot war. Für rund ein Drittel dieses Preises wäre ein ähnlicher SLK, allerdings "nur" ein 200 mit deutlich höherem Kilometerstand zu haben gewesen. Dieses Auto war mit einem Preis von 6850 Euro aber vermutlich das günstigste Auto der Messe.
Bleiben wir noch etwas in dieser Preisklasse. Ein Mercedes-Benz 200 (W123) wurde mit 14'900 Euro offeriert, und ein 200 TE (W124) sollte 18'900 Euro kosten. Für 16'900 Euro hätte man sich zwischen einem VW Golf GTI von 1986 oder einem 1302 von 1970 entscheiden können. Mehr als das Doppelte sollte ein VW 1200 mit Faltdach von 1961 kosten, und für eine getunten Käfer mit Typ-4-Motor wurden 49'900 Euro aufgerufen…
Es war eine gute Idee, die Galeria in der Mitte des Messeareals zur "British Lane" umzufunktionieren. Hier wurde dem Besucher ein interessanter Querschnitt der Autos "von der Insel" dargeboten. Die Spanne reichte von der kleinen "Krawallbüchse" Hillman Imp über klassische Roadster, einen Morris Minor Traveller bis hin zum eher polarisierenden Morgan AeroMax.
Clubs
Auf der Retro Classics Essen hatten die (Marken)clubs erfreulich viel Platz zur Verfügung, sind sie doch das Herz der Oldtimerszene. Stellvertretend seien hier zwei Clubs herausgegriffen: Einen guten Einblick über die Fahrzeuge der Marke TVR bot die Ausstellung des TVR-Clubs Deutschland, beginnend mit dem Grantura von 1961 bis zum Sagaris aus dem Jahr 2004. Beachtlich war auch die Präsentation des BMW Club Mobile Classic, der daran erinnerte, dass der BMW 328 nun auch schon 90 Jahre alt wird.
Etwas ausserhalb des Schwerpunkts von zwischengas liegen bekanntlich Nutzfahrzeuge. Doch bei den Lastkraftwagen vom Schlage eines Krupp Titan und Reisebussen von Aeroplan oder Saurer in Halle 5 sei eine kleine Ausnahme gestattet. Diese Fahrzeuge erinnerten wohl nicht nur den Berichterstatter an längst vergangene Zeiten. Und so war ein Wiedersehen mit den Fahrzeugen der Essener Verkehrs AG, besonders mit dem Mercedes-Benz-Anderthalbdecker, so richtig nostalgisch…
Fazit
Zeit für eine Schlussbetrachtung. Die Retro Classics Essen hat einen gelungenen Start hingelegt. Die Veranstaltung bot eine attraktive Mischung von klassischen Fahrzeugen und Begleithandel, auch wenn nicht alle Hallen voll belegt waren. Das Verhältnis von Oldtimern und jüngeren Autos erschien uns ausgewogen. Anders als bei der Retro Classics Stuttgart – wo dies mitunter kritisiert wird – herrschte in Essen keine Dominanz von Fahrzeugen der Marken Porsche und Mercedes-Benz.
Freilich waren nicht alle Anbieter, die man früher in Essen antreffen konnte, präsent. Das war auch nicht zu erwarten. Es wird sich zeigen, ob eine grosse Ausstellungsfläche bzw. der Standort Essen weiterhin hinreichend Anziehungskraft besitzen. Die Zeiten jedoch, in denen man mit 120'000 Quadratmetern Ausstellungsareal und 1200 Ausstellern aufwarten konnte, dürften passé sein. Auch der Rückzug der grossen Automobilhersteller von Klassikerermessen und die Coronazeit haben ihre Spuren hinterlassen.
Die Retro Classics Essen ist eine grosse Oldtimermesse, deren Angebotsfülle nicht nur dem Tagesbesucher eine klare Prioritätensetzung abverlangt. Es bleibt also abzuwarten, welchen Platz diese neue Veranstaltung an alter Stelle künftig innerhalb der saisonstartenden Messen und darüber hinaus einnehmen wird.


































































































































































































































































































































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