Es war einmal - Komfort aus Köln (Buchbesprechung)

Erstellt am 7. Februar 2021
, Leselänge 7min
Text:
Holger Merten
Fotos:
Motorbuch Verlag (Repro Zwischengas) 
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Motorbuch Verlag 
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Das waren noch Zeiten. Wenn man eine grosse Limousine mit viel Komfort wollte, kam man um die grossen Modelle von Ford nicht herum. Granada und Co galten jahrzehntelang als bieder, grundsolide und – vor allem in den Sechszylinder-Versionen verglichen mit den Modellen aus München und Stuttgart – als preisgünstig.


Granada 1 - Buch "Die grossen Ford - Komfort vom Rhein (26M, Consul, Granada, Scorpio)
Copyright / Fotograf: Motorbuch Verlag (Repro Zwischengas)

Heute aus dem Strassenbild verschwunden, erinnern sich nur wenige an die grossen Modelle von Ford, mit denen die Manager am Rhein sich ein Stück vom Kuchen der Oberklasse abschneiden wollten. Im Motorbuch Verlag erinnert nun ein Buch an die Ära, in der Ford mal der grösste Sechszylindermotoren-Hersteller in Europa war.

Vom schnellen Aufstieg zum langsamen Fall

Über 220 Seiten umfasst das Werk von Autor Alexander F. Storz über die vier Generationen der grossen Ford Flaggschiffe, die zwischen 1972 und 1998 vom Band liefen. Am Anfang waren das die barocken Zwillinge Consul und Granada. Sie markierten mit vier verschiedenen Karosserievariationen den Höhepunkt der stattlichen Wagen aus Köln. Deutlich moderner folgte die 2. Generation des Granda, um dann von den extravaganten Scorpiomodellen abgelöst zu werden.


Granada 2 - Buch "Die grossen Ford - Komfort vom Rhein (26M, Consul, Granada, Scorpio)
Copyright / Fotograf: Motorbuch Verlag (Repro Zwischengas)

Während Consul und Granda einen ungeahnten Nimbus erreichten, setzte danach bereits der langsame Niedergang ein. Als die Wettbewerber ihre Modelle perfekt an die Kundenansprüche ausrichteten, gelang es den Ford-Oberen nicht, ihre Klientel langfristig vom Charme ihrer Oberklasse zu überzeugen. Was 1972 höchst erfolgreich begann und ein Jahrzehnt perfekt das Lebensgefühl der 70er Jahre ausdrückte, setzte mit dem Scorpio langsam aber sicher zur Landung an. 1998 war für Ford Schluss in der Oberklasse. Umso wichtiger zu schauen, was Storz uns zu erzählen weiss.

Klare Gliederung

Der Autor weist einleitend auf die P7a Modelle hin, die bereits 1967 als kleine amerikanische Strassenkreuzer als 17 m; 20 M und 26 M einen ersten Anspruch auf die obere Mittelklasse markierten. Besonders der 26 M mit seinem V6-Motor und in GXL-Ausstattung war ein  gutes Allroundauto, mit dem man durchaus Eindruck schinden konnte. Immerhin wurden damit auch Einsätze im Motorsport gefahren und es gab, ähnlich wie bei Opel, günstig den Einstieg in die kultivierte Welt der Sechszylinder.

Dem P7a folgte dann der grosse Wurf. Etwas barock, stattlich amerikanisch, eine völlige Neukonstruktion, die nur die Motoren vom Vorgänger übernahm. Ein Modell, dass ähnlich wie Capri, Transit und Taunus, zwei Eltern hatte und sowohl in Deutschland als auch in Grossbritannien serienreif entwickelt wurde.

1977 folgte dann der Granada 2. Zu schwülstig wirkte die erste Generation schon nach fünf Jahren und das Design musste sich dem Druck der Wettbewerber stellen.


Scorpio - Buch "Die grossen Ford - Komfort vom Rhein (26M, Consul, Granada, Scorpio)
Copyright / Fotograf: Motorbuch Verlag (Repro Zwischengas)

Ab 1985 plötzlich die völlige Abkehr von der gestalterischen Berechenbarkeit. Mit dem ersten Scorpio wollte Ford durch mutiges Design ein wenig über die technische Biederkeit hinweg täuschen. Oder war es eher selbstmörderisch, fragt der Autor eingangs des Scorpio-Artikels. Ein Schrägheck in der Oberklasse, dazu der Verzicht auf ein Turniermodell, wo doch beim Vorgänger der Kombianteil immerhin bei 25 % lag? Händler importierten aus Verzweiflung den amerikanischen Ford Taurus Wagon, um die Kunden bei der Stange zu halten. Erst 1990 gab es den Scorpio auch als klassische Stufenhecklimousine und endlich ein Jahr später auch als Turnier. Aber da wussten vor allem Mercedes und später auch BMW mit den T- und Touringmodellen bereits ganz andere Ansprüche bei den Kunden zu bedienen.


Schwanengesang Scorpio - Buch "Die grossen Ford - Komfort vom Rhein (26M, Consul, Granada, Scorpio)
Copyright / Fotograf: Motorbuch Verlag (Repro Zwischengas)

Der Abgesang folgte dann mit der Präsentation  des Scorpio der 2. Generation. „Einer wie keiner“, lautete der Slogan für den letzten grossen Ford aus Europa. Die neue Kreation aus Köln war ein übermutiges Facelift, dem es leider an Ecken und Ende und damit an einem echten Profil fehlte. Ein zehn Jahre altes Modell nur noch zu überdesignen, reichte in den 90ern Jahren nicht mehr für Marktakzeptanz aus. Den Journalisten gefiel der Wagen von Anfang an nicht, und potentielle Kunden fanden sich wohl nur noch in der immer kleiner werdenden Ford-Anhängerschaft. Da konnten auch attraktive Preise nichts dran ändern. Gegenüber Mercedes, BMW und nun auch neu Audi hatte Ford nichts mehr entgegen zu setzen.

Ein Kapitel Ford

Der Autor erzählt die Geschichte der grossen Ford-Modelle leicht und unbeschwert. Fachartikelzitate und die Kombination aus Pressebildern und Fotos aus Privatalben lassen den Zeitgeist auferstehen, in denen die Ford Modelle auf dem Markt um Kunden warben. Leicht verständlich wird der Anspruch und die Umsetzung jeder einzelnen Modellreihe erläutert.

Ohne hintergründige Archiveinsicht bei Ford entstand eher eine lockere Erzählform, mit teilweise feinen Analysen zu Zeitgeschmack, Marktlage, Käuferverhalten  und vor allem interessanten Spekulationen zu den Vertriebsabsichten von Ford.

Als Leser darf man mit dem Autor den Kopf schütteln, wenn sich die Frage stellt, warum plötzlich so ein radikaler Wechsel im Design zum Scorpio ansteht, dabei aber eine höchst erfolgreiche Karosserieversion wie der Turnier einfach aus dem Programm genommen wird. Während Mercedes mit dem ersten T-Modell erfolgreich ist, Audi einen neuen Avant lanciert und selbst BMW mit dem 5er-Touring das Lifestyle-Kombithema bespielt.
Staunend nicken kann man dann wiederum, wenn Storz bei all den Modellen auch die Derivate, Sondermodelle und Spezialversionen vorstellt. Vom V8-Granada aus Südafrika konnten deutsche Kunden nur träumen, der Granda S turbo von der Stuttgarter Schwabengarage hatte 1976 genug Dampf und Understatement, um unter DM 20’000,– die Sechszylinder-Laufkultur mit mehr Power zu kombinieren.


Granada 2 Chasseur - Buch "Die grossen Ford - Komfort vom Rhein (26M, Consul, Granada, Scorpio)
Copyright / Fotograf: Motorbuch Verlag (Repro Zwischengas)

Auch der Blick auf Ford UK bleibt nicht unverstellt. Storz zeigt die Unterschiede in Technik, Ausstattung, Anspruch und Verkauf auf. Der Granada Ghia X Executive Turnier aus dem Jahr 1980 wurde beispielsweise exklusiv für den britischen Markt gebaut. In Köln. Sowas muss man wissen, um es auch zu vermitteln. Der Granada wurde nicht nur in Deutschland und Grossbritannien gebaut. Auch in Portugal oder Korea lief der Granada vom Band, lernen wir. Und wir werden zu Sondermodellen, deren Ausstattung und Wert informiert.

Endlich ein Buch zu Granada & Co.

Die grossen Ford-Modelle haben in der Klassikerszene nie das Nischendasein verlassen. Was gross war und aus Köln kam, rostete entweder weg oder wurde seinerzeit als billiger Gebrauchtwagen nur zu gern von den in Deutschland lebenden Türken mit jedem Sommerurlaub an den Bosporus gebracht und dort an die Familie übergeben. Dort regt sich wahrscheinlich eine grössere Szene als bei uns. So gerieten Granada und Scorpio schnell in Vergessenheit.


Vorläufer 17M, 20M, 26M - Buch "Die grossen Ford - Komfort vom Rhein (26M, Consul, Granada, Scorpio)
Copyright / Fotograf: Motorbuch Verlag (Repro Zwischengas)

Umso erfreulicher deshalb, wenn diese Ära von Ford nun in einem Buch wieder aufleben darf. Leicht und unbeschwert erzählt Storz den Vorstoss von Ford in höhere Sphären. In diesem Buch geht es nicht um Technik, dafür sei aus Sicht des Autors die Schrauberliteratur gefragt. Vielmehr ist es ein historisch und soziologischer Rückblick in eine Zeit als Ford mit viel Ambition ein Oberklasseauto auf den Markt bringen wollte. Und dafür immerhin vier Karosserievarianten zu den Händler rollen liess. Superlative waren damit verbunden. Der Granada Turnier war zunächst mal der Kombi mit dem grössten Laderaum in Deutschland, die langlebigen 6-Zylindermotoren zeitweise die meistgefertigten in Europa. Ford hatte 15 % Marktanteil.


Granada als Leichenwagen - Buch "Die grossen Ford - Komfort vom Rhein (26M, Consul, Granada, Scorpio)
Copyright / Fotograf: Motorbuch Verlag (Repro Zwischengas)

Peu à peu beschreibt Storz das Aufbäumen von Ford gegen den Niedergang. Aber weder Facelift noch Sondermodelle konnten helfen an die ersten Erfolge anzuknüpfen. Ford fuhr in den späten Siebzigerjahren mehrfach Verluste ein. Das wirkte sich auch auf die Investitionsbereitschaft der Manager aus Detroit aus. Nur mit Kompromissen konnten die Nachfolgemodelle entstehen. Im Grunde genommen auf der immer gleichen Bodengruppe und lange Jahre nur mit mässig neuen Motoren. Zu wenig, um auf Dauer Geld zu verdienen. Den 1,6 Millionen zwischen 1972 und 1985 gefertigten Granadas, standen ab 1985 bis 1998 nur noch 800’000 verkaufte Einheiten des Scorpio gegenüber. Der Scorpio 2 knackte in vier Jahren nicht mal mehr die 100’000er-Marke.

Storz hat dieser Zeit ein wichtiges und gut verfasstes Buch gewidmet. Interessant geschrieben, umfassend bebildert.

1998 traten die grossen Ford Modelle ab. Beim Mondeo war jetzt Schluss. Ford hatte sich Jaguar einverleibt und damit ganz neue Ambitionen in der Oberklasse. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.   


Einband - Buch "Die grossen Ford - Komfort vom Rhein (26M, Consul, Granada, Scorpio)
Copyright / Fotograf: Motorbuch Verlag (Repro Zwischengas)

Bibliografische Angaben

  • Titel: Die grossen Ford - Komfort vom Rhein
  • Autor: Alexander F. Storz
  • Sprache: Deutsch
  • Verlag: Motorbuch Verlag
  • Auflage: 1. Auflage Januar 2021
  • Format:  265 x 230 mm, gebunden 
  • Umfang: 224 Seiten, 300 Abbildungen
  • ISBN: 978-3-613-04369-5
  • Preis: EUR 29,90
  • Bestellen/kaufen: Online bei amazon.de , beim Motorbuch-Verlag oder in der gut assortierten Buchhandlung

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