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Markus Höttinger und Hans-Georg Bürger - zwei Freunde, ein Schicksal

Erstellt im Jahr 2009
, Leselänge 17min
Text:
Rainer Braun
Fotos:
Daniel Reinhard 
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Hallo Fahrerlager / Archiv Rainer Braun 
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Dieser Bericht stammt aus dem 3. Band der beliebten Buchreihe “Hallo Fahrerlager“ von Rainer Braun aus dem Jahr 2009.

Hockenheim, Oktober 1976. Erstmals wird auf dem kleinen Kurs ein „Supercup der Deutschen Meister“ ausgetragen. Alfa Romeo hat 15 identische Alfasud 1300 TI in aktueller Cup-Version bereitgestellt, die den Teilnehmern für beide Läufe jeweils zugelost werden. Eine einmalige Angelegenheit übrigens, für deren Fortsetzung sich danach leider weder Ausrichter noch Hersteller finden lässt.

Manfred Winkelhock und ich raufen um den Sieg, als sich immer wieder ein weißes Auto in unsere ohnehin schon heiklen Kampfhandlungen einmischt. Fast provozierend schaut der unbekannte Fighter zu uns rüber, als wolle er sagen, „Hey Jungs, hier bin ich, jetzt nehmt mich endlich ernst.“ Nachdem wir die teilweise rotzfrechen Attacken mit Mühe abgewehrt und uns die beiden ersten Plätze im Schlussspurt gesichert haben, marschieren wir im Parc Fermé gleich rüber zu dem weißen Alfa, um uns den bis dahin unbekannten Gegner aus der Nähe zu besehen.

„Und wer bischt jetzt du?“, fragt Manfred ebenso lauernd wie unfreundlich. „Ich bin der Hans-Georg Bürger“, stellt er sich artig vor, „komme aus Welschbillig in der Eifel und habe dieses Jahr die Slalom-Meisterschaft gewonnen.“ „So, so“, brummt der künftige BMW-Junior Winkelhock, dreht sich rum und geht grußlos.

Alles für den Rennsport

Mir hat der Bursche irgendwie imponiert, sein entschlossener Fahrstil, der selbstsichere Auftritt im keineswegs leichten „Kurzgespräch“ mit Manfred. Mein journalistisches Gespür sagt mir: Das ist einer, der weiß was er will, obendrein sympathisch, freundlich und offenbar gut erzogen. Die weitere Recherche zur Person ergibt, dass der junge Mann 24 Jahre alt und gelernter Landmaschinenbauer ist, jetzt als Heizungstechniker arbeitet, zwei Brüder und drei Schwestern hat.

Verheiratet ist er mit Anni, einer kleinen, zierlichen, fast zerbrechlichen Person. Die finanzielle Situation gilt als angespannt. Alles, was geht, wird bei Bürgers in den Rennsport investiert. Dafür werden erhebliche Einschränkungen in Kauf genommen. Hauptsache, der „Schorsch“ kann Rennen fahren.

Freundschaft für’s Leben

Im darauf folgenden Jahr startet der chronisch unterfinanzierte Hans-Georg Bürger mit Unterstützung des Bitburger Autohauses Jegen im Renault-5-Cup. Hier freundet er sich schnell mit dem 21-jährigen Österreicher Markus Höttinger aus Eisenstadt im Burgenland an. Dessen Mentor Dr. Helmut Marko hat ein Lehrjahr im Fegefeuer der damals brutal harten Marken-Rennserie verordnet.

Teurer Anfang - ein vierfacher Überschlag zu Saisonbeginn 1977 bringt Renault-5-Cup-Chauffeur Bürger in grössere Finanznötie
Copyright / Fotograf: Hallo Fahrerlager / Archiv Rainer Braun

Die beiden jungen Wilden haben sich wahrlich gesucht und gefunden und mischen den Renault-5-Laden sogleich gewaltig auf. Das Duo ist sauschnell und optimiert die unerlässliche, offiziell aber verbotene „Schiebetechnik“ bis zur absoluten Perfektion. Obendrein haben die zwei auch noch jede Menge Spaß.

Zwar lehrt das Kumpel-Duo Bürger/Höttinger den Rest des Feldes das Fürchten, leistet sich aber auch so manches dicke Ding. Diverse Zwischenfälle hinterlassen ihre Spuren – sowohl in der Punktetabelle als auch in den Portemonnaies der Jungtalente.

So poltert Bürger in Hockenheim kopfüber ins Motodrom und entsteigt dem völlig zertrümmerten Fünfer nach mehreren Salti gottlob unverletzt. Kollege Höttinger will da nicht nachstehen und verstümmelt seinen R5 auf der Nürburgring-Nordschleife im Highspeed-Abschnitt „Döttinger Höhe“. Spontan wird der betreffende Streckenbereich spaßeshalber in „Höttinger Höhe“ umgetauft.

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Höttinger und das organisierte Chaos

Immerhin gewinnt Bürger die drei letzten R5-Läufe am Stück, punktet zusätzlich auch in den EM-Rennen kräftig und kämpft am Ende sogar noch mit dem Italiener Mauro Baldi um den Europa-Titel. Aber es reicht nicht ganz, beim Finalrennen in Ricard entscheidet Baldi das Titel-Duell knapp für sich. Höttinger beendet das Renault-5-Abenteuer auf Schlussrang sieben.

Trotz aller kleinen und großen Missgeschicke der Freunde Bürger und Höttinger vollzieht sich deren Aufstieg ebenso schnell wie unaufhaltsam. Hans-Georg bekommt von der Kölner „Auto Zeitung“ ein Formel-3-Jahr im Topteam von Bertram Schäfer spendiert.

Überraschungs-Coup - Markus Höttinger überrumpelt im Saugmotor-BMW 320 die Topstars am Nürburgring im Jahr 1978 und erzielt den ersten DRM-Sieg
Copyright / Fotograf: Hallo Fahrerlager / Archiv Rainer Braun

Markus steigt sogar direkt in die Rennsport-Meisterschaft (DRM) auf, nachdem Manager Marko für seinen Schützling einen Platz im BMW 320 des Freiburger GS-Teams eingefädelt hat.

Formel-3-Küken Bürger lernt schnell und steht schon in seinem zweiten F3-Jahr neben Kalibern wie Prost oder Boutsen auf dem Podium.

Sieger-Interview - nachdem sich alle in die Kiste gefahren waren, ging der Rest ganz einfach - Rainer Braun und Markus Höttinger
Copyright / Fotograf: Hallo Fahrerlager / Archiv Rainer Braun

BMW-Novize Höttinger wird sogar zum Shooting-Star, bügelt auf der Nordschleife die Herren Cheever, Heyer und Ertl nieder und gewinnt damit schon beim dritten Start sein erstes DRM-Rennen. Zwei weitere Saisonsiege folgen.

Die Freunde in der DRM

Höttinger, Werner Heinz aus Trier (der auf freundschaftlicher Basis hilft, wo er kann) und ich bohren so lange bei BMW-Mann Dieter Stappert und GS-Chef Gerhard Schneider, bis auch Bürger im BMW 320 in der DRM starten kann. Geld des Chemie-Riesen BASF sichert den Etat ab. „Ein Traum“, schwärmt Markus, „der Schorsch und ich zusammen in der DRM und auch noch im selben Team.“

Vor allem rund um Höttinger gibt es gerade aus der DRM-Zeit herrliche Geschichten. Markus ist grundsätzlich ziemlich desorganisiert, er vergisst Leihwagen oder Hotel zu buchen und hat überhaupt ständig das große Chaos um sich herum. Oft genug hole ich ihn auf Zuruf vom Flughafen in Köln ab und kutschiere ihn zum Ring.

Als wir im Juli 1978 gemeinsam zum DRM-Lauf nach Kassel-Calden fahren und ich beiläufig frage, vor welchem Hotel ich ihn absetzen soll, antwortet er fast erheitert: „Wieso, i hob denkt, du kümmerst dich.“ Also teilen wir uns mein Hotelzimmer, was für mich beim ersten Mal eine ganz neue Erkenntnis bringt: Soviel Unordnung auf kleinstem Raum habe ich noch nirgends zuvor gesehen. Besonders abenteuerlich sind seine Essgewohnheiten, die Standard-Bestellung im Restaurant lautet meist: „Eis mit heißen Kirschen, Kuchen, Salat ohne alles, Suppe – zu servieren in dieser Reihenfolge. Und dazu ein Glas Milch.“

Schon auf der Anreise nach Kassel erspäht Markus auf dem Armaturenbrett meines heiß gemachten Ford Granadas einen Radarwarner. Das Teil, damals noch eher selten, unausgereift und groß dimensioniert, habe ich als US-Import aus einer windigen Quelle für stolze 500 Mark bezogen. Es piept ständig, egal ob eine Radarkontrolle in der Nähe steht oder nicht. Jedenfalls ist mein Fahrgast fasziniert von dem Ding und will unbedingt auch so was. Natürlich sofort, er drängelt und quengelt solange, bis ich ihm das Gerät für den gleichen Preis überlasse, den ich bezahlt habe. Die fünf Hunderter verspricht er 14 Tage später zum nächsten Rennen in Hockenheim mitzubringen. Dort erscheint er mit eigenem Auto, zeigt jedem stolz den auffällig platzierten Radarwarner und bezahlt artig seine Schulden bei mir.

Kaum hat er das Fahrerlager am Trainingstag verlassen, ist er das Ding auch schon wieder los – bei einer Verkehrskontrolle konfisziert die Hockenheimer Polizei das verbotene Gerät. Als Erinnerung bleibt ihm die amtliche Quittung über die Beschlagnahme …

Bürgers BMW M1-Gala

Im Gleichschritt machen die beiden Jungstars Höttinger und Bürger weiter Karriere. Sie starten in denselben Kategorien und Meisterschaften, stehen auch schon mal gemeinsam auf dem Siegerpodium. Markus hat seinen BMW-Werksvertrag schon seit 1979, testet ab Saisonmitte bei den DRM-Rennen in geheimer Mission bereits den künftigen Formel-1-Turbo-Motor im rechtsgesteuerten Jägermeister-BMW 320.

Im BMW 320 Turbo testete man 1979 den späteren F1-Motor, der Wagen von Markus Höttinger wurde von hochrangigen BMW-Technikern betreut
Copyright / Fotograf: Hallo Fahrerlager / Archiv Rainer Braun

Kumpel Hans-Georg ist ab 1980 ebenfalls BMW-Werkspilot. Ausschlaggebend für Bürgers Werksfahrerstatus ist dessen sensationeller Auftritt bei der BMW M1-Procar-Serie anlässlich des GP von Deutschland 1979 in Hockenheim. Die Art und Weise, wie er hier bei seinem Procar-M1-Debüt den Grand-Prix-Stars die Pole-Position entreißt und anschließend im Rennen mit Lauda, Stuck und Pironi im Nahkampf umspringt, hat selbst die letzten Zweifler überzeugt.

Favoriten-Schreck - da staunte die F1-Elite, als ihnen Hans-Georg Bürger beim ersten Procar-Start um die Ohren fuhr
Copyright / Fotograf: Hallo Fahrerlager / Archiv Rainer Braun

Seitdem sind die BMW-Sportgeneräle Jochen Neerpasch und Dieter Stappert Bürgers größte Förderer. Stappert glaubt in dem jungen Mann aus der Eifel sogar „gewisse Wesenszüge von Jo Siffert“ wiederzuerkennen.

Nach der tollen Hockenheim-Vorstellung darf Bürger zwei Wochen später in Zeltweg erneut ins M1-Cockpit. Bei diesem Rennen gibt es einen Kampf auf Biegen und Brechen mit BMW-Werkspilot Manfred Winkelhock um Platz fünf. Bürger verliert das Duell am Ende knapp. Die schwelende Rivalität zwischen beiden bricht hier mal wieder voll durch. Schon zuvor hatte BMW-Sportstratege Stappert längst erkannt, „dass unser Freund Winkelhock auf das Duo Höttinger/Bürger nicht so gut zu sprechen ist“, seit die ihm ein paar Mal rotzfrech in die Parade gefahren sind oder auch nur die Show gestohlen haben. Nach dem denkwürdigen ersten Zusammentreffen 1976 in Hockenheim haben sich die Wege des impulsiven Schwaben und des stillen jungen Mannes aus der Eifel in der DRM und der Procar-Serie immer öfter gekreuzt. „Der Manfred“, beklagt sich Hans-Georg denn auch im vertrauten Kreis, „ist immer unfreundlich und grüßt noch nicht mal. Dabei hab’ ich ihm nie was getan.“

Während des Zeltweg-Wochenendes erhält Bürger übrigens von seiner Frau Anni die erfreuliche Nachricht, dass Sohn Thomas gesund und munter das Licht der Welt erblickt hat. „Das ist schließlich wichtiger als jedes Rennergebnis“, freut sich der frischgebackene Papa und drängt mich direkt nach dem Procar-Rennen noch am Samstagabend zur gemeinsamen Rückreise in meinem Granada.

Die Tragödie von Hockenheim

Mit Saisonbeginn 1980 erfüllt sich für Hans-Georg der Traum von der Formel 2. Jetzt ist er endlich auch da, wo Freund Markus schon ein Jahr früher angekommen ist. Während Ösi Höttinger schon auf erste Formel-2-Erfahrungen im Cockpit eines Jägermeister-March-BMW zurückblickt und immerhin drei siebte Plätze als beste Resultate mitbringt, ist die Formel 2 für Hans-Georg absolutes Neuland. BMW hat mit großzügiger Motoren-Mitgift für seine beiden hoffnungsvollen Talente je ein Cockpit im Mampe-Maurer-Team (Höttinger) und im neuen Tiga-Rennstall von Tim Schenken reserviert.

Als vollwertige BMW-Werkspiloten starten beide allerdings mit unterschiedlichen Prioritäten. Bei Markus hat die F2-Europameisterschaft Vorrang, die formelfreien Wochenenden sind für Starts in der BMW-M1-Procar-Serie reserviert.

Bei Hans-Georg ist es genau umgekehrt, hier hat die Procar-Serie Vorrang und Starts in der Formel 2 kommen nur zu M1-freien Terminen in Betracht. Vor allem Höttinger verspürt plötzlich Erfolgsdruck, weil er in Österreich bereits nach Laudas Rücktritt als dessen Nachfolger gehandelt wird.

Der Aufgalopp am Osterwochenende in Thruxton beginnt für Markus mit einem deftigen Motorschaden, für seinen Kumpel Hans-Georg mit einem ordentlichen achten Platz. Schon eine Woche später ist Hockenheim dran, das „Jim Clark-Gedächtnisrennen“ am 12./13. April.

Doch dieses zweite Formel-2-EM-Rennen der noch jungen Saison 1980 ist bereits das letzte für Markus Höttinger. Knapp sechs Wochen vor seinem 24. Geburtstag endet eine Traumkarriere eingangs der ersten langen Waldgeraden mit einem der tragischsten und skandalträchtigsten Unfälle der Formel-2-Geschichte.

Letzte Runde - Ferdi Kräling fotografierte den schnellen F2-Fahrer kurz bevor dieser von einem wegfliegenden Rad getroffen wurde
Copyright / Fotograf: Hallo Fahrerlager / Archiv Rainer Braun

In Runde vier trifft den jungen Hoffnungsträger im Maurer-MM80-BMW das abgerissene Hinterrad samt Aufhängung des vorausfahrenden Toleman-Piloten Derek Warwick mit voller Wucht am Kopf. Der Aufprall ist mörderisch. Markus hat nicht den Hauch einer Überlebenschance. Die Ärzte finden ihn mit geborstenem Helm reglos im Cockpit vor. Schwere Kopfverletzungen und ein Genickbruch haben vermutlich zum sofortigen Tod geführt, alle Wiederbelebungsversuche bleiben erfolglos.

Die ohnehin schon hochdramatische Situation wird durch einen ungeheuerlichen Skandal noch verschärft: Während auf dem ungesicherten Seitenstreifen verzweifelt um das Leben des Verunglückten gekämpft wird, donnert das ganze Feld noch 23 Mal mit Vollgas an dem Schreckens-Szenario vorbei. Das medizinische Personal befindet sich in höchster Lebensgefahr, zwei Kontrahenten verfehlen nach einer Berührung und anschließender Rutschpartie die Unfallstelle nur haarscharf. Sogar die schnellste Rennrunde wird in dieser kritischen Phase gefahren.

Schreckliches Ende - die Notärzte bemühen sich vergeblich, Markus Höttinger ist bereits tot, als der Hubschrauber ankommt
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Der längst überfällige Abbruch mit der roten Flagge kommt erst 45 Minuten später, in der 27. von 30 geplanten Runden. Und auch nur deshalb, weil der angeforderte Rettungshubschrauber auf der Strecke landen muss. Erst jetzt erfahren auch Teams und Fahrer vom ganzen Ausmaß des Unfalls. „Unglaublich“, empört sich Abbruchsieger Teo Fabi, „dass uns die Rennleitung so lange an dem toten Kollegen hat vorbeifahren lassen.“

Diesem Tenor schließt sich auch die Tages- und Fachpresse übereinstimmend an.

Schreck am Nürburgring

Nach Höttingers Tod sagt Dieter Stappert erschüttert: „Er war dazu bestimmt, Österreichs neue Nummer eins zu werden. Alle Weichen waren gestellt, bei seinem Heim-GP in Zeltweg hätte er schon erstmals im Formel-1-Auto sitzen sollen. Nach den tödlichen Unfällen von Jochen Rindt und Helmut Koinigg sowie Nikis Rücktritt im letzten Jahr ist das ein neuer, schwerer Schlag für unser Land. Da kommt jetzt lange nichts mehr nach. Ich habe keine Zweifel, aus Markus wäre ein ganz Großer geworden.“

Seinem Racing-Freund Bürger bleibt das Drama wenigstens während des Rennens erspart, weil er schon in Runde eins vom Italiener Oscar Pedersoli brutal abgeschossen wird. Er steht auf der anderen Seite der Strecke neben seinem Auto und ahnt nichts von dem, was sich ausgangs der Kurve nach Start und Ziel abspielt.

Als Stappert und ich ihm die grausame Wahrheit schonend beibringen, weint er hemmungslos um seinen toten Freund und ist zu keiner klaren Aussage fähig. Journalisten bestürmen ihn, jeder will was über den Verunglückten von ihm wissen. Konfus und orientierungslos läuft er durchs Fahrerlager, bis wir ihn aus dem Verkehr ziehen und kurzerhand im Motorhome von GS-Sport einschließen.

Erster Start - nur eine Runde weit kam Bürger beim ersten F2-Start in Hockenheim, so blieb ihm auch die Tragödie um Freund Höttinger erspart
Copyright / Fotograf: Hallo Fahrerlager / Archiv Rainer Braun

Dort fragt BMW-Mann Stappert seinen Schützling auch, ob er in zwei Wochen beim nächsten Rennen am Nürburgring pausieren möchte. Antwort: „Nein, ich will starten, um zu vergessen, sonst dreh’ ich durch.“ Bürger tritt tatsächlich auf der Nordschleife an – und hat hier gleich das nächste Schockerlebnis. In der fünften von neun Runden sieht er vor sich Manfred Winkelhock am Flugplatz-Sprunghügel „aufsteigen wie einen Düsen-Jet“ und quält sich danach nur noch mit der Frage, „was dem Manfred wohl passiert sein mag.“

Glücklicherweise geht die Luftreise samt fünffachem Überschlag für den Mann im gelben March-BMW wie durch ein Wunder gut aus. Minuten später wird auch Bürger, im Tiga-BMW sensationell an zweiter Position liegend, von der Strecke als Ausfall gemeldet. Die Technik streikt, Getriebeschaden. „Um ehrlich zu sein, ich war froh, dass ich nicht mehr weiterfahren musste“, gesteht er hinterher, „nach der Ungewissheit mit Manfred war ich gedanklich sowieso nicht mehr bei der Sache.“

Und mit einigem Abstand, spät am Abend, gibt er mir gegenüber erstmals zu: „Ja, ich hatte plötzlich Angst. Wenn dem Manfred auch noch was Schlimmes passiert wäre, hätte ich sofort Schluss gemacht mit der Rennerei.“ Nach diesem Sonntag in der Eifel bessert sich auch das angespannte Verhältnis zwischen den beiden deutlich.

Talentförderung - Gerhard Schneider unterstützte Hans-Georg Bürger - wie ein eigener Sohn
Copyright / Fotograf: Hallo Fahrerlager / Archiv Rainer Braun

Mit teilweise sensationellen Rennen im rot-weißen BASF-BMW-M1 wird Bürger schnell zu einem der großen Stars in der Procar-Serie. Von seinem Teamchef Gerhard Schneider, der sich nebenbei auch noch als Mäzen und Vorstandsmitglied im Fußballverein FC Freiburg engagiert, hat sich Hans-Georg vertraglich zusichern lassen, dass ihm für die M1-Rennen Top-Mechaniker Ignazio di Notto zugeteilt wird. Die beiden kennen sich schon aus der DRM und verstehen sich blind.

In der Formel-2-EM läuft es dagegen nicht so gut, viele technische Probleme, viele Ausfälle, kaum Zielankünfte. Vom Schock um den Tod seines Freundes Höttinger hat er sich inzwischen einigermaßen erholt und ist wieder Racer mit Leib und Seele. Am 19./20. Juli steht das Formel-2-Wochenende in Zandvoort auf dem Programm. Der Renn-Sonntag ist kühl, windig und ungemütlich. Schon während des Warm Up am Vormittag fängt es leicht an zu regnen. Plötzlich rote Flagge, Abbruch, die Autos rollen langsam in die Boxengasse, einer nach dem anderen, nur Bürger fehlt. „Es ist nichts Besonderes passiert, ein kleiner Unfall, der Fahrer Nummer 10 ist nur ein bisschen benommen“ – so die Rennleitung auf Nachfrage.

Das Drama wiederholt sich

Erst nach und nach sickert die grausame Wahrheit durch. Bürger ist im hinteren, schnellen Streckenteil von der Piste in den Fangzaun gerutscht. Ein Holzpfosten hat beim Aufprall seinen Kopf getroffen, der rot-weiß lackierte Simpson-Helm bricht auseinander. Der bewusstlose Pilot wird in die erbärmliche Sanitäts-Bretterbude neben dem Fahrerlager-Eingang gebracht.

Weil das medizinische Personal mit dem nicht ansprechbaren Patienten überfordert ist, wird er im Krankenwagen zur weiteren Behandlung ins Spital nach Haarlem transportiert. Einen Helikopter gibt es nicht. In Haarlem erkennt man sofort den Ernst der Lage und veranlasst die schnelle Verlegung in eine Spezialklinik nach Amsterdam. Die Diagnose der Ärzte dort ist niederschmetternd: Schädelbasisbruch, Hirnblutung, eine Operation nicht möglich. Es werden keine Gehirnströme mehr gemessen, nur die Herz-Lungen-Maschine hält den klinisch toten Rennfahrer noch einen weiteren Tag am Leben.

Am 21. Juli kommt die Todesnachricht aus der Amsterdamer Klinik. Als ich BMW-Sportchef Dieter Stappert abends zu Hause anrufe und ihn damit konfrontiere, bleibt es am anderen Ende der Leitung still. Wir denken beide das gleiche, manchmal braucht es keine Worte.

Hans-Georg, wie sein Kumpel Höttinger ein Riesentalent mit besten Perspektiven, wird nur 28 Jahre alt. Zur Beerdigung am 29. Juli kommen so viele Trauergäste nach Welschbillig, dass das kleine Eifeldörfchen zwischen Bitburg und Trier fast aus den Nähten platzt.

Auch Manfred Winkelhock ist da. „Ich glaube, manchmal habe ich ihm unrecht getan“, flüstert er mir tief schockiert beim Gang von der Kirche zum Friedhof zu, „aber erst nach meinem Unfall am Ring habe ich so richtig bemerkt, dass er ein feiner Kerl ist. Dass er sich da um mich so gesorgt hat, hätte ich nie von ihm erwartet.“

Wenn Helme zerbersten

Was für grauenvolle Parallelen: Zwei Freunde sterben innerhalb von drei Monaten im Formel-2-Rennwagen. Beide haben schwerste Kopf-Verletzungen. Und bei beiden zerbricht der Helm. Da hilft es auch nichts, dass plötzlich eine Diskussion um die Sicherheit der aktuellen Helm-Generation in Gang kommt.

Bruch - Hans-Georg Bürgers Helm zerbrach am Holzpfosten in zwei Teile
Copyright / Fotograf: Hallo Fahrerlager / Archiv Rainer Braun

„Wie kann ein Schutzhelm einfach auseinander fallen“, fragt sich nicht nur ein fassungsloser GS-Chef Gerhard Schneider. Die Herstellerfirma hat einiges zu erklären. Heute sind die aktuellen Schutzhelme zwar um ein Vielfaches stabiler, aber wenn der Kopf des Rennfahrers von einem 30 Kilo-Rad getroffen wird, hilft auch der beste und teuerste Helm nichts mehr.

So gibt es 39 Jahre nach dem Höttinger-Drama die Wiederholung des fast identischen Unfalls: Der 18-jährige Henry Surtees, talentierter Sohn von Formel-1-Weltmeister John Surtees, verliert im Juli 2009 in Brands Hatch sein Leben. Im offenen Cockpit ist und bleibt der Kopf der große Risikofaktor.

BMW verliert innerhalb kürzester Zeit zwei ihrer größten Hoffnungsträger. „Markus und Hans-Georg“, so erzählt mir Stappert in einer stillen Stunde, „hatten verdammt gute Karten, in unserem künftigen, mühsam geretteten Formel-1-Projekt eine Rolle zu spielen. Bis es soweit gewesen wäre, hätten wir die beiden bei unserem Formel-2-Partner March zum Lernen geparkt.“

Gute Tag - Josef Kaufmann überreicht Bürgers Ehefrau einen Scheck aus einer umfangreichen Spendenaktion
Copyright / Fotograf: Hallo Fahrerlager / Archiv Rainer Braun

Um Hans-Georgs Witwe und dem knapp einjährigen Sohn über die schwerste Zeit zu helfen, richten Freunde ein Spendenkonto ein. Firmen, Fahrerkollegen und Fans überweisen Geldbeträge zwischen zehn und 5000 Mark. Innerhalb von zwei Jahren kommen rund 40’000 Mark zusammen. Josef Kaufmann aus Bitburg überreicht den Scheck im Juli 1982 anlässlich eines Formel-3-Rennens am Nürburgring an Anni und Sohn Thomas (3).

Unvergessen

Der Name Bürger ist auch fast 30 Jahre nach dessen Tod noch im Rennsport präsent. Seine Brüder Klaus (51) und Friedhelm (45) haben zunächst lange Zeit in Bertram Schäfers Formel-3-Team als Rennmechaniker geschraubt – da wo Hans-Georg einst seine viel versprechende Monoposto-Karriere begonnen hat. Nach weiteren F3-Stationen bei Malte Bongers, nochmals bei Schäfer Racing und Kolles-Midland landet der Ältere bei „TME Futurecom“ in der DTM. Später kümmert sich Klaus Bürger im neuen F3-Euroserie-Team „Kolles & Heinz Union“ vornehmlich um die Organisation. „Aber wenn’s sein muss“ stellt er klar, „pack’ ich auch noch selbst mit an. Einmal Schrauber, immer Schrauber.“

Friedhelm, der Jüngere, hat es sogar bis zum Reifen-Techniker bei Yokohama gebracht und gehört seit fast zwei Jahrzehnten zur festen Service-Mannschaft im Renndienst des japanischen Unternehmens.

Hans-Georgs Witwe Anni ist so schnell wie möglich wieder in ihren Beruf als Erzieherin geflüchtet. Seit Jahren lebt sie in Bad Kreuznach und leitet eine Kindertagesstätte. Sohn Thomas (30) arbeitet als Personal-Disponent in Düsseldorf. Rennfahrer-Ambitionen hat er keine. „Nachdem er mal vom Motorrad geflogen ist und sich dabei richtig weh getan hat“, gibt sich die leidgeprüfte Mama erleichtert, „hat sich das Thema glücklicherweise erledigt.“   

Diese Geschichte stammt aus Band 3 (2009) der dreiteiligen Buchreihe "Hallo Fahrerlager" von Rainer Braun. Derzeit sind noch Restbestände der Bände 1, 2 und 3 als Paket im Schuber verfügbar, solange der Vorrat reicht. Aktuell ist die Sonderedition „Hallo Fahrerlager Classic“ im Großformat mit 300 Seiten und vielen neuen Episoden im Handel. Weitere Infos dazu und Bestellungen auf der Website von “Hallo Fahrerlager” oder dem Racing-Webshop .

Weitere Beiträge von Rainer Braun sind im Themenkanal "Hallo Fahrerlager" zu finden.

Bilder zu diesem Artikel

Quelle:
von th******
26.07.2016 (18:49)
Antworten
Es ist das erste mal, dass ich von Rainer Braun etwas gelesen habe. GENIAL, man taucht ein in die Welt des Rennsports und bekommt Details und Hintergründe in einem wunderbaren Stil. Auch die Gefahr und wie hier, die Tragik ist so formuliert, das man das intensiv mitfühlen kann.
Das Buch ist auf meiner persönlichen Wunschliste.
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