Es gibt Leben unter 1340 Kubik – Harley-Davidson Sportster

Erstellt am 14. Januar 2021
, Leselänge 8min
Text:
Rolf Lüthi
Fotos:
Archiv Harley-Davidson 
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Harley hatte es verpennt. Der Krieg war vorbei, die jungen Amerikaner wollten das volle Leben: Röhrende Hot Rods mit donnernden V8-Motoren und schnelle, leichte Motorräder. Doch in Harleys Modellprogramm war für sportliche Fahrer nichts zu finden, und so kauften die jungen Schnellfahrer lieber englische Maschinen: Triumph, BSA und Norton bauten schnelle Twins, welche die Tonne knackten, was im Bikerslang bedeutet, dass man schneller als 100 mph oder 160 km/h fahren kann. Dagegen war die KH Sport, auch in ihrer ultimativen Version mit seitengesteuertem Langhub-V2 mit 883 ccm eine erschütternd lahme Ente, obwohl sie 1952 als völlige Neukonstruktion auf den Markt gekommen war.

Neue alte Konstruktion

Die Zeit drängte, die erneute Konstruktion eines Sportmotorrads von Grund auf hätte zu lange gedauert. So nahmen sie bei Harley den Rumpfmotor der KH samt Viergang-Getriebe. In diesen Unterbau baute man eine Kurbelwelle mit weniger Hub ein (96,8 mm statt 115,8 mm). Dafür erweiterte man die Zylinderbohrung von 69,9 mm auf 76,2 mm und kam so wieder auf 883 ccm, jedoch bei kurzhubigerer Auslegung für mehr Drehzahlfestigkeit. Die vier untenliegenden Nockenwellen belies man, steuerte mit diesen aber über Stösselstangen die nun im Zylinderkopf hängenden Ventile. Im Prinzip ein ziemlich handwerklich gemachter Umbau eines Seitenventilers zum OHV-Motor. Immerhin war der Unterbau für die damalige Zeit recht modern. Der Motor und das rechts fussgeschaltete Getriebe sind in einem gemeinsamen Gehäuse untergebracht.


Harley-Davidson Sportster 55 (1957) - Mit der Sportster wollte Harley-Davidson sportliche Fahrer für sich gewinnen
Copyright / Fotograf: Archiv Harley-Davidson

Die erste Sportster hatte den Modellcode XL und kam 1957 auf den Markt. Mit 225 kg war sie deutlich schwerer als die britischen Konkurrenzmodelle, ebenso fehlte mindestens 10 % Motorleistung. Die KH war die erste Harley mit Teleskopgabel vorne und Schwinge hinten. Dieses Fahrwerk übernahm man unverändert für die XL Sportster. Die vordere Bremse wie auch der Rahmen mit den zierlichen Unterzügen waren unterdimensioniert. Immerhin hatten die Sportster von Anfang an eine hintere Federung, Starrahmen-Versionen gab es von dieser Baureihe nie.

In Europa vor dem Aus

Ein Anfang war gemacht, die unter einigem Zeitdruck zusammengenagelte XL 55 wurde der Urahn der Sportster-Baureihe, die bis heute fortbesteht – in Europa allerdings nicht mehr lange. Mit den luftgekühlten V2-Motoren der aktuellen Sportster ist Euro 5 auch mit Benzineinspritzung nicht zu schaffen, und so werden die Sportster-Modelle des Jahrgangs 2021 nicht mehr nach Europa exportiert. An ihre Stelle treten wird das erste Modell einer völlig neuen Modellgeneration, die 1250 Custom. Sie ist mit Flüssigkeitskühlung und Vierventil-Zylinderköpfen auch für künftige Zulassungshürden gerüstet. Trotzdem werden hierzulande auch 2021 neue Sportster erhältlich sein. Anders als in der EU ist in der Schweiz das Importdatum dafür massgebend, welche Zulassungsvorschriften zu erfüllen sind. Die vor dem 1.1.2021 in die Schweiz importierten Sportstermodelle, die nach Euro 4 homologiert sind, können weiterhin problemlos als Neufahrzeuge verkauft und eingelöst werden.


Harley-Davidson Sportster 55 (1957) - Klare Rollenverteilung anno 1957. Der wilde Kerl auf seinem schnellen Pferd, bewundert von der künftigen Hausfrau und Mutter
Copyright / Fotograf: Archiv Harley-Davidson

Nichtsdestotrotz scheint die Geschichte der Sportster-Baureihe nach 63 Jahren in absehbarer Zeit zu enden, zumindest in Europa. Während der ausserordentlich langen Bauzeit von bislang 63 Jahren gab es mit der Einführung des Evo-Motors nur einen Generationenwechsel, aber im Laufe der Jahre konstante Modellpflege mit zahlreichen Verbesserungen.

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Starthilfe von der Armee und schlechtes Management

Bescheidene Starthilfe bekam die Sportster noch 1957 von der amerikanischen Armee, welche die Sportster in Armeeausführung mit Modellbezeichnung XLA bestellte. An die US-Army ausgeliefert wurden schliesslich nur kommerziell unbedeutende 418 Stück. 1958 erfolgte die erste Modellpflege und die Erweiterung auf zwei Modelle: Die XLH war mit niedriger Verdichtung und Touring-Ausstattung für gemütlichere Naturen gedacht, die XLCH war das Puristengeschoss für die harten Jungs. Mit höherer Verdichtung und grösseren Ventilen stieg die Leistung auf 55 PS, gemäss Harley gut für 185 km/h Topspeed.


Harley-Davidson Sportster XLH (1967) - Die Sportster XLH von 1967 war mit einschlägigem Zubehör zur Reisemaschine geworden
Copyright / Fotograf: Archiv Harley-Davidson

Die XLH blieb bis 1978 im Programm, doch für sportliche Fahrer musste früher schnelleres Material her. Inzwischen hatte sich die britische Motorradindustrie durch Fehlentscheidungen und Qualitätsmängel ins Abseits manövriert, was Harley jedoch nicht viel nützte. Immer dreister warben die japanischen Hersteller mit immer schnelleren Maschinen um die bösen Jungs, die schnell und laut fahren wollten. In dieser schwierigen Zeit wurde Harley 1969 vom Mischkonzern AMF übernommen. Branchenfremde, arrogante Manager taten es ihren unfähigen englischen Kollegen gleich. Unbelastet von störenden Fach- und Szenekenntnissen wurden laufend Investitionen in den Sand gesetzt und Fehlentscheidungen gefällt, bis eine dreizehnköpfige Gruppe ehemaliger Manager und Mitarbeiter das Debakel 1981 mit einem Management-Buyout beendete.

Laufende Modellpflege

Wahrend dieser Zeit wurde die Sportster, ausgehend von der technischen Basis von 1957, laufend modellgepflegt. Der gefederte Einzelsattel wurde 1961 durch eine Sitzbank ersetzt, die Elektrik 1965 von 6V auf 12V aufgerüstet, 1968 führte Harley den von Puristen verabscheuten Elektrostarter ein und ersetzte 1971 die Trockenkupplung durch eine Ölbadkupplung. Für die XLH 1000 wurde der Motor 1972 durch Aufbohren auf 1000 ccm gebracht. 1973 wurde erstmals eine Scheibenbremse im Vorderrad verbaut. Eine amerikanische Vorschrift erzwang 1975 die Umrüstung auf Fussschaltung links und Hinterbremse rechts (vorher umgekehrt), 1978 wurde von der Unterbrecherzündung auf eine vom Unterdruck gesteuerte elektronische Zündung umgerüstet.


Harley-Davidson Sportster XLCH (1959) - als Scrambler-Variante
Copyright / Fotograf: Archiv Harley-Davidson

1979 kam der nächste Schritt mit dem Wechsel vom Einschleifen- auf den Doppelschleifenrahmen. Dieser wurde 1982 nochmals geändert, als die Rohre statt mit Gussmuffen durch Schweissung verbunden wurden, wodurch sich die Produktionskosten senken liessen. Bis 1985 baute Harley auf dieser Basis Sportster-Modelle mit 1000 ccm. Wegen seiner gusseisernen Zylinderköpfe werden die bis 1985 verbauten Sportster-Motoren Ironhead (Eisenkopf) genannt.

Der Krise entkommen

Nach dem Buyout gelang den neuen Eigentümern 1984 mit dem Evo-Motor (Evo für Evolution, Entwicklung) ein Befreiungsschlag. Mit dieser Neukonstruktion konnten zahlreiche Schwachstellen ausgeräumt und die Zuverlässigkeit der Big Twins markant gesteigert werden. Die Big Twins, die sich bis heute jedem sportlichen Anspruch verweigern, waren und sind für Harley wichtiger als die Sportster, sowohl kommerziell wie auch für das Image.


Harley-Davidson Sportster (1986) - Der Sportster Evo-Motor löste 1986 den Ironhead-Motor ab
Copyright / Fotograf: Archiv Harley-Davidson

Zwei Jahre später legte Harley mit einer neuen Sportster-Baureihe nach, ebenfalls mit einem neu konstruierten Motor. Vom Vorgängermotor blieb nur die Grundkonstruktion: V2 mit 45° Zylinderwinkel, Vierganggetriebe im gleichen Gehäuse. Der Evo-Sportstermotor konnte auf dem inzwischen modernisierten Maschinenpark von Harley mit verbesserter Fertigungsqualität und verringerten Toleranzen rationeller und kostengünstiger produziert werden. Mit diesem Motor erfolgte auch der Wechsel von den Stahlguss-Zylinderköpfen auf Alugussteile. Die Evo-Sportster wurde ab 1986 mit 883 und 1100 ccm angeboten. Die 1988 eingeführte einsitzige 883 Hugger war wegen ihrer niedrigen Sitzhöhe bei Frauen sogleich besonders beliebt. Im gleichen Jahr wurde der 1100er Motor zum 1200er aufgebohrt.

Alte Technik aber stetig verbessert

Man glaubt es kaum, doch seit 1985 wird dieser Motor nun in den Sportstermodellen verbaut. Seit 1988 ist die Lichtmaschine auf dem Kurbelwellenstumpf statt hinter der Kupplung montiert. 1991 bekam das Getriebe fünf Gänge und anstelle der Triplexkette einen Zahnriemen-Primärtrieb. 2007 wurden die Sportster mit einer elektronischen Benzineinspritzung modernisiert, Ausgleichswellen wurden im Gegensatz zu den Big Twins nie nachgerüstet. Stattdessen werden Vibrationen seit dem Modelljahr 2004 dank einem neuen Rahmen, in dem der Motor in Silentblocks aufgehängt ist, vom Fahrer teilweise ferngehalten. Seit 2014 haben die Sportster-Modelle ein ABS. Ab den 90er Jahren verstand es Harley, durch die immer andere Kombination vorhandener Teile und einem sparsamen Einsatz neuer Komponenten immer wieder Modellvarianten zu präsentieren, die als Modellneuheiten angepriesen wurden. Die Sportster wurde als abgespecktes Puristenmotorrad, als Bobber, als Tourenmaschine und als Café Racer gebaut.


Harley-Davidson Sportster (2020) - Iron 1200, Forty-Eight, Iron 883
Copyright / Fotograf: Archiv Harley-Davidson

Damit ist nun Schluss, zumindest in Europa. Die Nachfolge der Sportster tritt hierzulande die 1250 Custom an. Dass in der Bezeichnung dieses Modells «Sportster» nicht vorkommt, deutet daraufhin, dass Harley die bestehende Sportster-Baureihe für den Heimmarkt und andere Länder vorerst weiterbauen will.

Mit Konstanz zum Erfolg

Im Verlauf der nun 63-jährigen Modellgeschichte der Sportster stieg die Motorleistung von 40 auf 66 PS. Ansonsten weist die Sportster-Baureihe eine bemerkenswerte Konstanz auf: Das Mass für den Kolbenhub ist bei sämtlichen Sportstern identisch: 96,84 mm. Der komplizierte Ventiltrieb mit vier untenliegenden, zahnradgetriebenen Nockenwellen, der parallel verlaufende Stösselschutzrohre ermöglicht, wurde bis heute beibehalten. Sportster sind weitaus preiswerter zu erstehen als die mythosbefrachteten Big Twins ab 1340 ccm. Liebhaberpreise werden allenfalls für unverbastelte Motorräder bezahlt, die älter sind als 30 Jahre.


Harley-Davidson XR 750 (1970) - Mit 36 Titelgewinnen der US-Flattrack-Meisterschaft das wohl erfolgreichste Rennmotorrad der Welt
Copyright / Fotograf: Archiv Harley-Davidson

Wer sich die ganze Zeit gefragt hat, was denn an einer Sportster sportlich sei: Die als Flattrack-Version der Sportster bezeichnete XR 750, erstmals eingesetzt 1970, gilt nach dem Gewinn von 36 US-Meisterschaften zwischen 1975 und 2015 als wohl erfolgreichste Rennmaschine der Motorradgeschichte.

Vom Flopp bis Top

Abgeleitet von der XR 750 wurden zwei exotische Sportster-Sondermodelle gebaut, die heute, wenn überhaupt, nur zu happigen Liebhaberpreisen angeboten werden: Die 1977 und `78 gebaute XLCR hatte einen 1000er Sportster-Motor im Chassis der XR 750 und war designt als Café Racer.


Harley-Davidson Sportster XLCR (1970) - Einst ein Flop, heute ein begehrtes Sammlerstück – kürzlich wurde in der Schweiz eines dieser raren Motorräder mit Jahrgang 1977 weiterverkauft
Copyright / Fotograf: Archiv Harley-Davidson

Die ganz in Schwarz gehaltene, langgestreckte Maschine wurde 3133 Mal gebaut. Aus dem einstigen Flop ist ein begehrtes Sammlerstück geworden. Nur etwa 1500 XR 1000 Sportster gibt es, gebaut wurden sie 1983 und `84. Ins Chassis der XR 750 ist ein 1000er Motor eingebaut, der mit dem Grosserien-Triebwerk nichts zu tun hat. Wie an der XR 750 ist der hintere Zylinderkopf gedreht, beide Auspuffkrümmer sind vorne. Rechts sind zwei 36er Vergaser von Dell’Orto montiert, links ein Zweirohr-Auspuff. Harley bot dazu einen Racing-Kit an, gut für 100 PS.

Bilder zu diesem Artikel

Quelle:
von jb******
20.01.2021 (09:36)
Antworten
Kleine Korrektur: 1991 erhielt die Sportster als erste Harley einen Zahnriemen Sekundärantrieb. Der Primärantrieb erfolgt weiterhin über Kette.
von cg******
19.01.2021 (15:15)
Antworten
Prima dieser Bericht. Ich bin zwar kein Harley Fan, doch lese ich gerne darüber. Es muss nicht jede Woche ein Zweiradbericht sein aber so wichtige Hersteller finde ich gut.
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