Vergessene Marke Anvils: Engländer mit Citroën-Verbindung

Erstellt am 1. April 2020
, Leselänge 6min
Text:
Daniel Koch
Fotos:
Sven Klose 
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Elmar Doebber 
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Wikimedia, Creative Commons (CC) 
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Darin Schnabel - Courtesy of RM Sotheby's 
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Courtesy Bonhams 
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Die "Vergessene Marke Anvils" war ein 1. April Scherz! In Wirklichkeit handelt es sich um einen Citroën C4, der als Limousine das Werk verliess. Ein Vorkriegsfahrzeug-Enthusiast in Norddeutschland hat das Fahrzeug zum Panelvan umgebaut. Danach wurde es mit dem "Anvils"-Schriftzug bemalt, und diente der gleichnamigen Rockband als Band-Transporter. Wir hoffen, die Geschichte hat Ihnen trotzdem gefallen, denn sie hätte so oder so ähnlich durchaus passiert sein können!


Thomas Anvils, Sohn eines Hufschmieds, wurde am 2. März 1899 in Chipstead, südlich von London geboren. Er verbrachte die Freizeit während seiner Jugend in der Schmiede seines Vaters. Dabei erlebte er als junger Mann, wie das Automobil nach und nach die Pferdekutsche abzulösen begann. Früh schon interessierte er sich für diese "iron horses", die eisernen Pferde, wie die Motorwagen genannt wurden. Er selber sah in diesen Fahrzeugen eine grosse Zukunft.

Berufsweg vorgezeichnet

Im Jahr 1921 während seines Maschinenbau-Studiums an der University of Birmingham, fiel ihm während einem seiner vielen Spaziergängen im Universitätspark etwas auf. Unzählig viele Gärtner mühten sich mit manuellen Geräten bei der Pflege des Rasens ab. Sein Erfindergeist war geweckt. Im Jahre 1922 meldete er ein Patent für den sogenannten "scythe blade lawnmower" (einen motorisierten Sensenmäher) an, den er allerdings nie produzieren sollte - erst in den Fünfzigerjahren wurde die Erfindung von der Victa Lawnmower Pty Ltd wieder aufgegriffen, die den motorisierten Rasenmäher massentauglich machten.


University of Birmingham
Copyright / Fotograf: Wikimedia, Creative Commons (CC)

Überraschende Wendung

Anvils Karriere bekam einen plötzlichen Aufwind, als er bei der Diplomfeier 1923 Walter Owen Bentley auffiel. Bentley bot ihm nach dem Analysieren seiner Abschlussarbeit, eine Anstellung als Fahrwerksingenieur bei der Bentley Motors Limited in Cricklewood im Norden Londons an.

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Bugatti gegen Bentley

Damals war Bentley bereits ein ernstzunehmender Name im Automobilrennsport und man plante, die Motoren der erfolgreichen 3 Liter Modelle auf 4 1/2 Liter zu vergrössern.


Bentley 3-Litre Speed Model Tourer by Vanden Plas - Für den gepflegten Ausflug zu viert
Copyright / Fotograf: Darin Schnabel - Courtesy of RM Sotheby's

Thomas Anvils war stets ein Kritiker der Hubraumvergrösserung gewesen. Er war der Meinung, dass Ettore Bugatti auf dem richtigen Weg zum Erfolg sei. Bugatti kombinierte leichte, kleine Achtzylindermotoren mit Leichtbau-Chassis, die auf neuartigen Alurädern und ständig optimierten Fahrwerken 1925 in der "Voiturette"-Klasse der Konkurrenz davonfuhren. Ein Jahr später sollte Bugatti dank der in der "Vorkriegs-Formel 2" gewonnenen Erfahrungen, die Grand Prix Renner der Konkurrenz in der Königsklasse weit hinter sich lassen, denn es galt ab 1926 eine Beschränkung auf 1500 ccm.


Bugatti Type 39 (1925) - In den Zwanzigerjahren war Bugatti das Team, das es zu schlagen galt
Copyright / Fotograf: Courtesy Bonhams

Schicksalshafte Entscheidung

Bei Bentley hingegen galt das Credo "grösser ist besser". Der Antrag für die Projektfreigabe des Bentley 4 1/2 Liter landete aufgrund eines internen Missverständnisses auf Anvils Schreibtisch, anstatt auf dem von Bentley. Thomas Anvils lehnte den Antrag ab, wohl wissend, dass er sich damit grossen Ärger mit W.O. Bentley einhandelte. Er rechnete aber nicht mit der Gewalt, mit welcher Bentley reagierte: Er entliess Anvils fristlos.


Bentley 3-Litre Speed Model Tourer by Vanden Plas - Ein Kunstwerk
Copyright / Fotograf: Darin Schnabel - Courtesy of RM Sotheby's

Anvils gründete danach die Anvils Motor Company, dachte kurz über seine Rasenmäher-Idee nach und beschloss dann, sich eine Auszeit zu nehmen. Er reiste nach Paris, wo er in der Stadt der Liebe eine völlig neue Lebenserfahrung genoss. Das erste Mal in seinem Leben fühlte er sich glücklich und leicht. Anvils sass stundenlang im Café "Chez Boubier" an der Seine und liess seine Seele baumeln. Dabei entwarf er wilde, technische Zeichnungen ohne konkrete Ziele.

Auszeit in Frankreich

Er wurde stets von Amélie-Louise Dutroix beobachtet, der Geliebten von André Citroën, dem er sehr ähnlich sah. Anvils bemerkte nichts davon und war vertieft in seine Fantasien. Am 1. August 1926 sprach ihn Amélie-Louise unvermittelt an, eine Unverschämtheit in jener Zeit. Nach einigen Gläsern Weisswein war Anvils schon etwas entspannt und liess sich auf ein Gespräch ein. Die schicksalshafte Liebesbeziehung, die daraus entstand, sollte Anvils weiteres Leben prägen.

Amor schlägt zu

André Citroën erfuhr auf Umwegen von Amélie-Louises amourösen Eskapaden. Er lud Anvils zu seinem Empfang zur Eröffnung der Jagdsaison im Herbst 1926 ein, um seinen Widersacher kennenzulernen und einschätzen zu können. Citroën und Anvils waren passionierte Jäger und sie verstanden sich trotz der vertrackten Liebschaft mit Amélie-Louise auf Anhieb. Den Beiden war die prekäre Situation klar, in die sie sich manövriert hatten, thematisierten sie aber mit keinem Wort. Citroën wusste, dass Anvils ein Jahr zuvor die Anvils Motor Company Ltd. gegründet hatte und auf der Suche nach einem kleinen, leistungsfähigen Motor war.


Anvils Service Car (1927) - Der Motor wird revidiert, danach geht's wieder auf die Strasse
Copyright / Fotograf: Sven Klose

Nach ausreichend Wein und Gänseleber wurde mit einem Handschlag besiegelt, dass Anvils von Citroën vorerst zwanzig Motoren erhalten sollte. Die Bedingung war, dass Thomas Anvils Frankreich verlassen musste, und seine Fahrzeuge nur auf der britischen Insel verkaufen durfte, und nicht im kontinentalen Markt. Der 1890 ccm Reihen-Vierzylindermotor leistete 32 PS, war leicht und liess sich einfach optimieren, ganz nach dem Geschmack von Anvils, und so kam die Verinbarung rasch zustande.

Neuanfang

Zurück im Vereinigten Königreich begann Anvils im Frühling 1927, die gelieferten Citroën-Motoren in seine eigens konstruierten Chassis zu verbauen. Es handelte sich um dieselben Motoren, die Citroën in den C4-Modellen verwendete. Die ersten zehn Fahrzeuge entstanden, neun davon in Sedan Karosserien, den Zehnten baute Anvils für sich selbst als eine Art Panelvan, und damit war der Anvils Service Car geboren.


Anvils Service Car (1927) - Praktischer Lieferwagen
Copyright / Fotograf: Sven Klose

Bewährte Fahrwerkstechnik

Für das Fahrwerk entschied sich Anvils vorerst für Starrachsen mit Reibstossdämpfern vorne und hinten, die Gänge wurden in einem unsynchronisierten Dreiganggetriebe geschaltet. Sein Plan war, das Fahrwerk zu optimieren, sobald er die ersten Fahrzeuge an den Mann gebracht hatte und Geld in die leere Kasse gespült wurde.


Anvils Service Car (1927) - Sportlicher Look mit offener Motorhaube
Copyright / Fotograf: Sven Klose

Undurchsichtige Geschichte

Kurz nach Fertigstellung der ersten zehn Anvils ist die Geschichte nicht mehr dokumentiert, vermutlich lieferte Citroën keine der weiteren zehn Motoren mehr an Anvils. Im Winter 1927 erkrankte Thomas Anvils schwer an einer Lungenentzündung, von der er sich nie erholte, und starb im Januar 1928 im St Bartholomes Hospital, London.


St Bartholomew's Hospital, London
Copyright / Fotograf: Wikimedia, Creative Commons (CC)

Alle zehn produzierten Fahrzeuge trugen stolz den Amboss als Kühlerfigur, das Symbol der Familie, das schon das Tor zur Schmiede seines Vaters geschmückt hatte.

Fundstück

Das Anvils Service Car wurde im Winter 2019 überraschend in Oksenvad nahe Flensburg in einem vergessenen Geräteschuppen entdeckt, ein echter Scheunenfund also.


Anvils Service Car (1927) - Den Kühler ziert ein kleiner Amboss, das Firmenemblem
Copyright / Fotograf: Sven Klose

Wie und wann das Fahrzeug von England nach Deutschland kam, ist nicht bekannt. Es wurde von MADmotors in die Schweiz importiert und restauriert, und dient der Oldtimer Fachwerkstatt heute als "Factory Runabout", für Fahrten zur Post, dem Ersatzteilehändler oder zur Brauerei.


Anvils Service Car (1927) - Ist jetzt in der Schweiz im Einsatz
Copyright / Fotograf: Elmar Doebber

Überraschend und schön zugleich, wie solch unbekannte, vergessene Kleinode der Vorkriegszeit wieder zum Leben erweckt werden!

Bilder zu diesem Artikel

Quelle:
von sw******
01.04.2020 (14:55)
Antworten
Das ist eine faszinierende Geschichte, aber Oksenvad ist ein Ort, der zur Kommune Haderslev (Hadersleben) gehört und das ist in Dänemark, runde 70 Kilometer von Flensburg entfernt. Oder habe ich da etwas falsch verstanden?
Antwort vom Zwischengas Team (Daniel Koch)
02.04.2020 (07:20)
Das ist korrekt, aber 70 Kilometer sind ein Klacks, wenn Sie die Strecke aus der Schweiz nach Flensburg berücksichtigen.

Die Einleitung des Artikels haben wir mit einem Hinweis ergänzt, schauen Sie mal rein.
von wy******
01.04.2020 (08:35)
Antworten
ja sicher
Antwort vom Zwischengas Team (Daniel Koch)
02.04.2020 (07:19)
Wir haben die Einleitung des Artikels entsprechend angepasst
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