Beim Namen Lancia denkt man vielleicht: Gibt es die Marke überhaupt noch? Wo werden noch Fahrzeuge mit diesem Namen verkauft? Zugleich erscheinen vor dem geistigen Auge Autos dieser Traditionsfirma: Es sind besonders fortschrittliche Autos oder solche mit herausragendem Styling. Und nicht zuletzt denkt man an die vielen sportlichen Erfolge der bereits 1906 von Vincenzo Lancia (mit)gegründeten Automarke. Es ist daher verdienstvoll, sich ihrer anlässlich ihres Jubiläums mit einer Sonderausstellung zu erinnern. Die jüngste „Pop-up“-Ausstellung in der Autoworld Brüssel gliedert sich in die beiden Segmente „Design und Innovation“ und „Erfolge im Rallyesport“. Die vom Kurator Leo Van Hoorick ambitioniert zusammengestellte Kollektion zeigt anhand von rund einem Dutzend exemplarischen Exponaten, zu welchen großen Leistungen die Marke Lancia in den 120 Jahren ihres Bestehens im Stande war. Sehen wir uns einmal um…
Autos in der Ausstellung
Der älteste Lancia ist ein Lambda aus der zweiten Serie von 1924. Vor über 100 Jahren war dies das erste Fahrzeug mit einer selbstragenden Karosserie und es besaß eine vordere Einzelradaufhängung.
Zeitlich folgt ihm ein Astura Roadster von 1935. Der Sportwagen auf „kurzem“ Chassis besitzt einen V8-Motor, wiederum eine vordere Einzelradaufhängung und eine elegante Karosserie von Pinin Farina.
Aus dem Jahr 1947 und der zweiten Serie stammt die kleine Kompaktlimousine Aprilia mit kompaktem V4-Motor und Einzelradaufhängung. Ihre Karosserie folgt der Stromlinienform, der Einstieg ist durch den Verzicht auf die B-Säulen besonders bequem. Es ist erstaunlich, wie effektiv der Innenraum bei einem Radstand von 2,75 Metern genutzt wird.
Gleich zwei Exponate sind von 1952. Sicher nicht alle Tage zu sehen bekommt man den Prototyp PF 200, der auf dem Turiner Automobilsalon 1952 vorgestellt und von Pinin Farina gestaltet wurde. Es handelt sich um das erste von fünf oder sechs Exemplaren. Auffallend sind der von den damals neuen Düsenjets inspirierte runde Kühlergrill sowie die sechs, in zwei Dreiergruppen angeordneten Auspuffrohre mit kleinem Durchmesser.
Damit verwandt ist der Lancia Aurelia B 20, der – wie der Prototyp – ebenfalls mit einem innovativen V6-Motor versehen ist. Dieses Fahrzeug begründete wohl das 2 + 2-Genre bei den GT. Sein schnörkelloses, puristisches Karosseriedesign wirkt zeitlos und erinnert etwas an den berühmten Cisitatia 202. Es geht auf Mario Felice Boano zurück.
Wenn eine kleine Abschweifung gestattet ist: Nur wenige Meter davon entfernt steht ein Ferrari 250 GT aus dem permanenten Fundus der Autoworld, der in der von Boano kurzzeitig betriebenen Karosseriefirma gebaut wurde.
Beeindruckend ist zweifellos die auf der Aurelia basierende Studie Lancia Florida. Das ist eine von Pinin Farina entworfene große, viertürige Limousine aus dem Jahre 1956, die dem späteren Lancia Flaminia als Vorbild diente. Mit weit geöffneten gegenläufig öffnenden Türen und ohne B-Säule lädt diese Designstudie zu einem Blick in den luxuriösen Innenraum ein.
Kommen wir nun zum Lancia Flaminia Zagato Sport von 1963. Das Flaminia-Coupé wurde damals von verschiedenen Designern interpretiert. Die hier gezeigte Version von Zagato verfügt natürlich auch über das typische „Double Bubble“-Dach.
Mit einem großen Zeitsprung kommen wir zum letzten Exponat dieses Ausstellungssegments: dem Lancia Thema 8.32 vom 1987. Das auf den ersten Blick eher unauffällige Fahrzeug verkörpert pures Understatement, denn unter seiner Haube schlummert ein quer eingebauter V8-Motor von Ferrari, wobei die “8“ für die Zylinderzahl und das „32“ für die Anzahl der Ventile steht.
Motorsport
Der automobilsportliche Teil der Ausstellung beginnt zeitlich mit dem Rennwagen Lancia D 50 von 1955. Der Formel-1-Rennwagen wurde von dem früheren Alfa-Romeo-Chefingenieur Vittorio Jano entwickelt und einst von Alberto Ascari gefahren. Auffallend sind die seitlichen, zwischen den Rädern angebrachten Kraftstofftanks aus Aluminium. Der Motor war als tragendes Teil konzipiert und die Getriebewelle versetzt, weshalb das Cockpit niedrig ausfallen konnte. Nach dem tödlichen Unfall von Ascari verkaufte Lancia die gesamte Rennabteilung an Ferrari. Der Typ D 50 wurde überarbeitet und als Ferrari D 50 von Juan Manuel Fangio eingesetzt, der damit seine vierte Weltmeisterschaft gewann.
Rallyesport
Etwas versteckt im Museumsbistro „Bagnole“ befindet sich ein Lancia Fulvia Coupé 1,6 HF Fanalone, wobei „fanalone“ die großen Zusatzscheinwerfer des Autos bezeichnet. Mit diesen Autos startete Lancia eine lange Serie von Siegen, stellvertretend sei der Sieg bei der Rallye Monte Carlo 1972 genannt. In der Autoworld wird allerdings eine „Kundenversion“ der Fulvia gezeigt.
Bleiben wir bei den Rallyefahrzeugen. Legendär ist der Lancia Stratos HF, der bei zahlreichen Wettbewerben der 1970er Jahre siegreich war. In den Jahren 1974,1975 und 1976 gewann Lancia damit die Konstrukteurs-Weltmeisterschaft. In Brüssel wird eine exakte Replica des Lancia Stratos HF Gruppe 4 „Alitalia“ von 1974 gezeigt, mit dem der kürzlich verstorbene Sandro Munari mit seinem Copiloten Piero Sodano die Rallye San Remo 1977 gewann.
An seiner Seite steht ein zehn Jahre jüngerer Lancia Rally 037 Evolution II. Mit diesem Heckantriebs-Modell gewann Walter Röhrl die Rallye Monte Carlo 1983. Lancia sicherte sich im selben Jahr die Konstrukteurs-Weltmeisterschaft, was danach bislang nur noch mit allradgetriebenen Autos gelang. Zu sehen ist in der Autoworld die Replica des Wagens, mit der Markku Alén mit seinem Beifahrer Ilkka Kivimäki im Jahre 1984 die Tour de Corse gewann.
Beenden wir den Blick in die Sonderausstellung mit dem Lancia Delta HF Integrale 16 V Gruppe A „Martini“ von 1990. Dieser kompakte Allradler dominierte lange Zeit die Rallyeszene, Lancia gewann damit allein sechs Jahre in Folge die Konstrukteurs-Weltmeisterschaft.
Ziehen wir ein Fazit: Die kleine, aber sehenswerte Ausstellung würdigt eine sehr alte Automobilfirma, deren Leistungen nicht in Vergessenheit geraten dürfen. Nach der Fertigstellung dieses Berichts fällt der Blick des Verfassers auf seine Modellauto-Vitrine. Genauer gesagt: auf den Lancia Stratos Zero von 1970. Mamma mia, was für ein futuristischer Keil!
Weitere Infos
Weitere Informationen zur Ausstellung „Lancia 120 Years – Innovation through Italian Design“, die noch bis zum 19. April 2026 zu sehen ist, finden Sie auf der Webseite des Museums .












































































































































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