Simon Bundi, der Ausstellungskurator und Archivar von Emilf Frey Classic schiebt ein ACS Notruftelefon auf einem Handwagen vor sich her. Das Objekt ist eine Leihgabe von Bernhard Taeschler, dem wohl grössten Sammler von ACS-Artefakten in der Schweiz. Bundi ist bei den letzten Vorbereitungen vor der Eröffnung und auf dem Weg in die Ausstellung im zweiten Stock des Automuseums in Safenwil. Im Vorfeld der Eröffnung hat er uns durch sein bisher grösstes Projekt in Safenwil überhaupt geführt.
Warum hat es so lange gedauert in Graubünden, bis 1925 auch im letzten Schweizer Kanton das Autofahren erlaubt wurde? Die Antworten finden sich in der Ausstellung, die seit dem 25. Mai zu sehen ist und noch bis Ende Jahr dauern wird.Dabei lässt der Kurator Bundi, Historiker und selbst ein Bündner, die Gründe und Argumente der Befürworter des Autofahrverbots, als auch dessen Gegner zu Wort kommen. Denn ganz der direkten Demokratie entsprechend, wurde das allgemeine Fahrverbot für Motorfahrzeuge auf Bündner Kantonsgebiet zwar vom Bündner Regierungsrat am 17. August 1900 beschlossen, aber in der Folge siebenmal in Frage gestellt – in der Form einer Initiative.
Das heisst, der Regierungsbeschluss wurde siebenmal auf seine Mehrheitsfähigkeit in der Bündner Bevölkerung geprüft. Und in sechs Fällen fand ihn die Mehrheit in Ordnung! Somit ist klar: Das Automobilfahrverbot im Bergkanton wurde von der Bevölkerung mitgetragen. Das ist nicht weiter verwunderlich, denn ein Motorfahrzeug war damals nur einer verschwindend kleinen Minderheit zugänglich, war noch überhaupt nicht in die Lebensstrukturen mit eingebettet, geschweige den notwendig und zudem hatten die Bündner eben erst sehr viel Geld in ihr Eisenbahnnetz investiert.
Die moderne Strasse zum Einstieg
Die Inspiration kam von der Landesausstellung 1939. Der Schweizer Verband der Strassenbauer führte damals im Pavillon «Verkehr» die Besucher über ein modernes Strassenpflaster in die Ausstellung. Das dreidimensionale Strassenstück überblendete dabei in ein zweidimensionales Bild einer idealen Alpenstrasse mit Brücke, unter der man die eigentliche Ausstellung betritt. Exakt diese Situation liess Bundi in Safenwil nachbauen. Damit beginnt die Ausstellung zum ersten Jahrhundert des Automobils in Graubünden eigentlich mit dem Abschluss der ersten Phase auf dem Weg des Automobils zum allgemeinen Gebrauchsgut.
Durchschreitet man das Bild der Brücken-Hilfskonstruktion von der Baustelle des Punt Russein zwischen Sumvitg und Disentis, so tritt man mitten in die Aufbruchsphase im Kanton Graubünden, direkt nach der Volksabstimmung vom 21. Juni 1925, als die knappe Mehrheit der stimmenden Männer der siebten Initiative zur Aufhebung des Autoverbots zustimmten. Damit war das vom Kantonsrat am 17. August 1900 gesprochene Verbot hinfällig und bereits am darauffolgenden Montag, dem 22. Juni 1925 durfte mit Autos auf dem Kantonsgebiet verkehrt werden. Die Ausstellung holt die Besucher mit einer kleinen Bildtafel ab, die das Foto von Lydia Töndury am Steuer eines Fiat Balilla zeigt, der im Oberengadin in Richtung Morteratschgletscher unterwegs ist. Es stammt aus den 1930er-Jahren und zeigt die Lust am Autofahren, die in den 30ern nun auch hierzulande legitimer Grund wird, mit dem Auto unterwegs sein zu dürfen. Auch erste Postkartensujet mit Automobilen tauchen auf, womöglich auch als Beweis für die Bedienkompetenz der Fahrer, die sich solche auf der Passhöhe kauften und versendeten, adressiert an die Daheimgebliebenen.
Als Eyecatcher dienen ein Lancia Lambda und ein BSA Motorrad wie es damals von Emil Frey im fernen Zürich verkauft wurde. Das Bild einer Strassenszene in Chur zeigt, wer sich zu Beginn der 1930er-Jahre ein Auto hat leisten können: Direktoren, Anwälte, Selbstständige. Ein Auszug aus dem Autoindex von 1932 zeigt die Namen und Berufe der Besitzer und auch ihre Automodelle und Jahrgänge. Darin wird das Klischee der Elite im Auto in dieser Zeit untermauert.
Sonderfall Oberengadin
Ein Spielplatz der Reichen war insbesondere St. Moritz schon bevor das Automobil in den grossen Städten der Welt zu einem unverzichtbaren Accessoire derer wurde, die es sich leisten konnten. Schon kurz nach dem Fahrverbotsende mauserte sich das Oberengadin in der Folge zu einem wahren Drehpunkt des Automobilismus in der Schweiz und half, die Begeisterung dafür in weite Kreise hinaus zu tragen. Die Ausstellung in Safenwil erörtert die Bedeutung der ersten St. Moritzer Automobilwoche und des Motorsports generell, um dieses Ansinnen zu unterstützen. Als passendes Objekt dient dazu ein unrestaurierter SS Jaguar 100 3.5 Litre. Der Wagen von 1937 bringt mit seiner tiefen Patina die gesamte Thematik auf eine bodennahe Flughöhe und lässt die Betrachter die Zeitspanne, die seither vergangen ist, besonders schön deutlich werden.
Die Post als Türöffnerin
Bereits am 15. Juni 1919 startete die Post mit einem Autobusbetrieb von Reichenau nach Flims. Als Bundesbetrieb standen die PTT über dem kantonalen Fahrverbot, das übrigens nach der Freigabe des Autoverkehrs 1925 für Gesellschaftswagen über 8 Personen noch bis 1927 weiterhin bestehen blieb. Mit dem Postauto kamen viele Bündner erstmals in Berührung mit einem Automobil. Im Verlaufe der 1920er-Jahre ersetzte es nach und nach die Postkutschenkurse abseits des Eisenbahnnetzes. Schon 1930 betrug der Anteil an den beförderten Personen mit der Kutsche gerade noch 0.6 Prozent Schweizweit.
Die letzte Postkutsche der Welt führte übrigens bis 1961 von Avers nach Juf, dem höchstgelegenen Dorf Europas. In der Ausstellung steht ein kleiner Alpenwagen aus den 1930er-Jahren. Was später ein VW-Bus oder ein Mercedes leistete, dafür liess der Regiebetrieb bei den Schweizer Herstellern Saurer, Berna oder FBW noch bis in die 1950er-Jahre extra kompakte Sonderanfertigungen bauen.
Eine Sonderanfertigung ist auch der Land-Rover 88 mit Emil-Frey-Sondercarosserie in einem anderen Teil der Ausstellung. Der Kleinfourgon der Post steht für die besonderen Herausforderungen an den Service Public im Berggebiet, wo die Postzustellung eine wichtige Anbindung an das Leben im Tal darstellt.
Wirtschaftsfaktor Automobil
Mit dem Autoverkehr kamen auch neue wirtschaftlichen Möglichkeiten in die Bündner Bergtäler, wie in der ganzen Schweiz weckten neu erstellte Zapfsäulen etwa vor einem Gasthof, oder gar Reparaturbetriebe und Garagen Zuversicht und Zukunftsglaube. Das Auto brachte Arbeit und damit das Gewerbe in Fahrt. Manch ein gewiefter Fuhrhalter spannte aus und bot fortan seine Dienstleitungen motorisiert an: Güter- und Personentransport.
Die Ausstellung reflektiert das mit einem Ford Taunus 17m De Luxe und dem Bild eines kleinen «Tankboy», der einem ebensolchen Auto den Zapfhahn in den Tankstutzen steckt. Die Tankstelle wurde zu einem Lebensnerv der neuen, automobilen Welt besonders ab der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg. Und zeitgleich griff die Motorisierung auch im Berggebiet auf die Landwirtschaft über. Der Rapid S Spezial steht in Safenwil stellvertretend dafür, dass auch abseits der Verkehrswege das Motorfahrzeug den Alltag der Menschen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu prägen begann – und damit auch im Bündnerland, wo der Einachser mit Triebachsanhänger bis heute gute Dienste auch im Steilhang leistet.
Verkehrsachse und Ausweichroute
Eine ganze Ecke ist in «Das Jahrhundert des Automobils» dem alpenquerenden Transit und der 1967 eröffneten San-Bernardino-Route gewidmet. Die Faszination der Fernreise schlug sich damals noch auf die Wahl der Postkartensujets nieder. Darin abgebildet ist noch in den 1960er-Jahren die Verbindung von Verkehrsinfrastruktur und der entsprechenden Landschaft respektive Bergwelt, die sie erschliesst. Ein Betonband durch die Landschaft oder eine Staumauer in einem Bergtal wurde noch nicht negativ konotiert.
Die Ausstellung bringt dies mit einem symbolischen Stück Autobahn zum Ausdruck. Darauf braust ein BMW 2002 in Richtung Süden, analog zu einem gross aufgeblasenen Postkartensujet im Hintergrund. Ebenso geht es in der Ausstellung um die Darstellung von Automobilen im Zusammenhang mit dem Tourismus. Dorfplätze voller Autos sind etwa in Zeit der Hochkonjunktur noch Zeichen der Relevanz als Destination des entsprechenden Ortes.
Erst mit der zunehmend kritischen Betrachtung des Autos ab den 1970er-Jahren wandeln sich die typischen Ansichten – genauso wie die zunehmend kritischer werdende Auffassung vom Auto. Die Ausstellung, ein eigentlicher Rundgang, entlässt den Betrachter mit einem Modell in 1/43 der San Bernardino-Tunneleinfahrt – mit verschiedenen Lastwagenmodellen von Bündnern Transportunternehmen.
Seltene Gelegenheit
Gewiss, «Das Jahrhundert des Automobils. Graubünden 1925-2025» wird in einem Automuseum gezeigt. Doch die Ausstellung stellt einen der seltenen Momente dar, in dem sich ein ausgewiesener Historiker an die Thematik heran gewagt hat. Es mag dem Kurator Simon Bundi geholfen haben, selber ein Bündner zu sein – und darüber hinaus auch ein Autoenthusiast. Doch die aktuelle Ausstellung in Safenwil greift wohltuend weiter als es dies die meisten «Autoausstellungen» gemeinhin tun. Der Historiker beleuchtet zudem anhand des Beispiels von Graubünden verschiedene Grundthematiken, die für die gesamte, frühe Schweizer Automobilgeschichte Gültigkeit haben.
Und auch wenn der Ausstellungsmacher der Freude und der Lust am Fahren unverblümt huldigt und der heute stärker in den Vordergrund gerückten Problematik des Autoverkehrs zwar einen gerechtfertigten, aber nicht übermässig ausladenden Platz zugesteht, so bekennt er sich mit seiner Ausstellung ganz klar für das Auto. Zusammen mit seinem demnächst erscheinenden Buch mit demselben Titel und zum selben Thema, richtet Simon Bundi mit «Das Jahrhundert des Automobils. Graubünden 1925-2025» das Licht auf eine Epoche der Schweizer Motorisierung, zu der erst seit der jüngeren Vergangenheit fundierte Arbeiten zu finden sind.
Die Ausstellung: «Das Jahrhundert des Automobils. Graubünden 1925-2025» ist von Montag bis Freitag von 10 Uhr bis 17 Uhr geöffnet. Am Samstag bis 16 Uhr. Zudem ist das Museum jeden letzten Sonntag des Monats geöffnet. Die Ausstellung dauert noch bis Ende Dezember 2025












































































































































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