Hundert Jahre sind eine stolze Zahl, auch in der Oldtimerszene. Das Autodrome von Linas-Montlhéry, gut zwanzig Kilometer südlich von Paris gelegen, kann im Jahr 2024 den hundertsten Geburtstag feiern.
Die Rennstrecke ist ein Relikt aus einer anderen Zeit. Die beiden gigantischen Steilwandkurven mit einem 500-Meter-Durchmesser (!), verbunden durch zwei 180 m lange Geraden, bildeten einst das Herzstück der Rennstrecke. In den alten Boxenanlagen, auf dem Zeitnehmerturm und der Tribüne an der Start-Ziel-Geraden ist der Hauch der Vergangenheit noch heute deutlich zu spüren.
Wenn dann noch der Sound alter Rennmotoren ertönt und der Geruch von verbranntem Benzin und Rizinisöl in der Luft liegt, fühlt man sich um Jahrzehnte zurückversetzt.
Kaum eine andere Veranstaltung passt so zu dieser einzigartigen Rennstrecke wie das Vintage Revival, bietet es doch den perfekten Rahmen, um in die grosse Zeit von Bugatti, Maserati, Amilcar, BNC, Norton, Terrot und vielen anderen herausragenden Marken einzutauchen.
Die Zeit hat Spuren auf und an der Strecke hinterlassen. Entsprechend wurden im Lauf der 100 Jahre verschiedene Anpassungen am Streckenlayout vorgenommen. So ist seit längerem nur noch die Ostkurve Bestandteil des aktuell 3,4 km langen Kurses.
Heiss begehrte Startplätze
Die Veranstalter wussten, dass die Nachfrage nach Startplätzen enorm sein würde. Entsprechend richtete das Organisationsteam ihr Augenmerk vor allem auf Rennwagen mit historischem Bezug zur Rennstrecke. Zugelassen waren Fahrzeuge aus der Zeit von 1924 bis 1940. 450 Piloten konnten sich schliesslich einen der begehrten Startplätze sichern. So wurden in der Startliste 300 Autos und 150 Motorräder geführt.
Es gab ein Wiedersehen mit vielen längst verschwundenen Fabrikaten. Hatten doch viele Marken den II. Weltkrieg nicht überstanden. Am 11. und 12. Mai 2024 wurden sie für zwei Tage wieder zum Leben erweckt. Die Gefährte waren in 11 Gruppen eingeteilt. Am Samstag und Sonntag durften die Fahrzeuge jeweils zweimal für 15 Minuten auf die Strecke.
Wagen mit Montlhéry-Vergangenheit
Den Maserati 8 CM von Kurt Hasler findet man drei Mal auf Startlisten in Montlhéry. Am 9. September 1934 siegte Benoit Falchetto mit dem Wagen am GP de L’U.M.F. Montlhéry. Der Rennwagen mit einem 3000 ccm 8-Zylinder-Motor stand später während vieler Jahre in Ungarn im Einsatz. Entsprechend ist das Fahrzeug noch heute in den ungarischen Nationalfarben lackiert.
Im Jahre 2007 konnte Hasler den Wagen in die Schweiz holen. Er unterzog den Rennwagen einer Totalrestauration und brachte ihn wieder in den Originalzustand von 1937.
Ein spezieller Wagen am Revival 2024 war der Bugatti Type 36/35A 1493 ccm. Im Jahre 1925 stellte Bugatti den Typ 36 vor. Das Fahrzeug hatte einen kompressorlosen 8-Zylinder-Reihenmotor, wie er auch im 1,5 Liter Typ 35 eingebaut wurde. Der 36er Prototyp trat am 17. Mai 1925 zu einem Rennen auf der Rennstrecke von Montlhéry an. Da auf eine Hinterradfederung verzichtet wurde, galt der Wagen als schwer beherrschbar.
Aufgrund der schlechten Erfahrungen in Montlhéry wurde der Wagen modifiziert. Die Hinterachse mit Blattfedern versehen und der Motor erhielt einen Kompressor. Alle drei Typ 36 wurden später auf ein bewährtes Typ 35C Chassis umgerüstet.
Fliegende Bananen?
Ein Feld von 34 Three Wheelern wurde unter der Bezeichnung Flying Banana auf die Strecke geschickt. Wofür der Name “Flying Banana” steht, entzieht sich dem Schreibenden. Vielleicht weil einige dieser Fahrzeuge (Sandford) ein Heck haben, welches entfernt an eine Banane erinnert? Bekanntester Hersteller von sportlichen Dreirädern war und ist die britische Firma Morgan.
Der Prototyp Morgan Runabout wurde erstmals 1910 auf einer Messe in London der Öffentlichkeit vorgestellt. Die Fahrzeuge wurden sowohl mit quer eingebauten V-Motoren verschiedener Hersteller als auch mit Reihenvierzylinder (Ford) ausgeliefert.
Sandford wurde 1922 von dem ehemaligen britischen Motorradrennfahrer Malcolm Stuart Sandford in Paris gegründet. Er brachte eine Reihe überflüssig gewordener Militärmotorräder aus dem Ersten Weltkrieg auf die Strasse.
Darmont war ebenfalls ein französischer Hersteller, der eine Lizenz zum Bau von Morgan-Fahrzeugen erwarb und diese mit leichten technischen Änderungen unter dem Namen Darmont-Morgan auf den Markt brachte.
Viele Schweizer bei den Motorrädern
Die Motorräder wurden in drei Kategorien eingeteilt, wobei die Gruppe Motocyclettes Pré 1919 & Exception mit Abstand das grösste Feld bildete. Wer erinnert sich noch an Marken wie Blumfield, Lurquin & Coudert oder Alcyon? In Montlhéry drehten sie 2024 ihre gemächlichen Runden. Dieses Feld hatte das Privileg, beide Steilwandkurven benützen zu dürfen.
Wesentlich rasanter ging es in der Klasse Motos GP zu und her. Es ist immer wieder beeindruckend, mit welch irrem Tempo die Starrahmen-Gefährte um die holprige Piste gejagt werden. Klar, dass bei den Motor-Innereien kaum eine Schraube unangetastet blieb. Für die einen Oldtimerliebhaber ein Sakrileg, für die anderen die konsequente Weiterentwicklung dessen, wofür die Maschinen einst gebaut wurden – um schnell zu fahren und Rennen zu gewinnen.
Auch in der Klasse Course & Sport waren nicht nur etliche Schweizer Fahrer, sondern mit Motosacouche und Condor auch ehemalige bekannte Schweizer Motorradmarken auf der Piste. Unter all den exklusiven Zweirädern fanden sich auf der Startliste zwei Brough-Superior. Eine MK1 SV und eine SS 100. Letztere wurden damals mit einem Zertifikat ausgeliefert, dass die Maschine mindestens 100 mph (161 km/h) erreicht – und das bereits 1924!
Broughs bekanntester Kunde war der britische Oberst, Spion und Schriftsteller T. E. Lawrence, bekannt als Lawrence von Arabien. Er verunglückte am 13. Mai 1935 mit seiner Brough Superior SS 100 schwer und erlag sechs Tage später seinen Verletzungen.
Ein Bugatti mit Maserati-Motor
Der italienische Rennfahrer Graf Luigi (Gigi) Premoli brachte im Juni 1932 in Monza mit dem BMP Bugatti-Maserati-Premoli Course einen aussergewöhnlichen Wagen an den Start. Premoli war im Besitz eines Bugatti T35, welcher aber leistungsmässig nicht mit den damaligen 8-Zylinder-Maserati mithalten konnte. Maserati andererseits war in einer finanziell schwierigen Situation, sodass sie Motoren auch für andere Fahrzeuge, ja sogar für Rennboote verkauften. Luigi Premoli bestückte in der Folge das Chassis seines Bugatti mit einem 2,5-Liter-Maserati-Motor. Getriebe, Vorder- und Hinterachse sowie die Karosserie wurden vom Bugatti übernommen. Der Kühler inklusive Maske wiederum stammte von Maserati.
Luigi Premoli setzte den Wagen in verschiedenen Rundstrecken- und Bergrennen mit mässigem Erfolg ein. Ende 1932 wurde er bei einem schweren Unfall in Coppa Ciano Montenero erheblich verletzt. Noch aus dem Krankenbett bestellte er bei den Maserati-Brüdern den ersten der neuentwickelten 3,0 Liter Motoren (Nr. 3003). Das Fahrzeug wurde mit diesem Motor komplett neu aufgebaut. Das Chassis, die Motor-und Getriebeaufhängung wurden massiv verstärkt. Mit diesem neu aufgebauten Renner konnte Premoli zahlreiche Siege und Podestplätze einfahren. Gemäss der Familie Premoli fiel der Wagen im II. Weltkrieg den Nazis in die Hände und gilt seitdem als verschollen.
Wiedergeburt in der Schweiz
Inspiriert durch diese Geschichte baute der Innerschweizer Oldtimer-Garagist Edy Schorno innerhalb von sechs Jahren eine Replica (Recreation) dieses Rennwagens auf. Vorher holte er sich bei der Familie Premoli in Italien das OK für sein Projekt ein.
Schorno konnte ein Bugatti T30 35-Chassis erwerben, welches wahrscheinlich aus den 60ern stammt. Zusätzlich konnte er Getriebeteile, Lenkgetriebeteile und eine hohle GP-Achse sowie Karosserie-Teile besorgen. Was fehlte, war ein passender Maserati 3,0 Liter Motor. Die Zeiten, in denen man bei den Maserati-Brüdern anklopfen konnte, liegen 90 Jahre zurück und auf dem Oldtimermarkt sind solche Motoren unmöglich zu finden. So entschloss sich Edy Schorno, einen Motor nach einer Original-Vorlage sowie einigen zusammengetragenen Plänen völlig neu herzustellen. Er liess entsprechend Gehäuse, Zylinder, Zylinderkopf und andere Teile giessen. Einige Komponenten wurden im 3D Verfahren gedruckt. Alle Teile wurden in seiner Werkstatt selbst bearbeitet, dazu unzählige fehlende Teile hergestellt.
Am Vintage Revival Montlhéry erlebte der Wagen genau 100 Jahre nach seiner Geburt resp. 92 Jahre nach seinem Umbau eine Wiederauferstehung. Edy Schorno hegt die berechtigte Hoffnung, mit dem einmaligen Wagen dereinst am Goodwood Revival an den Start gehen zu können.
Pic-Pic, das Fabrikat aus Genf
Eine international wenig bekannte Marke ist Piccard-Pictet. Die Fahrzeuge der Genfer Firma waren unter dem Namen Pic-Pic bekannt und wurden bis 1920 von der Ateliers Piccard-Pictet & Cie hergestellt. Es wurden verschiedene eigene Motoren eingebaut, zum Teil auch von Hispano-Suiza. Am diesjährigen Revival war ein 1918er Sturtevant-Special am Start. Nachdem die Firma Pic-Pic 1920 Konkurs anmelden musste, wurden die Fahrzeuge noch bis 1924 bei Gnôme et Rhône gebaut.
Die Pic-Pic galten als sehr robust und wurden von der Schweizer Armee in einer grösseren Stückzahl beschafft und bis in die späten 1930er-Jahre eingesetzt.
Einige Monster…
Heute ist Downsizing ein Schlüsselwort im Automobilbau. Doch vor rund hundert Jahren war gross, grösser, am grössten angesagt. Zumindest wenn es um Rennwagen oder Rekordfahrzeuge ging. So wurden Wagen (oder schon fast Monster?) mit bis 28ˈ400 ccm Hubraum gebaut. Nicht für die Strasse, sondern für Rekordversuche bei denen man die Leistungsfähigkeit der Marke unter Beweis stellen wollte. Einige dieser «Monster» waren auch in Montlhéry zu bestaunen.
Der Darracq 200 CV mit 25ˈ400 ccm erregt immer wieder Aufsehen. Er ist wahrscheinlich der erste Rennwagen mit einem V8-Motor und das erste Auto, das offiziell über 200 km/h schnell war. Das Fahrzeug ist minimalistisch konstruiert und die Nackenhaare sträuben sich, wenn es lautstark zum Leben erweckt wird.
Der Leyland Thomas N°1 hat in den 1920er-Jahren 16 Geschwindigkeitsrekorde gebrochen. Das Fahrzeug basiert auf dem Leyland 8, einem Luxusauto, das aber aufgrund seines Preises ein finanzieller Misserfolg war. John Godfrey Parry-Thomas baute den Wagen später zu einem Rennfahrzeug um. Allerdings endete das Projekt tragisch. Der Wagen überschlug sich in Pendine Sands 1927 beim Versuch, einen neuen Geschwindigkeitsrekord aufzustellen.
Thomas starb am Steuer seines «BABS» genannten Fahrzeuges. Das Fahrzeug wurde an Ort und Stelle vergraben, 1969, 42 Jahre später ausgegraben und einer 15 Jahre dauernden Restauration unterzogen.
Ein weiteres Rekordfahrzeug ist der Napier-Railton. Der Wagen aus dem Jahre 1933 wird von einem Napier-Lion-W12-Flugzeugmotor mit 24ˈ000 ccm angetrieben.
Zwischen 1933 und 1937 brach der Napier-Railton mehrere Geschwindigkeitsweltrekorde in Brooklands, Montlhéry und auf dem Bonneville Salt Flat in Utah.
…und ein Biest
Hubraumkönig am diesjährigen Revival war der FIAT S76 Racing. Der in nur zwei Exemplaren gebaute Wagen verteilte 28ˈ400 ccm auf vier Zylinder. Elegant wäre sicher das falsche Wort für dieses Gefährt von 1911. Es ist hoch und mächtig, es erinnert schon fast etwas an eine Lokomotive. Es sollte als Biest von Turin in die Motorsportgeschichte eingehen. Als Leistung wurde rund 290 PS bei 1900 U/min angegeben.
Der Motor brummt nicht, er donnert, Flammen schiessen aus den beiden mächtigen Auspuffrohren, der Boden vibriert.
Auch wenn das Biest nie einen Weltrekord aufstellte, so ist es eines der eindrucksvollsten Fahrzeuge der Vorkriegszeit. Bemerkenswert, der Wagen ist aus England auf Achse nach Montlhéry angereist!
Abruptes Ende der Veranstaltung
Leider musste der Event vorzeitig abgebrochen werden. Am Nachmittag hatten sich dunkle Wolken am Himmel zusammengezogen. Einige Blitze waren zu sehen und zu hören. Leider hat in der Folge ein Blitz mitten im Fahrerlager eingeschlagen. Das Revival wurde daraufhin sofort abgebrochen.
Schade, es war bis zu diesem Zeitpunkt eine rundum gelungene Veranstaltung mit fantastischen Fahrzeugen und sehr vielen Besuchern. Dem Veranstalter unter der Leitung von Vincent Chamon und seinen unzähligen Helfern gehört ein ganz grosses Dankeschön!
Festival im Oktober 2024
Für alle, die das Vintage Revival verpasst haben, ergibt sich am 12./13. Oktober 2024 eine weitere Gelegenheit historische Fahrzeuge auf dieser einzigartigen Rennstrecke zu erleben. Die UTAC der Streckenbetreiber veranstaltet mit dem Centenary Festival ein Event, an welchem Besucher diverse Oldtimer und Youngtimer bewundern können. Ein Besuch dürfte sich lohnen.
























































































































































































































































































































































































































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