Kleiner Prolog aus dem Leben eines Schreiberlings: Auf der Suche nach einer launigen Einleitung wurde die Google-Suche bemüht, um einen Bezug zu einem fröhlichen Schlager aus den 1920ern über den Berliner Kurfürstendamm herzustellen. Nun, die Suchergebnisse lieferten eher düstere Deutschrap-Texte jüngeren Datums zutage. Beim Querlesen dann: Camaro (also Chevrolet), Maybach (auch -ufer, aber auch Auto), Mercedes, Lambo (Lamborghini), Bentley, Santana (nein, da war wohl Carlos gemeint, kein VW), Porsche, CL (wohl das S-Klasse-Coupé, kein VW Jetta CL). Einige Rap-Barden seien angeblich auch zu Fuss über den Ku'damm gegangen oder gar mit dem Bus gefahren – oder beklagen ein 30-Euro-Ticket für Falschparken. Nix also mit Schlager. Und die eindringlich besungene Berliner Luft – naja…
Wie dem auch sei: der Ku'damm scheint untrennbar mit Autos verbunden zu sein. Nicht nur, dass der Künstler Wolf Vostell dort 1987 zwei Cadillacs als dauerhafte Installation einbetoniert hat. Auch zur 125-Jahr-Feier des Kurfürstendamms im Jahre 2011 gab es ein grosses Oldtimertreffen. Seitdem werden die Classic Days Berlin regelmässig Anfang Mai oder Anfang Juni auf dem Ku'damm zelebriert, von den Corona-bedingten Absagen einmal abgesehen.
Samstag Regen, Sonntag Sonne
Am 6. und 7. Mai 2023 wurden wiederum rund 2000 historische Fahrzeuge und ca. 700'000 Besucher erwartet, der Ku'damm dafür auf zwei Kilometern Länge voll gesperrt. Weil Oldtimertreffen in aller Regel unter freiem Himmel stattfinden, muss an dieser Stelle über das Wetter gesprochen werden. Der Mai kommt in diesem Jahr etwas aprilfrisch daher, und so war der Samstagmorgen noch ziemlich verregnet. Richtig trocken wurde es den ganzen Tag nicht mehr, und so fanden sich auch nur die wetterfesten und winterharten Oldtimerbesitzer mit ihren kostbaren Fahrzeugen ein. Der Eigner des grauen Citroën 11 CV aus unserer Bildergalerie berichtete gar von einer eindeutigen Wetterfühligkeit seines Schätzchens: am Samstag ist er einfach nicht angesprungen, am Sonntag dagegen ohne weiteres Zutun sofort losgeschnurrt.
Wie der Regen, tröpfelte am ersten Tag dann auch das Publikum eher spärlich über den Prachtboulevard. Das änderte sich am Sonntag dramatisch. Der sonnige Himmel sah hunderte historische Fahrzeuge und viele zehntausend interessierte Besucher. Ob es am Ende die angepeilten 2000 Autos und 700'000 Menschen wurden, sei dahingestellt. Gefühlt wurde an Betrieb am Sonntag nachgeholt, was am Samstag ausgeblieben war.
Volksfestartiger Andrang am Sonntag
Man darf der Veranstaltung – ohne böse Absicht – einen gewissen Volksfestcharakter attestieren. Der grosse Zuspruch ist sicher sowohl der zentralen Lage im (West-)Berliner Zentrum als auch dem Umstand geschuldet, dass kein Eintrittsgeld verlangt wird. Und so bildete das Publikum lange Schlangen vor Getränke- und Verpflegungsständen und teilweise gigantische Menschentrauben um die besonders interessanten Fahrzeuge. Dem Berichterstatter machte dies sein Werk nicht eben leichter, und so blieben die langen Brennweiten von vornherein im Fotorucksack. Dankenswerterweise griff so mancher Oldtimerbesitzer beherzt in den Besucherstrom ein und ermöglichte einen schnellen "Abschuss" seines Fahrzeugs. Dem ernsthaften Ansatz des automobilen Klassikers als rollendes Kulturgut wurde auf den Classic Days unter anderem von einer höchst sach- und fachkundigen Moderation der einfahrenden Fahrzeuge Rechnung getragen.
Spannender Fahrzeugmix
Und an interessanten Fahrzeugen wurde so einiges geboten. Zwar darf man auf Oldtimertreffen, zu denen meist auf eigener Achse angereist wird, nicht viele Exponate aus der Messing-Ära erwarten. Auch an Vorkriegsfahrzeugen gab es nur wenige zu sehen, zumindest gemessen an der Gesamtzahl der ausgestellten Autos. Der klare Schwerpunkt lag bei Fahrzeugen der '60er- und '70er-Jahre, mit einem erstaunlich hohen Anteil von US-Klassikern.
Bemerkenswert auch, dass das noch vor kurzem von uns kommentierte Ranking (20. April 2023, "Immer mehr Oldtimer und Youngtimer in Deutschland") der in Deutschland mit H-Kennzeichen zugelassenen Fahrzeugen regelrecht auf den Kopf gestellt wurde. Der Berichterstatter fand nur wenige Mercedes-Benz der Baureihen W 123 und W 124 vor, dafür eine ganze Armada "Strichachter", also W 114 und W 115. Ebenso war der meistzugelassene Youngtimer, der VW Golf, stark unterrepräsentiert. Überhaupt gab es gefühlt mehr Corvettes als Volkswagen. Auch die Opel-Szene trat in grosser Stärke auf. Allein der Opel-GT-Club kam mit mehr als einem Dutzend Fahrzeugen.
Frankophile Youngtimerfans wurden ebenso fündig, wobei es vor Mitte der Sechziger schon sehr dünn wurde und zum Beispiel Simca gar nicht vertreten schien. Mit Japanern sah es auch eher mau aus, wohingegen die Briten mit einigen Rolls-Royce, Bentley, Triumph und einer ganzen Reihe MG und Austin-Healey recht gut sortiert auftraten. Heimlicher Star des Berichterstatters war ein wenig beachteter Opel Rekord C als Deutsch-Cabrio. Von diesem Modell hat die Karl Deutsch GmbH in Köln-Braunsfeld im Jahre 1967 gerade mal 50 Stück gebaut. Star des Publikums war fraglos ein Bentley Speed-Six, der leider in unserer Bildergalerie fehlt – die Menschentraube um dieses Schmuckstück war so dicht und nachhaltig neubildend, dass ein Foto unmöglich war.
Das Schöne an solchen eher zwanglosen Oldtimertreffen ist die enorme Bandbreite an Fahrzeugen. Von Alltagsfahrzeugen im Besser-als-neu-Zustand wie dem Opel Kadett GTE oder den beiden IWL-Wiesel-Rollern bis zu etwas patinierten Klassikern, die alle zwei Jahre einen wohlmeinenden Prüfer brauchen, über mehr oder weniger frei interpretierte Zitate von Rennsport-Kostbarkeiten wie dem kleinen Abarth 1000 TC ist alles dabei. Geschätzte 95 Prozent der Fahrzeuge sind in Privatbesitz. Dadurch wird so eine Veranstaltung wesentlich stärker von der regionalen Club-Szene und lose assoziierten Enthusiasten dominiert als von Zulassungsstatistiken. Um so schöner, dass am Ku'damm auch die Autostadt mit einer Beutler-Pritsche, einem Amphicar und einem Rometsch-Coupé vertreten war – Fahrzeuge, die man sonst fast nur in Museen sieht.
Alle zufrieden
So waren denn am Sonntag wohl alle zufrieden: Fahrzeugbesitzer und Publikum, Veranstalter, Gastronomen und Gewerbetreibende in KFZ-Gutachten, Versicherungen, Neuwagen, Immobilien, Fahrzeugrestaurierungen und KFZ-Zubehör, die am Rande des Boulevards ihr Lager aufgeschlagen hatten. Wobei der Begriff Lager die schicken Glaskuben nicht wirklich zutreffend beschreibt, die ihnen der Veranstalter zur Verfügung stellte. Einzig der Fotograf war nicht so ganz glücklich, hätte er sich doch hier und da noch mehr "freies Schussfeld" gewünscht. Andererseits muss eine Berichterstattung von einer so grossen Veranstaltung letzten Endes unvollständig bleiben. Besser ist, man geht selber hin.

































































































































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