Kaum jemand hatte es für möglich gehalten, dass sich Kenner und Fans der automobilen Exoten von Günter Artz jemals wieder an historischer Stelle treffen würden. Aber dank des unermüdlichen Chambrierens von Arno Albert, Logistikprofi in Rheinhessen und selbst Besitzer mehrerer Schmuckstücke aus dem einstigen Autohaus Nordstadt, kamen am letzten September-Wochenende 15 jener spektakulären Zeitzeugnisse an der Vahrenwalder Straße 203 im Norden Hannovers zusammen.
Ermöglicht hatte dies Tobias Twele, Chef von Volkswagen Nutzfahrzeuge Oldtimer, deren Räumlichkeiten sich genau dort befinden, wo Artz ab Ende der 60er-Jahre seine Umbauten auf die Räder gesetzt hatte. Twele, ein ausgewiesener Car-Guy, hatte überhaupt kein Problem damit, auch Fahrzeuge der Konkurrenz im Showroom und vor dem Ausstellungspavillon auszustellen.
Am Samstag reisten sie an, die modifizierten Schönheiten, die auf VW, Audi und Porsche, aber eben auch auf Opel und Mercedes basieren. „39 Autos hat Günter Artz bis in die 90er hinein gebaut, mindestens 35 davon existieren noch“, ist sich Arno Albert sicher, „und wir haben jetzt knapp die Hälfte aller Überlebenden nach Hannover geholt!“ Wieder zeigt sich, dass forschen Behauptungen aus dem Internet nicht unbedingt zu trauen ist. Wird doch dort von „150 bis 200 Unikaten“ geschrieben.
Was nicht zuletzt an Günter Artz selbst gelegen hat. Mit einem gehörigen Maß an Schlitzohrigkeit nannte er meist viel zu hohe Zahlen, um mit seinen Ankündigungen den Speichelfluss der Aficionados kräftig am Laufen zu halten. So brachte er seine Schöpfungen immer wieder auf die Titelseiten großer Magazine wie auto motor und sport und Playboy – und warb damit für das VW/Audi-Autohaus, als dessen Verkaufsleiter er fungierte.
„So oft ich konnte, fuhr ich mit meinem Fahrrad zur Ponderosa – so nannte Günter seinen Verkaufstempel für Exoten aller Coleur – um mir die Traumautos meiner Jugend anzuschauen“, bekennt Thomas Aries, der 1978 ein nagelneues 1303 Käfer-Cabrio bestellte, einen Oettinger-Motor einbauen ließ und den edel ausgestatteten Wagen anschließend entsprechend der von Artz erdachten Langzeitkonservierung fast 35 Jahre lang eingeschweißt stehen zu lassen. Erst 2014 kam er auf die Straße und wird behutsamst bewegt: „Für die Anfahrt zu den bisherigen drei Artz-Treffen im Technikmuseum Speyer, nahm ich mir immer zwei, drei Tage Zeit.“
Andere sehen das ganz anders. Klassikprofi Dino Pannhorst, der den ersten von zwei Golf/Porsche 928 besitzt, bewegt sein Spielzeug artgerecht: „Der mag es, mal richtig zu rennen“, sprach's und startet den schwarzen Exoten, dass der Kies nur so stiebt. Allein das röhrende und fauchende Geräusch des V8-Motors macht süchtig. Was der Initiator des Treffens gleichermaßen so oft wie möglich auslebt: Arno Albert gibt seinem 1980 als zweiter entstandener Golf/Porsche 928 – der bereits über einen 928 S-Motor verfügt – gar zu gern die Sporen. Und ist glücklich, erstmals beide Kostbarkeiten nebeneinander stehen zu wissen. Szenenapplaus ist ihm stets sicher. Das gilt auch für seinen erstmals wieder in die Öffentlichkeit gebrachten Scirocco Pickup, der dank eines getunten 1,8-Liters auf immerhin 148 PS kommt. Das Auto soll eine Zeit lang für Volkswagen Motorsport im Einsatz gewesen sein.
Generell kursieren diverse Anekdoten über illustre Vorbesitzer der Exoten, von denen nicht alle unbedingt stimmen. Dass sich Louis Krages alias John Winter (ein vermögender Holzhändler und LeMans-Sieger von 1985) mehrere Autos bauen ließ, ist unstrittig. Aber auch Herbert von Karajan und Huschke von Hanstein werden genannt. Legenden und Gerüchte begleiten die meisten Artz-Kreationen, und das war von Günter Artz zweifelsohne so gewollt.
Auch die allerersten Umbauten – beispielsweise der Nordstadt-Käfer und der Nordstadt-Express – standen bereit: im Showroom und dann vor der heutigen VW-Dependance, wo Tobias Twele sogar die Nordstadt-Originalschilder anpinnen ließ. Stilvoller geht es kaum. Beide Erstlinge verfügen über Porsche-Sechszylinder und bestechen durch liebevoll gemachte Details. Und beide sind ebenfalls Unikate. Im Laufe des Wochenendes zeigte es sich, dass von wenigen Ausnahmen abgesehen nahezu alle Artz-Schöpfungen Einzelstücke waren. Lediglich vom Sciwago – einem Shooting Brake auf Basis des Scirocco I – entstand eine Kleinstserie von acht Stück. Der einstige Chef hatte indes 50 und mehr Exemplare in Aussicht gestellt… Ähnliches gilt für die offenen Golf-Versionen.
Am liebsten aber mochte das schillernde Verkaufsgenie schicke und gern hochmotorisierte Kombiversionen, um seine Hunde standesgemäß chauffieren zu können. Darum ließ er von seinen begnadeten Technikern sowohl einen Porsche 928 (vom Norweger Paul Rui nach Hannover gebracht) als auch einen Porsche 924 (bis heute verschollen) als Kombi zusammenbauen – und machte unter Zuhilfenahme eines Ford-Granada-Turnier-Hecks aus einem Audi 200 einen Fünftürer (der anschließend noch bei Treser aufgebrezelt wurde). Besitzer des Unikats ist Thomas Höing, der in Stadtlohn das Siku-Museum betreibt: „Ich habe als junger Mann alles gesammelt, was hier in Hannover entstanden ist“, sagt er, „ich habe sogar mit Günter Artz telefoniert, aber ihn nie persönlich getroffen.“
Auch weitere weitgehend unbekannte Kombi-Schöpfungen des umtriebigen Automannes präsentierten sich: ein Audi Urquattro mit Hecktür, dazu ein Mercedes 500 TE – also ein Mix aus dem bei Porsche gebauten 500 E und dem S124-T-Modell. Letzteres Auto sowie einen gleichzeitig aufgebauten Opel Senator Kombi nutzte die Artz-Familie auch privat, wie sich die als Ehrengast anwesende Ehefrau erinnerte. Der Opel ist derzeit in Restauration und gehört zur Sammlung von Arno Albert.
Nachvollziehbar, dass Artz irgendwann den Bogen überspannte. Obwohl er im Interesse seiner Company marketinggetriebene Aktivitäten wie die Festpreis- und Langfristgarantie „erfunden“ hatte. Er überwarf sich mit den Eignern des VW/Audi-Autohauses und verließ das Unternehmen, um sofort mit der wenige hundert Meter entfernten Firma Opel Blitz weiterzumachen. Dort ging er erneut an den Aufbau von Silhouette-Fahrzeugen auf Basis mehr oder weniger braver Serienwagen an.
Legendär waren sein Opel Cordett, ein Mix aus Corvette C4 und Opel Kadett E GSi. Außerdem initiierte er den Lotus Calibra, wobei eine Calibra-Karosse auf den Unterbau des Lotus Omega gesetzt wurde. Genau wie beim Golf-Porsche 928 waren die vermeintlichen Opel bis zu 30 cm länger und bis zu 20 cm breiter. Der szenebekannte Jürgen Reitz aus Rüsselsheim besitzt beide Einzelstücke, denen er über Jahrzehnte nachgejagt ist: „Das hier realisierte Maß an Understatement begeistert mich jedes Mal neu.“
Auch bei und mit Opel kam es irgendwann zum Zerwürfnis, und Artz handelte anschließend mit japanischen Autos. Zu seinen neuen Geschäftsmodellen gehörte das erwähnte Langzeit-Konservierungskonzept, das als A.R.T.Z. Konservierung heute noch existiert. Seine einstigen Mitarbeiter waren – und sind – weiterhin bestens auf ihn zu sprechen. Einige von ihnen bereicherten das Wochenende mit Erinnerungen und Anekdoten, die manch gängige Interneteinträge Lügen strafen.
Am Sonntag kurz vor Ende der Veranstaltung gab sich der inzwischen 84jährige Tausendsassa dann doch noch die Ehre. Schwer angeschlagen hält er sich ansonsten aus der Öffentlichkeit heraus. Organisatoren, Freunde und Ex-Mitarbeiter waren tief gerührt, es flossen Tränen. „Als er plötzlich auf dem Platz stand, wurde es absolut still – und alle hatten einen Kloß im Hals. Es war für uns alle der emotionalste Moment bei so einem Treffen“, resümiert Jürgen Reitz. Fotos waren aus verständlichen Gründen nicht erwünscht. Über 100 Fans und Zaungäste schwiegen respektvoll. Der Stargast verschwand derweil in der Klassik-Sammlung der „Nutzis“, wie sie sich selbst nennen. Besser konnte es für die Macher dieses Treffens gar nicht gelaufen sein!
Liste der Teilnehmerfahrzeuge beim Artz-Treffen 2024 in Hannover
- Nordstadt Käfer – 1303er Käfer-Karosse auf 914-Basis als Zweisitzer mit Porsche-Sechszylinder-Mittelmotor (jetzt 3,6 L 325 PS), einer von zwei (ab 1972)
- Nordstadt Express – 411 LE mit Porsche-911-Heckmotor (jetzt 3,0 L), Unikat (1971)
- Käfer 1303 Cabrio von 1979 – Sonderserie mit luxuriöser Ausstattung (z.B. Leder und elektrische Fensterheber), war 35 Jahre eingeschweißt/konserviert, mindestens 50 Stck, Exponat hat Oettinger-Motor 85 PS.
- Golf/Jetta Cabrio – Basis Golf Cabrio mit angeschweißtem Jetta-Heck, abnehmbarer Überrollbügel, acht Stck (1980)
- Golf Speedster – um 20 cm gechoppt, dazu Tieferlegung, 1,6-Liter-4V-Schrick-Motor, 14-Zöller, König- statt Recaro-Sitze, sechs Stck. (1982)
- Golf/Porsche 928 Nr. 1 und 2 – Golf-Karosserie auf Basis Porsche 928, 30 cm länger, 21 cm breiter, Nr. 1 1978 Basis Unfallwagen, 240 PS, Nr. 2 1980 mit 928 S-V8
- Sciwago – Scirocco GTI mit Kombi-Heck, acht Stück hergestellt (1976)
- Scirocco Pickup – Unikat mit leistungsgesteigertem 1,8-Liter 148 PS, war u.a. bei Volkswagen Motorsport im Einsatz (1978)
- Artz Cordett – Kadett-E-GSi-Aufbau auf Corvette C4-Basis (1986) mit 5.7 L V8-Motor mind. 306 PS (Callaway-Tuning), Unikat, 30 cm länger, 20 cm breiter (1986-1989)
- Lotus Calibra – Calibra-Karosserie auf Basis Lotus Omega mit V6-Motor 377 PS, 20 cm länger, 12 cm breiter, Unikat (1992/1993)
- Audi Urquattro Kombi – Umbau des Coupés mit Kombi-Heck, Unikat (1979)
- Porsche 928 Kombi – umklappbare Rückbank, AHZ, Unikat (1980)
- Mercedes 500 TE – Basis 500 E, angeschweißtes Heckteil S123, V8-Motor, zwei Stck (1991/92)
- Audi 200 Kombi – verlängerte C2-Limousine mit Heck des Granada-Turniers, anschließend weiterer Umbau bei Treser mit Audi-100-Front, 2,2 L über 250 PS (1981)

















































































































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