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Wo der Porsche-Fahrspass beginnt (Buchbesprechung)

Erstellt am 3. Mai 2020
, Leselänge 8min
Text:
Holger Merten
Fotos:
Motorbuch Verlag (Repro Zwischengas) 
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Motorbuch Verlag 
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Ist es nicht seltsam? Im Schatten des ewig währenden 911 agiert eine zweite etwas unauffälligere Porsche-Szene. Die des 356. Dabei ist dessen Bedeutung gar nicht hoch genug einzuschätzen. Schliesslich legte man mit dem Ur-Porsche kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs noch im österreichischen Gmünd, im Maltatal, den längst überfälligen Schritt des Konstruktionsbüros Porsche zum Automobilhersteller. Trotz der kargen Nachkriegsphase konnten die ersten zweiundfünfzig handgefertigten Alu-Coupés und -Cabriolets an den Mann und die Frau gebracht werden.

Mit dem Umzug an den ehemaligen Firmensitz in Stuttgart gelang dann in Zusammenarbeit mit der Karosseriefabrik Reutter der erfolgreiche Aufbau der Porsche 356 Produktion zum Vertrieb in die ganze Welt. Immerhin weitere 15 Jahre Jahre blieb der 356er im Programm, bevor der 911er in endgültig ablöste.

Immer wieder gerne gezeigtes Alpenpass-Sujet - Buch "Porsche 356 Fahrspass für Geniesser"
Copyright / Fotograf: Motorbuch Verlag (Repro Zwischengas)

Der Autor, ein 356-Fan

Manche mögen sich noch an das Cover der ersten Motor-Klassik-Ausgabe im Spätsommer 1984 erinnern. Neben einem 300 SL und einem BMW 507 warb auch ein Porsche 356 um die Gunst der anvisierten Leserschaft. Dirk-Michael Conradt, der Auto der Titelstory, blickte 30 Jahre zurück ins deutsche Wirtschaftswunderstreben. Die drei deutschen Sportwagen verkörperten dabei in der Erstausgabe den neuen Klassikmassstab, den das Blatt unter die deutsche Leserschaft ausbreiten wollte.

Conradt – seines Zeichens neu gekürter Chefredaktor – hatte während seiner Zeit bei auto, motor und sport das neue Blattkonzept mit viel Anregung aus Grossbritannien erfunden und für den hiesigen Markt adaptiert.

In diesem, seinem ersten Bericht blitzt Conradts Faszination für den 356er auf. Während Mercedes und BMW mit Hubraum und Wagenmassen auftrumpfen, war es die kompakte Leistungsfähigkeit des 356er Porsches, die Conradt hervor hob. „Porsche favorisiert Fahrmaschinen - ohne Glamour, ohne Effekte. Wie bei wenigen anderen Sportwagen ist beim 356 (und danach auch beim 911) die Karosseriegestaltung der Funktion untergeordnet. Heraus kommt unter solchen Vorzeichen naturgemäß kein Protz- und Prunk-Mobil für Angeber sondern ein auf Wesentliches beschränktes Sportgerät für aktive Piloten.“ Was sind schon ein 300 SL oder ein 507er, wenn man dagegen einen 356er mit Fuhrmannmotor über die Landstrasse scheuchen darf?

Fahrspass für Geniesser

Der konsequenten Einordnung von damals steht aktuell der Untertitel von Conradts 356er neuestem Werk gegenüber. Sein Fazit von 1984 klang sportlicher: Fahrspass ja, Genuss dann eher für eine Randgruppe von Sportpiloten? Den Genuss soll im ersten Kapitel des Buches eine mehr als 30-seitige Fotostrecke als Einführung unterstreichen.

Beliebtes Fotomodell - Buch "Porsche 356 Fahrspass für Geniesser"
Copyright / Fotograf: Motorbuch Verlag (Repro Zwischengas)

Zahlreiche Fotos aus dem Porsche-Archiv zeigen den 356er in unterschiedlichen Szenen, zumeist Abbildungen aus dem Pressearchiv oder der Kundenzeitschrift Christophorus – überdurchschnittlich viele Damen am Volant eher untermotorisierter 356er unterstreichen die Leichtigkeit des frühen Porschefahrens. „Der 356er fährt so unbeschwert wie er aussieht: handlich, leichtfüssig, mit geringem Kraftaufwand für Arme und Beine“.

Fast wie ein Käfer spinnt man den Gedanken zu Ende. Damit grenzt der Autor den 356er gleich mal von zeitgenössischen Sportwagen aus dem In- und Ausland ab, die mit viel Brems- oder Kupplungsaufwand sowie festem Handgriff um die nächste Ecke gezwungen werden mussten. „Wie wenige Automobile seiner Epoche vermittelt so ein Porsche 356 das Gefühle einer unerschütterlichen Solidität (…).“ Kein Zweifel, seine Einstellung zum 356er hat Conradt seit 1984 nicht aufgegeben. Selbst die im Vorwort beschriebene gnadenlose Bruchlandung mit seinem ersten 356er Kauf, bei der die Restaurierung in einem Fass ohne Boden zu enden drohte, kann daran nicht geändert haben: „Scheunenfund als Grenzerfahrung“, beschreibt er seine erste Knickscheibe, der dann ein Schweizer Enthusiast letztlich ein neues Leben einhauchte.

Zwölf Kapitel für eine Modellevolution

In insgesamt zwölf Kapitel teilt Conradt sein über 250-seitiges Werk ein. Das beginnt bei den Ursprüngen der Marke, schliesst Modelle und Technik mit ein und hört bei Machern, Promis und dem Motorsport erst auf. Den stets eher knappen, aber doch lesenswerten Texten eines jeden Kapitels folgt zudem eine umfangreiche Bildstrecke zum jeweiligen Kapitelthema.

Dabei illustrieren die Bilder im mehr oder weniger weitesten Sinne das Kapitelthema, wobei die Bildunterschriften zwischen aussagekräftig und belanglos changieren.

Die Technik - Buch "Porsche 356 Fahrspass für Geniesser"
Copyright / Fotograf: Motorbuch Verlag (Repro Zwischengas)

Manches Bild hat seinen Weg eher aufgrund seiner Bildgestaltung als seines zu betextenden Aussagewerts ins Buch gefunden. Daraus resultiert ein Layout, bei dem das Einfügen relevanter Bilder zum Text zugunsten einer textlichen Kapiteleinstiegs und eines reinen Bildteils zum Ausstieg geopfert wurde.

Grundsätzlich stellt sich da die Frage, ob es nicht sowohl gestalterisch als auch verständlicher wäre, Bilder eindeutiger zu werten und im Fliesstext illustrativ einzubinden, statt jedes Kapitel in Text- und Bildteil einzuteilen. Auf jeden Fall gelingt durch die verschiedenen thematischen Kapitelzugänge dem Varianten- und Facettenreichtum sowie der langen Modellgeschichte auf  breiter Ebene auf den Grund zu gehen und in vielerlei Hinsicht darzustellen.

Standardwerk ja oder nein

Im Klappentext liest sich das so: „Dirk-Michael Conradt, ehemaliger Motor-Klassik Chefredakteur, gehört zu den intimen Kennern der Porsche 356-Geschichte.“ preist der Rücken das Buch an. „Conradt durchforstete die Archive und stiess auf faszinierende Details zum Werdegang des 356, den er in diesem Buch nachvollzieht.“

Porsche-Kenner und 356-Fans werden hier aufhorchen. Schliesslich ist es nicht der erste Versuch des Autors zu einem 356er-Buch. Mag da was Neues zu finden sein?  Ob der Klappentext nun Autor oder Buch adeln sollen oder beide, sei mal dahin gestellt. Gleichwohl wirft das die Frage auf, ob hier ein Standardwerk erworben werden kann?

Die Motoren - Buch "Porsche 356 Fahrspass für Geniesser"
Copyright / Fotograf: Motorbuch Verlag (Repro Zwischengas)

Machen wir es kurz: Verglichen mit anderen Publikationen zum 356er sind nicht wirklich neue Erkenntnisse auszumachen. Standardwerke zeichnen sich durch eben oben angesprochene tiefschürfende Recherchearbeit im Archiv aus. Dazu gehören natürlich auch interessante Bilder, aber Bilderfluten können keine textliche Inhaltsarbeit ersetzen. Zumeist sind die wahren Standardwerke von Automobilen auch nicht von Automobiljournalisten geschrieben, sondern von Anhängern und Fans einer Marke oder eines Modells. Oft verfassen sie nur ein Buch in akribischer Arbeit allumfassend das jahrelang angesammelte Wissen in ein Kompendium packend, um dann einen Meilenstein zu hinterlassen.

Conradt bewegt sich da journalistischer durch seine Texte: stets lesenswert, ja an manchen Stellen gefällig, fehlen allerdings jegliche Verweise auf Archivquellen oder weitere offene Fragen. In einigen Kapiteln lässt sich sogar das Gegenteil feststellen. Während in den letzten zehn Jahren z.B. durch Karl Ludvigsen, Jacques Mertens oder Wolfgang Pyta mittels unterschiedlicher Herangehensweisen das Werden des Unternehmens und seines ersten Modells ausführlich beleuchtet wurden, bleibt Conradt eher dem PR-Erzählgang aus Stuttgart verhaftet und wird beispielsweise der Bedeutung von Ferry Porsches Schwester Louise Piëch für das Unternehmen insbesondere am Anfang in Österreich und damit auch in Stuttgart, nicht gerecht.

Auch die frühe Entwicklung der Gmünd-Modelle ist nur oberflächlich und in vielen Details uneindeutig und nicht zweifelsfrei erzählt. Das geht besser. Da verwundert es auch nicht, dass die frühen Gmünd-Modelle nur am Rand gestreift werden oder manche Bildunterschrift lapidar formuliert wurde, während sich der Spezialist wundert, warum hier die eindeutige Bildzeile fehlt. Es würde an dieser Stelle zu weit führen, noch tiefer in die Details zu gehen: Allerdings setzt sich beim Rezensenten die Erkenntnis durch, das wohl auf eine kniffelige und teilweise auch internationale Recherche verzichtet wurde.

Die Produktion - Buch "Porsche 356 Fahrspass für Geniesser"
Copyright / Fotograf: Motorbuch Verlag (Repro Zwischengas)

Ein teilweise oberflächlicher Stil setzt sich auch im Kapitel „Produktion“ fort. Nicht immer wird zweifelsfrei zwischen den genauen Anteilen von Porsche und Reutter, dem Karrosseriezulieferer, bei dem sich die Porschetruppe eingemietet hatte, unterschieden.

Dem Autor ebenbürtige „intime Kenner“ und Leser werden da schnell mal die Nase rümpfen dürfen. Wohlgemerkt, nicht nur der Klappentext vermittelt den Eindruck, hier auf ein Standardwerk zu treffen. Auch das Vorwort belegt, dass er ein Lesebuch mit Rückgriff auf Archivergebnisse schaffen wollte. Natürlich kann man jetzt einwenden, dass vielen Lesern diese “Korinthenkackerei” gar nicht auffallen würde. Richtig, wenden wir da ein, aber genau für diese Ergebnisse würden wir uns so ein Buch anschaffen. Auch wenn hier auf hohem Niveau lamentiert wird: natürlich kann Conradts Wissen an vielen Stellen auch überzeugen, insbesondere in der akribischen Aufarbeitung der Modellevolution, was für die meisten Leser darüber hinwegtrösten mag, an anderen Stellen so manche Unzulänglichkeit zum 356er in Kauf zu nehmen, weil sie wahrscheinlich den meisten Lesern gar nicht auffallen wird.

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Fazit

Auf über 250 Seiten wird dem Porsche 356 von seinen Wurzeln in Österreich bis in die Garagen der Promis in aller Welt ein Kränzchen gewunden. Gefällig geschrieben, reich bebildert und umfassend herangegangen, fällt allerdings in Details eine nicht immer ganz so vorhandene „intime Kenntnis“ auf, die den 356er-Spezialisten nicht verborgen bleiben kann.

Gerade wegen der gespreizten Kapitelzahl vermisst man ein Kapitel zum Thema Design. Es taucht mehrfach beiläufig, z.B. im Karosseriekapitel auf, jedoch liesse sich durch die konsequente Herausarbeitung der Modellentwicklung aus Designsicht deutlich mehr Hintergrundinformation zum 356er vermitteln.

Die Werbung - Buch "Porsche 356 Fahrspass für Geniesser"
Copyright / Fotograf: Motorbuch Verlag (Repro Zwischengas)

Gleichwohl ist ein Buch zum Porsche 356 entstanden, dessen Autor mit grosser Leidenschaft Marke und Modell in den Mittelpunkt rückt und es entsprechend auf den Sockel hebt.  Wer sich über den Porsche 356, seine Entwicklung, das Unternehmen und mehr als nur ein Bild machen möchte, ist mit diesem Buch gut bedient. Der Preis von knapp € 40,– geht angesichts des eher faden Layouts und des hohen Bildanteils knapp in Ordnung.

Auch wenn der Autor im Vorwort von einem Lesebuch spricht, am Ende stehen Text zu Bild (ohne Anhang) im Seitenverhältnis 1: 5, was die Bildlastigkeit des Buches unterstreicht. Dabei wäre mehr tatsächlich mehr gewesen. Mehr Inhalt, mehr Layout, mehr Buch.

So bleibt es ein umfassender, ansprechend kommentierter Bildband, mit übersichtlichen Texten, vielen Tabellen, Tipps und einem ausführlichen technischen Anhang, auf die jeder, der mehr zum 356er wissen mag – auch mangels Alternativen – nicht verzichten kann. Schliesslich steht der 356 auch bei der Lektüreauswahl stets im Schatten des 911.

Einband - Buch "Porsche 356 Fahrspass für Geniesser"
Copyright / Fotograf: Motorbuch Verlag (Repro Zwischengas)

Bibliografische Angaben

  • Titel: Porsche 356 Fahrspass für Geniesser
  • Autor: Dirk-Michael Conradt
  • Sprache: Deutsch
  • Verlag: Motorbuch Verlag
  • Auflage: 1. Auflage 2020
  • Format:  Gebunden, 240 x 270 mm
  • Umfang: 256 Seiten, 350 Fotos und Abbildungen
  • ISBN: 978-3-613-04262-9
  • Preis: EUR 39,90
  • Kaufen/bestellen: Online bei amazon.de , online beim Motorbuch-Verlag oder in der guten Buchhandlung

Bilder zu diesem Artikel

Quelle:
von ma******
05.05.2020 (09:45)
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