Traditionell am zweiten Septemberwochenende wird Charles Gordon-Lennox, 11. Duke of Richmond, vom Grossgrundbesitzer zum Theater-Intendanten. Denn auf seinem 5000 Hektar grossen Grundbesitz im Südwesten Englands liegt der 3,8 Kilometer lange Goodwood Circuit. Seit 1993 wird der 1948 eröffnete und weitgehend im Originalzustand erhaltene Rundkurs penibelst herausgeputzt, dekoriert und zu einer perfekten Theaterbühne vorbereitet.
Das Stück, das dann in den nächsten drei Tagen aufgeführt wird, heisst Goodwood Revival. Mit ihm hat der Duke of Richmond sie erfunden, die funktionierende Zeitmaschine, und reist mit seinen Besuchern zurück in die Fünfziger- und Sechzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts. Es ist die Zeit, in der der Goodwood Circuit seine goldene Ära erlebte. England und der historische Rennsport werden hier jedes Jahr hingebungsvoll gefeiert.
Die Vergangenheit wird lebendig
Dieses Jahr überschnitt sich das Revival von 16. bis 18. September mit den Trauerfeierlichkeiten zum Tode der englischen Königin Elisabeth II. Doch den Organisatoren der Veranstaltung gelang der Spagat zwischen einem grossartigen Motorsport-Ereignis und würdevoller Erinnerung an die Queen. Alle Flaggen in Goodwood sassen auf Halbmast. Jeden Tag spielte eine Kapelle die englische Nationalhymne, und der Duke of Richmond hielt eine bewegende Rede zu Ehren der verstorbenen Königin, die Goodwood, wo ja auch Pferderennen veranstaltet wurden und werden, viele Besuche abstattete.
Traditionell werden alle Besucher des grandiosen Theaterstückes namens Goodwood Revival zu Komparsen, die massgeblich zum Erfolg der Veranstaltung beitragen. Der Duke hat zwar vorsichtshalber 300 Schauspieler in historischen Outfits angeheuert, sich unter das illustre Publikum zu mischen. Aber das wäre gar nicht nötig gewesen. Die meisten Besucher erscheinen in der Mode vergangener Zeiten und werden ein Teil des Ganzen Schauspiels. Ob im Blumenkinde-Stil der späten Sechziger, im Tweed-Sakko kombiniert mit Knickerbockern oder in historischer Fliegeruniform – hier ist alles erlaubt, nein, sogar erwünscht.
Wem nichts einfällt, der kauft sich zur Anregung den "Dress and Style Guide", den es sowohl für Damen als auch für Herren gibt. Aber keine Sorge, hier wird kein Karneval gefeiert. Es fühlt sich alles stilecht und authentisch an. Die Besucher passen wie ein lebendig gewordenes Schwarz-Weiss-Foto zu den alten Holztribünen, der klassisch erhaltenen Boxenanlage und nicht zu vergessen zu dem, weswegen man eigentlich hier ist: den alten Autos.
Die Zeitmaschine Goodwood funktioniert wie geschmiert. Mit Kauf der Eintrittskarte löst man quasi ein Ticket zurück in eine vermeintlich bessere Zeit, die vermutlich nie so gut war, wie Goodwood heute ist. Man kann abschalten, die schlechten Nachrichten der letzten Monate ausblenden und vergessen. Die Rennstrecke selbst ist dabei nur ein Teil der grossen Bühne, auf der das Revival aufgeführt wird. Es gibt auch einen nostalgischen Rummelplatz mit Rollschuhbahn, Kettenkarussel und Riesenrad. Ein Stück weiter werden in einem alten Autokino Filmklassiker der guten alten Zeit gespielt. Und Bonhams organisiert jeweils eine Versteigerung , an der man sich mit Rennfahrzeugen für das nächste Revival eindecken kann.
Unterwegs begegnet man wie selbstverständlich einen PanAm-Flugkapitän, der an seiner Hand eine bezaubernde Stewardess ausführt. Eine andere Lady schiebt einen alten Korbgeflecht-Kinderwagen vor sich her. Natürlich ist sie mit einem weiten Rock und einem eleganten Hut gekleidet. Auch der Nachwuchs ist bereits nostalgisch eingehüllt. Sechs Männer, leicht als englische Offiziere der Royal Air Force zu erkennen, bummeln über das Ausstellungsgelände und sehen sich das Angebot an. Und das ist an den zahlreichen Marktständen reichhaltig. Fehlt noch das passende Outfit für Sie oder Ihn, hier wird man Sicherheit fündig.
Knieschleifen und Vollkontakt
Sobald die Rennmotoren aufheulen, zieht es die meisten aber wieder in Richtung der Fahrerlager. Zutritt in diesen Bereich hat jedoch nur, wer die Kleidungsvorgaben strikt befolgt. Die Herren tragen hier bitte einen Anzug und eine Krawatte, die Damen kleiden sich bitte "adrett und elegant" wie es auf den Eintrittstickets und Hinweisschildern steht.
Die Motorrennfahrer der "Barry Sheene Memorial Trophy" schieben ihre Norton, MV Agusta, BSA und Matchless an den Start. Die Rennsport-Prototypen und Can-Am-Wagen warten auf ihren Einsatz bei der Whitsun Trophy. Wohin man auch blickt, finden sich berühmte Rennwagen: Maserati, Ferrari, ERA, Bugatti, Porsche, Aston Martin, AC, Talbot-Lago, Lola, Cooper und so fort – sauber nach den einzelnen Rennkategorien sortiert, werden sie hier von ihren Mechanikern in (ehemals) weissen Overalls für die Rennen präpariert.
Doch nicht nur die Autos waren erstklassig, auch die gemeldeten Fahrer sind es. So fanden sich neben den ehemaligen Formel-1-Piloten Jenson Button und Martin Brundle auch Jochen Mass, André Lotterer, Jackie Stewart, Emanuele Pirro, Dario Franchitti, Scott Dixon, Tom Kristensen sowie Derek Bell ein. Alle kommen gerne nach Goodwood und begeben sich in die Zeitkapsel, in der so viele Ihrer Erfolge gedenken. Es wird locker miteinander gesprochen und viel gelacht. Man fährt hier ohne Druck oder den Gedanken an eine Meisterschaft – aber nicht ohne Ehrgeiz. Die Profis wissen natürlich um den Wert des Autos. Aber wenn der Besitzer die Order ausgibt, um den Sieg zu fahren, brennt die Luft.
Freilich nimmt die Risikobereitschaft mit abnehmendem Fahrzeugwert stark zu. Während es sich Piloten eines Ford GT40 zweimal überlegten, ob sie in eine Lücke hineinstechen sollen, liessen es die Fahrer des "Lavant Cup" hemmungslos krachen. Das Rudel aus 30 heissgemachten MGB musste sogar ein zweites Mal auf die Strecke geschickt werden, nachdem eine Karambolage in der ersten Runde einen Rennabbruch nach sich gezogen hatte. Doch auch nach dem Neustart flogen ordentlich die Fetzen. Nach 30 Minuten ging Nick Maton, dem Goodwood-Publikum bestens bekannt von seinen Einsätzen als Interviewer in der Startaufstellung, als Sieger aus den Überlebenden hervor, gefolgt von Malcolm Gammons und Publikumsliebling Ed Foster.
Auch in den anderen Klassen wird zur Begeisterung der Zuschauer gekämpft was die schmalen Reifen hergeben. Der Rundkurs enthält auf seinen 3,8 Kilometern einige leichten Hügeln und fast nur ebenso leichte Biegungen. Je kleiner das Auto, desto höher ist der Vollgas-Anteil. Der langsamste, aber deswegen nicht weniger spektakuläre Streckenabschnitt ist die Woodcote-Schikane kurz vor der Zielgeraden. Sie ist ein wahres Nadelöhr, das meist im Zentimeterabstand und im leichten Drift über alle vier Räder durchgefahren wird. Wenn die Schikanenwand berührt wird, oder ein übermütiger Pilot mit den Rädern auf die seitliche Grasnarbe gerät, geht ein Raunen durch die Tribünenreihen, gefolgt von Applaus und Anfeuerungsrufen.
Zu den Favoriten jedes Jahr zählen die RAC Tourist Trophy mit den donnernden Shelby/AC Cobra, E-Types und dem nicht zu unterschätzenden TVR Griffith. Auch die St. Mary's Trophy gehört zu den Publikumslieblingen. Sie wird in zwei Teilen und mit rund 60-jährigen Tourenwagen vom Typ Ford-Lotus Cortina, Alfa Romeo Giulia Sprint GTA oder Ford Fairlane bestritten. In einem Lauf sind die Profis am Lenkrad, im zweiten dann die Besitzer und Amateurrennfahrer. Das Spektakel war auch dieses Jahr atemberaubend, wenn sich auch der hubraumstärkste Wagen doch mit über die beiden Läufe hinweg komfortablem Vorsprung durchsetzen konnte. Die Rad-an-Rad-Kämpfe werden noch lange in Erinnerung bleiben.
Neben den 15 verschiedenen Rennen für Automobile fand während des Wochenendes mit dem Lauf zur "Berry Sheene Memorial Trophy" auch ein Rennen für klassische Rennmotorräder statt. Und deren Piloten übertreffen Ihre Autokollegen meist noch an Dramatik, wenn Sie nebeneinander mit einem Knie auf der Strecke schleifend um den Kurs jagen.
«Your classic car, our reliable values.»
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Mit Muskelkraft zum Sieg
Ein Höhepunkt an diesem fast nur aus Höhepunkten bestenenden Wochenende ist das Rennen um den "Settrington Cup". Das kürzeste Rennen des Wochenendes ist gleichzeitig auch das mit dem grössten Starterfeld – und das mit Abstand niedlichste. Die Schiebermütze der Boys ist meist zwei Nummern zu gross und halb über die Augen gerutscht. Trotzdem wird die Konkurrenz argwöhnisch beobachtet. Die Girls achten mehr auf korrekten Sitz des klassischen Overalls und Lächeln. Schliesslich könnte der Mann vom Fernsehen gleich auch sie interviewen.
Zugelassen sind Fahrer im Alter zwischen vier und zehn Jahren. Gefahren wird in Tretautos die dem Austin A 40 nachempfunden sind. Diese Fahrzeuge haben in England eine grosse Fangemeinde, sind sie doch ein wichtiger Bestandteil der englischen Nachkriegsgeschichte wieder. 1949 wurde eigens ein Werk, die Austin Junior Car Factory, in Bargoed, Südwales errichtet, das mit staatlichen Mitteln finanziert wurde und behinderten Bergarbeitern mit Lungenerkrankungen eine Arbeitsstelle ermöglichen sollte. Die Tretautos wurden aus Metallabfällen der Austin Motor Car Factory hergestellt und auf die gleiche Weise wie die Originalfahrzeuge selbst gebaut und lackiert. Bis 1971 entstanden so etwa 31'000 Exemplare des "Austin J 40".
In einem eigenen kleinen Fahrerlager stehen die Tretautos sauber aufgereiht. Daneben die aufgeregten Piloten, die vor Ihrem Rennen noch zur Fahrerbesprechung müssen. Gestartet wird das Rennen im Le-Mans-Stil. Das heisst, die jungen Piloten spurten quer über die Fahrbahn und springen in Ihre Fahrzeuge. Dann gilt es kräftig zu treten und alles aus den kleinen Flitzern herauszuholen. Nach ungefähr 50 Metern kommt die erste Schikane. Bis zum Ziel sind es dann noch ungefähr 100 Meter. Einen erbitterten Kampf in der Spitzengruppe entschied schliesslich Esme Graham für sich – und die Zuschauer auf den Tribünen klatschten, als wäre gerade ein Formel-1-Lauf zu Ende gegangen.
Nicht nur Vollgas
Im Massstab 1:1 huldigte man darüber Hinaus mit Demoläufen an allen drei Veranstaltungstagen auch dem wohl populärsten britischen Personenwagen der Vorkriegszeit, der 2022 seinen 100. Geburtstag feiert: dem Austin 7. Selten sah man so viele verschiedene Varianten des "Seven" an einem Ort versammelt. Rund 130 Autos bummelten wie an einer Perlenschnur um den Rundkurs.
Etwas schneller wurde es dann bei der nächsten "Special Parade" anlässlich des 75-jährigen Gründungsjubiläums von Ferrari. 50 verschiedene Modelle der Baujahre 1949 bis 1966 boten einen Augen- und Ohrenschmaus der besonderen Art. An den Lenkrädern von 250 GTO, 250 GT SWB, 250 LM und Co. sassen grosse und nun etwas in die Jahre gekommene Rennfahrer wie Jackie Stewart oder Derek Bell.
Gefeiert wurde auch Graham Hill, der als einziger Rennfahrer mit Siegen in Monaco, Le Mans und Indianapolis die sogenannte "Triple Crown" gewonnen hat. Eine Vielzahl seiner ehemaligen Fahrzeuge, darunter mehrere Jaguars, Lotus, BRM, Ford Escort, Ferrari 250 GTO, Maserati Birdcage und seine eigenen F1-Konstruktionen, wurde von Rennfahrern aus seiner Zeit und später um den Rundkurs bewegt. Natürlich sass auch Sohn Damon Hill in einem der Autos und er trug dabei einen Helm wie sein Vater einst.
Nach drei Tagen fiel dann am Sonntagabend der Vorhang der diesjährigen Inszenierung des Goodwood Revival. Der Duke of Richmond hätte anschliessend ziemlich oft auf die Bühne kommen und sich vor dem imaginären, langanhaltenden Applaus der weit über 100'000 Besucher verbeugen müssen. Es war wieder eine grandiose Aufführung einer Veranstaltung, die es so perfekt nur in England gibt.
Nächstes Jahr wird das Goodwood Revival seinen 25. Geburtstag feiern, die meisten Zuschauer dürften bereits die Tage zählen bis dahin.




















































































































































































































































































































































































































































































































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