Volvo P1900 Sport – der Kunststoff-Sportwagen aus Schweden

Erstellt am 11. Juni 2014
, Leselänge 6min
Text:
Bruno von Rotz
Fotos:
Volvo / Werk 
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Volvo 
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Volvo P1900 Sport (1955) - frühes Pressebild
Volvo P1900 Sport (1954) - bei der ersten Präsentation am 2. Juni 1954
Volvo P1900 Sport (1956) - wer könnte da widerstehen
Volvo P1900 Sport (1956) - der Sportwagen war mit Blick auf den amerikanischen Markt gebaut worden
Volvo P1900 Sport (1956) - das Wissen um Kunststoffkarosserien erlernte Volvo bei Glaspar
Volvo P1900 Prototyp (1956) - bezaubernd präsentiert
Bild von Partner Württembergische

Einen zweisitzigen Sportwagen mit schnittiger Kunststoffkarosserie hätte man vor 60 Jahren von Volvo wohl nicht erwartet, aber tatsächlich war es der schwedische Hersteller, der den ersten serienmässigen GFK-Sportwagen in Europa vorstellte.

Bild Volvo P1900 Sport (1956) - der Zweisitzer verfügte über ein Rohrrahmenchassis
Volvo P1900 Sport (1956) - der Zweisitzer verfügte über ein Rohrrahmenchassis

US-Aufenthalt als Auslöser

Im Jahr 1953 besuchte Volvos Präsident Assar Gabrielsson die Vereinigten Staaten, um sich nach neuen Ideen umzusehen. Zu jenem Zeitpunkt begann gerade General Motors die Corvette mit Kunststoffkarosserie in Serie zu bauen und Kaiser den Darrin zu fertigen. Sportwagen waren in aller Munde, Plastik galt als der neue Zukunftswerkstoff.

Ein Sportwagen würde Volvo ein sportlicheres Image geben, dachte sich da Gabrielsson wohl, nicht ohne mögliche Absatzchancen in Amerika in seiner Kalkulation einzubauen, denn europäische Sportwagen waren in den Staaten damals sehr populär.

Technik aus der Serie

Im Trend der Zeit sollte der Volvo Sportwagen also eine Kunststoffkarosserie auf einem separaten Chassis tragen und mit Technik-Komponenten aus dem damals hergestellten Volvo PV444 ausgerüstet werden. Als Motor hatte man bereits eine leistungsgesteigerte Version namens B14A im Test, die mit 70 PS zu standesgemässen Fahrleistungen führen sollte.

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Modernes Chassis und Fahrwerk

Nach der Vorstellung beschrieb die Automobil Revue die Technik ausführlich:

“Für den neuen Sportwagen wurden Motor, Kupplung, Getriebe, Hinterachse, Vorderachse und Lenkung vom normalen Serienwagen übernommen und soweit notwendig modifiziert.
Da der zweitürige Sedan PV444 in selbsttragender Bauweise ausgeführt ist, wurde für den offenen Sportzweisitzer ein eigenes Fahrgestell konstruiert. Bedeutet es einerseits - besonders aus Preisgründen - einen Nachteil, nicht auch hier auf Serienbauteile zurückgreifen zu können, so hatten die Konstrukteure anderseits bei der Gestaltung des Chassis freie Hand und waren nicht durch das Vorhandensein von Werk- zeugen gebunden.
Dementsprechend bauten sie einen leichten Rahmen und reduzierten den Radstand des Serienwagens um 20 auf 240 cm, was lediglich eine Verkürzung der Serienkardanwelle um diesen Betrag zur Folge hatte.
Als Basis für das Fahrwerk dient ein sehr tief gebauter Rohrrahmen, der zwischen den Vorder- und Hinterrädern stark nach aussen gekröpft ist. Die Längsträger bestehen aus einem oberen und einem unteren Rohr von rund 5 cm Durchmesser, die von einem Stahlblech ummantelt sind und damit ein Trägerelement von hoher Biegefestigkeit ergeben. Aus Gründen der Gewichtsersparnis ist der Steg zwischen den beiden Rohren gelocht. Fünf Quertraversen und eine leichte Kreuztraverse, die alle ebenfalls aus Rohren bestehen, geben dem Fahrgestell die nötige Steifigkeit.
Die Hinterachse wurde unverändert vom normalen Personenwagenmodell Volvo PV 444 übernommen. Es handelt sich hierbei um eine Starrachse, welche durch zwei nach vorne stark konvergierende Längsschublenker geführt wird. Zur Seitenstabilisierung dient ein Panhard-Stab.
Die Abstützung der Räder erfolgt durch Schraubenfedern und Teleskopstossdämpfer. Die Vorderradaufhängung besteht in konventioneller Art aus übereinander liegenden ungleich langen Dreieckquerlenkern.
Als Antriebsmotor für den neuen Sportwagen wurde der Motor des Normalmodelles mit hängenden Ventilen und seitlicher Nockenwelle übernommen, jedoch seinem sportlichen Bestimmungszweck angepasst und auf eine wesentlich höhere Leistung gebracht. Ausser einer Erhöhung der Kompression von 6,5 : 1 auf 7,8 :1 wurden die Einlassventile vergrössert und die Ventilöffnung durch die Verwendung von steileren Nocken beschleunigt. Dank der stärkeren Ventilfedern las- sen sich höhere Drehzahlen ohne Ventilflattern er- reichen. An Stelle eines einzigen Fallstromvergasers treten zwei SU-Vergaser.
Während der Motor des Volvo-Personenwagens seine Höchstleistung von 44 PS bei 4000 U/min abgibt, soll die sehr stark poussierte Sportmaschine 70 PS bei 6000 U/min, abgeben.
Die spezifische Leistung beträgt damit fast 50 PS/Liter und macht der Bezeichnung «Sportmotor» alle Ehre. Obwohl das beste Drehmoment bei der recht hoch liegenden Drehzahl von 3500 U/min liegt und der Wagen eine Höchstgeschwindigkeit von 155 km/h erreichen soll, hat man sich mit nur drei Gängen begnügt, d.h. man hat das Getriebe des Serienwagens unverändert übernommen. Die in den einzelnen Gängen erreichbaren Geschwindigkeiten sind beachtlich hoch; bei einer Motordrehzahl von 6000 U/min läuft der Wagen im zweiten Gang mit 95 km/h."

Mit amerikanischer Unterstützung

Für die Karosserie griff man auf amerikanisches Knowhow zurück. Die Gestaltung des ersten Prototypen überliess man Bill Tritt. Dieser leitete die Kunststoff-Karosserien-Pionierfirma Glasspar, die es bereits in das weltweit gelesene “Live Magazine” geschafft hatte.

Glasspar sollte die Karosserie des Sportwagens entwickeln und die Formen erzeugen, die für die industrielle Herstellung nötig waren. Volvo wollte im Rahmen der Zusammenarbeit möglichst viel lernen und sandte Ake Zachrison nach Kalifornien, um dort GFK-Experte zu werden.

Bill Tritt von Glasspar beim Formen des Volvo P1900 Sport

1954 erreichte die erste komplette Glasspar-Karosserie Schweden. Die Volvo-Leute orteten schon bald einige Schwachpunkte und begannen Verbesserungen anzubringen.

Gleichzeitig stellten Raymond Eknor und sein Team die Arbeiten im neu entwickelten Chassis fertig, während Jan Wilsgaard zusammen mit weiteren Volvo-Stylisten das Interieur entwarf, das ein Armaturenbrett mit Drehzahlmesser und Tachometer direkt vor dem Fahrer und Nebeninstrumente über dem Mitteltunnel vorsah. Das Lenkrad entnahm man wohl aus Kostengründen aus dem PV444 und man komplettierte den Innenraum mit speziell entwickelten Sitzen und einer Teppichgarnitur.

Frühe Vorstellung im Juni 1954

Im Rahmen der Entwicklungsarbeiten wurden drei Fahrzeuge entwickelt, aber bis zum Vorstellungszeitpunkt am 2. Juni 1954 reichte die Zeit nicht für Testfahrten. Auf dem Flughafen von Gothenburg wurden  der neue Sportwagen der staunenden Presse vorgestellt. Man zeigte nicht nur fertiggestellte Fahrzeuge sondern auch einen unlackierte Karosserie, die direkt von Glasspar gekommen war. Ein Kunststoffsportwagen aus Schweden, die Meldung hatte Sensationscharakter!

Bild Volvo P1900 Sport (1954) - bei der ersten Präsentation am 2. Juni 1954
Volvo P1900 Sport (1954) - bei der ersten Präsentation am 2. Juni 1954

Volvo kommunizierte, dass die Kunststoffteile schon bald in einer modernen Fabrik in der Nähe des Stammwerkes in Schweden hergestellt werden sollten.

Explosionsfreie Reifen

Eine Besonderheit hatte der Volvo P1900 Sport anlässlich der Präsentation auch noch zu bieten, nämlich Trelleborg Safe-T-Tire Reifen. Dies waren Europas erste schlauchfreien Reifen, womit die Gefahr einer Explosion im Falle eines Loches gebannt war. Grossmäulig wollten man beim P1900 sogar auf ein Ersatzrad verzichten, weil man es als unnötig empfand.

Nicht produktionsreif

Nach der Vorstellung und während die drei Prototypen eine Tour durch die Verkaufsniederlassungen Schwedens machten, wurden - am Anfang während der Nachtstunden! - die Testfahrten nachgeholt und Fehler um Fehler wurde beseitigt. Die Kunststoffkarosserie musste genauso wie das Chassis punktuell verstärkt werden.

Auch das vorher nicht vorgesehen Ersatzrad fand einen Platz im Heck und die Seitenfenster konnten nun heruntergekurbelt werden. Zudem wurden schwenkbare Fenster hinter der Türen und ein versenkbares Stoffdach konzipiert. Zum Tausch des allzu unsportlichen Dreiganggetriebes durch ein ZF-Fünfganggetriebe kam es aber trotz Ankündigung im Verkaufsprospekt nicht.

Bild Volvo P1900 Sport (1956) - wer könnte da widerstehen
Volvo P1900 Sport (1956) - wer könnte da widerstehen

Kombination aus Sport und Komfort

1955 fühlte man sich bei Volvo dann bereit und begann die Werbetrommeln für den neuen Sportwagen zu rühren. Der Sportwagen wurde am Autosalon in Brüssel und man druckte die ersten Broschüren. Doch es sollten noch ein weiteres Jahr und zusätzliche Präsentationen in Brüssel, London  und New York vergehen, bis Kunden ihren eigenen Volvo P1900 Sport übernehmen konnten.

Sie erhielten einen hübschen Sportwagen, der komplett ausgerüstet knapp über 800 kg schwer war und gemäss Prospekt über 100 Meilen pro Stunde (170 km/h) schnell sein sollte. Sport wurde mit Komfort gepaart, eine vollständige Ausstattung inklusive Heizung sollte den nicht unerheblichen Preis rechtfertigen.

Kein Verkaufserfolg

Während die ersten Wagen in Schweden verkauft wurden, um sie für allfällige Reparaturen näher am Werk zu halten, entstanden 1956 44 Fahrzeuge. Im Folgejahr fuhr man die Produktion soweit hoch, dass eine Jahresausstoss von 200 Wagen realistisch erschien. Und langsam begannen auch die Exportmärkte, allen voran die USA, den Sportwagen zu kaufen.

Nicht gut genug für Volvo?

Das Ende kam dann sehr abrupt, als der neue Volvo-Präsident Gunnar Engellau Wagen Nummer 49 einem intensiven Test über 700 Wochenend-Kilometern unterzog. Er war nicht beeindruckt, befand, dass der Wagen nicht dem angestrebten Volvo-Qualitätsimage entsprach und stoppte die Produktion nach 68 gebauten Exemplaren im Mai des Jahres 1957.

Hohe Überlebensrate

Rund 50 der 68 gebauten Volvo P1900 Sport sollen überlebt haben, was eine überraschend hohe Überlebensrate darstellt. Es sollte dann aber noch bis 1959 gehen, bis Volvo seinen nächsten Sportwagen, den P 1800 vorstellen konnte, mit Stahlkarosserie und festem Dach.

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Volvo P1900 Sport (1954) - bei der ersten Präsentation am 2. Juni 1954
Volvo P1900 Sport (1956) - wer könnte da widerstehen
Volvo P1900 Sport (1956) - der Sportwagen war mit Blick auf den amerikanischen Markt gebaut worden
Volvo P1900 Sport (1956) - das Wissen um Kunststoffkarosserien erlernte Volvo bei Glaspar
Volvo P1900 Prototyp (1956) - bezaubernd präsentiert
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