Elvira Ruocco und der Lebenstraum Alfa Romeo

Erstellt am 4. März 2016
, Leselänge 6min
Text:
Thomas Suter
Fotos:
Archiv Elivaro Ruocco 
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Elvira Ruocco ist für die meisten traditionsbewussten Alfisti fast schon der Inbegriff der Marke Alfa-Romeo. Sie war die Anlaufstelle für alle, die einen etwas älteren Alfa Romeo im Besitz haben. Nach über 30jähriger Tätigkeit trat sie 2005 in den Ruhestand – was macht sie heute?

Zum Treffen kommt sie mit einem Fiat Punto Diesel. „Kein Alfa Romeo“, meint sie entschuldigend. Gut, es gibt ja nicht mehr viele neuen Modelle, und zu Marchionne und Fiat, die heute die Geschicke von Alfa Romeo verantworten, will sie sich schon gar nicht äussern.

Mit einem lachenden und einem weinenden Auge blickt Elvira Ruocco zurück. „Seit meiner Pensionierung war ich nie mehr im Archiv“, äusserst sich ihr weinendes Auge, während dem das lachende klar festhält: „Alfa Romeo ist mein Leben“. Und es ist so: Sie war wirklich für Alfa Romeo vorbestimmt. In der der Nähe von Neapel aufgewachsen, arbeitete Sie nach ihrem Sprachdiplom in einer Firma, die Pasta und Saucen herstellte.

Von früh an Alfista

Und dort kam sie auch erstmals mit Alfa Romeo in Berührung – einer Marke, für die sie seit ihren Mädchen-Tagen immer schon schwärmte. „Wenn ich länger arbeiten musste und kein Bus mehr zu erreichen war, liess mich mein Chef Ettore Di Nola mit seinem Chauffeur mit seiner Giulia nach Hause bringen. Und sie verkniff sich die Frage immer wieder, weshalb sich der Chef den Fahrspass die Giulia zu fahren nicht selbst gönnte und dieses Vergnügen lieber dem Chauffeur überliess…

Endlich Umzug in den Norden

Ein Umzug mit ihrer Familie brachte sie vom Süden in den Norden von Italien nach Saronno, nur wenige Kilometer von Arese entfernt und damit schon sehr nahe am Punkt ihrer Träume. Obwohl sie einen Job in der Buchhaltung einer Vertriebsfirma in Saronno hatte, schickte sie mehrere Blindbewerbungen an Alfa Romeo, bis sie eines Tages tatsächlich zu einem Vorstellungsgespräch ins Personalbüro aufgeboten wurde.  Dort wurde sie auf Herz und Nieren geprüft, es brauchte drei Gespräche und einen kompletten Test in Stenographie und Übersetzungen von Briefen in Englisch und Französisch.

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Stellenzusage per Telegramm

Dann, am 3. Januar 1972 erreichte Ruocco ein Telegramm, das sie bis heute aufbewahrte: „Wir geben Ihnen bekannt, dass das Ergebnis Ihrer Einstellungstests positiv ist und bitten Sie, Ihre Arbeit unverzüglich aufzunehmen“. Für Elvira Ruocco ging ihr Lebenstraum in Erfüllung. Vom alten Chef wurde sie mit den Worten „Sie haben Glück Signora. Alfa Romeo ist der Diamant der Autoindustrie der gesamten Lombardei, es ist eine glorreiche Firma und dort werden berühmte Fahrzeuge gebaut“, begleitet.

Mit Alfasud und Alfetta auf Du

Ruocco‘s erster Arbeitsplatz war aber nicht im damals noch neuen Werk in Arese, sondern am alten Standort in Portello. Am ersten Arbeitstag standen neben dem Eingang, gut sichtbar, eine weisse Giulia 1600 Super, ein roter 2000 GTV und ein oranger Montreal. „Es war das erste Mal, dass ich einen Montreal in natura sah“, erinnert sich Ruocco. 

Die ersten beiden Jahre bei Alfa Romeo verliefen für sie äusserst spannend. Sie erlebte die Geburt des Alfasud’s ebenso wie die der Alfetta, sie lernte Rennfahrer wie Andrea de Adamich und TeodoreZeccoli kennen. In diese Zeit fiel auch das Ausscheiden von Alfa-Romeo-Präsident Dr. Giuseppe Luraghi und der Tod von Orazio Satta Puliga.

Aus familiären Gründen, Ruocco hatte als Mutter auch noch zwei kleine Kinder zu betreuen, ersuchte sie um Versetzung nach Arese, das günstiger zu ihrem Wohnort Saronno lag.

Im Winter 1974 startete sie dort in der Abteilung für Industrie-Fahrzeuge und kam zwei Jahre später in die PR-Abteilung. Ruocco kannte sich nur mit den aktuellen Modellen aus, vom geschichtlichen Hintergrund hatte sie keine grosse Ahnung. Dies liess ihr keine Ruhe, denn sie wollte auch hinter die Geheimnisse der Vergangenheit kommen. Also begann sie mit dem Studium der „Bibel“ von Dottore Luigi Fusi „Tutte le vetture Alfa Romeo dal 1910“. Glücklicherweise gab es bei Alfa Romeo auch einige Personen, die gerne in Nostalgie schwelgten, sich an frühere Höhepunkte erinnerten und bereit waren, dieses Wissen an Ruocco weiter zu geben.

Das beste Archiv der Lombardei

Schon Jahre bevor das „Centro documentazion Alfa Romeo“ diesen Namen erhielt, arbeitete Ruocco hinter den Kulissen daran, den riesigen Fundus zu ordnen und einzureihen. Über das ganze Untergeschoss verteilt fand sie unzählige noch unbelichtete Filmrollen, alte Alben, Presseartikel, Kataloge, Handbücher, Ersatzteilkataloge, technische Publikationen, Pläne von Alfa-Romeo-Modellen – kurz: tonnenweise Material, das darauf wartete, gesichtet, diszipliniert eingereiht und archiviert zu werden.

Dies war dann bis zur Pensionierung der Job von Elvira Ruocco. Sie machte es so ordentlich und akkurat, mit dem Ergebnis, dass das Alfa-Romeo-Archiv im Jahr 1996 zum „besten Archiv der Lombardei“ ausgezeichnet wurde. Das damit verbundene Preisgeld, dies versteht sich von selbst, wurde gleich wieder in den Weiteraufbau des Alfa-Romeo-Archivs investiert.

Akribisch

Ruocco legte Listen mit den verschiedenen Alfa-Romeo-Modellen an, recherchierte Farben und Innenausstattungen und baute so ein einzigartiges Register auf. Noch heute kann nach Angabe der Chassisnummer sofort Baujahr, Aussenfarbe, Innenfarbe, Produktionsdatum und  Erstbesitzer oder Händler eruiert werden. Im Fundus liegen Farbkarten, Fotos und auch Konstruktionspläne der diversesten Alfa-Romeo-Modelle.

„Beim Herausgeben von Plänen war ich aber immer sehr vorsichtig, dies liess ich mir immer von meinen Chef’s absegnen“, erklärte sie. Sie dürfte vielen Sammlern geholfen haben, Details oder Wiederaufbau eines Modells originalgetreu herstellen zu können. Und sie konnte sich immer tiefer mit der Materie Alfa Romeo vertraut machen.

In ihren Händen landeten Biografien von Alfa-Romeo-Rennfahrern, sie hatte Kontakte zu Journalisten, zu Oldtimer-Besitzern, zu Clubs aber auch zu Alfa-Romeo-Mitarbeitern. Viele Studierende, die sich Alfa Romeo zum Thema machten, unterstützte sie mit Unterlagen und Fotos. „Ausserdem war ich wahrscheinlich die erste Frau, die auf der Alfa-Romeo-Teststrecke in Balocco ihre Runden drehen durfte“, vermutet sie. 

Flugzeugmotoren von Alfa Romeo

Im Zusammenhang mit der Sichtung des unglaublichen Fundus in den Alfa-Romeo-Gewölben bleibt Ruocco eine spezielle Geschichte in Erinnerung: „Mir fielen Unterlagen und Fotos von Flugzeugmotoren in die Hände, die ich umgehend Giuseppe Busso zeigte“. Das war der Beginn einer Freundschaft zu ihm und seiner Familie. „Ich durfte ihm bei seinem Buch ‚Nel cuore dell’Alfa‘ mithelfen“, schildert sie einen der Höhepunkte. Und nach seinem Tod half sie der Familie, den Nachlass zu ordnen. Dabei tauchten auch die minutiös geführten Tagebücher von Giuseppe Busso wieder auf, die heute im Museo Storico in Arese zu besichtigen sind.

A propos Museum: Ruocco findet es toll, dass das Museum wieder geöffnet ist. Und auch die Renovation und den Umbau mit den neu angeordneten Ausstellungsobjekten findet sie gelungen.

Digitalisierung

Einer letzten Herausforderungs stellte sie sich 2005, kurz vor der Pensionierung. Die Digitalisierung hatte auch in Arese längst Einzug gehalten. Im Mai wurde das Portal des Centro Documentazione aufgeschaltet. Dass Elvira Ruocco digital auch heute noch ganz fit ist, beweist sie mit ihrem Facebook-Auftritt. „So bleibe ich weltweit mit der riesigen Alfa-Romeo-Fangemeinde in Kontakt. Ich freue mich ungemein, auch heute noch unzählige Anfragen beantworten zu können“, strahlt sie und blickt stolz in Richtung August 2016: „Dann bin ich als Gast des holländischen Alfa-Romeo-Clubs nach Zandvoort zum Spettacolo Sportivo eingeladen“.

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