Wer zunächst das äußerlich historisch ansprechende aber unspektakuläre Gebäude in die Schublade „sieh da, ein weiteres Automobilmuseum" steckt, der wird sicher noch die eine oder andere Überraschung erleben.
Die Begrüßung mit den Worten „Autos gehören nicht ins Museum," erwartet an einer solchen Stelle niemand, zumal sie aus dem Munde des Museumsgründers kommt. Der zweite Teil des Satzes „sie gehören auf die Straße!" zeigt dann aber schon die Richtung, die hier in Melle in der Nähe Osnabrücks eingeschlagen wird.
Da technische Museen aus finanziellen und personellen Gründen in aller Regel nicht in der Lage sind, neben den ausgestellten Exponaten auch die damit verbundenen Fachkenntnisse für die Zukunft zu erhalten, geht man in Melle einen anderen Weg.
Jederzeit fahrbereite Oldtimer im laufenden Wechsel
Die ausgestellten Fahrzeuge von Freunden und Förderern des Museums müssen fahrbereit sein und werden höchstens 6 Monate ausgestellt, danach müssen sie anderen Fahrzeugen Platz machen. Der Gedanke der dahinter steckt, ist einfach: Durch regelmäßige und sachgerechte Nutzung der Automobile bleiben nicht nur diese selbst, sondern auch die speziell damit verknüpften Fachkenntnisse erhalten. Auch läßt sich die Faszination geschichtsträchtiger Technik so viel eindrucksvoller und nachhaltiger vermitteln und die laufende Nutzung und Pflege der Fahrzeuge erklärt deren guten technischen Erhaltungszustand.
Ein schöner Nebeneffekt: Der Reiz, hier immer wieder andere Fahrzeuge zu sehen, zieht zahlreiche Oldtimerfreunde von nah und fern an. Und das eben regelmäßig und nicht nur einmal. Wenn Sie nach Melle kommen, steht aber eines schon jetzt fest; den größten Teil der in diesem Artikel gezeigten Fahrzeuge werden Sie dann nicht vorfinden. Aber fast noch interessanter als die Sammlung selbst sind zwei weltweit bekannte regelmäßige Veranstaltungen des Automuseums, doch der Reihe nach.
Bleiben wir zunächst bei dem Museum, das jetzt in den Räumen eines denkmalgeschützten Industriegebäudes einer ehemaligen Möbelfabrik beheimatet ist. Das gegenüberliegende Gebäude beherbergt nicht nur den Fahrzeugfundus der benötigt wird um die Lücken zu schließen, die durch die Nutzung der Museumsfahrzeuge entstehen, hier haben sich auch zwei vom Museum unabhängige Betriebe angesiedelt, die sich mit der Restauration und dem Feintuning von hochkarätigen Automobilen wie Hispano Suizas, Bentleys aus den Zwanzigern, Bugattis und Rennfahrzeugen beschäftigen.
Die ausschließlich ehrenamtlichen Mitarbeiter des Museums bieten sachkundige Führungen an. Die faszinierende Kulisse kann für Veranstaltungen gebucht werden und nicht zuletzt garantiert der Betrieb der Cafeteria auch einen gemütlichen Teil für alle Besucher.
Nebenbei bemerkt: die Geschichte des Kinderwagens begann nahezu zeitgleich mit der des Automobiles. Es war also ein Glücksfall, eine umfassende Kollektion historischer Kinderwagen mit integrieren zu können.
Eine Sammlung von Modellflugzeugen und zahllose Modellfahrzeuge sorgen dafür, dass für alle Mitglieder der Familie etwas geboten wird, hier kommt keiner zu kurz. Befassen wir uns jetzt mit einigen Exponaten, die einfach ins Auge fallen.
Geschichte auf Rädern
Ein Osnabrücker Unternehmer wollte die in der Anfangszeit des Automobils berühmte Marke Pierce-Arrow wiederbeleben. Sie war unter anderem durch gegossene Aluminiumkarosserien bekannt geworden. Er beauftragte Lugi Colani mit der Aufgabe, eine spektakuläre Karosserie zu entwerfen. Diese erwartet den Besucher im ersten Stock. Der Entwurf setzt auf den heute im Rennwagenbau hochgeschätzten „Ground-Effekt", der den Wagenboden an die Straße saugt ohne dass dies - wie beim Einsatz eines Spoilers - mit einem deutlich höheren Luftwiderstand erkauft werden muss. Die ausgestellte Studie von 2008 kam aber nie zur Produktion.
Die umfangreiche Sammlung an Elektrofahrzeugen zeigt eindrücklich, dass dieses Antriebskonzept eine lange Geschichte hat. Die sogenannten Elektrokarren waren früher auf Bahnhöfen und in Industriebetrieben weit verbreitet. Unter ihnen die „Eidechse" der Leipziger Firma Bleichert, die mit den Füssen gelenkt wird. Geradeausfahrten sind damit eine anspruchsvolle Aufgabe, insofern passt der Name Eidechse recht gut. Heute würden der TÜV und die Berufsgenossenschaft sicher einen Nervenzusammenbruch beim Anblick, geschweige denn bei der Abnahme dieser Gefährte, erleiden.
Während Porsche bis Ende der 1990er Jahre brauchte, um wassergekühlte Boxermotoren anzubieten, verfügte der Schatz, ein typischer Highwheeler, bereits 90 Jahre früher darüber. Der 22 PS Zweizylindermotor verfügt über 6 Ölpumpen, ein Reibradgetriebe, das eine stufenlose Veränderung des Übersetzungsverhältnisses ermöglicht, sowie über echte Innenbackenbremsen. Er ist somit technisch deutlich aufwendiger gebaut als die damaligen Konkurrenzprodukte. Die theoretische Höchstgeschwindigkeit von 60 km/h sollte man jedoch aufgrund der eingeschränkten Seitenführungskräfte der schmalen Reifen und des Umstandes, dass Räder und Karosserie vollständig aus Holz gefertigt sind, nicht wirklich ausnutzen.
1901 kaufte Henry Joy einen Packard und war begeistert. Er freundete sich mit James Ward Packard an, beteiligte sich und war bald Besitzer der ganzen Firma. Von ihm stammt auch der berühmte Werbespruch „ask the man who owns one". Das Team war aber erst mit Jesse Vincent komplett, der den berühmten Twin Six schuf, den weltweit ersten Zwölfzylindermotor. Mit der damals erstmaligen Verwendung von Aluminiumkolben und einer schräg verzahnten, leisen Hinterachse schrieb der Wagen Technikgeschichte. Die automatische Zündverstellung und der elektrische Starter erleichterten das Fahren mit dem Wagen, der schnell zu einem der bedeutendsten Luxuswagen zwischen den Weltkriegen aufstieg.
Der in Melle gezeigte Wagen ist eines der wenigen erhaltenen Exemplare aus der ersten Serie. In der Typenbezeichnung "1-25" gibt die 1 einen Hinweis auf die Bauserie, die 25 steht für den Radstand (125 Zoll = 317,5 cm). Zu den wenigen Dauergästen zählt ein museumseigenes Fahrzeug mit Dampfantrieb und damit kommen wir auch schon zum nächsten Thema.
Dampf in Melle - Das Meller Dampfauto-Treffen
Mit diesem 1919er Stanley 735B lebte in Melle nach vielen Jahrzehnten der Enthaltsamkeit die Begeisterung für dampfgetriebene Fahrzeuge in Deutschland wieder auf. Die Idee, diese Begeisterung mit anderen Dampfautobesitzern zu teilen, führte vor knapp 20 Jahren zu einer ersten großen Ausfahrt. Inzwischen sind es derer 15 geworden, mit begeisterten Teilnehmern aus aller Welt. Schon das Zusehen beim Abladen der mitgebrachten "Dampfmobile" vom Hänger macht Spaß und Laune auf mehr. Bei den Treffen selbst stehen dann deutlich mehr dampfgetriebene Fahrzeuge vor als im Gebäude, ein Zustand also ganz im Sinne der Museumsphilosophie. Die damalige Werbung von Stanley dürfte heute allerdings nicht mehr zeitgemäß sein, wurde doch der Wagen mit dem Spruch angepriesen: „Unsere Autos sind so einfach zu bedienen, die können Sie sogar Ihrer Frau anvertrauen".
Da die Veranstaltung mehrere Tage dauert und nicht nur über makellose Asphaltstraßen sondern auch über Feldwege und Bergpassagen mit erheblicher Steigung führt, wird den historischen Fahrzeugen und ihren Besatzungen Einiges abverlangt. Das eine oder andere zwangsläufig auftretende Problem wird sofort pragmatisch gelöst. So mutet es zunächst komisch an, wenn der Fahrer eines Wagens nach dem Defekt einer Dichtung erst eine alte Kupferkanne kauft um diese ihres Bodens zu berauben, doch eine halbe Stunde später ist aus dem Material eine neue Dichtung entstanden und die Fahrt kann weitergehen. Hier wird nicht ersetzt, hier wird noch im alten Stil repariert, was speziell jüngere Besucher interessiert beobachten.
Das beschauliche Tempo der kutschenähnlich anmutenden Fahrzeuge stößt überall auf spontane Sympathie, selbst Fahrradfahrer machen den Dampfmobilen auf der Ausfahrt freudig Platz und winken hinterher. Wer sich der Faszination dieser Technik hingeben will, dem sei der Erwerb der CD „Dampf in Melle" ans Herz gelegt, die den Charme der Treffen liebevoll einfängt. Und damit kommen wir zum dritten Teil dieses Artikels.
Schnauferl-Wanderfahrt als weiteres Highlight
Neben der Ausfahrt für dampfgetriebene Fahrzeuge treffen sich hier regelmäßig Besitzer von Fahrzeugen aus der frühen Zeit des Siegeszuges des Automobiles zu einer fünftägigen Schnauferlausfahrt, im Juli 2014 schon zum 23. Mal.
Drei Freunde aus Finnland hatten letztes Jahr mit einer gelben Tin Lizzie den längsten Anfahrtsweg und obwohl in den örtlichen Medien keinerlei Werbung gemacht wird, ist der Zuschauerandrang jedes Mal überwältigend. Beeindruckend zu sehen ist, wie bei den Treffen über alle Sprachen und Altersgruppen hinweg der Meinungs- und Informationsaustausch über weitaus mehr als nur Veteranenfahrzeuge gepflegt wird - so entstehen Freundschaften für's Leben.
Exoten wie der schmale 1914 Wanderer Püppchen, in dem der Beifahrer hinter dem Fahrer sitzen muß, oder der dreirädrige Leon Bollée aus dem Jahr 1896 sind dabei ebenso regelmäßig zu sehen wie Luxusfahrzeuge des Schlages Delaunay-Belleville oder ein Stanley Mountain Wagon von 1913, der zwölf Personen Platz bietet. Auch ein Brennabor Typ A, von dem mir einst mein Großvater vorschwärmte, war letztes Jahr angereist. Allesamt Fahrzeuge, die ihr „H-Kennzechen" wirklich verdient haben. All dies an einem Ort versammelt zu sehen, erklärt die hohe Anziehungskraft dieser Veranstaltung. Und auch hier gäbe es noch viel mehr zu erzählen...
An einer steilen Bergpassage mußte beispielsweise der Fahrer eines Grégoire tief in die Trickkiste greifen; Sein Wagen stellte zunächst seinen Dienst ein, da wegen seines hinten liegenden Bezintanks dieser am Berg niedriger liegt als der Vergaser ... und ohne Sprit bleiben eben nicht nur neue Fahrzeuge liegen. Der Rückwärtsgang war die Lösung des Problems und schon ging es weiter.
Selbstverständlich wurden die einzelnen Fahrzeuge nicht nur mit den technischen Daten sondern auch mit Angaben zu ihrer abwechslungsreichen Geschichte einem wissbegierigen Publikum vorgestellt, beispielsweise der Sypiker eines Teilnehmers, der schon zweimal die gesamte Strecke von Peking bis Paris bewältigt hatte.
Ebenso erwähnenswert ist der sanddichte Expeditionswagen Berliet VIL Sahara von 1921. Hintere Zwillingsreifen, sanddichte Bremsen, einem 3.3 l Motor mit 30 PS und Vakuumbenzinförderer sowie eine von der Serie abweichende Anlasser/ Lichtmaschinenkombination zeichnen das Fahrzeug aus, um nur einige Highlights aufzulisten.
Eine gelungene Veranstaltung für Liebhaber technischer Details, zumal die stolzen Besitzer gerne Auskunft zu ihren Schätzchen geben. Abends führt dann im Licht der Karbidlampen die „Glühwürmchenfahrt" zurück ins Museum wo die Veteranen ein angemessener Unterstand erwartet. Das liest sich nicht nur so, die Veranstaltung ist wie eine Reise in eine vergangene Zeit und diese Impressionen werden Teilnehmer wie Zuschauer nie vergessen.
Das Konzept, die Oldtimerleidenschaft aktiv zu leben und die Begeisterung dafür weiterzugeben, geht in Melle wirklich auf. Um Nachahmung wird gebeten.
Mehr Informationen zum Museum gibt es auf der Webseite: www.automuseum-melle.de































































































































































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