Kampfgeist - Die Geschichte von Aston Martin im Grand-Prix-Sport

Erstellt am 10. Dezember 2020
, Leselänge 7min
Text:
Aston Martin / Simon Kwasny
Fotos:
Aston Martin 
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Aston Martin ist weltweit bekannt für deren grossen Erfolge bei Sportwagenrennen und natürlich für erstklassige, britische Sportwagen. Der berühmte Gesamtsieg in Le Mans und ein dritter Sieg in Folge beim 1000-KM-Rennen auf dem Nürburgring krönte Aston Martin zum World Sportscar Champion 1959. Mehrere Klassensiege in Le Mans erstrecken sich von 1931 bis zum diesjährigen Mehrklassen-Sieg, welcher der Marke den Titel der “GT Manufacturers’ World Endurance Championship” einbrachte. Zahlreiche Renn- und Klassensiege zementierten Aston Martin als einen der grössten Namen in der Geschichte des Langstreckenrennsports.

Etwas weniger im Fokus dürften jedoch Aston Martins Einsätze beim Grossen Preis von Europa und später auch in der Formel 1 sein. Diese sind zwar nicht ganz so bekannt, aber ebenso erwähnenswert. Bereits seit der Gründung im Jahre 1913 durch Lionel Martin und Robert Bramford in einer kleinen Werkstatt in London, war Motorsport in der obersten Liga ein wichtiger Teil der Identität von Aston Martin.


Aston Martin Chassis TT2 (1922) - Ein Chassis TT2 beim Grand Prix von Spanien
Copyright / Fotograf: Aston Martin

Mit der Rückkehr von Aston Martin in die Formel 1 nach über 60 Jahren scheint der Zeitpunkt perfekt zu sein, um auf die bisherigen Anläufe der Marke in der Königsklasse zurück zu schauen.

Die Zwanzigerjahre

Bereits seit den frühesten Anfängen von Aston Martin hat der Gründer Lionel Martin, zusammen mit dem Mitgründer Robert Bamford, davon geträumt, Aston Martin ins Rampenlicht des prestigeträchtigen Grand-Prix-Sports zu bringen.

Aston Martin begann sich in der Szene der Bergrennen in Grossbritannien einen Namen zu machen, oft mit Lionel Martin selbst hinter dem Steuer. Doch er wusste, das nur der Einstieg in den hart umkämpften Grand-Prix-Sport den Ruhm einbringen würde, den er sich für sein Unternehmen erträumte.

Zum Start der Goldenen Zwanziger schien sich dieser Traum langsam in eine Realität zu formen. Lionel Martin machte die Bekanntschaft mit Graf Louis Zborowski. Er war der sagenhaft reiche Sohn eines polnischen Grafen und einer amerikanischen Erbin und hatte ein ungebändigtes Verlangen nach Geschwindigkeit und ein starkes Interesse am Motorsport.


Aston Martin (1930) - Beim Grand Prix von Irland 1930, am Steuer Davis
Copyright / Fotograf: Aston Martin

Zborowskis Reichtum, der ihn heute wohl zum mehrfachen Milliardär machen würde, und seine Bekanntschaft mit Lionel Martin veranlasste ihn dazu, gleich zwei von Aston Martins frühen Formelwagen zu bestellen.

Zusammen mit Lionel und seinem Team entschlossen sie sich, zwei Autos für die Isle of Man Tourist Trophy 1922 zu bauen. Zborowski brachte rund £10’000  mit sich, was für damalige Verhältnisse ein kleines Vermögen darstellte. Das Geld floss nicht nur in den Bau der Rennwagen, sondern auch in die Entwicklung in einen komplett neuen Vierzylinder-Rennmotor mit 16 Ventilen und doppelter, oberliegender Nockenwelle.

Der erste Grand-Prix-Wagen von Aston Martin leistete 55 bhp bei 4200 U/min aus 1486 cm3 Hubraum. Das Auto wog 750kg und erreichte eine Höchstgeschwindigkeit von 85 km/h. Ebenfalls waren zwei Sitze verbaut, einer davon versetzt, was Teil des damaligen Reglements war. Einer der beiden Sitze war für den Rennmechaniker vorgesehen, dessen wichtigste Aufgabe unter anderem das Ansaugen von Benzin via Handpumpe war.

Obwohl bereits zuvor Hersteller wie Peugeot, Bugatti und A.L.F.A. 16-Ventil-Motoren mit hoher Kapazität konstruierten, glaubte man, das jener von Aston Martin viel mehr Leistung produzierte.

Zborowskis enger Freund Clie Gallop kannte einen Ingenieur bei Peugeot, Marcel Gremillion. Dieser war wiederum enger Vertrauter des grossen Ingenieurs Ernest Henry, der nun bei Ballot tätig war. Gremillion überredete Henry, ihm Details zum Dreiliter-Motor von Ballot zu geben. Henry tat nichts weiteres, als seine Pläne in zwei Hälften zu zerreissen, was Gremillion die Möglichkeit gab, den Bramford & Martin 16-Ventil-Motor zu bauen, der sich als grosser Erfolg herausstellte.

Doch weil die Pläne in zwei Hälften zerrissen wurde waren, entwickelte sich aus dem Dreiliter-Motor eben ein 1.5-Liter-Motor, so die Geschichte.

Das Debüt im Grand-Prix-Sport

Obwohl die beiden Chassis TT1 und TT2 für die Isle of Man Tourist Trophy im Juni 1922 vorgesehen waren, rannte dem Team die Zeit davon. Es wurde entschieden, stattdessen am 2.0-Liter-Grand-Prix von Frankreich teilzunehmen. Beide Autos mussten sich jedoch wegen Motorenprobleme aus dem Rennen zurückziehen. Nichtsdestotrotz war der Einsatz für die Mannschaft ansässig in Kensington, London, enorm aufregend und Grund genug, das Engagement in Grand-Prix-Sport fortzusetzen.


Aston Martin Chassis TT1 (1922) - Das Chassis TT1 und TT2 vor dem Grand Prix von Frankreich in Strasbourg 1922
Copyright / Fotograf: Aston Martin

Der Tod von Zborowski im Jahre 1924 am Steuer eines Rennwagens brachte die erste Etappe von Aston Martins Einsatz auf dem höchsten Niveau des Motorsports jedoch vorerst zu einem Halt. 20 Jahre sollten vergehen, bis sich Aston Martin zu einer Rückkehr in den Grand-Prix-Sport entschloss.

Die Vierzigerjahre

Rennsport nach dem Zweiten Weltkrieg war, verglichen mit dem heutigen Entwicklungsstandard, ein eher organisches Unterfangen. Es überrascht nicht, das die Fahrzeuge, welche zum Einsatz kamen, häufig noch Vorkriegsautos und trotzdem konkurrenzfähig waren, so auch der heute berühmte Aston Martin 2-Liter-Sportwagen von 1946, welcher beim Belgischen Sportwagen Grand Prix des gleichen Jahres an den Start ging.

Am Steuer sass St. John Ratcliffe Stewart Horsfall, besser bekannt als “Jock”. Er war einer von sechs Söhnen aus einer gut betuchten Familie. Seinen ersten Aston Martin kaufte “Jock” 1934 im Alter von nur 24 Jahren. Schnell wurde er Teil von Aston Martin und half bei der Entwicklung und dem Testen.


Jock Horsfall in Silverstone am 20. August 1949
Copyright / Fotograf: Aston Martin

Während des Zweiten Weltkriegs diente “Jock” dem MI5. Seine Aufgabe war es, Offiziere, Agenten und Doppelagenten sowie gegnerische Spione schnell von A nach B zu fahren. Kurioserweise hatte “Jock” aber ein äusserst schlechtes Sehvermögen und er lehnte auch das Tragen einer Brille ab. Weiterhin war er einer der Fahrer für die “Operation Mincemeat” - eine erfolgreiche Täuschung der Achsenmächte, um die Invasion der Alliierten in Sizilien 1943 zu verstecken.

So überrascht es eigentlich nicht, das ein Mann mit der Lenkrad-Erfahrung, wie “Jock” sie hatte, den besagten Belgischen Sportwagen Grand Prix 1946 mit “altem” Material gewann.

Der Wagen wurde von einem Vierzylindermotor mit 1950 ccm Hubraum angetrieben. Die Leistung lag bei rund 125 bhp. Das Gewicht belief sich auf nur 800 kg. Höchstgeschwindigkeit betrug rund 120 mph (fast 200 km/h).

Der Sieg in Belgien war aber allerdings nicht Horsefalls grösster Erfolg. Dieser folgte nämlich drei Jahre später eim 24 Stunden Rennen in Spa 1949, wo er Zweiter in seiner Klasse und Vierter insgesamt wurde. Natürlich sass er auch da am Steuer eines Aston Martins. Besonders hervorzuheben ist die Tatsache, das ihm mit Paul Frère zwar ein Beifahrer zur Verfügung stand, er sich aber dazu entschloss, die gesamten 24 Stunden alleine zu fahren.

“Jock” Horsfall verunglückte tragischerweise vier Wochen danach bei einem Rennen in Silverstone tödlich.

Wie geachtet “Jock” sowohl bei Aston Martin, als auch Enthusiasten der Marke ist, zeigt sich anhand der jährlich stattfindenden St. John Horsfall Memorial Trophy. Organisiert wird diese durch den Aston Martin Owners Club.

Die Fünfzigerjahre

Sir David Brown, der die Firma Aston Martin 1947 erwarb und später im selben Jahr noch die Marke Lagonda hinzufügte, produzierte britische Sportwagen, die sich einer steigenden Nachfrage erfreuten. Sir David erkannte die Wichtigkeit des Motorsport für den kommerziellen Erfolg der Marke. So schuf er Pläne für den Bau von Sportwagen, um damit in der World Sportscar Championship und im noch relativ neuen Formel 1 World Championship anzutreten.


Aston Martin DBR1 (1959) - In Le Mans 1959
Copyright / Fotograf: Aston Martin

Die Geschichtsbücher fokussieren sich meist auf den DBR1, der Le Mans gewinnen konnte, und den ebenfalls überaus erfolgreichen DB3S. Es war jedoch der DP155, welcher als wichtiger Versuch für den Bau von Formelwagen stand, der für Aston Martin den Grundstein für die späteren Grand-Prix-Wagen schuf. Nebenbei gab Sir David Brown den Bau eines neuen Motors für den DB4, einem späteren Strassenfahrzeug, in Auftrag.

So entstand dann auch der DBR4. Tests begannen bereits 1957, doch sein Debüt im Rennsport sollte der Wagen erst 1959 bei der unter Formel-1-Regeln laufenden BRDC International Trophy in Silverstone geben. Am Steuer sass Le-Mans-Gewinner Roy Salvadori. Er fuhr auf einen respektablen zweiten Platz hinter Jack Brabham im Cooper-Climax T51.


Aston Martin DBR4 (1959) - Salvadori am Steuer eines DBR4 bei der BRDC International Trophy in Silverstone 1959
Copyright / Fotograf: Aston Martin

Der DBR4 konnte jedoch wenig gegen die Konkurrenz mit Mittelmotor anrichten und auch dessen Nachfolger, der DBR5, enttäuschte komplett. So trat Aston Martin vom 1960 Formelsport zurück.

Die Zweitausendzehner

Nach rund einem halben Jahrhundert kehrte Aston Martin wieder auf die Bühne der Königsklasse zurück. 2010 stieg die Marke bei Red Bull Racing als Titelsponsor und technischer Partner ein. Diese Kooperation brachte auch den bahnbrechenden Supersportwagen Aston Martin Valkyrie hervor, welcher unter enger Zusammenarbeit zwischen Aston Martin und Red Bull Racing entstanden ist.

2021 soll nun auch wieder mit einem eigenen Team an den Start gegangen werden, dem Aston Martin F1 Team. Dies markiert das erste Mal seit über 60 Jahren, dass Aston Martin mit einem Werksteam in der Formel 1 antritt.

Lawrence Stroll, Vorstandsvorsitzender von Aston Martin sagt dazu: “Die Rückkehr der Marke Aston Martin in die Formel 1 ist, verglichen mit derer farbigen und dynamischen Rennsporthistorie, eine wirklich aufregende Zeit für uns alle, die involviert sind mit diesem grossartigen, britischen Hersteller von Sportwagen. Die Formel 1 ist der richtige Ort für Aston Martin. Es ist dort, wo die Marke sein sollte und ich weiss, dass dieses nächste Kapitel wahnsinnig aufregend für die Fans von Aston Martin und der Formel 1 sein wird.”

Bilder zu diesem News-Artikel

von sh******
15.12.2020 (10:49)
Antworten
Sehr gut gelungener Artikel. Was mich jedoch brennend interessieren würde sind die umfangreichen Änderungen in der Motorkonstruktion zw. dem DBR4 und dem DBR5, sind doch die Ansaugausbuchtungen auf den Bildern beim DBR4 linksseitig und beim DBR5 rechtsseitig. Für eine Firma, welche trotz David Brown eigentlich immer in Finanznöten war, für mich nicht ganz nachvollziehbar.
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