Der letzte Land Rover Defender verliess die Werkshallen

Erstellt am 2. Februar 2016
, Leselänge 7min
Text:
Land Rover/ Martina Mäder
Fotos:
Land Rover 
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Ein historischer Tag für Land Rover: Der letzte Defender hat am Freitag, 29. Januar 2016 die Werkshallen im britischen Solihull verlassen. Damit endet nach 68 Jahren die Ära eines der legendärsten Automobile der Welt. Zur Feier des Tages hatte der Geländewagenspezialist über 700 ehemalige und aktuelle Mitarbeiter zu einer Feierstunde in sein Stammwerk in der Nähe von Birmingham eingeladen – sie sahen unter anderem die Parade zahlreicher bedeutender Modelle aus den Serien I, II und III sowie des Defender. Land Rover kündigte gleichzeitig den Start der Online-Plattform „Defender Journeys“ sowie eines neuen „Heritage“- Restaurierungsprogramms für klassische Modelle an, das in Solihull seinen Sitz nimmt.


Die Parade der bedeutendsten Modelle aus den Serien I, II und III sowie des Defenders
Copyright / Fotograf: Land Rover

Der Kreis schliesst sich..

Fast sieben Jahrzehnte haben der Defender und seine Vorgänger die Automobilwelt geprägt und bereichert. Über zwei Millionen Exemplare der kernigen 4x4-Baureihe sind seit 1948 von den Bändern gerollt – ohne Unterbrechung war das Werk Solihull 68 Jahre lang das Zentrum der Land Rover- und Defender-Welt.

Mit dem 29. Januar 2016 schloss sich der Kreis für den Klassiker. Die mehr als 700 früheren und derzeitigen Mitarbeiter, die zur Feierstunde eingeladen waren, haben unzählige Fahrzeuge des Klassikers zusammengebaut. Zum Abschluss konnten sie einige besonders wichtige Modelle noch einmal in Fahrt erleben oder sogar selbst steuern, darunter das erste Vorserienmodell überhaupt, der legendäre „Huey“, und das letzte jetzt gefertigte Fahrzeug, ein Defender 90 Soft Top in Heritage-Ausstattung.


Land Rover Defender Pre-"Huey" (1948) - bei der Feier des letzten Land Rover Defender in Solihull
Copyright / Fotograf: Land Rover

Den historischen Tag nutzte Land Rover für den Start seines neuen „Heritage“- Restaurierungsprogramms. Am Ort der bisherigen Defender-Fertigung in Solihull befasst sich ein Expertenteam mit der Wiederherstellung klassischer Modelle des Defender und seiner Ahnen, die aus der ganzen Welt zurück nach England gebracht werden. Die ersten fachmännisch restaurierten Fahrzeuge gelangen im kommenden Juli in den Verkauf.


Die Parade der bedeutendsten Modelle aus den Serien I, II und III sowie des Defenders
Copyright / Fotograf: Land Rover

Die Parade anlässlich der Defender-Feierstunde in Solihull vereinte mehr als 25 Fahrzeuge aus der langen und ruhmreichen Geschichte. Der Korso, zu dem der gerade gefertigte letzte Defender zählte, umrundete das gesamte Werk. Neben heutigen Mitarbeitern wohnten auch frühere Beschäftigte aus der 68-jährigen Produktionszeit dem einmaligen Ereignis bei. Der letzte Defender hatte dabei ein Teil an Bord, das bereits 1948 zur Ausstattung seines Urahnen zählte: eine Verdeckklemme für das Soft Top. Nach dem Defender-Abschied rollt das letzte Unikat in die Ausstellung der Jaguar Land Rover Collection.

Eine Erfolgsgeschichte aus Solihull

Über zwei Millionen Einheiten des Defender und seiner Vorfahren sind seit 1948 im britischen Solihull von den Land Rover-Bändern gerollt. Es begann mit einer einfachen Umrisszeichnung im Sand – und entwickelte sich zu einem der legendärsten 4x4-Modelle der Welt. Einem Modell mit dem Ruf als wahrscheinlich vielseitigstes Auto des Planeten, das seinen Besitzer dorthin bringt, wohin andere Modelle nicht gelangen. Ende 2015 sorgte das Modell „Defender 2,000,000“ für Aufsehen: Das Unikat zum zweimillionsten Jubiläum wurde in London für sage und schreibe 400 000 britische Pfund (zirka 549 000 Euro) versteigert – Welten entfernt von den 450 Pfund, die der Käufer des ersten Land Rover 1948 auf der Amsterdam Motor Show bezahlen musste.


Land Rover Defender (2016) - bei der Feier des letzten Land Rover Defender in Solihull
Copyright / Fotograf: Land Rover

1948 war das Jahr, in dem die planmässige Fertigung der Serie I begann – unter schwierigen Bedingungen. Denn das Grossbritannien der Nachkriegszeit besass zwar enorme Produktionskapazitäten, litt aber unter Stahlmangel. Einen Ausweg fanden hier Spencer und Maurice Wilks. Die beiden Brüder an der Spitze der Rover Company hatten das Unternehmen bereits in den 1930er-Jahren wieder in die Gewinnzone gebracht. Jetzt konzipierten sie den Land-Rover: ein Auto, grösstenteils aus Aluminium, das vorrangig für den britischen Farmer gedacht war. Die Gebrüder Wilks konnten nicht einmal im Ansatz ahnen, welchen Welterfolg sie hier auf die Räder gestellt hatten.

Serie II und III

Laufende Verbesserungen des Ursprungsmodells folgten, ehe 1958 die Serie II erschien. Neben einem neuen Design besass die zweite Generation auch erstmals einen Dieselmotor, der noch bis Mitte der 1980er-Jahre treu seine Dienste verrichtete. 1966 war die Marke von einer halben Million produzierter Fahrzeuge überschritten, 1971 erreichte die Jahresproduktion mit 56 000 Einheiten einen historischen Höchststand. Die Serie III konsolidierte in den 70er-Jahren dauerhaft die guten Verkaufszahlen.


Land Rover Series IIA 88" Buick V8 (1967) - bei der Feier des letzten Land Rover Defender in Solihull
Copyright / Fotograf: Land Rover

Das Jahr 1990 sah dann eine Zäsur, denn der Land Rover bekam den Namen Defender, nachdem er zuvor allein durch Radstand und Seriennummer klassifiziert wurde. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte das Modellprogramm nur aus Land Rover und Range Rover bestanden – die Ankunft des Discovery machte eine weitere Differenzierung notwendig, tat der Beliebtheit jedoch keinen Abbruch.


Land Rover Defender NSA 90 Soft Top (1994) - bei der Feier des letzten Land Rover Defender in Solihull
Copyright / Fotograf: Land Rover

Für viele Besitzer wurde „ihr“ Defender zu einer Art Familienmitglied. Und auch die Produktion im Werk Solihull entwickelte sich im Lauf der Jahrzehnte zu einer echten Familienangelegenheit.

Ein Teil der Defender-Familie

Ein Beispiel hierfür ist Tim Bickerton. Der heute 55-Jährige begann als Auszubildender bei Land Rover und ist mittlerweile seit 40 Jahren im Unternehmen beschäftigt. Er folgt damit seinem Grossvater Charlie und seinem Vater Peter, die 35 bzw. 30 Jahre am Land Rover-Band standen, zuletzt jeweils als Vorarbeiter. Aber auch mit Tim ist die Bickerton-Familiengeschichte mit dem Defender nicht zu Ende: Tochter Jade (25) arbeitete im Logistik- und Materialwesen für die Allradlegende, ehe sie kürzlich eine neue Aufgabe bei Jaguar Land Rover übernahm. Und schliesslich setzte im vergangenen Jahr der 23-jährige Sohn Scott als fünftes Familienmitglied die Defender- Tradition der Bickertons fort.

Tim Bickerton, der in der Fertigung von Defender-Sondermodellen tätig war, erklärt: „Ich bin sehr stolz auf unsere Familientradition – unsere Arbeit über Generationen für dieses aussergewöhnliche Modell. So ist der Defender zu einem Teil unserer Familie geworden. Für viele Menschen ist der Defender gleichbedeutend mit Land Rover – er wird ja häufig als Arbeitspferd angesehen, aber für uns ist er ein echter Vollblüter.“


Land Rover Defender (2016) - bei der Feier des letzten Land Rover Defender in Solihull
Copyright / Fotograf: Land Rover

Ein weiter Defender-Veteran ist David Smith: 56 Jahre alt und 37 Jahre lang in Diensten des Defender, ehe er nun ans Produktionsband des Jaguar XE wechseln wird. Der frühere Metzger wurde im Alter von 20 Jahren Teil der Land Rover-Belegschaft, weil er hier sein Wochengehalt auf 80 Pfund verdoppeln konnte – und einen Job mit besten Zukunftsaussichten erhielt. David Smith: „Der Defender ist ein besonderes Auto, das weitgehend von Hand zusammengebaut wurde. Dafür musste man ein Gefühl bekommen: Wir nennen es „den Kniff“. Es braucht Monate, um den Kniff zu lernen. Dahinter steckt die Fähigkeit, in hoher Geschwindigkeit zu arbeiten und eine anstrengende Kombination verschiedener Fertigkeiten zu realisieren. Wenn man am Defender arbeitet, wird man Teil einer grossen Familie.“


Land Rover Defender (2016) - bei der Feier des letzten Land Rover Defender in Solihull
Copyright / Fotograf: Land Rover

Das neue „Heritage“-Restaurierungsprogramm

Auch in Zukunft wird der Name Defender nicht aus den Werkshallen in Solihull verschwinden. Dafür sorgt allein schon das neue „Heritage“-Programm zur Restaurierung klassischer Land Rover- und Defender-Modelle. Geleitet wird das Projekt von zwölf Experten, von denen zehn bislang am Defender-Band beschäftigt warten. Sie befassen sich nun mit der fachgerechten Restaurierung klassischer Modelle, vorrangig der Serien I bis III. Gemeinsam kommt das Team auf 172 Jahre Erfahrung mit Land Rover oder dem Defender. Tony Martin, einer der Experten, hat sein gesamtes Arbeitsleben in Solihull verbracht – er folgte dabei seinem Vater und seinem Grossvater. So kann er demnächst möglicherweise Fahrzeuge fachmännisch restaurieren, die einst sein Grossvater zusammengebaut hat.

„Defender Journeys“ – das digitale Sammelalbum

Weiterhin startet Land Rover „Defender Journeys“. Die Online-Plattform lässt das legendäre Modell auch in der digitalen Welt weiterleben. Das Sammelalbum im Internet ermöglicht Fans und Fahrern, Erinnerungen an unvergessliche Momente oder einzigartige Erlebnisse mit dem Defender oder seinen Vorgängern hochzuladen und mit anderen Usern zu teilen. Ziel ist es, per Crowdsourcing die schönsten Reisen zusammenzutragen und in einer Onlinekarte zu verewigen – damit die grossen Defender-Momente für die Nachwelt erhalten bleiben.


Land Rover Defender (2016) - bei der Feier des letzten Land Rover Defender in Solihull
Copyright / Fotograf: Land Rover

Das Auslaufen der Defender-Produktion im Werk Solihull bedeutet zugleich das Ende für die „Defender Celebration Line“ – zumindest in physischer Gestalt. Die originalgetreue Nachbildung des Produktionsbands aus dem Jahr 1948 hatte in den vergangenen zwölf Monaten mehr als 10 000 Besucher angelockt. In der Ausstellung schlug Land Rover mit vielen Exponaten einen Bogen von den Anfangsjahren bis in die heutige Zeit.

Aber die klassische Defender-Produktion bleibt in digitaler Form ebenfalls erhalten. Auf der Internetseite können die Fans ab sofort eine virtuelle 360-Grad- Werksbesichtigung zur Fertigung des Klassikers unternehmen

Bilder zu diesem News-Artikel

von ma******
10.02.2016 (01:28)
Antworten
Hallo Landrover-Fans,
besass auch mal einen Grünen, JG. 1950, ab und klemmte was oder versagte seinen Dienst. Aber man nimmt es mit Humor wie bei den berühmtem englischen 3-Weg-Schaltern:
1.= Aus
2.= Leichtes Flackern
3.= Abermals Aus
Schade dass es Landrover nicht geschafft hat, rechtzeitig einen Nachfolger auf die Räder zu stellen und die Erfolgsstory weiterleben zu lassen. Aber - vielleicht kommt wieder was Legendäres.
Besass auch mal einen echt englischen handgebauten Sportwagen namens
Reliant Scimitar 3.0 V6, da gab es Einiges Tolles und über den Rest schweigt der Fan. Schliesslich ist Ankommen auch ein Ziel der Leute mit motorgetriebenem Untersatz nebst dem (Um-)Weg als Ziel.
Da hat es Jeep doch eher schlechter:
Abkürzung für JEEP: Jeder Einsatz Eine Panne!
Gute Reise, immer etwas Oel im Motor und ein wenig Luft unter den Achsen!
Grüsse alle 4x4-Freaks, Martin aus Reinach AG frey.m@bluewin.ch
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