Gran Premio Nuvolari 2011 - darf es etwas länger Sommer sein?

Erstellt am 22. September 2011
, Leselänge 7min
Text:
Thomas Suter
Fotos:
Stephan Rogger 
12
Daniele Nicli 
12
Thomas Suter 
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Die Sommersaison noch ein bisschen in den Herbst verlängern, alles mit einer schönen Portion „Italianità“ angerichtet, schöne Strecken, Pasta, Vino, Gelati e Espressi? Doch, dies gibt’s – alles kein Traum! Es heisst „Gran Premio Tazio Nuvolari“, zu Ehren des grossen Mantovaner-Rennfahrers, führt von Mantua über Pisa, am zweiten Tag nach Rimini und  endet mit der dritten Etappe Rimini-Mantua am Sonntag Nachmittag. Dieses Jahr wurde der Raduno bereits zum 20. Mal ausgetragen. 

300 Teams aus 15 Nationen mit 40 Automarken

Das ideale Auto für diesen verlängerten Sommer in der zweiten September-Hälfte ist rot, offen und möglichst italienischer Provenienz. Es muss aber nicht zwingend so sein: Die zweieinhalb Tage an dieser Rallye, die auf eine Streckenlänge von knapp 1‘000 km ausgetragen wird und keinesfalls eine Kaffeefahrt ist – dafür Sorgen 60 Sonderprüfungen – nahmen über 300 Teams aus 15 Nationen auf 40 unterschiedlichen Automarken unter die Räder. Qualitativ kommt man damit in die Nähe der Mille Miglia, Streckenführung  und Härte sind aber bewusst etwas moderater als bei der Rallye aller Rallies. Und schliesslich soll’s ja auch ein Saisonausklang sein ...

Die Museen von Audi (als Hauptsponsor) und Alfa Romeo öffneten die Tore und brachten das Tafelsilber nach Mantua an den Start. Stefano Agazzi vom Museo storicho hoffte mit der Paarung Salvinelli / de Marco (Alfa Romeo 6C 1500) beim Kampf um den Gesamtsieg ein ernsthaftes Wörtchen mitreden zu können.

Abnahmeprozedur für Mensch und Maschine

Traditionelles Prozedere im Vorfeld des GP Nuvolari: Am Freitag Morgen stehen die „Verifiche Sportive“ und „Verifiche Tecniche“ auf dem Programm. Piloten und Co-Piloten warten am Freitag Morgen in den heiligen Hallen des Palazzo Té in Mantua geduldig, ohne zu murren, ohne zu drängen, dafür nicht minder erwartungsfroh: Nach einer kurzen Wartezeit wurde man mit allen Unterlagen bedient, die zu einer Teilnahme am Gran Premio Tazio Nuvolari berechtigten. Ein Arzt bescheinigte die volle Zurechnungsfähigkeit (die allerdings in Frage zu stellen ist, wenn man freiwillig an einer solchen Rallye teilnimmt), körperliche und geistige Unversehrtheit und nahm jedem für die Aushändigung einer temporären Lizenz fünfunddreissig Euro (wie war’s mit der geistigen Unversehrtheit ...?) ab, es erfolgte noch die verifiche tecniche, die sich darauf beschränkte zu schauen, ob am Objekt der Begierde (gemeint ist der Oldtimer) auch alle vier Räder montiert sind und die Chassisnummer stimmte. Anschliessend mussten von den Teams die Kleber ans Auto gepickt werden (wie die Österreicher sagen).

Etappe Mantua-Pisa

Dann brach auf der Piazza Sordello, dem traditionellen Startort, kurz vor dem Mittag ein emsiges Treiben aus. Die Bistro-Stühle an der Piazza waren lückenlos besetzt, Roadbook, Karten und Taschenrechner breiteten sich auf den zu kleinen Tischchen aus.  Sonderprüfungen wurden berechnet, Uhren synchronisiert (die konservativen Teams stoppen noch von Hand) oder dann Computer gefüttert (teilweise mit Onboardkamera im Radkasten, damit im Monitor im Auto auf die Hundertselssekunde genau festgestellt werden kann, wann das Vorderrad den Schlauch der Zeitmessung berührt! Kurz: alles wurde vorbereitet, damit pünktlich um 13.30 Uhr das erste Auto über die Startrampe rollen konnte.

Bis Pisa, Ziel der ersten Etappe, erreicht war, galt es aber noch einiges an (Lenk-) Arbeit zu leisten. Die Entschädigung dafür waren ein Besuch auf der Rennstrecke von Varano und die im Gegensatz zu den Vorjahren angepasste Streckenführung. Der Organisator suchte sich bedeutend mehr Nebenstrassen als bisher aus, der ätzende Feierabendverkehr auf den Hauptverkehrsachsen wurde gemieden – dies alles zur Freude der Teilnehmer. Als die Dunkelheit dann den Nuvolari-Tross überzog blieben noch die Strassen über Viareggio bis nach Pisa. Je nach Startnummer konnte es durchaus fast Mitternacht werden, bis man sich im Hotel ins Bett legen und den Adrenalinspiegel runterfahren konnte ...

Hauptetappe Pisa-Rimini

Am Samstag wurde die Hauptetappe von Pisa nach Rimini gefahren. Schöne Landschaften, abwechslungsreiche (Neben-) Strassen mit Kurven und Kurven und Kurven, langen Geraden und Carabinieri am Strassenrand, die oftmals auch die Hühneraugen zudrückten, wenn’s anders nicht mehr ging, waren der Lohn der Anstrengung. Gespickt war die Hauptetappe wie bereits am Vortag mit einer grossen Anzahl von Spezialprüfungen, auf denen vorgegeben Zeiten so exakt wie möglich (und je nach technischen Hilfsmitteln) einzuhalten waren. Insgesamt war der „Gran Premio Tazio Nuvolari“ mit über 60 Sonderprüfungen gespickt!  Höhepunkte hatte es einige auf dieser Samstagsetappe, die rund elf Stunden dauerte und die dann vom Bankett im „Grand Hotel Fellini“ in Rimini gekrönt wurde, etwa die Durchfahrten durch die historischen Stadtteile von Pisa, Siena (mit der Querung des legendären Campo), Volterra und Arezzo waren einmalig, die Zuschauer standen Spalier und die bewundernden Kommentare waren unüberhörbar.

Das Wetter machte mit, sonnig und heiss war’s. Vor allem die Autos kamen oftmals an die Grenzen des Erträglichen, unzählige Zwangspausen am Strassenrand mit offenen Motorhauben zeugten vom Stress des alten Bleches. Auch die vom Organisator gestellten Abschleppwagen hatten Hochkonjunktur, hier traf es vorwiegend die Vorkriegsmodelle, die diesen Service beanspruchten.

Schlussetappe Rimini-Mantua

Das Aufstehen am frühen Sonntag Morgen wurde mit einem bilderbuchmässigen Sonnenaufgang belohnt! Es wurde in aller Hergottsfrühe zum Start der letzten Etappe von Rimini nach Mantua gebeten. Die Route führte zuerst dem Meer entlang und dann durch die Po-Ebene über schöne und wenig befahrene Nebenstrassen (mit dem Höhepunkt auf einer sonst mit Fahrverbot belegten Dammstrasse – Kilometer um Kilometer entlang dem Po, einfach sensationell schön ).

Dem „Einzug der Gladiatoren“ machte ausgerechnet Petrus einen dicken Strich durch die Rechnung: Nachdem die ersten Autos über die Zielrampe gerollt waren, öffnete er seine Schleusen zu einem veritablen italienischen Landregen. Die Vielzahl der Zuschauern wurden so vertrieben oder sie zogen sich unter die Arkaden der Altstadt zurück. Also nichts mit applaudierendem und jubelndem Volk am Strassenrand – der an den Altstadthäusern widerhallende Motorensound verpuffte ohne Zuschauerspektakel. 

Der Gran Premio Tazio Nuvolari blieb auch 2011 fest in italienischer Hand. Zur Abwechslung gewann wieder einmal Multiseriensieger Giuliano Cané mit einem Lancia Aprilia.  Und klar ist: Next year same place, same procedure as every year!

Die heilige Eiligkeit

Bei uns schlichtweg unvorstellbar: Eine grosse Zahl von Carabinieri auf Motorrädern begleiteten den Tross des Gran Premio Tazio Nuvolari. Aber keineswegs so, wie es sich der ahnungslose Schweizer oder der geneigte Leser dieser Zeilen vorstellt. Die Aufgabe der Carabinieri bestand nicht darin, die Teilnehmer auf die Gepflogenheiten des Strassenverkehrsgesetzes hinzuweisen und darauf zu achten, dass dies peinlich genau eingehalten wird. Vielmehr umgekehrt: Sie setzten sich an die Spitze von Sechser – bis Zehnergruppen und sorgten dafür, dass langsamere Automobilisten (oder solche, die sich an das Gesetz hielten …) ultimativ und unter Einsatz von Blaulicht und Sirene von der Strasse verscheucht wurden. Die Dörfer passierten die Nuvolari-Teilnehmer mit einem 100-kmh-Schnitt – etwas, was in der Schweiz in der Psychiatrie mit anschliessender Verwahrung enden würde. Oder andersrum: Glückliches Italien …!

Grande Casino Italiano

Auch wenn die Streckenführung auch dieses Jahr wieder attraktiver gestaltet wurde, so gibt’s bei den Etappenorten in Pisa, Rimini und Mantova jeweils das typische, italienische „grande casino“.  Die meisten Teams sind dem offiziellen Zeitplan um Dutzende von Minuten voraus und müssen dann die Einfahrtszeit abwarten. Dies mit einem unvorstellbaren Chaos auf der Zufahrtsstrasse zur grossen Altstadt-Piazza in Rimini und vor allem mit einer langen Wartezeit.

Wenn die Einfahrtszeit freigegeben würde, hätten die Teilnehmer mit den höheren Startnummern noch die Chance auf eine Dusche vor der Teilnahme am Bankett – dazu würde aber auch gehören, dass die Hotels das Eincheckprozedere drastisch verkürzen müssten. Oftmals gehört: Ein (hilfloser) Rezeptionist, der sich plötzlich mit fünfzig eincheckenden und entsprechend ungeduldigen Rallye-Teilnehmern konfrontiert sieht …

Grosser Abwesender

Luciano Viaro aus Triest, sympathischer Vielfach-Sieger am GP Nuvolari und der Mille Miglia, fehlte dieses Jahr. Bekanntlich setzte er im vergangenen Winter seinem Leben ein Ende. Unbegreiflich, dass von Veranstalter-Seite weder eine Gedenkminute noch sonst etwas Besinnliches im Gedenken an Viaro vorgesehen war. Ganz im Sinne von „the show must go on“. Schade, schade!

Resultate

1. Cané / Confalonieri (I), Lancia Aprilia
2. Vesco / Guerini (I), Fiat 508 Balilla
3. Fortin / Pilé (I), Fiat 600
4. Salvinelli / De Marco (I), Alfa Romeo 6C 1500
5. Cibaldi / Costa (I), Gilco Fiat 1100 Sport
6. Passanante / Gambardella (I), Lancia Aprilia
7. Mozzi / Biacca (I), Aston Martin Le Mans
8. Fontana / Ceccardi (I), Lancia Aprilia
9, Cavagna / Ferrari (I), Fiat 514 Mille Miglia
10. Ferrari / Ferrari (I), Bugatti 37. –
Ferner:
19. Müller / Manetsch (CH), Jaguar SS 100
83. Foglia / Tozzi (CH), Mercedes Benz 300 SL
89. Suter Roger / Goebel (CH), Aston Martin Le Mans.

Weitere Ergebnisse und Hintergrundinformationen finden sich auf www.gpnuvolari.it

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