Goodwood Festival of Speed - Racing-Unterhaltungsshow der Superlative zum Zwanzigsten

Erstellt am 3. Juli 2012
, Leselänge 6min
Text:
Klaus Justen und Bruno von Rotz
Fotos:
Klaus Justen 
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Andy Howson 
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Christopha200 Photography 
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Goodwood Festival of Speed - John Colley 
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Goodwood Festival of Speed - Adam Beresford 
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Goodwood Festival of Speed 
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Goodwood Festival of Speed - Marcus Dodridge 
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Eine rund 1,87 km lange unidirektionale Rennstrecke durch einen Schlosspark ist nicht gerade das, was sich Fans des historischen Rennsports erträumen. Trotzdem schafft es der Lord March jedes Jahr, ein prominentes Fahrerfeld und ein Fahrzeugaufgebot der Superlative nach Goodwood zu lotsen. Da machte auch der 2012-er-Durchgang keine Ausnahme, insbesondere weil es gleichzeitig die 20. Durchführung war, denn die Geschichte des Festival of Speed hatte 1993 begonnen. Wer etwas ist oder dazugehören will, der erteilt dem umtriebigen Lord keine Absage, wenn er zum munteren Treiben im Schlosspark eingeladen wird.

Englisches Klima lädt zum Picknick

Es ist wie immer im englischen Sommer: Ein frischer Wind fegt übers Land, schwarze Wolken türmen sich auf, ein Platzregen weicht die Wiesen und Wege auf, und mit ein wenig Glück scheint Minuten später die Sonne. Zeit für ein Picknick im Grünen, und das grösste findet wie immer am letzten Juni-­Wochenende im Westen von Sussex statt, in Goodwood House, rund 100 Kilometer südwestlich von London.

Lebendige Automobilhistorie

Aber keine Spur von beschaulicher Ruhe und wohltemperierten Gesprächen. Denn nicht deswegen sind die rund 100’000 Zuschauer (an allen drei Tagen zusammen) gekommen, sondern wegen der “Renn-Action”, die von über 300 Fahrzeugen, die über 100 Jahre Automobil- und Motorradgeschichte verkörpern, geboten wird.

Kreuzung zwischen GP Monaco und Royal Ascot zum 20. Mal

Das Goodwood Festival of Speed ist inzwischen das bedeutendste Motorsportereignis seiner Art - in diesem Jahr zum 20. Mal ausgetragen. Der Anlass wurde 1993 von Charles Gordon-Lennox, Earl of March und Kinrara, oder kurz Lord March, ins Leben gerufen.

Dessen Grossvater hatte bereits in den 30er-Jahren ein Bergrennen über die asphaltierte Strasse der familieneigenen Latifundien ausgetragen, und Lord March griff diese Tradition auf. Mit dem Festival of Speed begründete der geschäftstüchtige Lord ein Ereignis, das «eine Kreuzung zwischen dem Grossen Preis von Monaco und Royal Ascot» ist, wie die «Sunday Times» titelte.

Einerseits ist das Festival damit eine Hommage an den Motorsport mit einem Rennen zwischen Steinmauern und Strohballen über eine Strecke, die nach Ansicht von Formel-1-Fahrer Juan Pablo Montoya die «engste und buckligste Strecke mit der wenigsten Bodenhaftung» ist – und die er dennoch oder gerade deswegen liebe. Für moderne Formel-1-Autos – in diesem Jahr waren in der Vorwoche zum Silverstone Grand Prix gleich sechs Teams in Goodwood am Start - werden seit dem Rekordlauf von Nick Heidfeld 1999 mit 41,6 Sekunden die Zeiten nicht mehr offiziell genommen, um nicht noch höhere Geschwindigkeiten zu provozieren und damit Sicherheitsrisiken.

Es wird nicht gebummelt

Trotzdem geben die Jungs tüchtig Gas, sowohl in der Demo-Klasse (ohne Zeitnahme), wie auch in der Rennklasse, in der nach modernsten Gesichtspunkten gemessen wird. Der frühere Meister der britischen Tourenwagen Anthony Reid treibt seinen Chevron GT3 Rennwagen im “Shoot Out” in 46.46 Sekunden den Berg hoch, mit Spitzengeschwindigkeiten bis 131 Meilen pro Stunde, also über 200 km/h. Wer den winkligen und buckligen Kurs je gesehen hat, kommt kaum aus dem Staunen heraus. Gary Ward liegt mit 46.80 Sekunden auf dem Leyton House Judd CG901B Grand-Prix-Rennwagen aber nur knapp dahinter. Der “schnellste” Mann des Tages ist aber Justin Law auf dem Gruppe C Jaguar XJR8/9, der mit 142 Meilen pro Stunde über die Ziellinie donnert.

Einen unangenehmen Moment erlebt Rod Millen im Pikes Peak Toyota, als ihm bei “Molecomb” die Strasse ausgeht. Doch auch dieser Zwischenfall geht glimpflich ab und der Australier kann sich sogar ein Lächeln abringen, trotz verbogener Frontaufhängung und Karosserieschäden.

Die Nähe zu Fahrzeugen und Idolen

Für die Fans ist Goodwood ein Festival zum Anfassen. Wo sonst kann man einfach in die Box marschieren und zuschauen, wie die Mechaniker die Motoren ein letztes Mal unter die Lupe nehmen, wie Teile ausgetauscht und die Maschinen auf Temperatur gebracht werden? Wo trifft man Rennfahrerlegenden wie Jackie Ickx - er signierte für Fans seine neue Autobiographie -, wo kleben sich ganze Fangruppen Riesen-Koteletten an die Wangen wie der Fanclub von Emerson Fittipaldi, der selbst inzwischen glatt rasiert unterwegs ist, aber immer noch mit einer Sonnenbrille, die dank ihrer Grösse selbst Flavio Briatore neidisch machen würde.

Investitionen der Hersteller

Goodwood ist nicht nur ein Festival der Vergangenheit, die Hersteller legen sich kräftig ins Zeug, um ihre Markengeschichte zu polieren und im besten Licht darzustellen.

Neben der aktuellen Modellpalette für den britischen Markt wird vor allem Traditionspflege betrieben. «Wir sind mit fünf Fahrzeugen aus unserem historischen Fundus am Start», sagt etwa Achim Stejskal, Leiter des Porsche-Museums. Mercedes-Benz feierte in Goodwood den 60. Geburtstag  des SL und brachte für eine Sonderausstellung zum Diamantenen Thronjubiläum von Königin Elisabeth II. einen Mercedes-Benz 600 Pullman-Landaulet mit. Lotus liess es sich, wie man hört, eine halbe Million Pfund kosten, die Skulptur vor dem Sitz des Earl mit erfolgreichen Modellen der Renngeschichte zu bestücken.

Lotus Skulptur in Goodwood 2012

Erlesenes Feld aus über 100 Jahren Automobilgeschichte

Der Mercedes 60 HP von Ben Collings stammt aus dem Jahr 1903 und ist das älteste Fahrzeug am Start der Klasse 1 “Pioneering Giants”, in der auch ein Fiat S74 Grand Prix von 1911, ein Sunbeam Coupe d l’Auto von 1912 und ein Sunbeam “Indianapolis” von 1914 antreten. Sie alle starten im “Batch 1”, der auch noch “Pre War Grand Prix Cars”, “Post War Grand Prix Cars”, “Endurance Racers” und “International Sports Cars” beinhaltet.

Alleine schon dies 41 Fahrzeuge dieses ersten Batches würden vermutlich reichen, um Fans des historischen Rennsports volle Befriedigung zu verschaffen, findet sich darunter doch ein Porsche 804 von 1962, ein BRM V16 P15 Mk1 von 1950, ein Mercedes W125 von 1937, ein Lagonda M45R von 1935, ein Jaguar C-Type von 1952, ein Ferrari 250 MM von 1953, ein Mercedes-Benz 300 SLR von 1955, (natürlich) ein Ferrari 250 GTO von 1962, ein Morgan Plus 4 von 1962, ein Porsche 917K von 1970 oder ein Alpine-Renault A443 von 1978, um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Aber auch der Batch 2 mit amerikanischen Rennwagen, Tourenwagen-Legenden oder einer ultimativen Kollektion von Rallye-Fahrzeugen ist ein Highlight.

Und spätestens, wenn der Batch 3 den Berg hochrauscht, können sich viele Fans vor Begeisterung nicht mehr halten, denn dann donnern die Formel-1-Fahrzeuge des Cosworth-Zeitalters vorbei und zeigen die Sportwagen und CanAm-Fahrzeuge mit Jahrgang 1968 bis 1973 ihre PS-strotzenden Motoren und voluminösen Flügel. Als Höhepunkt ziehen 10 Jahre Gruppe C mit Fahrzeugen wie dem Lancia LC1, dem Porsche 956 oder dem Jaguar XJR12 vorbei.

Vielfalt und Spezialthemen als Würze

Anders als bei anderen Veranstaltungen sieht man jeden Fahrzeugtyp praktisch nur einmal, damit ist trotz insgesamt überschaubarer Feldgrösse eine einmalige Vielfalt gegeben.

Jedes Jahr werden bestimmte Marken besonders geehrt, 2012 steht Lotus im Mittelpunkt. 21 Monoposti der Chapman-Geschichte, weitere sieben der Ära nach seinem Tod - mehr verschiedene Lotus-Formelfahrzeuge hat man wohl kaum je an einem Ort versammelt gesehen. Ergänzt werden sie durch die Sport- und GT-Fahrzeuge der Marke Lotus, vom Mark II von 1949 bis zur Exige R-GT ist alles am Start.

Aussergewöhnliches auch auf dem Rallye-Rundkurs

Neben der “Bergstrecke” kann sich der Zuschauer auch eine 2,7 km lange Rallye-Rundstrecke zu Gemüte führen und darauf Fahrzeuge entdecken, die kaum zum Standard-Arsenal des heutigen Rallye-Sports zählen, so zum Beispiel einen Lotus Esprit, Gruppe B Fahrzeuge wie der MG Metro 6R4 oder der Mazda RX-7 von Steve Hopewell.

Gemütlicher Ausklang

Am Ende des Tages hat nicht nur die Technik der mehr als 300 alten und neuen Autos und Motorräder gehalten, sondern auch das Wetter. Im milden Licht der untergehenden Sonne lassen es sich die Besucher im Park vor dem Manor House gutgehen zwischen Land Rover Defender, Vauxhall Cresta und Daimler V12 Shooting Brake, allesamt aus dem Besitz der Queen. Die Liegestühle sind aufgebaut, es gibt Live-Jazz und Champagner aus dem Pappbecher, und als kostenlose Draufgabe auch noch einen Sonnenbrand.
Der ist nächstes Jahr vergessen. Und die meisten werden wiederkommen.

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