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Tom Tjaarda – Meister der Proportionen (Buchbesprechung)

Erstellt am 18. Juni 2021
, Leselänge 4min
Text:
Stefan Dierkes
Fotos:
Jodi Ellis Graphics (Repro Stefan Dierkes) 
20

Vorweg: Welch ein grossartiges Buch! Der indische Autor Gautam Sen hat nach seiner hochgelobten Biographie über den Designer Marcello Gandini ( Buchbesprechung ) nun eine weitere über dessen zwar weniger bekannten, aber ebenfalls bedeutenden Kollegen Tom Tjaarda veröffentlicht.

Tom Tjaarda beschreibt in eigenen Worten, wie man ein Automobil designt. – Buch „Tom Tjaarda – Master of Proportions“
Copyright / Fotograf: Jodi Ellis Graphics (Repro Stefan Dierkes)

Zum Autor

Der in Kalkutta geborene Gautam Sen hat bereits vor 35 Jahren Indiens erste Automobilzeitschrift „Indian Auto“ gegründet, gefolgt von „Auto India“ und den indischen Ausgaben der „Auto Motor und Sport“ und des britischen „Top Gear“-Magazins. Er arbeitete als Berater für die indische Automobilindustrie und hat dabei mit den Designern Gérard Godfroy, Marcello Gandini und Tom Tjaarda an verschiedenen Design-Projekten zusammengearbeitet.

Seit 2015 ist Sen Vizepräsident der FIVA. Daneben ist er als Juror prestigeträchtiger Oldtimer-Veranstaltungen wie Le Mans Classic und Chantilly Art & Elegance tätig.

Designer Tom Tjaarda

Der 1934 in der Detroit geborene Tom Tjaarda starb vor drei Jahren im Alter von 82 Jahren. Er war in den sechs Jahrzehnten seines Schaffens für fast alle grossen italienischen Designhäuser tätig: Nach Lehrjahren bei Ghia und Pininfarina sowie einer kurzen Mitarbeit bei Giorgio Giugiaros Ital Styling (heute: Italdesign), wurde er schliesslich Designchef von Ghia und Fiat und arbeitete die letzten dreissig Jahre selbstständig in seinem eigenen Designstudio in Turin.

Bilder aus Tom Tjaardas Kindheit und Jugend in den USA 1934–1955 – Buch „Tom Tjaarda – Master of Proportions“
Copyright / Fotograf: Jodi Ellis Graphics (Repro Stefan Dierkes)

Seine Beiträge zum italienischen Automobildesign waren mit über 80 Projekten erheblich. Seine bekanntesten Serienfahrzeuge sind der Fiat 124 Spider (Pininfarina 1965), der De Tomaso Pantera (Ghia 1970), der De Tomaso Longchamp (Ghia 1972) und der von 1976 bis 1983 gebaute Ford Fiesta (Ghia 1972), von dem 1,75 Millionen Stück produziert wurden. Mehr über sein Leben findet sich in einer auf zwischengas.com publizierten Biografie.

Ein umfassendes Buch

Das englischsprachige Werk von Gautam Sen könnte vollständiger nicht sein und umfasst das bemerkenswerte Leben und das Gesamtwerk von Tom Tjaarda. Die ersten sieben reich mit Familienfotos bebilderten Seiten sind seiner Kindheit gewidmet. Es folgen neun Seiten, auf denen Tom selbst die Beziehung zu seinem Vater John Tjaarda, der ebenfalls Automobildesigner war, sowie dessen Werk beschreibt. Und so detailliert geht es weiter. Von seiner 1958 entstandenen Studienarbeit, einem futuristisch verglasten Shooting Brake, über seine Jahre bei Ghia, Pininfarina, wieder Ghia bis zu seiner Selbstständigkeit werden chronologisch alle seine Entwürfe, Prototypen und Serienfahrzeuge ausführlich auf jeweils mehreren Seiten erläutert und bebildert.

Tom Tjaardas liebstes Design, der Lancia Fulvia 1600 HF Ghia Coupé „Competizione“ von 1969. – Buch „Tom Tjaarda – Master of Proportions“
Copyright / Fotograf: Jodi Ellis Graphics (Repro Stefan Dierkes)

Man könnte einwenden, dass Sen es leicht hatte, da Tom Tjaarda selbst das Material für das Buch gesammelt und viele Artikel über seine Erfahrungen und seine Fahrzeuge geschrieben hat. Doch die schiere Fülle der Informationen ist imposant und lässt kaum Fragen offen. Bei den vielen fahrbereiten Einzelstücken bleibt zwar oft deren Verbleib unbeantwortet, aber falls bekannt, ist die Besitzer-Historie im Text genannt. So sind zum Beispiel Tjaardas Lieblingsprojekt, dem 1969 in seiner zweiten Phase bei Ghia entstandenen Lancia Fulvia 1600 HF „Competizione“ zwölf Seiten gewidmet, die mit Tjaardas Zeichnungen sowie historischen und aktuellen Farbfotos bebildert sind. Leider suggeriert die Zeitleiste in 2-Jahres-Abständen oft ein falsches Erscheinungsjahr der jeweiligen Prototypen und auch der Text ist diesbezüglich nicht immer präzise genug.

Weitere Kapitel sind den Architektur-Projekten und dem Industriedesign von Tjaarda gewidmet, darunter Büromaschinen, Möbel, Zweiräder und Kehrmaschinen.

Für die Ausstellung „Italia 61“ zur 100-Jahr-Feier der Einigung Italiens in Turin gestaltete Tjaarda beim schwedisch-deutschen Konzern Alweg in Fühlingen bei Köln diese futuristische Einschienenbahn. – Buch „Tom Tjaarda – Master of Proportions“
Copyright / Fotograf: Jodi Ellis Graphics (Repro Stefan Dierkes)

Alle Texte sind nicht nur üppig bebildert, sondern auch mit Zitaten, die Sen in den Jahren seiner Freundschaft mit Tjaarda notiert hat, sowie den von Tjaarda selbst aufgeschriebenen Erinnerungen lebendig ausgestattet, so dass das Buch durchaus mit Vergnügen lesbar und nicht nur ein lexikalisches Nachschlagewerk ist. Selbst Toms Privatleben, seiner Ehe mit Paola, seinen Hobbys (Modellflug) und seinem Nachlass sind eigene Kapitel gewidmet. Dargestellt wird – wie es auch Robert Crumberford im Vorwort schreibt – ein „wundervoller“ Mann mit einem ausgefüllten Leben, der überall auf der Welt viele Freundschaften schloss; oder wie es der britische Autor Richard Heseltine in seinem Nachruf formulierte: „über den niemand in der Automobilindustrie ein schlechtes Wort spricht“.

Das Buch schliesst mit einer – allerdings unvollständigen – Bibliographie, die nur die wichtigsten Bücher zum Thema enthält. Der Index ist etwas unglücklich in Autohersteller und Karosseriebauer, Medien (hier wird auf die im Text genannten Zeitschriftenartikel verwiesen) und Personen getrennt, aber wichtig ist, dass er vorhanden ist und die Informationsfülle dieses 474 Seiten umfassenden Buchs auch als Nachschlagewerk erschliesst, auch wenn er leider ebenfalls einige Lücken aufweist.

Für Freunde schöner Linienführungen (Zielgruppe)

Dieses neue Standardwerk über das Leben und Werk eines der bedeutendsten Automobildesigners gehört in jede Bibliothek, die sich mit dieser Thematik beschäftigt. Liebhaber italienischen Designs werden überraschende Details aus der Innenansicht der grossen Designstudios mit weiteren Biographien von deren Protagonisten finden. Liebhaber der von Tjaarda gezeichneten Serienfahrzeuge erfahren wenig bekannte Details zur Entstehung seines bei Pininfarina gezeichneten 1964 Ferrari 330 GT 2+2 Coupés, des 1966 Ferrari 365 California und Fiat 124 Spider sowie des bei Ghia entstandenen 1970 De Tomaso Pantera und 1976 Ford Fiesta. Markenfans erfahren mehr über weitgehend unbekannte Projekte, unter anderem auf Plattformen von Apollo, Aston Martin, Bitter, Bugatti, Chevrolet, Chrysler, De Tomaso, Fiat, Honda, Isuzu, Lancia, Lotus, Mercedes, Saab, Shelby und Spyker. Schliesslich finden Sammler ein Kapitel mit einer von Laurent Hériou erstellten Liste aller Miniaturmodelle nach dem Vorbild von Tom Tjaardas Automobilen.

Dieses Buch setzt einen Massstab, an dem sich zukünftige Automobildesigner-Biografien messen lassen müssen!

Bibliografische Angaben

  • Titel: Tom Tjaarda – Master of Proportions
  • Autor: Gautam Sen
  • Sprache: Englisch
  • Verlag: Dalton Watson Fine Books
  • Auflage: 1. Auflage 2021
  • Format: 380 x 227 mm, gebunden
  • Umfang: 474 Seiten, 924 Abbildungen
  • ISBN: 978-1854433138
  • Preis: EUR 131.00
  • Bestellen/Kaufen: Online bei amazon.de, auf der Website des Verlags oder im gut assortierten Buchhandel

Bilder zu diesem Artikel

Quelle:
von ed******
20.06.2021 (12:36)
Antworten
Ein wunderbares Buch, ich musste es von A-Z ohne Unterbruch lesen. Und war richtig traurig, als ich die letzte Seite erreicht habe. Sehr lehrreich, man hat das Gefühl in einer Zeitmaschine zu sein und alles 1:1 mitzuerleben. Ich kann dieses - auch gestalterisch - fantastische Buch allen Design-Fans zu 100% weiterempfehlen. Einmalig!
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