The Snake and the Stallion (Filmbesprechung) - Carroll Shelby gegen Enzo Ferrari

Erstellt am 27. November 2012
, Leselänge 8min
Text:
Balz Schreier
Fotos:
Spirit Level Film 
38

Bereits in den ersten paar Sequenzen erfährt man schnell, worum es in diesem Film geht: Zwei Männer und zwei Marken im Kampf auf Rennstrecken: Carroll Shelby gegen Enzo Ferrari, ein Duell, das während mehreren Jahren auf unterschiedlichen Strecken ausgetragen wurde, nervenstrapazierend, ehrgeizig und persönlich. Man betitelt jene Kämpfe nicht umsonst als “Ferrari-Cobra-Wars”!

Zusammenfassung

Obwohl der Titel und die Einführung den Kampf zweier Rennsport-Marken hervorheben, wird der Film vorwiegend aus der Sicht von Carroll Shelby gezeigt. Sehr spannend und amüsant werden Fakten von etlichen Persönlichkeiten erzählt, die mit Carroll Shelby das Ziel, Ferrari zu schlagen, teilten.

Noch nie zuvor gezeigte Aufnahmen von Le Mans, Sebring und andern berühmten Rennanlässen machen die 60 Minuten wirklich packend spannend! Wer danach alle Details der Interviews wissen will, kann sich während sechs Stunden Bonusmaterial die Interviews in ungekürzter Fassung anschauen. Zusätzlich gibt es wie üblich “nicht verwendete Aufnahmen” (deleted scenes) und eine “Fotogalerie”.

Jeder, der sich als Motorsport-Fan bezeichnet, muss diesen Film gesehen haben.

Die nun folgenden Abschnitte fassen die einzelnen Teile des Films zusammen, die in packenden bewegten Bildern erzählt werden.
Anmerkung des Autors: Die Sachverhalte in diesem Artikel wurden dem Film entnommen. Aussagen, die aus heutiger Sicht womöglich nicht mehr stimmen, sind in diesem Text deshalb nicht korrigiert!

Der Schritt zum Erfolg

Während den Fünfzigerjahren wurde Carroll Shelby in den USA sehr schnell bekannt, er gewann etliche US Rennen und erzielte 16 Rekorde in kürzester Zeit. John Wyer, seit 1949 Team Manager bei Aston Martin in England, wurde schnell auf ihn aufmerksam und lud Carroll Shelby ein, für Aston Martin in Europa gegen die Elite zu fahren. John Wyer beabsichtigte damit, mit allfälligen Siegen in Europa die Werbetrommel in den USA für Aston Martin kräftig anzuheizen. Mit einem DBR1 war dann Carroll Shelby am Start des 24 Stunden Rennens von Le Mans 1959.

Gin Rummy - der beste Sprit für Le Mans

Carroll’s Co-Pilot Roy Salvadori erklärt im Film, dass Carroll Shelby nach der ersten von drei Practice-Blöcken alle zusammenrief und überraschend entschied, den DBR1 zu schonen und erst im Qualifying wieder zu fahren. Anstatt zu fahren sagte Carroll zu Roy: “Lass mich Dich ein gutes Kartenspiel lehren” und so gingen Sie in eine Bar und begannen, Gin Rummy zu spielen! Die Filmsequenzen der Gin Rummy spielenden Rennfahrer sind umso amüsanter, wenn man weiss, dass die Ferrari-Rennwagen zur gleichen Zeit noch ihre Runden drehten...

Sensation für Aston Martin - Niederlage für Ferrari

Niemand hätte dies gedacht. Nachdem Ferrari in Le Mans 1958 so dominiert hatte, wurden die roten Schönheiten vielerorts bereits als Sieger gefeiert: elegant, schnell und fortgeschritten waren die durch meisterliche Ingenieurskünste konstruierte Rennwagen aus Modena. Die meisten sahen in Ferrari die Perfektion des Rennwagenbaus und entsprechend respektvoll wurde Ferrari diese Ausstrahlung gegönnt.

Umso überraschender war aber der Moment, als Carroll Shelby über die Ziellinie rollte und den Gesamtsieg für Aston Martin holte! Noch nie zuvor war Carroll Shelby in Le Mans gefahren. Keiner hätte gedacht, dass ein in Europa noch unbekannter Rennfahrer in schlapp sitzenden Rennanzug zu sowas fähig wäre. Ab sofort wurde er als Weltstar gefeiert.

Der Film zeigt etliche Momente von Le Mans 1959 und den Spannungen zwischen Enzo Ferrari und Carroll Shelby. Einzigartig!

Trotz Herzfehler ein Siegertyp

Keiner wusste, dass Carroll Shelby an einem Herzfehler litt. Schon im Alter von sieben Jahren wurde ein vererbtes Herzleiden diagnostiziert, welches nach weiteren sieben Jahren als geheilt galt. Dass die Herzerkrankung wieder auftauchte, behielt Carroll für sich, unbemerkt trotz Berühmtheit schluckte er regelmässig Glyceroltrinitrat-Pillen, sogar während dem Fahren!

Nach Le Mans 1959 gab Carroll Shelby allerdings seinen Rücktritt als Rennfahrer bekannt, arbeitete als Renn-Fahrlehrer in seiner eigenen Fahrschule und widmete sich seinen anderen Projekten: eigene Autos bauen.

Im Film werden diese Tatsachen von Caroll Shelby in einem Interview selber erzählt. Die Originalfassung des Interviews in ungekürzter Länge kann man auf der Bonus DVD ansehen.

Vom Chrysler Special zur Shelby Cobra

Schon 1952 baute Carroll Shelby sein eigenes Auto, damals war es allerdings eher noch ein Umbau: er nannte es Chrysler Special. Sein Ziel war es aber schon immer, ein Rennfahrzeug mit möglichst viel Leistung und möglichst wenig Gewicht zu bauen.

Mit diesem Gedanken, ein Rennauto zu schaffen, das schneller und günstiger als die Ferraris sein würde, ging er zum damaligen Chef von General Motors: Ed Cole. Zum Leid von Carroll Shelby war da bereits ein konkurrierendes Sportfahrzueg in Produktion: die Corvette.

Nach der Absage bei GM fand Carroll sein Glück bei Ford, die bauten zu jener Zeit nur Limousinen und waren ein gefundenes Fressen für den Rennsportfanatiker. Lee Iacocca erinnert sich in einem Interview in sehr unterhaltsamer Weise, wie Caroll Shelby damals bei Ford in Cowboy-Hut und -schuhen anklopfte (Lee Iacocca war damals noch Ingenieur und wurde damals berühmt für seine Arbeiten am Ford Mustang). Auf die Frage, warum er von Carroll’s Idee so überzeugt war, antwortete Lee Iacocca lächelnd: “Die sehr gut aussehende Dame, die Carroll begleitete, spielte sicher eine wichtige Rolle!” 

Schon bald erhielt Carroll ein paar 4.2 Liter V8 Motoren, die für Fords neue Pickups gedacht waren. Was dann noch fehlte war ein leichtgewichtiges Chassis, um diese unterzubringen ... Alan Turner (damaliger Chef-Ingenieur bei AC Cars) erzählt dann im Film, wie Carroll AC kontaktierte und fragte, ob Sie ein Chassis bauen könnten, wo sein V8 Platz finden würde....

Sie wussten, dass der erste Prototyp noch weit weg von einem Ferrari, einem Corvette oder einem Jaguars war... aber der erste Wurf überzeugte: sie wussten, dass sie mit diesem Ansatz ganz vorne mithalten könnten: “europäischer Karosserie-Leichtbau verheiratet mit einem für 5-spurige Autobahnen gedachtem V8 Motor”, klingt doch gut, oder?

Carroll Shelby erzählt im Interview von der nächsten Hürde: um bei Rennen teilzunehmen, mussten mindestens 100 Strassenversionen gebaut werden, so die damaligen Regeln. Da aber das nötige Geld fehlte, um diese zu bauen, mussten zuerst Käufer gefunden werden, die das Geld anzahlen konnten. Man warb mit Inseraten unterschiedlich gefärbter Shelby Cobras, in Tat und Wahrheit war es aber immer dieselbe. So täuschte man eine scheinbar bereits laufende Produktion vor. Auf diese Weise fand man die Käufer, so dass die 100 Stück gebaut werden konnten.

Mit der Professionalität von Chef-Ingenieur Phil Remington wurden die mechanischen Mängel behoben und so kam die Premiere näher, wo das neue Ford Projekt zum ersten Mal auf der Rennstrecke zum Einsatz kam: 1962 in den kalifornischen Club-Rennen. Gleichzeitig wurde die neue Sting Ray Corvette präsentiert.

Nur wenige Minuten nach dem Start war klar: die Shelby Cobra war dank des Leichtgewichts deutlich schneller als alle anderen Starter! Nur leider litt das Chassis unter seinem Alter und die Hinterachse brach entzwei. Corvette siegte.

Ken Miles, ehemaliger Porsche Werksfahrer, wurde als Fahrer rekrutiert. Er war bekannt für seine Ausdauer, sein Gefühl für technische Verbesserungen am Fahrzeug, aber auch für seine Tradition, selbst nach 500 Meilen ununterbrochener Testfahrt einen Tee in aller Seelenruhe zuzubereiten. So kam er zum Übernamen ‘Teddy Teabagger’ (Teebeutel). David Friedman (damaliger Shelby Team Fotograf) lobt im Film indes auch den speziell trockenen Humor von Ken Miles.

Ken Miles und Phil Remington harmonierten perfekt, der Rennwagen wurde kontinuierlich weiter verbessert.

Mit Mut nach Le Mans

Ford drängte das Team, die Shelby Cobra für Le Mans bereit zu machen, Ford musste endlich auch in Europa zeigen, dass sie mit den Konkurrenzmarken mithalten konnten und so meldeten sich das Team an. 1963 waren sie zum ersten Mal in Le Mans und verpassten der Shelby Cobra ein Hardtop, ein aerodynamischer Schnellschuss, mit der Hoffnung, der Perfektion der Ferrari 250 GTO näher zu kommen. Die Top-Geschwindigkeit war aber bei weitem zu tief, der Erfolg in Europa blieb aus.

Von Null auf Shelby Daytona

Doch Carroll Shelby gab nicht auf, 1964 sollten sie zurückkehren, um Ferrari endlich zu besiegen.

Mit Hilfe von Pete Brock erbauten sie ein komplett neues Rennfahrzeug: das Cobra Daytona Coupe, die grosse Hoffnung, um das GTO-Biest endlich schlagen zu können.

Mit dem Sieg bei den 12 Stunden von Sebring 1964 erhielt das Team grünes Licht, um nach Europa zu reisen: Monza, Targa Florio und Le Mans.

Mit ein paar zusätzlichen Shelby Cobra Roadsters im Gepäck, die viele mechanischen Teile mit dem Daytona Coupe gemeinsam hatten, traten sie die Reise an, mit dem Hauptziel, Le Mans zu gewinnen. Die Shelby Cobra Roadsters wurden absichtlich bis über’s Limit gefahren, um neue Erkenntnisse zu gewinnen, die noch rechtzeitig vor Le Mans in die Daytona Coupés einfliessen konnten.

Spannender könnte der Countdown nicht sein: der Film zählt die Sekunden bis zum Start von Le Mans 1964. Der Start und die Ausschnitte aus den ersten Runden sind wirklich phänomenal! Als die Nacht beginnt, führt immer noch das Nr.5 Daytona Coupe.

5 Stunden vor Schluss steigt die Öltemperatur in gefährliche Höhen, eine Reparatur ist ausgeschlossen, da die nötigen Teile fehlen. Mit dem Risiko, dass der Motor überhitzen und in Flammen aufgehen könnte, fuhren sie trotzdem weiter, drei Ferrari 250 GTO im Nacken... und so fuhren sie das Rennen fertig und gewannen den Klassensieg!

Die Erfolge hielten an, 1965 gewannen sie die Sportwagen-Weltmeisterschaft in der GT Klasse!

Carroll Shelby verstarb am 10. Mai 2012 in Dallas.

Film Informationen

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