Obwohl Gläser schon lange vor der Erfindung des Automobils hochwertige Karosserien für Kutschen fertigte, ist bis heute kein Buch erschienen, das sich ausschliesslich der Dresdner Karosseriefabrik und ihrer Historie widmet. Michael Brandes hat diesen Missstand nun behoben. Zehn Jahre lang er sich durch diverse Stadt-, Firmen- und Privatarchive gearbeitet, um die inzwischen 159-jährige Geschichte des Dresdner Karossiers auf 320 Seiten so detailliert und korrekt wie möglich wiederzugeben.
Dementsprechend ist "Gläser-Karosserie Dresden" ist kein reines Buch über Automobilkarosserien, sondern tatsächlich eines über die vollständige Firmenhistorie, das 1863 beim Kutschenbau für den sächsischen Hof beginnt. Das erste Automobil mit Gläser-Karosserie folgte erst 40 Jahre später, als der Firmengründer und Namensgeber den Betrieb schon längst verlassen hatte.
Vielfälttiges Tätigkeitsportfolio
Die Texte sind sehr detailliert und erläutern neben Auftragslage, Konstruktionsdetails und Gebäude-Erweiterungen auch die wirtschaftlichen und politischen Umstände der einzelnen Jahre. So fertigte Gläser zu Beginn der Zwanzigerjahre auch Strassenbahnen, um in Zeiten der Wirtschaftskrise Arbeitsplätze zu sichern. Begleitet werden die Texte neben zahlreichen alten Fotos von Karosserie-Erzeugnissen auch von historischen Dokumenten wie Preislisten, Chassis-Eingangsscheinen, Werks-Laufkarten und sonstigen Schriftwechseln, die die Arbeitsweise im Werk belegen.
Anhand ihrer wird nicht nur die allgemeine Unternehmensgeschichte, sondern auch beispielhaft an einem Opel 2-Liter der Ablauf eines Auftrags von der Bestellung bis zur Übergabe an den Kunden aufgezeigt. Zum Teil findet sich hier auch kurioses wie eine Lohntüte eines Werksarbeiters aus der Zeit der Hyperinflation, die üppige 1,7 Millionen Mark enthalten hatte. Zitate aus den Memoiren von Erich Heuer, der die Firma von Heinrich Gläser übernommen hatte, ergänzen den Text.
Viel Archivmaterial
Da die "Goldene Zeit" von Gläser zwischen den beiden Weltkriegen lag, ist der Grossteil der historischen Fotografien natürlich schwarz-weiss, dennoch aber von guter Qualität. Zeitgenössische Illustrationen und Werbeanzeigen sind gelegentlich sogar in Farbe. Auch Werbematerial wie Prospektseiten und Zeitungs-Annoncen wird zahlreich präsentiert, ebenso wie Konstruktionszeichnungen von Verdeckmechanismen und ganzen Autos. Aus der DDR-Zeit, als das Unternehmen IFA-Vereinigung Volkseigener Fahrzeugwerke, Karosseriewerk Dresden hiess, sind überraschend viele farbige Werbeaufnahmen für AWZ und Wartburg enthalten – in hervorragender Qualität.
Anschliessend an den gut 280-seitigen Geschichts-Teil folgt ein eigenes Kapitel über Gläser-karossierte Automobile mit besonderer Geschichte. So fuhr zum Beispiel Rock Hudson in seinem eher unbekannten Film "Diese Erde ist mein" von 1958 einen Horch 855 Spezial-Roadster im Dresdner Kleid. Im Anhang folgt obendrein eine chronologische Liste von Gläser-Kutschen samt Aufbauform und Auftraggeber sowie heutigem Verbleib (soweit bekannt) und eine alphabetisch nach Marken geordnete Tabelle der wichtigsten Gläser-Serienkarosserien für Automobile.
Historisch wertvoll
"Gläser-Karosserie Dresden" ist ein Buch, das in erster Linie informieren und weniger unterhalten soll und diese Aufgabe sehr gut erfüllt.
Lobenswert ist insofern der wissenschaftliche Anspruch inklusive Fussnoten, Quellenangaben und Literaturverzeichnis, mit dem Michael Brandes sein Werk verfasst hat.
Auch wenn Freunde der Spezialkarosserie strenggenommen keine Alternative haben, ist dieses Gläser-Buch definitiv eine Empfehlung wert und eine wichtige Ergänzung für jede Bibliothek über die Zwischenkriegszeit und deutsches Karosseriehandwerk im Wandel der Zeiten. "Gläser-Karosserie Dresden" ist nicht im Buchhandel, sondern für 58,00 Euro nur direkt beim Verlag erhältlich.
Bibliografische Angaben
- Titel: "Gläser-Karosserie Dresden"
- Autoren: Michael Brandes (Lektorat Prof. Dr. Peter Kirchberg)
- Verlag: Christian Suhr / Sammelsuhrium
- Auflage: 1. Auflage April 2022
- Format: Festeinband, 247 x 295 mm
- Umfang: 320 Seiten, rund 700 Abbildungen
- Bestellnummer: CS2022-01-SHR
- Preis: EUR 58.00
- Kaufen/bestellen: Online bei Sammelsuhrium
Information
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mit Interesse habe ich Ihre Rezension des neuen Buches "Gläser Karosserie Dresden" gelesen. Daß bis heute aber noch kein Buch zu diesem Thema erschienen ist, stimmt so nicht! Es gibt die Titel "Gläser Cabriolets" vom Motor Buch Verlag (1987) und "Automobil Karosserien aus Dresden" von der Edition Reintzsch (1996). Der Autor beider Bücher war Gerhard Mirsching.
Mit freundlichem Gruß
Josef Boers
da haben Sie natürlich Recht. Ich meinte viel mehr, dass dies das erste Gläser-Buch ist, das sich in dieser Ausführlichkeit der Firma widmet. Vielleicht habe ich mich da etwas unpräzise ausgedrückt. "Automobil-Karosserien aus Dresden" erwähnt Herr Brandes ebenfalls in seinem Vorwort. Darin ist Gläser aber nur einer von mehreren Karosseriebauern. Das Motorbuch-Buch ist mit 118 Seiten wesentlich dünner und konzentriert sich etwas mehr auf die Autos als auf die Firmengeschichte. Sagen wir also vielleicht, Herr Brandes' Buch ist der erste "dicke Wälzer" zu Gläser.
Mit gleichfalls freundlichem Gruß
Paul Krüger