Emotion, Hingabe, Schönheit und Mut - das Leben des Alejandro de Tomaso (Buchbesprechung)

Erstellt am 8. Februar 2016
, Leselänge 9min
Text:
Christoph Ditzler
Fotos:
Dalton Watson Fine Books 
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Im Vorwort zu diesem Buch schreibt der Autor, Daniele Pozzi, und zitiert dabei den Fotografen Giò Martorana, dass die Geschichte von Alejandro de Tomaso eine Welt mit Emotionen, Hingabe, Schönheit, Spass und Mut gewesen sei. Entsprechend gilt: „There’s a lot more beside torque and rpms“ (Da ist viel mehr als nur Drehmoment und Umdrehungen pro Minute).


Eindrücke aus dem Buch "De Tomaso"
Copyright / Fotograf: Dalton Watson Fine Books

Neuen, breiteren Blickwinkel auf De Tomaso

Daraus ergibt sich auch das Lastenheft: „There was a unique vision for this book because the cars of De Tomaso had to been seen in a new, and wider perspective. This is why a historian who specializes in the economic and social impact of companies and a photographer interested in sheer beauty rather than clinical technique have been chosen to produce it. Because the De Tomaso cars are the result of an intriguing combination of values, the full story could not have been told by a technical specialist” (Diesem Buch lag eine ganz besondere Idee zugrunde, mussten doch die Autos von De Tomaso unter einem neuen, breiteren Blickwinkel betrachtet werden. Deshalb wurden ein Historiker, der auf Firmengeschichte spezialisiert ist, und ein Fotograf, den nur reine Schönheit und keine kalte, klinische Technik interessiert, für seine Produktion ausgewählt. Weil die De Tomaso das Ergebnis einer faszinierenden Kombination von verschiedenen Werten sind, hätte die Geschichte nicht umfassend von einem technischen Spezialisten geschrieben werden können).

Das Buch beinhaltet deshalb einen klassischen Textteil mit Bildern in schwarz-weiss als Zeitdokumente von Daniele Pozzi und Serien von neu hergestellten, grossformatigen Farbfotographien von Giò Martorana von allen Autos von De Tomaso, d.h. Vallelunga (Berlinetta und Spider), Mangusta, Rowan City Car, Pantera, Deauville und Longchamp sowie zu Beginn den Monoposti.

Die Highlights

Ein besonderes Highlight sind die Interviews mit Leuten, die eine wichtige Rolle im Leben von Alejandro de Tomaso gespielt haben: Isabelle Haskell, seine Ehefrau; Gianfranco Berni, dem langjährigen technischen Mitarbeiter; Tom Tjaarda, dem Designer des Pantera und seinem Sohn Santiago de Tomaso. Sie sind die Quellen für viele Informationen, die im Buch verarbeitet sind.


Aus dem Buch "De Tomaso" - Ein spezielles Paar
Copyright / Fotograf: Dalton Watson Fine Books

Insgesamt umfasst das Buch vier Teile:

  • Die Biographie von Alejandro de Tomaso und diejenige seiner Frau Isabelle Haskell bis 1960 resp. bis zur Gründung der De Tomaso Modena S.p.A. im Jahre 1959.
  • Die Jahre von etwa 1961-1970, d.h. vom Beginn mit dem Bau eigener Rennwagen bis zur Produktion des Mangusta inkl. dem Kauf von Ghia.
  • Die Jahre von 1971-1993, d.h. der Produktion des Pantera und dem Aufstieg und Niedergang des Firmenkonglomerats von Alejandro de Tomaso.
  • Schlussfolgerungen mit einer Würdigung der Leistungen von Alejandro de Tomaso.

Das Leben von Alejandro de Tomaso

Alejandro de Tomaso entstammte einer reichen argentinischen Familie und wurde 1958 Werkfahrer von OSCA. Sein grösster Erfolg war der Sieg im Indice de performance, dem hubraumbezogenen Leistungsindex, im 24-Stunden-Rennen von Le Mans mit Colin Davis auf OSCA Sport 750TN. Seine amerikanische Frau, Isabelle Haskell, war ebenfalls eine erfolgreiche Rennfahrerin. Als Ehe- und Fahrerpaar gewannen die Beiden den Leistungsindex des 12-Stunden-Rennens von Sebring 1958 auf OSCA 750S. (Es gibt im Buch ein tolles Bild mit dem Duo de Tomaso/Haskell und den Gesamtsiegern Phil Hill und Peter Collins bei der Siegerehrung).


Aus dem Buch "De Tomaso" - Ein spezielles Paar
Copyright / Fotograf: Dalton Watson Fine Books

Alejandro de Tomaso galt als Mann mit vielen Ideen. Entsprechend wuchs er bald über OSCA hinaus und gründete 1959 seine eigene Firma. Man versuchte sich in der Formel 3 (Formel Junior) und 1962-1963 auch in der Formel 1. Bemerkenswert ist, dass De Tomaso dafür einen eigenen 8-Zylinder-Boxermotor baute, den ihm Alberto Massimino zeichnete. Es folgten Rennsportwagen, insbesondere auch zusammen mit Shelby, und weitere Monoposti. 1970 baute er den Formel 1 für das Team Williams mit dem Ford DFV-Motor.

Für Alejandro de Tomaso wurde bald klar, dass auf Basis von Startgeldern die Ressourcen zu begrenzt blieben. Sein Vorbild Ferrari hatte mit den 250 GT den Weg gewiesen. De Tomaso realisierte den Vallelunga, angetrieben von einem Ford Kent-Motor mit 1,5 Liter Hubraum, der zwischen 1964-1967 56 Mal gebaut wurde. Vom Nachfolger, dem Mangusta, designt bei Ghia von Giorgietto Giugiaro, wurden zwischen 1967-1971 schon 402 Stück gebaut. Der Motor war ein Ford Winsor 302 cu.in. mit 5 Liter Hubraum und ca. 300 PS. Dazu benötigte er zusätzliche Ingenieur- und Produktionskapazitäten, die er sich mit dem Kauf von Ghia in Turin beschaffte. Unterstützung leistete die Rowan Controller Company im Besitz des Schwagers von Isabelle Haskell. Später entwickelte er zusammen mit Rowan ein Elektro-Stadtauto.


Aus dem Buch "De Tomaso" - Ein spezielles Paar
Copyright / Fotograf: Dalton Watson Fine Books

Die Zusammenarbeit mit Ford

Die Zusammenarbeit mit Ford und insbesondere die Bekanntschaft mit Lee Iacocca führten dann zum Pantera, der von Tom Tjaarde von Ghia designt wurde. Um die notwendigen Kapazitäten zu schaffen, kaufte Alejandro de Tomaso die Firma Vignale in Grugliasco. Ford stieg bei Ghia (und Vignale) ein und de Tomaso wurde zum vice-director von Ford ernannt. Nach dem Fall von Iacocca wurde de Tomaso Anfang 1973 bei Ghia abgesägt und die Produktion 1975 gestoppt. Bis zu diesem Zeitpunkt sind ca. 6‘500 Autos gebaut und über das Mercury-Lincoln-Händlernetz von Ford in den USA verkauft worden. Die Produktion des Pantera wurde in Modena in der Stammfirma De Tomaso Modena S.p.A. bis 1991 fortgesetzt, wobei die Stückzahlen auf Boutique-Niveau fielen. Die Palette wurde durch die Luxuslimousine Deauville und das Coupé Longchamp ergänzt.


Aus dem Buch "De Tomaso" - Die letzte Tochter von De Tomaso und Ford
Copyright / Fotograf: Dalton Watson Fine Books

Ab 1975 wurde Alejandro de Tomaso zu einem Partner der GEPI (Società per le Gestioni e Partecipazioni Industriali), einer staatlichen italienischen Finanzgesellschaft zur Rettung und Umstrukturierung von Firmen in Schwierigkeiten. Diese wurde 1971 gegründet. Schon 1973 übernahm De Tomaso die illiquide Callegari & Ghigi aus Ravenna und strukturierte sie um. Danach stieg er in das Geschäft mit Motorrädern ein, indem er zuerst Benelli und kurz darauf MotoGuzzi kaufte. Auch hier startete er ein Programm zur Umstrukturierung.

Damit hatte sich einen Namen als Restrukturierer gemacht und sein Ideenreichtum schien unerschöpflich. Das machte ihn für die GEPI interessant. Am 1. September 1975 übernahm er von GEPI Maserati und 1976 Innocenti mit einem Minimum an eigenem Invest. In seine Zeit fällt die Einführung der Maserati Biturbo und Shamal. Ebenso der Innocenti Mini von Bertone. 1984 investierte Chrysler unter Lee Iacocca in Maserati und zwischen 1979-1981 wurde der Chrysler TC by Maserati in (enttäuschend) wenigen Exemplaren gebaut.

Das Ende der Geschichte

Ab 1988 kehrte sich der Trend. Chrysler verzichtete auf die (eigentlich vereinbarte) Erhöhung des Anteils an Maserati und dafür stieg 1989 Fiat ein (und GEPI aus). Die komplette Übernahme durch Fiat erfolgte 1990.

Zudem wurde schon 1989 Benelli verkauft. Alejandro de Tomaso’s Reich reduzierte sich wieder auf die De Tomaso Modena S.p.A. Insbesondere, nachdem auch MotoGuzzi 1994 endgültig verkauft wurde. Es folgte ein letztes Update des Pantera (SI) und 1994 präsentierte De Tomaso sein letztes Modell, den Guarà von Carlo Gaino. Er wurde bis zum Ende der Firma 2004 gebaut, allerdings in sehr geringen Stückzahlen.

Anfang 1993 erlitt Alejandro de Tomaso einen Schlaganfall und musste sich aus der Geschäftsführung zurückziehen. Hier endet auch die Geschichte von Pozzi und Martorana. Der Guarà wird nicht mehr mit einer Fotoserie bedacht.

Das Erbe von Alejandro de Tomaso

Das Erbe von Alejandro de Tomaso sehen die Autoren vor allem im Pantera und dem Pantera-Effekt, d.h. die prominenten Besitzer des Autos, seine Verwendung in unzähligen Kinofilmen sowie seine Präsenz in Videospielen. Als Geschäftsmann hat er gewonnen und verloren, aber seine Interessen sind weit über das rein geschäftliche hinausgegangen. Ihr Urteil bleibt deshalb unbestimmt.


Eindrücke aus dem Buch "De Tomaso"
Copyright / Fotograf: Dalton Watson Fine Books

Es ist diese Unentschlossenheit, die das ganze Buch durchzieht. Man fragt sich oft, wie war das ganz genau? Ohne Pozzi’s Informationen in Zweifel ziehen zu wollen (und zu können), wäre es wahrscheinlich richtig gewesen, die Quellen offen zu legen. Ein Blick ins Internet zeigt, dass verschiedene Interpretationen der Transaktionen existieren.

Sowohl im Rennsport als auch im Geschäft hat De Tomaso viel Aufsehen erregt und die Autos waren spektakulär (und sind es zweifellos heute noch). Aber sportlich waren die De Tomaso nicht wirklich Spitze, trotz den Achtungserfolgen von einzelnen Panteras. Nimmt man noch das böse Wort Wertschöpfung als Massstab, dann hat De Tomaso insgesamt ca. 8‘500 Autos verkauft (inkl. der Produktion von Ford). Als Partner von GEPI hatte Alejandro de Tomaso sicher mit seinen Ideen punkten können, wo andere schon längst die Bücher geschlossen hatten, etwa die Rechenkünstler von Fiat. Das Überleben von Maserati war das Verdienst seiner Ideen. Aber die staatlichen Mittel, die in die verschiedenen Aktivitäten eingeschossen wurden, sind nur in geringem Mass zurückgeflossen.

Für Liebhaber des Designs von De Tomaso

Was das Buch bietet, ist ein flüssig zu lesender Text, viele interessante Fotos und spektakuläre Bilder der Ikonen von De Tomaso vor der Kulisse von Modena mit dem Dom und der Altstadt. Das grosse Format, die grosszügige Gestaltung, die Verwendung von gutem Papier und der hervorragende Druck machen aus ihm ein Qualitätsprodukt.


Eindrücke aus dem Buch "De Tomaso"
Copyright / Fotograf: Dalton Watson Fine Books

Zu empfehlen ist dieses Buch allen Liebhabern des Designs von De Tomaso. Hier werden die Autos in ihrer vollen Pracht gezeigt. Vielleicht ist das wirklich das grösste Kompliment, das man Alejandro de Tomaso machen kann.

Es ist auf Italienisch und Englisch erschienen, wobei die englische Auflage eine Übersetzung ist. (N.B: Die vorliegende Besprechung beruht auf der englischen Ausgabe).

Die Marke bleibt wervoll

Nach dem gesundheitsbedingten Rückzug von Alejandro de Tomaso aus dem Geschäft, übernahm sein Sohn Santiago die Firma und führte sie bis 2004, resp. bis zur Eröffnung des Konkursverfahrens weiter. Die Liquidation erfolgte 2012. Dass die Marke De Tomaso immer noch einen Wert hat, zeigen die Verkaufsergebnisse. So schreibt Zwischengas mit Datum 28. März 2015: „Gemäss Medienberichten hat eine schweizerische Investorengruppe unter dem Namen L3 Holding die Rechte an der Marke De Tomaso für knapp über zwei Millionen Euro gekauft“.

In der Zwischenzeit hat die L3-Holding aus Chiasso allerdings wegen finanzieller Probleme zurückstecken müssen und die chinesische Gruppe "Ideal Team Venture" hat die Markenrechte für 1,05 Millionen Euro gekauft.

Bibliografische Angaben

Italienische Auflage:

  • Titel: De Tomaso: Un argentino nella valle dei motori
  • Autor(en): Dr. Daniele Pozzi
  • Verlag: 24 Ore Cultura
  • Auflage: 1. Auflage 2015
  • Umfang/Format: gebunden mit Umschlag, 285 x 315 mm, 240 Seiten, über 200 Abbildungen
  • Sprache: italienisch
  • ISBN-13: 978-88-6648-283-3
  • Preis: beim Verlag €45.00; bei amazon ca. €35.00 (jeweils ohne Porto und Verpackung)

Englische Auflage:

  • Titel: De Tomaso: From Buenos Aires to Modena: The history of an automotive visionary
  • Autor(en): Dr. Daniele Pozzi
  • Verlag: Dalton Watson Fine Books
  • Auflage: 1. Auflage 2015
  • Umfang/Format: gebunden mit Umschlag, 285 x 315 mm, 240 Seiten, über 200 Abbildungen
  • Sprache: englisch
  • ISBN-13: 978-1-85443-278-0
  • Preis: beim Verlag $79.00; bei amazon €45.00 (jeweils ohne Porto und Verpackung)

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