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Drogo: Der offizielle Karossier von Ferrari 1966-1967 (Buchbesprechung)

Erstellt am 17. März 2016
, Leselänge 5min
Text:
Christoph Ditzler
Fotos:
Eigenverlag Marc De Rijck & Jack Koobs de Hartog (Repro Zwischengas) 
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Drogo? Drogo! Der Karossier, der das Kleid des Ferrari 330 P4 gehämmert hat!!

Gleich zu Beginn sei gesagt, dass der Titel „Official Coachbuilder of the Scuderia Ferrari“ ein Werbegag ist und nicht den wahren Kern des Buches anspricht. Es geht nämlich um eine Klarstellung. Die Karosserien von Piero Drogo, d.h. genau von der Carrozzeria Sports Cars in Modena und gemeinhin mit „Drogo“ abgekürzt, sind Originale und verdienen nach Ansicht der Autoren die Wertschätzung, die diejenigen von Pininfarina, Scaglietti, ... erfahren. In einer gewissen Weise versuchen sie die Reissleine zu ziehen, denn sie konstatieren, dass immer wieder originale Karosserien von Drogo herunter genommen und durch neu gebaute Originalkarosserien ersetzt werden.

Aus dem Buch Drogo - Der offitielle Karossier von Ferrari
Copyright / Fotograf: Eigenverlag Marc De Rijck & Jack Koobs de Hartog (Repro Zwischengas)

Falsche Informationen und fragwürdiges Verständnis?

Ein Beispiel gefällig? Der Ferrari auf dem Umschlag wurde als 250 GT SWB Competizione #2735GT am 30. Mai 1961 an Rob Walker Racing geliefert: in blau mit der klassischen Walker-Schleife. Der Wagen wurde in der Tourist Trophy 1962 schwer beschädigt. Der damalige Besitzer, Chris Kerrison, sandte das Fahrzeug für die Reparatur nach Modena zu Nembo (Neri & Bonacini). Drogo baute (wahrscheinlich) in deren Auftrag die neue Karosserie. Später wurde das Auto wieder in den sogenannten Originalzustand gebracht und die Karosserie von Drogo durch eine neu hergestellte SWB ersetzt. Die frei gewordene Drogo-Karosserie wurde dann mit dem Chassis des Ferrari 250 GTE #3611GT verheiratet.

Marc De Rijck und Jack Koobs de Hartog führen diesen Zustand auf Unkenntnis oder falsche Information sowie ein zumindest fragwürdiges Verständnis von Authentizität zurück. Die Schwierigkeit mit den Karosserien von Drogo ist dabei oft, dass sie in einer späten Phase des aktiven Lebens eines Autos aufgebaut wurden, z.B. nach einem Unfall mit Totalschaden, und so auch als Verlegenheitslösung mit beschränktem historischem Wert taxiert werden können. Konsequenterweise starten die Autoren ein Ausbildungsprogramm.

Aus dem Buch Drogo - Der offitielle Karossier von Ferrari
Copyright / Fotograf: Eigenverlag Marc De Rijck & Jack Koobs de Hartog (Repro Zwischengas)

Das Leben von Piero Drogo

Piero Drogo wurde am 08. August 1926 in der Nähe von Turin geboren. Die Zeit um den Zweiten Weltkrieg verbrachte er teilweise in Venezuela. 1958 kehrte er definitiv nach Italien zurück und liess sich in Modena nieder. Sowohl in Venezuela als auch in Italien fuhr er Rennen und nahm an internationalen Wettbewerben teil.

Ende 1960 gibt er den Rennsport auf und wird Partner bei den Karosseriebauern Marchesini & Cavalieri S.d.f. (società di fatto, resp. eine Arbeitsgemeinschaft), die später als Carrozzeria Sports Cars Marchesini, Cavalieri e Drogo S.d.f. firmieren. Drogo war verantwortlich für die kommerzielle Seite und brachte seine Kontakte aus der Rennszene ein.

Aus dem Buch Drogo - Der offitielle Karossier von Ferrari
Copyright / Fotograf: Eigenverlag Marc De Rijck & Jack Koobs de Hartog (Repro Zwischengas)

Die Firma hatte mit wechselnden Partnern bis zum tödlichen Verkehrsunfall von Piero Drogo 1974 Bestand. Allerdings geriet sie schon 1971 in finanzielle Schwierigkeiten und Drogo veröffentlichte einen Hilferuf in Autosprint. Ab Ende 1971 fungierte sie (nur noch) als Vertreterin für exklusive Autos, wobei im gleichen Gebäude weiterhin eine Karosseriewerkstatt bestehen blieb, die Carrozzeria ABS.

Karosserie-Industrie und Liste aller Drogo-Karosserien

Das Buch von Marc De Rijck und Jack Koobs de Hartog lässt sich grob in zwei Teile gliedern:

  • Eine (sehr detaillierte) Beschreibung der „Karosserie-Industrie“ in Modena in den 60er Jahren in Bezug auf die Struktur und die Produktionsmethoden. Sie arbeiten hier vor allem heraus, dass eine Firma wie Drogo keine Designer beschäftigte, sondern die Karosserieschlosser mit handwerklichen Methoden arbeiteten, entweder nach Vorgaben, z.B. der Ingenieure von Ferrari, oder sie suchten eine Lösung, z.B. wenn eine Karosserie zur Reparatur hereinkam. Sie mussten sich dabei zwangsläufig an die Dimensionen der Autos halten und bedienten sich aus dem Formenrepertoire, das im italienischen Sportwagenbau in der damaligen Zeit gängig war. „Design by the blow of a hammer“ (Design mittels Hammerschlag) nennen die Autoren das Vorgehen. Nichtsdestotrotz erkennen sie einen gewissen Drogo-Style, der Giotto Bizzarini’s „Nasenlöcher“ als Kühleröffnung verwendete.
  • Dem Versuch, eine komplette Liste aller Drogo-Karosserien zu erstellen und dabei echt von falsch zu trennen. In diesem Zusammenhang müssen sie auch die oben schon angesprochene Zusammenarbeit zwischen Nembo und Drogo klären. Die Liste selbst deklarieren die Autoren als ersten Entwurf, der zwangsläufig noch unvollständig sei.
Aus dem Buch Drogo - Der offitielle Karossier von Ferrari
Copyright / Fotograf: Eigenverlag Marc De Rijck & Jack Koobs de Hartog (Repro Zwischengas)

Karosseriewerkstatt von Ferrari?

1966 und 1967 war Drogo tatsächlich die Karosseriewerkstatt von Ferrari und sie fertigten insbesondere die Haut der Typen 330 P3 und P4 sowie der Dino 206 S und 206 SP. Interessant ist hier vor allem, dass die Mitarbeiter von Drogo die Arbeit zum Teil in Maranello verrichteten und Ferrari sie für diese Arbeit als eigene Mitarbeiter führte. Eine S.d.f. war also eine sehr flexible Struktur.

Effektiv hat Drogo aber nicht nur für Ferrari, sondern für und auf Basis von Cammarota, Volpini, PM Poggi, Maserati, ASA, ISO, Aguzzoli, de Siebenthal, Cegga, Thomassima, De Sanctis, Jaguar, Serenissima, Giannini, Frabat, AMS, Autozodiaco gearbeitet. Darunter waren auch Monoposti. De Rijck und Koobs de Hartog zählen um die 50 Fahrzeuge und etwa die doppelte Zahl von Karosserien, die dafür bei Drogo entstanden sind. Sie sind alle im Buch dokumentiert.

Jaguar E-Type "Tadini" - Aus dem Buch Drogo - Der offitielle Karossier von Ferrari
Copyright / Fotograf: Eigenverlag Marc De Rijck & Jack Koobs de Hartog (Repro Zwischengas)
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Giotto Bizzarini's Schlüsselrolle

Eine Schlüsselrolle als Auftraggeber spielte auch Giotto Bizzarini mit den ISO Grifo, den ASA sowie weiteren Autos. Interessant sind auch die Autos, die die Gebrüder Gachnang aus Aigle unter ihrer Marke Cegga mit einer Karosserie versehen liessen. Dazu gehörte auch ein Cooper-Monaco mit einem Ferrari V-12 als Motor, der bei Drogo zu einem echten italienischen Spider wurde.

Aus dem Buch Drogo - Der offitielle Karossier von Ferrari
Copyright / Fotograf: Eigenverlag Marc De Rijck & Jack Koobs de Hartog (Repro Zwischengas)

Drogo versah auch die Ferrari 250 LM mit den langen Nasen, wobei keine gleich ausgeführt wurde.

Für Sammler exklusiver Sportwagen

Es ist klar, das Buch richtet sich an die Sammler von exklusiven Sportwagen mit der Absicht, ihnen eine Wertschätzung für die Arbeit von Piero Drogo und seinen Partnern zu empfehlen. Die Informationen haben die Autoren in eigenen Interviews zusammengetragen, die zum Teil auch abgedruckt sind. Zudem stützt sich die Argumentation auf vorhandenes Fotomaterial und andere Dokumente, die alle abgedruckt sind. Trotzdem weisen sie immer wieder auf die Unsicherheit und Widersprüche hin, die eine primär mündliche Tradition beinhaltet. Das hält sie aber nicht ab, teilweise dezidiert zu einzelnen Konstrukten Stellung zu nehmen, was nicht allen Besitzern schmecken wird. Allerding sind sie Insider und wissen was sie tun.

Es ist aber auch für Alle interessant, die sich für die Industrie und die Technik interessieren, die sich hinter den zumeist roten Aluminiumblechen mit den tollen Formen verbergen. Es gibt in jüngerer Zeit keine Publikation mit einem vergleichbaren Tiefgang bezüglich dieser Fragen.

Das Buch ist trotz des Umfangs und des hohen Preises nur mit einem Pappeinband versehen. Man wird sich bei häufigem Gebrauch darauf gefasst machen müssen, eine designmässig wenig befriedigende, aber funktional effektive Ringbindung anbringen zu müssen.

Bibliografische Angaben

  • Titel: Drogo: Official Coachbuilder of the Scuderia Ferrari
  • Autor(en): Jack Koobs de Hartog & Marc De Rijck
  • Verlag: Eigenverlag Marc De Rijck & Jack Koobs de Hartog
  • Auflage: 1. Auflage 2015
  • Umfang/Format: Paperback, 295 x 210 mm, 273 Seiten
  • Sprache: englisch
  • Preis: Die Preise liegen bei ca. 100 Euro (ohne Berücksichtigung von Porto und Versand). Am einfachsten ist das Buch über ebay erhältlich.

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Quelle:
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