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Das Leben des Renngrafen Sandizell (Buchbesprechung)

Erstellt am 14. August 2017
, Leselänge 4min
Text:
Holger Merten
Fotos:
Heel Verlag 
11
Die Dreitage Harzfahrt 1934 war auch für die Auto Union die Vorbereitung für grössere Aufgaben. Graf Sandizell auf Horch 830 R - aus dem Buch "Sandizell"
2000 km durch Deutschland 1933. Graf Sandizell auf Wander W 22 Sport erfolgreich am Volant, im Wagen sitzt seine Frau - aus dem Buch "Sandizell"
Professioneller Einsatz der Auto Union auf die 2000 km Deutschlandfahrt 1934. Die Horch Stromlinien-Coupés waren mit einer Karosserie von Hornig ausgerüstet worden - aus dem Buch "Sandizell"
Zählen zu den besonderen deutschen Vorkriegsfahrzeugen. Die Wanderer Stromlinenwagen bei Rom während Lüttich-Rom-Lüttich 1938, beidem Graf Sandizell für die Auto Union gesetzter Starter war - aus dem Buch "Sandizell"
Nach dem Krieg wird Graf Sandizell Funktionär. Paul Pietsch hat nach dem Grossen Preis von Deutschland sichtbar unter dem Siegerkranz zu ächzen - aus dem Buch "Sandizell"
Graf Sandizell mit Gattin Paula und ihrem Horch in St. Moritz - aus dem Buch "Sandizell"

Als das Automobil in Deutschland seinen Exotenstatus verloren hatte, wurde es zum Spiel- und Sport- und Repräsentationsgerät der Reichen, vornehmlich des Adels. Viele davon betrieben semiprofessionell Motorsport. Einst nannte man solche Leute Herrenfahrer: Carl Max von und zu Sandizell war einer davon. Als Protagonist der deutschen Motorsport-Szene in der Vorkriegs- wie in der Nachkriegszeit würdigt ein Buch das Leben und Wirken des langjährigen AvD-Sportpräsidenten.

Ins Herrenfahrerleben hineingeboren

Graf von und zu Sandizell wird am 4. Oktober 1895 geboren. Er ist das einzige Kind von Wanda Gräfin Lamberg und Carl Theodor Cajetan Maximilian Maria Graf von und zu Sandizell. Als Soldat im Ersten Weltkrieg kommt Graf Sandizell mit dem neumodischen Automobil in Berührung. Diese Begegnung hat nachhaltigen Eindruck auf ihn gemacht. Seitdem spielt das Auto und dessen Umfeld eine bedeutende Rolle in seinem Leben.

Bild Die Dreitage Harzfahrt 1934 war auch für die Auto Union die Vorbereitung für grössere Aufgaben. Graf Sandizell auf Horch 830 R - aus dem Buch "Sandizell"
Die Dreitage Harzfahrt 1934 war auch für die Auto Union die Vorbereitung für grössere Aufgaben. Graf Sandizell auf Horch 830 R - aus dem Buch "Sandizell"

Bereits in den 20er Jahren nimmt er an Schönheitskonkurrenzen mit vorausgehenden Sternfahrten teil. In den 30er Jahren wird er Geländesportfahrer im Team der Auto Union. Und tritt auch für BMW an. Nachdem Krieg gehört er zu den Neugründungsvätern des AvD (Automobilclub von Deutschland), indem er als Sportpräsident die erste Nachkriegsdekade national wie international prägt.

Eine Würdigung in Buchform

Der renommierte Automobilhistoriker Erik Eckermann hat für den AvD diese Würdigung über dessen ehemaligen Sportpräsidenten in Buchform gebracht. Eckermann konnte dabei auf das umfangreiche Familienarchiv zurückgreifen und somit eine Chronologie über das Leben und Wirken von Carl Max von und zu Sandizell zusammenstellen. Durch die teils reich bebilderten Geschichten entsteht so ein Einblick in das öffentliche Leben eines Adeligen, der sich dem Motorsport verschrieben hat.

Bild Professioneller Einsatz der Auto Union auf die 2000 km Deutschlandfahrt 1934. Die Horch Stromlinien-Coupés waren mit einer Karosserie von Hornig ausgerüstet worden - aus dem Buch "Sandizell"
Professioneller Einsatz der Auto Union auf die 2000 km Deutschlandfahrt 1934. Die Horch Stromlinien-Coupés waren mit einer Karosserie von Hornig ausgerüstet worden - aus dem Buch "Sandizell"

Kenner werden erfreut die Geländesporteinsätze für die Auto Union verschlingen, die hier m.W. zum ersten Mal – wenn auch nur rudimentär – aufgearbeitet sind. Der Autor lässt neben dieser persönlichen Chronologie stets die ordnende  Zeitgeschichte einfliessen. Das vermittelt dem Leser unmittelbar einen Bezug zu Tun und Handeln und vermittelt zwischen Biografie und Historie.

Spannende Einblicke

Manfred von Brauchitsch, Huschke von Hanstein, Wolfgang Graf Berghe von Trips, Motorsport in Deutschland war über Generationen auch ein Sport des Deutschen Adels. Im Gegensatz zahlreicher Biografien über diese adlige Sportelite gelingt es Eckermann in seinem Buch ein sehr persönliches Bild über das Leben und Wirken von Graf Sandizell zu zeichnen. Trotz oder gerade wegen des sehr chronologischen Abrisses nähert sich der Autor den Lebens- und Zeitumständen seines Protagonisten an.

Für den Leser eröffnet sich so ein spannender Einblick in das Leben, Wirken und die motorsportliche Karriere eines Mannes, der nur wirklich eingeweihten Motorsportenthusiasten ein Begriff ist. Als kurzer Exkurs sei hier nur erwähnt, dass Graf Sandizell aufgrund seiner Rallye-Einsätze für die Auto Union in den 1920er- und 1930er-Jahren eng und freundschaftlich mit der AU-Führungsetage verbunden war. Diese Verbundenheit machte das bekannte Wasserschloss Sandizell letztlich zur Keimzelle bei der Neugründung der Auto Union in Bayern nach 1945.

Bild Zählen zu den besonderen deutschen Vorkriegsfahrzeugen. Die Wanderer Stromlinenwagen bei Rom während Lüttich-Rom-Lüttich 1938, beidem Graf Sandizell für die Auto Union gesetzter Starter war - aus dem Buch "Sandizell"
Zählen zu den besonderen deutschen Vorkriegsfahrzeugen. Die Wanderer Stromlinenwagen bei Rom während Lüttich-Rom-Lüttich 1938, beidem Graf Sandizell für die Auto Union gesetzter Starter war - aus dem Buch "Sandizell"

Bereits während des Krieges hatten die Führungskräfte der sächsischen Auto Union AG, Konstruktionspläne auf das gräfliche Schloss ins sichere Bayern verfrachtet. Auto Union Vorstand Carl Hahn und seine Familie mit dem Sohn und späteren Volkswagen Vorstand, Carl Horst Hahn flüchteten zum Kriegsende nach Bayern auf Schloss Sandizell. Hier liefen die Fäden der Führungskräfte zusammen und das hatte massgebliche Einfluss auf die Neugründung und Wiederbeginn in Ingolstadt mit der gesamten Nachkriegsgeschichte der Audi AG bis heute.

Ein Leben, zwei Lebensweisen

Die Zeit vor dem 2. Weltkrieg ist Sandizell begeisterter und erfolgreicher Geländesportfahrer. Für die Auto Union nimmt er an den zahlreichen Geländesportfahrten erfolgreich teil. Darunter auch die internationalen Alpenfahrten sowie die Langstreckenrally Lüttich-Rom-Lüttich. Nach dem Krieg gehört er zu den Gründungsvätern des AvD, dessen Sportpräsident er wird.

Bild Nach dem Krieg wird Graf Sandizell Funktionär. Paul Pietsch hat nach dem Grossen Preis von Deutschland sichtbar unter dem Siegerkranz zu ächzen - aus dem Buch "Sandizell"
Nach dem Krieg wird Graf Sandizell Funktionär. Paul Pietsch hat nach dem Grossen Preis von Deutschland sichtbar unter dem Siegerkranz zu ächzen - aus dem Buch "Sandizell"

Eine Tätigkeit, bei der er die internationale Anerkennnung Deutschlands wiedererlangt und zahlreiche Ehrungen erhält. Der AvD ist neben dem ADAC der ältere der beiden deutschen Automobilclubs. Ganz sicher ist er der Elitärere Verein, stets mit einer Ausnahme unter adeliger Präsidentschaft und wohl auch getragen von deren elitären Idealen.

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Ein lohnender Blick zurück

Erik Eckermann schafft es auf über 220 Seiten seine akribische Recherche in eine lesenswerte Biografie und Chronologie zu bringen. Die teilweise reich bebilderten Geschichten vermitteln einen unmittelbaren Zugang zu einer Lebenswelt wie sie in Deutschland zumindest in der Elite nicht so selten gewesen sein wird. Dass dabei aus dem Familienalbum auch Bilder aus eher privater Perspektive Eingang ins Buch finden, verschafft dem Leser Zugang zum Selbstverständnis einer Gesellschaftsschicht aus denen sich eben die Kaste der Herrenfahrer speiste. 

Bild Graf Sandizell mit Gattin Paula und ihrem Horch in St. Moritz - aus dem Buch "Sandizell"
Graf Sandizell mit Gattin Paula und ihrem Horch in St. Moritz - aus dem Buch "Sandizell"

Deutsche Gesichte der ersten Hälfte des 20 Jh. bedeutet auch immer der Zeitgeschichte einen kritischen Blick zu widmen. Oberflächlich nimmt Eckermann  dies auch ernst. Aber das Buch ist kein Geschichtsbuch, als Würdigung wird hier eine positive Narration gewählt. Besonders interessant sind zwei Erzählstränge des  Buches: Zum Einen die motorsportlichen Einsätze des Grafen für die Auto Union mit zum Teil unbekanntem Bildmaterial, zum Anderen das gräfliche Engagement im AvD nach dem Krieg auf internationalem Parkett. Sicher ein Buch für Leser, die vertieft in die Geschichte des deutschen Motorsports einsteigen möchten. Dann aber umso unverzichtbarer.

Bibliografische Angaben

  • Titel: Carl Max Graf von und zu Sandizell und seine Zeit
  • Autor: Erik Eckermann
  • Sprache: Deutsch 
  • Verlag: Heel, 1. Auflage 2017 
  • Format:  Gebunden mit Schutzumschlag, 240 x 320 mm 
  • Umfang: 224 Seiten, zahlreiche s/w-Bilder 
  • ISBN: 978-3-958–43516-2
  • Preis: € 49,95 
  • Leseprobe: auf der Website von Heel
  • Kaufen/bestellen: Online beim Heel Verlag , online auf amazon.de oder in der gut assortierten Buchhandlung

Bilder zu diesem Artikel

Bild Einband vorne - aus dem Buch "Sandizell"
Bild 2000 km durch Deutschland 1933. Graf Sandizell auf Wander W 22 Sport erfolgreich am Volant, im Wagen sitzt seine Frau - aus dem Buch "Sandizell"
Bild Professioneller Einsatz der Auto Union auf die 2000 km Deutschlandfahrt 1934. Die Horch Stromlinien-Coupés waren mit einer Karosserie von Hornig ausgerüstet worden - aus dem Buch "Sandizell"
Bild Zählen zu den besonderen deutschen Vorkriegsfahrzeugen. Die Wanderer Stromlinenwagen bei Rom während Lüttich-Rom-Lüttich 1938, beidem Graf Sandizell für die Auto Union gesetzter Starter war - aus dem Buch "Sandizell"
Bild Nach dem Krieg wird Graf Sandizell Funktionär. Paul Pietsch hat nach dem Grossen Preis von Deutschland sichtbar unter dem Siegerkranz zu ächzen - aus dem Buch "Sandizell"
Bild Graf Sandizell mit Gattin Paula und ihrem Horch in St. Moritz - aus dem Buch "Sandizell"
Bild Adelstitel, Champagner und Klunker, auch die Ehefrauen der FIA-Delegierten nehmen nach der 3-tägigen Versammlung am Abschiedsdinner teil. Graz Sandizell als anerkannter deutscher Vertreter im Kreise der internationalen Standesgenossen - aus dem Buch "Sandizell"
Bild Die A-Fahrer Edgar Barth und Paul Ernst Strähle werden 1960 mit der höchsten AvD-Club-Auszeichnung geeehrt - aus dem Buch "Sandizell"
Bild Auch BMW wusste die Einsatzbereitschaft von Max Sandizell zu schätzen. Zum Beispiel „Durch Bayerns Berge 1973“ auf BMW 328 durch den sonst gesperrten Tunnel - aus dem Buch "Sandizell"
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von Holger Merten
15.08.2017 (14:08)
Antworten
Besten Dank für Ihren Kommentar. Es gibt hier Kommentartoren, die meine Rezensionen bei zwischengas genau dafür loben, weil sie finden, dass ich die Bücher gut gelesen habe. Nun ist mir der Autor des Buches auch noch persönlich bekannt. Und deshalb erlaube ich mir sogar feststellen zu dürfen, dass Eckermann sicherlich kein Nazi ist. In diesem Buch geht es auch weniger um die Rolle des AvD als vielmehr die des Grafen Sandizell, der zugegeben, für den NSKK gefahren ist. Aber das sind Rosemeyer, Caracciola und Stuck auch. Und mit denen kann man heute noch Gedenkveranstaltungen in deren Namen durchführen, ohne dass gleich eine Welle antifaschistischer Propaganda über die Veranstaltung, noch über die Rennfahrer von einst her schwappt. Im Gegenteil: sie sind anerkannte Sportheroen ihrer Zeit. Ohne deren einzelne Mitgliedschaften in NS-Organisationen damit relativieren zu wollen, halte ich es für durchaus gerechtfertigt, dass ein Autor sich dabei auch eines Fahrers annimmt, der nicht ganz so im Rampenlicht stand wie die Silberpfeil-Piloten. Das ist Eckermann im Übrigen hier sehr wohl gelungen, auch, indem er z.T. auf die Verstrickungen eingeht, ohne sie auszuleuchten. Im Grunde zählt er die Renneinsätze auf und verfasst kurze Rennberichte. Das Buch ist keine Geschichte des AvD und auch keine Geschichte des NSKK, noch zielt es historisch darauf ab. Im Gegenteil, der Autor führt die Zeit des NS auf den Seiten 30/31 ein und darin kann ich keine Grundtendenz von nazifreundlicher Schreibe erkennen. Dabei erwarte ich auch von einem Motorsportbuch solch eine Ausweitung nicht. Mir reicht es zu erkennen, dass der Autor in dem Masse wie es sein Werk betrifft, die nötige Einordnung wahrt. Natürlich könnte man dem Autor vorwerfen, hier vertiefter Forschung betrieben zu müssen. Aber das reicht dann irgendwem auch noch nicht und die Mehrheit der Leser fühlte sich düpiert, dass sie hier wieder am NS-Geschichtsring durch die Arena gezogen werden muss. Ich bin fest der Meinung, dass es nicht Aufgabe eines solchen Buches ist, über die Verlängerung des Krieges zu philosophieren, weil das NSKK daran beteiligt sein könne.

Nun mag ich aber noch meine persönliche Meinung zu Ihrem Kommentar loswerden. Mir kommt das ein wenig klassenkämpferisch vor, fast schon wie ein antifaschistisches Mantra aus einem Ministerium der ehemaligen DDR. Vielleicht liege ich damit auch falsch. Aber ich kann mich des Verdachts nicht erwehren, dass hier so ein flauer Antifaschistenton mitschwingt, der ein Buch deshalb angreift, weil es eben die von Ihnen angesprochenen Punkte ausreichend würdigt.

Es ist Ihr gutes Recht in einer freiheitlichen Ordnung sowas zu empfinden und sogar festzustellen und zu äussern. Wer allerdings so viel Meinung kundtut wie sie, sollte dass vielleicht nicht unter einem Pseudonym tun. Das wirkt ein wenig wie solch ich sagen, feige.

In diesem Sinne, weiterhin gute Fahrt

Holger Merten
von Tr******
15.08.2017 (12:16)
Antworten
Haben Sie das Buch wirklich gelesen?
Unter anderem ist davon die Rede, dass der AvD sich der Nazi-Gleichschaltung lange widersetzt habe, mehr noch, dass er einer "gewaltsamen Auflösung" (S. 120) durch die Nazis unterlag. Das ist historisch falsch: Der AvD gehörte zu den ersten Clubs, die sich den neuen Machthabern anbiederten, und schon ab 1933 Juden die Aufnahme in den Club verweigerten. Die Auflösung erfolgte denn auch genauso freilwillig wie die die aller anderen Automobilclubs der Zeit auch, indem der AvD mit ihnen im DDAC aufging.
Abgesehen davon begibt sich der Autor auf schlüpfriges Terrain, indem er die propagandistisch gefärbte Berichterstattung über die bald ausnahmslos vom Nationalsozialistischen Kraftfahrkorps (NSKK) veranstalteten Wettbewerbe und ihren Führer Adolf Hühnlein ("das NSKK-Hühnchen") ins Lächerliche zieht. Das NSKK war direkt in die Herrschaft der Nazis verstrickt, verlängerte auf diese Weise sogar den Krieg. Herr von und zu Sandizell war Hühnlein zu Diensten und startete als adelige Galionsfigur sogar in den NSKK-Teams. Nach dem Krieg, soi klingt im Buch an, legte Sandizell auch das typische Verhalten aller NSKK-Täter an den Tag, indem er vermied, darüber zu sprechen.
Dies ist kein gutes Buch, sondern einfach nur entsetzlich.
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