Spuren im Schnee - Wie der Bundespräsident im 1000 PS-Porsche um den Nürburgring fuhr

Erstellt im Jahr 2012
, Leselänge 5min
Text:
Rainer Braun
Fotos:
Manfred Förster / Hallo Fahrerlager 
4

Kurz vor Ende seiner Amtszeit (1969 bis 1974) nutzte Bundespräsident Dr. Gustav Heinemann das Jahr 1973 zu einer Abschieds-Tour durch alle Bundesländer. Für die Visite in Rheinland-Pfalz stand der Nürburgring ganz oben auf dem Reiseplan des 74jährigen. Eine flotte Runde als Beifahrer in einem „richtig starken und schnellen Rennauto" hatte er sich gewünscht. Nicht in irgendeinem Rennauto, sondern der Porsche 917-Turbo sollte es sein.

Von dem 1000 PS-Ungetüm hat der oberste Repräsentant der Bundesrepublik schon viel gehört. Jetzt will er die schiere Kraft des stärksten Sportwagens der Welt endlich auch mal persönlich erleben. Nach eingehender Sicherheitsüberprüfung wird Porsche-Versuchspilot und Interserie-Leader Willi Kauhsen, 33, aus Aachen für die heikle Mission auserkoren. Auch das Kontingent an Journalisten ist eng begrenzt - so lässt das Präsidialamt nur drei ebenfalls streng durchgecheckte Fotografen zu: Josef Weitz aus Düren, Heinrich Esch aus Nürburg und Manfred Förster aus Titz bei Aachen.


Spuren im Schnee - Die Präsidenten-Kolonne mit dem Porsche 917/10 trifft am Ring ein (1973)
Copyright / Fotograf: Manfred Förster / Hallo Fahrerlager

Dienstag, 3. April 1973, gegen 10.00 Uhr. Kauhsen hat zwei Tage zuvor mit seinem knallgelben 917-Turbo bei widrigen Witterungsverhältnissen das ADAC 300 km Rennen auf der Nordschleife gewonnen. Jetzt stehen er und sein Siegerauto bereit, um die Präsidentenrunde in Angriff zu nehmen. Aber über Nacht ist Schnee gefallen, wie so oft um diese Zeit am Ring. Das Thermometer zeigt knapp über 0 Grad, Start-Zielbereich bis Hatzenbach und Hohe Acht sind mit einer dünnen Schneedecke überzogen. Die ganze Aktion droht zu platzen. Dr. Heinemann und seine Frau Hilda treffen bei Start und Ziel ein, eskortiert von einem riesigen Begleitkonvoi. Polizei, Sicherheitsleute, Personenschützer.


Willi Kauhsen begrüsst Hilda und Gustav Heinemann
Copyright / Fotograf: Manfred Förster / Hallo Fahrerlager

Nürburgring-Direktor Everhard Ludemann begrüßt den hohen Staatsbesuch und führt das Präsidentenpaar zum bereitstehenden Porsche. Die 1000 PS sind schon vorgewärmt, Profilreifen aufgezogen. „Guten Tag Herr Bundespräsident", sagt Kauhsen artig und macht einen tiefen Diener. Dann erklärt er seelenruhig, „dass der Schnee zwar unangenehm ist, aber die Runde deshalb nicht ausfallen muss. Wenn Sie trotzdem mitfahren möchten, können wir starten." Dr. Heinemann scheint freudig erregt, die Sicherheitsleute sind entsetzt, der Nürburgring-Direktor zuckt erschreckt zusammen, Frau Hilda schlägt die Hände vors Gesicht. Porsche-Werksmechaniker Klaus Bischof beugt sich mit ernster Miene ins Cockpit: „Willi, das kannst du nicht machen, das ist viel zu gefährlich."

Der Präsident wirkt ungeduldig, spricht schließlich ein Machtwort: „Ende der Diskussion, ich will jetzt endlich losfahren." Zielstrebig steuert er die Beifahrerseite an und lässt sich neben seinem Ring-Chauffeur so festgurten, wie er angekommen ist - im Straßenanzug und Mantel. Er stülpt sich Kauhsens zweiten Vollvisierhelm über den Kopf. Inzwischen haben sich die Verhältnisse gebessert, es schneit nicht mehr, aber es gibt noch Schneematsch. Ein Inspektionsteam wird zur Strecken-Erkundung losgeschickt, der Personenschutz bezieht an exponierten Stellen des Rings Position.


Chauffeur und Präsident sind bereit
Copyright / Fotograf: Manfred Förster / Hallo Fahrerlager

Nach endlosen Sicherheitsdiskussionen verständigt man sich darauf, die präsidiale Runde mit aller gebotenen Vorsicht durchzuziehen. Kauhsen wird nochmals ermahnt, unterwegs keinerlei Risiken einzugehen. Ein speziell für die Personenschutz-Begleitung ausgerüsteter Opel-Blitz-Transporter mit je drei bewaffneten Polizisten links und rechts auf den Außentrittbrettern sowie die Security-Kolonne fahren als Vorauskommando los - zehn Minuten später soll der Porsche mit dem Staatsoberhaupt als Passagier starten. Ab dem Zeitpunkt, wo der Bundespräsident im Porsche sitzt, darf nicht mehr fotografiert werden. Auch nicht unterwegs auf der Nordschleife.

Polizeiauto im Graben

Was dann passiert, schildert Kauhsen so: „Wir sind vorsichtig losgefahren, ab Hatzenbach war der Schnee weg. Danach hab' ich ordentlich durchbeschleunigt, so um 70 % vom Maximum. Auf den schnelleren Stücken wurde Heinemanns Kopf vom Fahrtwind in die Öffnung für die Turboansaugluft gedrückt. Ich hab' immer wieder zu ihm rübergeguckt, ob's ihm noch gut geht. Mit hochgestrecktem Daumen hat er signalsiert: Alles ok.

Die Hohe Acht ist noch mal kritisch, auf etwa 500 Meter liegt Schneematsch. Wir haben uns dort elegant um 360 Grad gedreht, ohne anzuschlagen oder stehen zu bleiben. Es ging gleich in Fahrtrichtung weiter und ich glaube, er hat das gar nicht so richtig gemerkt. Ein paar Ecken weiter sehe ich den Opel-Blitz halb zur Seite gekippt im Graben liegen. Wir müssen extrem verlangsamen und Slalom fahren, weil auf der Strasse verstreut Polizeimützen und Maschinenpistolen liegen, die von den Havaristen hektisch eingesammelt werden. Mit schnellem Blick sehe ich, dass niemand was passiert ist, die Jungs sind nur von den Trittbrettern gepurzelt.

Ab Galgenkopf gebe ich richtig Gas, wir fahren die lange Gerade runter an der Antonuisbuche vorbei so um 270, 280 km/h, 350 wären möglich. Heinemanns Daumen zeigt wieder nach oben, er scheint sich immer noch wohl zu fühlen. Langsam rollen wir bei Start und Ziel aus, ich blicke in erleichterte Gesichter der Wartenden. Die Runde hat ungefähr zwölfeinhalb Minuten gedauert, normal sind um 8.20" bei Nässe und 7.30" im Trockenen.

Hilda Heinemann eilt ans Cockpit und bedankt sich überschwänglich, dass ich ihren Mann wieder heil abgeliefert habe. Ich denke, sie war in großer Sorge. Der Bundespräsident ist noch immer hin und weg. Nachdem er den Helm abgenommen hat, sagt er völlig verklärt zu mir: ‚Herr Kauhsen, das war das Größte, was ich bisher erlebt habe, tausend Dank dafür.' Der Job ist gemacht, ich steige aus und lasse mein Auto verladen. Mein Fahrgast verabschiedet sich und wird wieder von den Leuten vom Protokoll vereinnahmt." Soweit Kauhsens Schilderung.

Die Begleiter drängen zum raschen Aufbruch, es stehen noch andere Tagestermine an. Schon wenig später setzt sich die Kolonne des Staatsoberhauptes zügig in Bewegung und verlässt mit Blaulicht und Tatütata die Eifelrennstrecke. Zurück bleibt nur der gestrandete Opel-Blitz - auf dem Abschleppwagen von Willi Martini.

Am Abend kehrt der Konvoi noch mal zurück zum Ring. Die Verbandsgemeinde Adenau gibt für den Bundespräsidenten und seine Frau sowie handverlesene Ehrengäste aus der Region ein Essen im Christophorus-Saal des Sporthotels „Tribüne". Zwischen Pökelzunge und Rehrücken schwärmt Gustav Heinemann immer wieder von seiner Nürburgring-Runde im 1000 PS-Porsche und sucht nach seinem Piloten. Der steht jetzt nicht mehr auf der Liste der geladenen Gäste, ist längst daheim in Aachen, lässt den Tag Revue passieren und ist sich ziemlich sicher. „Wenn ich die Geschichte in 20 oder 30 Jahren erzähle, glaubt mir das kein Mensch."


Deckblatt der Speisekarte für das Abendessen mit dem Präsidenten-Paar
Copyright / Fotograf: Manfred Förster / Hallo Fahrerlager

Diese Geschichte stammt aus dem ersten Band der erfolgreichen Buchreihe "Hallo Fahrerlager" von Rainer Braun. Weitere Infos dazu gibt es auf der Webseite der Reihe www.hallo-fahrerlager.de.

Bilder zu diesem Artikel

Quelle:
von co******
17.03.2015 (12:32)
Antworten
Geniale Story :)
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