Sprachlos in Spa - Wie BMW-Pilot Altfrid Heger durch geschickten Einsatz seines Sprachfehlers sein Team vor der sicheren Disqualifikation bewahrte

Erstellt im Jahr 2015
, Leselänge 6min
Text:
Rainer Braun
Fotos:
Hallo Fahrerlager 
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Archiv 
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Unser Bericht stammt aus dem 3. Band von 2009 der beliebten Buchreihe “Hallo Fahrerlager“ von Rainer Braun.

Erstes August-Wochenende 1986, 24 Stunden von Spa-Francorchamps. BMW setzt über das Freilassinger Team Schnitzer zwei BMW 635 CSi ein. Wolfgang Peter Flohr leitet als BMW-Sportchef den Einsatz. Ravaglia/Pirro/Berger teilen sich die Lenkradarbeit in der Startnummer 11, Quester/Heger/Tassin wechseln sich im Coupé mit der Nummer 12 ab. Ein gewaltiger Schlagabtausch mit den drei bärenstarken TWR Rover Vitesse V8 von Tom Walkinshaw steht an. Altfrid Heger ist frisch gebackener BMW-Vertragsfahrer und startet zum ersten Mal in einem Werksauto. „Ich will von Anfang an einen guten Job machen“, lässt der Essener die Journalisten wissen, „möglichst das Auto nicht rauswerfen und genauso schnell sein wie meine Teamkollegen.“ Das sagt er erstaunlich flüssig. Denn wenn Altfrid hoch konzentriert ist, gelingt es ihm, das Stottern fast komplett zu unterdrücken. Aber es kann auch mal unendlich lange dauern, bis er überhaupt ein Wort rausbringt. Dies nur zur Erklärung für das, was sich später ereignen sollte.


Stumm vor Schreck - Altfrid Heger 1986 in Spa
Copyright / Fotograf: Hallo Fahrerlager

Heger und seine Kollegen starten von Trainingsrang neun und kämpfen sich zügig nach vorn in die Spitzengruppe. Inzwischen hat sich Dunkelheit über die Ardennen gelegt. Gegen 23 Uhr sitzt Heger wieder im Auto und düst hinter dem Schnitzer-Schwesterauto her. Er glaubt, Pirro sitzt am Lenkrad, und will sich nicht blamieren. „Deshalb hab ich genauso spät gebremst wie er.“ Aber erstens sitzt da nicht Emanuele Pirro, sondern Gerhard Berger drin, und zweitens segelt Heger mit Karacho ins Kiesbett. Dort versinkt er bis aufs Bodenblech im losen Untergrund. Mit bloßen Händen und einem an Bord befindlichen Klappspaten versucht er, die Kiste wieder flottzubekommen. Vergeblich, es rührt sich nix. „Ich sah aus wie eine Sau, dreckig von oben bis unten.“


Kriegsrat - BMW-Werksfahrer Altfrid Heger und Dieter Quester
Copyright / Fotograf: Hallo Fahrerlager

Der BMW steht so unglücklich, dass alsbald ein ausgewachsener Abschleppwagen zur Bergung anrückt. Wer ihn gerufen hat, ist später nicht mehr zu klären. Ein Seil wird eingeklinkt und dann der 635 rückwärts aus dem Kiesbett gezerrt. Warum der Fahrer des Abschleppautos so blöd stehen bleibt, dass eine brandgefährliche Situation entsteht, bleibt sein Geheimnis. Jedenfalls steht jetzt auf der einen Seite der Fahrbahn der Heger-BMW mit dem Heck voraus, auf der anderen Seite der Abschleppwagen. Und zwischen den beiden Fixpunkten spannt sich quer über die gesamte Straße stramm das Abschleppseil. Da prescht Win Percy im Rover Vitesse V8 heran. Die Schleppwagenbesatzung ahnt das nahende Unheil und flieht ebenso wie alle beteiligten Streckenposten aus der Gefahrenzone. Nur Heger sitzt noch im Auto. Percy sieht das Seil in der Dunkelheit natürlich nicht und donnert ungebremst dagegen. Das Stahlseil reißt, der Rover ist nur leicht beschädigt und bleibt fahrfähig. Danach setzt sich Heger wieder in Bewegung und fährt langsam zur Box zurück, um die Räder wechseln zu lassen. Als er dort ankommt, baumeln die Reste des gekappten Seils noch am Heck. Heger bleibt sitzen und startet nach Check und Reifentausch wieder durch.


Frei Fahrt - Heger im BMW-Coupé mit Startnummer 11 auf Siegeskurs
Copyright / Fotograf: Hallo Fahrerlager

"Altfrid, du sagst gar nix"

Nach etwa 15 Minuten zeigt die Rennleitung bei Start und Ziel die schwarze Flagge für die Nummer 11. Quester tobt an der Box, Heger fährt weiter („Hab ich nicht gesehen“). Wenig später zeigt man ihm die Verwarnungsflagge, von schwarz keine Rede mehr. Nach weiteren 90 Minuten Fahrerwechsel an der Box, Flohr eilt auf Heger zu und befiehlt barsch: „Mitkommen zur Rennleitung, die Lage ist ernst, das Auto soll disqualifiziert werden, du sagst dort erst mal gar nix.“ Die beiden marschieren los, unterwegs erklärt der gerissene Flohr seinem Piloten die Taktik für die bevorstehende Anhörung. Natürlich geht es um den Zwischenfall mit dem Seil. Was sich dann abspielt, erzählt Altfrid Heger noch immer gerne und gut gelaunt:

"Wir kommen da rein und die Kommissare des ‚Königlich Belgischen Automobil Clubs‘ sitzen da wie bei einer Gerichtsverhandlung, lauter ältere, ernste Herren. Zuerst redet Flohr mit denen, ich stehe ebenso betroffen wie schweigend daneben. Man wirft mir vor, bei der Abschleppaktion eine brandgefährliche Situation für die anderen Teilnehmer mitverschuldet zu haben. Mir wird angelastet, dass ich als Fahrer des BMW Nummer 11 nicht verhindert habe, dass das Auto quer über die Strecke gezogen und das dadurch über die Straße gespannte Seil zur Gefahr für die anderen Teilnehmer wurde. In deren Augen war ich für die Blödheit der Abschleppwagen-Besatzung verantwortlich. Die Disqualifikation unseres Autos wird erwogen. Flohr beschwört die Jury, dass ich schon genug gestraft sei, weil ich vor Schreck über den Vorfall die Sprache verloren hätte. Das wollen sich die hohen Herren selbst anhören und beginnen nun mit meiner Befragung. Ich mache mir mein kleines Handicap zunutze und versuche angestrengt, das erste Wort herauszupressen. Das Gremium war total schockiert und beendete das Verhör sofort.“


Cleveres Duo - BWM-Sportchef Wolfgang Peter Flohr und sein Pilot Altfrid Heger 1986 in Spa
Copyright / Fotograf: Hallo Fahrerlager

Flohr erklärt derweil nochmals, wie sehr der Vorfall seinen Fahrer mitgenommen habe. Eine Disqualifikation würde möglicherweise schwere psychische Schäden beim Piloten hinterlassen. Die Jury folgt der Einlassung, verzichtet auf Wertungsausschluss und wünscht „gute Besserung“ für den Fahrer. Auch eine Zeit- oder Geldstrafe gibt es nicht, lediglich „zwei bis drei Stunden Ruhe“ werden dem vermeintlich angeschlagenen Flohr-Schützling verordnet. „Ohne meine Sprachlosigkeit und die clevere Strategie meines Sportchefs Wolfgang Peter Flohr wären wir raus gewesen“, ist sich Heger noch heute sicher. „Und vielleicht war es auch nicht ganz so schlecht, dass wir mit dem Thierry Tassin einen Belgier auf dem Auto hatten.“

Abgesehen davon, dass sich Quester bei der routinemäßigen Übernahme des Autos wegen des im Fußraum herumfliegenden Klappspatens echauffiert und das Teil im hohen Bogen aus dem Auto wirft, dreht die 11 ohne weitere Zwischenfälle ihre Rekord­runden. Nach Hegers zwangsweise verordneter Ruhepause zur Wiedererlangung seiner Sprache fährt er noch zwei weitere zwischenfallsfreie Turns. Dabei holt das Team wieder auf und um die Mittagszeit umkreisen beide Schnitzer-BMW den Parcours als Doppelspitze. Das Berger-Auto führt, Heger dahinter. Zweieinhalb Stunden vor der Zielflagge muss Roberto Ravaglia mit gebrochener Lichtmaschinen-Halterung zur Notreparatur an die Box. Die verlorene Zeit ist nicht mehr aufzuholen, Heger & Co erben die Spitze ebenso glücklich wie kampflos und geben die Führung bis zur Zielflagge nicht mehr ab. Ravaglia/Pirro/Berger werden hinter dem privaten CiBiEmme-635 CSi von Micangeli/Micangeli/Rossi noch Dritte und sorgen damit für einen glanzvollen Dreifach-Sieg der BMW-Coupés. Altfrid Heger kann sein Glück kaum fassen. Erster Start im Werksteam, gleich ein Sieg und das auch noch im Langstrecken-Klassiker von Spa. „Unglaublich, wenn man bedenkt, dass ich nachts fast alles versemmelt hätte.“


Manager-Karriere - Der heute 51-jährige Heger betreut seit einigen Jahren die attraktive Porsche-Clubsport-Rennserie als sportlicher Leiter
Copyright / Fotograf: Hallo Fahrerlager

Noch während die erfolgreichen Piloten auf dem Siegerpodium stehen, erkundigen sich die besorgten Kommissare bei Flohr, wie es denn „dem armen Mann von heute Nacht“ gesundheitlich so geht. Der BMW-Chef kann nur Gutes berichten. Sicherheitshalber fragt die Delegation bei der obligatorischen Gratulationskur auf dem Podium auch noch Heger persönlich nach dessen aktueller Befindlichkeit. In flüssiger Aussprache bedankt der sich artig für die Nachfrage und teilt mit, alles sei wieder gut – jetzt, wo man gewonnen habe. Denn wie gesagt, wenn der Altfried muss, dann kriegt er jeden Satz auch ohne Stottern raus.


Happy End - Zieldurchfahrt des Sieger-BMW Nummer 11 mit Heger:Quester:Tassin bei den 24 Stunden von Spa 1986
Copyright / Fotograf: Hallo Fahrerlager

Diese Geschichte stammt aus dem 3. Band von 2009 der erfolgreichen Buchreihe "Hallo Fahrerlager" von Rainer Braun. Derzeit sind noch Restbestände an Einzelexemplaren oder als Paket im Schuber verfügbar. Hinweis: Inzwischen ist das neue Buch „Hallo Fahrerlager Classic“ im Großformat 240 x 280 mit 300 Seiten und vielen neuen Episoden erschienen und ab sofort zu beziehen über hallo-fahrerlager.de .

Bilder zu diesem Artikel

Quelle:
von th******
17.08.2016 (09:14)
Antworten
Das sind fantastische Berichte,
voll aus dem "Eingemachten" .
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