Rennfahrerin Violette Morris - was ein Mann kann, kann ich auch!

Erstellt am 18. Juli 2013
, Leselänge 4min
Text:
Bernhard Brägger
Fotos:
Archiv Bernhard Brägger 
9

Der Gründer der modernen Olympischen Spiele - Baron, Pädagoge und Historiker Pierre de Coubertin will, wie in der Antike, nur Männer an den Spielen teilnehmen lassen. Er findet Sportlerinnen unästhetisch und so findet 1886 die erste Olympiade der Neuzeit in Griechenland ohne Frauen statt. Emanzipierte Athletinnen sind empört und wollen eine eigene Olympiade - eine Frauenolympiade.

Doch erst 1921 treffen sie sich in Monaco auf dem Tontaubenschiessplatz. Und da geht der internationale Stern der Violette Morris auf, einer vielseitig hochbegabten Pariserin. Bis 1925 verbessert sie viermal ihren eigenen Weltrekord im Kugelstossen und erhöht den Weltrekord mit der einarmig gestossenen Kugel auf 10.68 m. Auch mit dem Diskus weiss Violette weltmeisterlich umzugehen und schleudert die Scheibe auf 30.10 Meter Sogar als Radrennfahrerin, Fussballerin und Boxerin weiss sie die Blicke der Männer auf sich zu ziehen.


Violette Morris als Diskus-Werferin und Weltrekordinhaberin mit über 30 Metern
Copyright / Fotograf: Archiv Bernhard Brägger

Auch der Automobilsport gehört zu ihrem Repertoire.

Karriere im Rennsport

Auf einem 0,750 Liter der Marke Benjamin startet Violette Morris an der Gleichmässigkeitsprüfung Paris - Les Pyrénées - Paris. 1923 gewinnt auf dem gleichen Cyclecar das Rennen Paris-Nice. An der Trophy Armangué in Tarragona wird sie Zweite.


Violette Morris auf einem 1,1-Liter BNC
Copyright / Fotograf: Archiv Bernhard Brägger

1927 wird ein echter 1,1-Liter Rennwagen, ein BNC, ihr neues Spielzeug und prompt holt sie sich noch im gleichen Jahr am Bol d’Or in Saint Germain-en-Laye den Gesamtsieg. Immerhin dauert dieser für 1,1-Liter-Wagen ausgeschriebene Wettbewerb volle 24 Stunden! Nonstopp!


Violette Morris, die Rennfahrerin auf einem französischen Benjamin
Copyright / Fotograf: Archiv Bernhard Brägger

Halb Paris tuschelt von zu vielen männlichen Hormonen. Natürlich ist ihre muskulöse Erscheinung nicht mit der einer grazilen Pariserin zu vergleichen. Der blaue Männer-Renoverall, die kurzen Haare und die obligate Zigarette im Mundwinkel nähren zusätzlich dieses Geschwätz. Sie soll sogar die Brüste wegoperiert haben um so mehr Platz im engen BNC-Rennwagen zu erhalten - ein absurdes Gerücht.

Ausschluss und Reaktion

1927 verweigert die „Fédération Féminine Sportive de France“der 23-jährigen die Lizenz für die Teilnahme an den Olympischen Spielen 1928 in Amsterdam. Begründet wird dieser Entscheid wegen ihren lesbischen Neigungen und dem Tragen von Hosen in der Oeffentlichkeit. Und sie könnte junge Athletinnen in der Garderobe sexuell belästigen! Violette klagt den Verband ein. Sie verlangt die gültige Lizenz oder 100’000 Französische France als Genugtuung.

Nach den Spielen kommt es zum öffentlichen Prozess .Ein Fressen für die Presse. Ganz Paris geifert mit. Violette verliert. Das alberne Urteil - beruhend auf einem Gesetz aus dem 19. Jahrhundert - war in Wirklichkeit ein Vorwand, um ihr Verhalten ausserhalb der bürgerlichen Norm anzuprangern.

In Violette muss eine Welt zusammengebrochen sein. Violette, die glühende Patriotin, Violette, die mutige Ambulanzfahrerin von Verdun, Violette, die einen Weltrekord nach dem andern aufgestellt hat, Violette, oft Mittelpunkt des Pariser Nachtlebens - die Freundin der Josephine Baker. Verspottet, verlacht, geächtet! Sie steht vor einem menschlichen, sportlichen und wirtschaftlichen Scherbenhaufen. Vereinzelt fährt sie noch Autorennen, verkauft Automobilersatzteile.


Violette Morris mit Freunding Josephine Baker
Copyright / Fotograf: Archiv Bernhard Brägger
Angebote von Zwischengas-Spezialisten
Lancia Aurelia B52 Vignale Coupé (1952)
Jaguar XK 150 Estate "The Tow Car" (1959)
Porsche 208 Standard (1958)
Mercedes-Benz 370 S Mannheim Sport Cabriolet (1932)
+41 31 819 48 41
Toffen, Schweiz

Die Französin im Bund mit Deutschland

Fast zehn Jahre nach dem Prozess erhält sie eine offizielle Einladung in die Ehrenloge zu den Olympischen Spielen 1936 nach Berlin. Wie Balsam muss diese deutsche Geste auf ihre kaum vernarbten Wunden gewirkt haben. Ob hier die Weichen für ihre Zusammenarbeit mit den Nazis - dem sogenannten Sicherheitsdienst S.D. - gestellt werden? Aufträge wie das Erkunden von Automobilparks in französischen Rüstungsbetrieben, das Feststellen der mechanischen Stärke französischer Regimenter und die Rekrutierung von Spionen gehören zu ihren Aufgaben.

Das Haus 93 in der Rue Lauriston entwickelt sich in jenen Jahren zum bekannten und gefürchteten Zentrum der Gestapo. Hier verkehren all die im Dienste der Nazis korrupten französischen Verräter und Mörder. Auch Violette Morris geht dort ein und aus.

1942 nimmt ihre Tätigkeit für den S.D. dramatische Züge an. Sie soll nicht gezögert haben, ehemalige Rennkollegen, die der Réstistence halfen, der Gestapo ans Messer zu liefern. Captain Charles Grover, bekannt unter dem Pseudonym „Williams“, Sieger des 1. Grand Prix von Monaco auf Bugatti 35 B, Robert Benoist, zweimaliger Sieger des Grand Prix de France und erfolgreichster Pilot auf dem 1,5-Liter-8-Zylinder von Delage. Die erfolgreichen Sabotagegruppen der beiden GP-Piloten werden verraten, die Gestapo packt zu. Violette Morris soll die beiden Ex-Rennfahrer problemlos identifiziert haben! „Williams“ wird im Konzentrationslager Sachsenhausen, Benoist in Buchenwald umgebracht.

Ein Ende mit Schrecken

Im Sommer 1943 verstärken sich die Gerüchte, die Landung der Alliierten in der Normandie stehe bevor. Die Nazis entschliessen sich die Überwachungen und Repressionen bei der Zivilbevölkerung im Norden und Nordwesten zu verstärken. Violette Morris erhält links der Seine eine Kontrollzone zugeteilt. Um ihren Auftrag schnell und unabhängig zu erledigen, stellt ihr der S.D. einen Citroen 15 CV zur Verfügung. Jetzt ist Violette mobil. Unangemeldet, wie ein Blitz aus heiterem Himmel, taucht sie in wirklichen - oder vermuteten Résistancekreisen auf. Endlich kann sie ihren Wirkungskreis ausdehnen, ihre Lust am Bösen ausleben.

Skrupel kennt sie keine. Um „Geständnisse“ aus mutmasslichen „Terroristen“ herauszupressen, schreckt Violette Morris nicht vor Folterungen übelster Art zurück. Eine 20-jährige bezeugt, wie Opfer verhört werden. Ständig schreit die Morris: „Du wirst noch reden, fuchtelt mit Fotografien von Leuten der Résistance vor ihren Augen herum und bohrt dabei eine brennende Zigarette in die nackte Haut der an den Handgelenken aufgehängten Frau“.

Violette Morris ist der Résistance seit Jahren ein Dorn im Auge und so erstaunt es kaum, dass das Kommando „le maquis Surcouf“ beauftragt wird: „Exécuter immédiatement l’espionne Violette Morris. Als sich Violette Morris am 26. April 1944 mit ihrem 15 CV auf der D 27 der Ortschaft Lieurey nähert, wird sie angehalten und gnadenlos mit halbautomatischen Waffen niedergemäht. Violette Morris und ihre Begleiter werden unverzüglich im Hof des nächsten Bauernhause verscharrt.

Bilder zu diesem Artikel

Quelle:
Keine Kommentare
Neuen Kommentar schreiben
Möchten Sie einen Kommentar schreiben und mitreden?
  • Ganz einfach! Sie müssen lediglich angemeldet sein, das ist kostenlos und in 1min erledigt!
  • Sie haben bereits einen Benutzernamen für Zwischengas?
    Dann melden Sie sich an (Login).
  • Sie haben noch kein Profil bei Zwischengas? Die Registrierung ist kostenlos und geht ganz schnell.

Aus dem Zeitschriftenarchiv

zwischengas.com

Die umfangreichste Internet-Plattform über Oldtimer, Youngtimer und historischen Motorsport. Mit über 150'000 Besucher pro Monat ist zwischengas.com zur wichtigsten Informationsquelle von Oldtimer-Enthusiasten geworden.

Zwischengas Jahresmagazin

260 Seiten mit Fahrzeugberichten, Veranstaltungsrückblick und Auktionsanalysen.

Ab 6. Dezember 2020 am Kiosk und jetzt im Online-Shop

CHF 12.90 | EUR 9.90 zzgl. Versand

SwissClassics Revue

SwissClassics, das grösste Oldtimermagazin der Schweiz, erscheint mit sechs Ausgaben im Jahr und richtet sich an die Liebhaber von Oldtimern. Berichtet wird über Legenden des Fahrzeugbaus und die Schweizer Oldtimerszene sowie europäische Klassiker-Events.

Bisherige SwissClassics Ausgaben

Loading...