Paul Belmondo – Im Namen des Vaters, des Sohnes und des eiligen Geistes

Erstellt im Jahr 1993
, Leselänge 6min
Text:
Hartmut Lehbrink
Fotos:
Daniel Reinhard 
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Martin Lee (flickr KartingNord) 
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Antoine Dellenbach 
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LAT Images 
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Selten wurde der Eintritt eines Novizen in das Allerheiligste des Motorsports von schrilleren Tönen begleitet. "Ein Unding!" donnerte zum Beispiel Nigel Roebuck, Grand-Prix-Berichterstatter und wortgewaltiger Meinungsbildner, von der Kanzel des englischen Fachblatts autosport. "Paul Belmondo ist in der Formel 1 und mit Alain Prost und Nelson Piquet stehen zwei dreifache Weltmeister draußen!" Und seine Gemeinde bekreuzigte sich, murmelte Amen und schrieb zustimmende Leserbriefe. Der Tenor: Ein Vatersöhnchen sei das, die Gnade eines großen Namens sei ihm zuteil geworden und überhaupt sei die Welt schlecht, wo doch so viele brave Briten vergeblich auf ihre Chance warteten.

Dabei, statt mittendrin

In der Tat liest sich der Bericht von Belmondos bisherigen Aktivitäten weniger wie die Erfolgsbilanz eines Senkrechtstarters als wie die Ohrenbeichte eines Seitenaussteigers. Gewiß gewann er 1982 den begehrten Volant Elf des Pilotenseminars auf dem südfranzösischen Kurs von Paul Ricard. Aber die drei Jahre in der Formel 3 zwischen 1984 und 1986 konnte er lediglich in einen vierten Platz Im französischen und einen achten im europäischen Championat ummünzen. Vier Sommer lang (1985 bis 1989) genügte Paul Belmondo in der Gruppe C vor allem dem olympischen Reinheitsgebot: Dabeisein ist alles.


Belmondo in seinem blauen Renner
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Aufwand nicht gleich Ertrag

In dem halben Jahrzehnt von 1987 bis 1991 in der Formel 3000 schließlich gebar der Berg seiner 50 Starts das Mäuschen von einem fünften und zwei sechsten Rängen. Gleichwohl befand der mit inzwischen 28 Jahren gar nicht mehr so ganz junge Mann, die Zeit und er selbst seien reif für die Formel 1 und leaste sich für die ersten acht Rennen der Saison 1992 für drei Millionen Dollar einen March - eine willkommene Scheck-Therapie für das marode englische Unternehmen. Seinen ersten GP Start hatte er in Spanien 1992, seinen letzten 1994 an selber Stätte. Insgesamt startete er nur zu 7 F1-Rennen, bei den restlichen schaffte er weder im "March" noch im "Pacific" die Qualifikation.

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Unzerrüttbarer Glaube an sich selbst

Kein Zweifel: Diese Investition Paul Belmondos in Paul Belmondo hat bislang nur eine dürftige Erfolgs-Dividende abgeworfen - nicht qualifiziert in Südafrika, Mexico, Brasilien und Monaco, 12. Platz in Spanien, 13. in Imola. Kein Zweifel auch: So etwas nagt am Ego, rüttelt am Selbstvertrauen, zumal wenn der Chor der selbstberufenen Kritiker unaufhörlich ätzend seinen Senf in die Wunden schmiert. Leidet auch Paul Belmondo daran? Der Mann im Visier von soviel Mißgeschick und Medienschmäh unverhuscht und unverklemmt, zierlich und zugänglich, ein kleines bereitwilliges Lächeln um die Lippen, ganz anders als die sieghaft-entwaffnende Supergrinse seines Vaters, dieser Mixtur aus Playboy, Schlitzohr und gallischem Nationalheiligtum. "Wenn man sich alles zu Herzen nähme, was die schreiben, würde man verrückt”, sagt er, und: "Ich bin stolz auf meinen Namen. Der klingt doch viel attraktiver als beispielsweise Le Pen" (So heißt der radikale französische Rechten-Führer). Überdies: Die Bestenlisten des Rennsports seien voll mit den Söhnen berühmter Väter - man denke nur an die Andrettis, die Unsers, die Brabhams. Und rasch wird klar, dass der Glaube Paul Belmondos an sich selbst nicht den geringsten Schaden genommen hat.


Streckenposten helfen Belmondo wieder auf die Strecke zurückzufinden
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Sohn des Königs und Kapitän

Er habe einmal einen Klassenkameraden gehabt, berichtet er, einen Pascal Soundso, der habe es formuliert: "Um die Thronfolge anzutreten, genügt es, der Sohn eines Königs zu sein. Wenn man einen Kapitän für ein Schiff sucht, nimmt man den Besten.”

Er habe beides, den Namen und das Talent. Und dann zählt er auf, was sich da alles im Augenblick an Problemen emporstapelt, so daß die erhofften Resultate ausblieben. So krebse das March-Team am Rande des Existenzminimums dahin. An Luxus wie eine kontinuierliche Evolution, an Training zwischen den Rennen sei überhaupt nicht zu denken. Überdies habe er Schwierigkeiten, bei der Qualifikation das letzte Quentchen aus sich herauszuquetschen, brauche die Hitze des Renn-Gefechts, um so richtig warm zu werden. Und da ist auch noch die Sache mit der Kondition. Nach drei Trainingsrunden in Kyalami baumelte sein Kopf mit dem rotweißen Sturzhelm haltlos hin und her. "Kein Wunder”, plaudert March-Direktor Gustav Brunner dazu aus dem reichen Born seiner Erfahrungen: "Die Querbeschleunigungen in der Formel 3000 sind nichts gegen das, was sich im Grand-Prix-Rennwagen aufbaut. Da reißt es einem die Birne zur Seite." Und in Mexiko und Monte Carlo bleuten Belmondo die Buckel und Rinnen der Piste ein, dass im Leben im allgemeinen und in der Formel 1 im besonderen die Dinge durchaus nicht immer so glatt ablaufen, wie man sich das wünschen würde.


Paul Belmondo im Cockpit
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Mit Profis und harter Arbeit zum Erfolg

Doch es wird: Er hat sich inzwischen in die Obhut eines französischen Fitneß-Gurus begeben, fährt regelmäßig Rad, trainiert eisern seine Halsmuskulatur. "Ich denke nicht viel darüber nach, was ich für einer bin”, sagt er, "aber eines ist mir klar. Wenn ich mir einmal etwas in den Kopf gesetzt habe, dann bin ich stur wie ein Panzer.” Die Familie steht dabei unverbrüchlich hinter ihm, selbst seine Frau Luana, eine hübsche 21-jährige Römerin, die gleichwohl einräumt, eigentlich immer Angst zu haben, auch wenn sie das mit einem koketten Kichern kaschiert. "Mach dir keine Sorgen”, pflegt Paul Belmondo sie dann zu beruhigen. “Wenn wir zur Haupturlaubszeit in den Süden fahren, ist das zehnmal gefährlicher als ein Grand Prix."

Clanbewusstsein und alles Charles

Nach der Scheidung seiner Eltern lebte er bis zu seinem zwölften Lebensjahr mit seiner Mutter Elodie in London und zog dann zum Papa nach Paris, um dort sein Baccalauréat zu machen, das französische Gegenstück zum Abitur. “Immer”, erinnert er sich nicht ohne Wärme, “war er für mich und meine drei Schwestern viel mehr der Vater, als der gefeierte Schauspieler.” In der Tat sind die Belmondos von einem Clan-Bewusstsein durchdrungen, wie es sonst nur noch die Protagonisten amerikanischer Seifenopern aneinanderkettet. Zumindest die letzten beiden Generationen haben bereits ihre Fleißkärtchen für die Unsterblichkeit gesammelt, Pauls Großvater als Bildhauer, sein Vater als kinematographischer Superstar. Eine gewisse Affinität zum Wunsch-Metier seines Filius gibt es schon: 1957 sah Belmondo senior seinen ersten Großen Preis von Monaco, als er dort, zusammen mit dem Grand Prix-Piloten Jean Behra, einen Rennfilm drehte. Im gleichen Jahr versuchte er sich als Rallye-Fahrer. Allerdings klingen des Mimen Memoiren in diesem Punkte eher unattraktiv: "Meistens dotzte ich in Kaskaden irgendeinen Abhang hinunter und die Autos waren damals noch nicht so stabil wie heute." Einen Stuntman hat Belmondo, wie man weiß, nie benötigt. Übrigens heißen sie alle Charles, wie englische Filmbutler oder Thronfolger, die nie zum Zuge kommen: der Opa Paul Charles, Monsieur le père Jean Paul Charles, Paul selbst sowie sein Söhnchen Alessandro Charles, das ihm Luana im Juli vorigen Jahres schenkte und von dem der Filmstar behauptet, er sei das winzigste Baby, das er je zu Gesicht bekommen habe.


Jaguar XJ220C (1993) - Paul Belmondo/Jay Cochran/Andreas Fuchs im #52 XJ220C in Le Mans 1993
Copyright / Fotograf: Martin Lee (flickr KartingNord)

Lieber Rennen fahren als Schauspieler zu sein

Man wohnt in einem Dreizimmer-Appartement im 17. Arrondissement von Paris. Das sei Luanas Reich, meint Paul Belmondo, er selbst halte sich aus allem heraus. Auch sonst hält er sich unter der Woche bedeckt, geht kaum je aus, höchstens einmal ins Kino, wo er die Filme seines alten Herrn ("Im wirklichen Leben ist er viel netter.") einen nach dem anderen entdeckt. Oder ins Theater, wo er eine Schwäche für die heiter-melancholischen Stücke seines Landsmanns Jean Anouilh hat. Ist Belmondo der Jüngere jemals auf den Gedanken gekommen, selbst Schauspieler zu werden? “Nein, eigentlich nie!" kommt es wie aus der Pistole geschossen. Genau gesagt, liege dieser Teil seiner Karriere bereits hinter ihm. Einmal nämlich, in dem Streifen ”Itinèraire d'un enfant gâté” von Claude Lelouch, war Paul Belmondo in einer Nebenrolle zu sehen: als Sohn seines Vaters…

Bilder zu diesem Artikel

Quelle:
von ma******
18.04.2021 (23:34)
Antworten
Gibt es denn auch noch einen Text zu den Bildern des Jaguar XJ220C in Le Mans?
von an******
13.04.2021 (23:32)
Antworten
Als Ergänzung das Interview mit Paul Belmondo in der französischen Ausgabe von Sport Auto (April 2021 Nr. 711) lesen: "C'est pas du Cinéma!"
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