Madame Camille du Gast – Ausschluss wegen „weiblicher Nervosität“

Erstellt am 12. Juli 2013
, Leselänge 6min
Text:
Bernhard Brägger
Fotos:
Archiv Bernhard Brägger 
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Duchesse d'Uzès erhält 1897 als erste Frau in Frankreich, dem Ursprungsland des Motorsportes, den Führerschein. Wenig später wird sie wegen Übertretung der Höchstgeschwindigkeit beim französischen Staat angezeigt. Statt der erlaubten 12 km/h rast die Herzogin mit 15 km/h durch den Bois de Boulogne, dem Zentrum der Mondäne schlechthin.

Doch eine Frau als Rennfahrerin? „Une femme au volant d'une voiture de course... il ne faut pas“. („Eine Frau am Steuer eines Rennwagens, das gehört sich nicht.“)

Diese gesellschaftliche Zwangsvorstellung hindert eine Frau der Belle Epoque (1893-1923) nicht daran, Rennen zu fahren: Camille du Gast heisst sie und entgegen aller Erwartungen wird sie von Männern bewundert und verehrt.


Impression vom Rennen Paris-Berlin 1901, an dem Camille du Gast auch teilnahm
Copyright / Fotograf: Archiv Bernhard Brägger

Camille du Gast nimmt 1901 am Rennen Paris-Berlin teil. Sie belegt Rang 33. Sie ist auch 1903 beim fürchterlichen Desaster des Städterennens Paris - Madrid dabei. Tote Rennfahrer, tote Zuschauer. 1904 wird ihr wegen „weiblicher Nervosität“ die Lizenz entzogen.

Ein Leben mit sportlichen Eskapaden

1868 kommt in Paris Marie Marthe Designe zur Welt. Mit 22 Jahren heiratet sie Jules Crespin den Abenteurer und Mehrheitsaktionär der weltbekannten „Grands Magasins Dufayel“. Sie wird Mutter einer Tochter, treibt Sport, spielt Klavier, tritt als Sängerin auf und wird früh zur begehrten Witwe. In Paris wird sie zum Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens.

Für ihre sportlichen Eskapaden nennt sie sich Camille du Gast, entdeckt ihre Liebe zu Bergen, wird Alpinistin, Skifahrerin. Aus 600 Metern springt sie mit dem Fallschirm aus dem Heissluftballon, fährt Automobilrennen, später Bootsrennen auf dem offenen Meer.

Die junge Camille du Gast sucht unerschrocken das Extrem. Kampfeslustig, ehrgeizig. wagemutig. Sie ist vermögend, caritativ tätig, wird verleumdet, kämpft um die Rechte der Frau, weckt Eifersucht, pflegt Kontakt zu Politikern, schreibt Reiseberichte, versucht in politischen Händeln zu vermitteln. Camille du Gast - von den einen bewundert, den andern verabscheut.

Mit 20 PS in 25 Stunden von Paris nach Berlin

1901 beginnt ihre motorsportliche Aktivität. Städterennen sind in Mode gekommen und so bereitet sich Camille du Gast für das Rennen Paris-Berlin vom 27. - 29. Juni vor. Begleitet wird sie vom Prinzen Hélie de Talleyrand-Périgord - als Mechaniker wohlverstanden!

Auch die Baronin Hélène van Zuylen – Gemahlin des Präsidenten des Automobile Club de France steht am Start.

1105 Kilometer staubige Natustrassen warten auf die Abenteurer. Das Rennen wird in drei Etappen ausgetragen. Paris - Aachen 459 km, Aachen - Hannover 447 km und Hannover - Berlin 299 km.

Camille du Gast muss mit ihrem schwachen nur 20 PS aufweisenden Panhard am Ende der über hundert Automobile und Motorräder starten. Sie erzielt bei einer totalen Fahrzeit von 25 Stunden, 30 Minuten und 23 Sekunden den 33 Rang mit über 10 Stunden Rückstand auf den Sieger. Trotzdem “Chapeau” vor ihrer Leistung.

Baronin Hélène van Zuylen muss frühzeitig das Rennen wegen technischer Probleme beenden. Sieger wird der bekannte Franzose Henri Fournier auf einem schweren französischen Rennwagen der Marke Mors. 15.Std. 33. Minuten und 6 Sekunden!

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Entzug der Starterlaubnis

“Nächstes Jahr fahre ich schneller” kommentiert Camille und plant bereits die Teilnahme am Rennen New York - San Franciso. Doch die Starterlaubnis wird ihr vom französischen Automobil Club entzogen.


Im Pariser Skandal "La Femme au Masque" wird Camille du Gast im Jahr 1902 böswillig verleumdet, sie soll als Aktmodell gearbeitet haben
Copyright / Fotograf: Archiv Bernhard Brägger

Im Pariser Skandal „La Femme au Masque“ von 1902 wird Camille du Gast von Neidern verleugnet. Sie soll dem berühmt berüchtigten Maler Henri Gervex Modell für einen Akt gesessen haben. Dies konnte allerdings nie bewiesen werden.

Kameradenhilfe statt Rennerfolg

Für das Rennen Paris-Madrid stellt ihr Adrien Baron de Turckheim im Jahr 1903 einen seiner 5,7-Liter De Dietrichs mit 30 PS zur Verfügung. Frankreich liebt seine Camille. Trotzdem schreibt l’auto:” Die tapferen Franzosen applaudieren und heben ihre Hüte. Aber für uns kommen heftige Zweifel auf, ob Langstreckenrennen das Richtige für Damen sind?”

Das Rennen entwickelt sich zu einem fürchterlichen Desaster. Unfälle noch und noch. Verletzte, Tote, überfahrene, sterbende Zuschauer am Strassenrand. Der Geschwindigkeitswahn hat sich innert Stunden zu einem alles verschlingenden Moloch entwickelt.


Camille du Gast auf dem Weg nach Bordeaux
Copyright / Fotograf: Archiv Bernhard Brägger

Du Gast ist mit der Nummer 29 gestartet, gewinnt Platz um Platz bis sie beim verunfallten Phil Stead stoppt. Sie beginnt unverzüglich den unter seinem Wagen eingeklemmten Engländer zu pflegen, spricht ihm Mut zu, ruft um Hilfe. Phil Stead überlebt.

Endlich stoppt die französische Regierung in Bordeaux das sinnlose Gemetzel. Die Rennwagen müssen von Pferden zum Bahnhof geschleppt werden. Dort wird die Todeskolonne verladen und zurück nach Paris beordert. Auch Camille du Gast und ihr De Dietrich. Eine Rangliste wird zwar erstellt. Ein kläglicher Fetzen Papier. Die Gesamtzahl der Toten und Verletzten wird nie ermittelt. Der kaum geborene Automobilsport hat seine schrecklichste Fratze gezeigt. Rennen von Stadt zu Stadt werden unverzüglich verboten.

Ausgeschlossen wegen weiblicher Nervosität

1904 wird Camille du Gast vom Automobilsport gänzlich ausgeschlossen. Mercedes-Benz offeriert ihr auf einen Werkswagen um den Gordon Bennett Cup zu fahren Doch die Französische Regierung verhindert dies. Sie ist überzeugt davon, mit ihrem Dekret emanzipierte Frauen, Frauenrechtlerinnen in die Schranken weisen zu können. „Ausschluss wegen weiblicher Nervosität“ lautete die Begründung.

Dies kümmert Camille du Gast scheinbar wenig. Sie beginnt Motorbootrennen zu fahren. Auch auf hoher See. Besonders das Rennen von Algier nach Toulon weckt 1905 grosses Interesse in der Öffentlichkeit.

Die Zugehörigkeit der Kolonie Algerien zu Frankreich soll zementiert werden. Zeitungsreporter heizen mit reisserischen Artikeln die Stimmung an. Camille du Gast fährt ein ausschließlich für dieses Rennen gebautes Boot: 13 Meter lang mit Stahlrumpf und einem 90 PS-Motor von Carron, Gerardo et Voigt. Es wird auf den Namen Camille getauft. Ein heftiges Unwetter während der zweiten Etappe bringt alle sieben Boote ausser Gefecht. Sechs laufen auf Grund. Auch die Camille. Doch alle Schiffbrüchigen werden gerettet. In weiser Ahnung hat der Marineminister einige Kriegsschiffe als Begleiter aufgeboten.


die dramatische Rettung der Equipe von Camille du Gast beim Motorbootrennen von Algier nach Toulon im Jahr 1905
Copyright / Fotograf: Archiv Bernhard Brägger

Camille du Gast wird nach monatelangen Diskussionen zur Siegerin erklärt. Sie lag beim Untergang ihrer Camille dem Ziel am nächsten!

Eingetreten für die Rechte der Frauen

Eine entscheidende Wende im Leben der Camille du Gast tritt mit einem versuchten Attentat der eigenen Tocher auf die Mutter ein! Es schlägt fehl, aber Camille du Gast tritt um 1910 von der sportlichen und gesellschaftlichen Bühne ab.

Bis zu ihrem Tod im Jahre 1942 engagiert sie sich für “Die Französische Liga für die Rechte der Frauen” und für “Die Gesellschaft zur Verhinderung von Tierquälerei”. Sie scheut sich nicht, öffentlich mit störenden Aktionen gegen Stierkämpfe zu protestieren.

Im Rifkrieg in Marokko versucht sie die schlechte Behandlung spanischer Kriegsgefangnen zu verbessern. Während der Besatzungszeit im Zweiten Weltkrieg engagierte sich bis zu ihrem Tode 1942 für benachteiligte Frauen und Kinder.

Camille du Gast hat bis heute Spuren hinterlassen. Begraben ist sie in der Familiengruft der Crespin auf dem Père Lachaise Friedhof in Paris. Und heute noch ist im Arrondissement de Ménilmontant eine Strasse nach ihr benannt: “La Rue Crespin du Gast.”

Und in Chalon-sur-Saône gibt es das “Lycée Camille du Gast professionel des Métiers de l’Automobile!”

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