Karriere mit Koepchen - Wo Stuck und Heyer das Siegen lernten

Erstellt im Jahr 2012
, Leselänge 6min
Text:
Rainer Braun
Fotos:
Seufert / Hallo Fahrerlager 
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Kotauschek / Hallo Fahrerlager 
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Archiv BMW / Hallo Fahrerlager 
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Archiv Heyer / Hallo Fahrerlager 
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Hallo Fahrerlager 
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Förster / Hallo Fahrerlager 
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Bergpreis Schwäbisch Alb bei Kirchheim/Teck. Auf einer Wiese, die sich Fahrerlager nennt, steht BMW-Tuner Hans-Peter Koepchen und betrachtet zusammen mit seinem Mechaniker Frowein wohlgefällig die beiden weiß-blauen BMW 2002. Jungtalent und Neuzugang Hans-Joachim Stuck, gerade 18, hat in den Zeit-Trainingsläufen wieder mal alles verblasen. Ich bin mit Respektabstand Zweiter. Wie so oft in dieser Saison.


Hans-Joachim Stuck in seinem Koepchen-BMW 2002
Copyright / Fotograf: Kotauschek / Hallo Fahrerlager

Wir schreiben das Jahr 1969. In der Zweiliter-Tourenwagenklasse ist der Koepchen-BMW das Maß aller Dinge. Der junge Stuck fährt so quer um die Ecken, dass allen angst und bange wird. Er gewinnt fast immer und überall, am Berg, auf Flugplätzen, und am Ring sowieso. Ich kann meinem Teamkollegen zwar kaum folgen, aber es reicht trotzdem oft genug zum Doppelsieg. So endet auch das Bergrennen auf der Alb mit einem Stuck-Triumph, ich gleich dahinter.

Manchmal gibt es sogar Dreifachsiege, wenn Helmut Kelleners mal Pause vom Sportwagen hat und ebenfalls ins Geschehen eingreift. Oder wenn Walter Struckmann mit seinem Kunden-Auto antritt. Dann stehen auch schon mal drei Koepchen-BMW in Startreihe 1. Das sind die ganz großen Momente für Hans-Peter Koepchen, da steckt er sich genüsslich eine Zigarette an und schwebt auf Wolke 7.


Koepchen unterhält sich mit dem jungen Stuck
Copyright / Fotograf: Hallo Fahrerlager

HPK, so sein Kürzel unter Freunden, ist der ideale Teamchef für junge Talente und gestandene Profis. Technisch und strategisch topfit, vermittelt er jenes wertvolle Wissen, das er als gefürchteter Abarth- und BMW-Tourenwagenpilot gesammelt hat. So ist er stolz wie Oskar, als Vater Stuck im Frühjahr 1969 Sohnemann Hans-Joachim für ein Lehrjahr in seinem Team platziert. Führerschein und Lizenz des jungen Stuck sind noch druckfrisch, da gast der Lange schon beim ersten Antritt auf der Nordschleife gnadenlos an.

Noch am Abend des Trainingstags erscheint im Fahrerlager ein geschockter Streckenposten: „Herr Koepchen, auf ihrem Auto sitzt ein Wahnsinniger. Sie müssen sofort was unternehmen, sonst passiert noch ein Unglück". Der Mann kennt Stuck nicht persönlich, wir beide stehen ein paar Meter weiter und hören den Dialog grinsend mit. HPK beruhigt den aufgeregten Marshall, geht mit ernster Miene auf Stuck zu und sagt nur zwei Worte: „Weiter so".


Furchterregende Auftritte liefert Koepchen BMW-Pilot Hans Joachim Stuck zwischen 1969 und 1971 am Nürburgring
Copyright / Fotograf: Förster / Hallo Fahrerlager

Fans berichten derweil begeistert von furchterregenden Sprüngen und wilden Drifts, wie man sie in dieser Form auf der Nordschleife nur selten gesehen hat. Die Euphorie steigert sich noch, als ein Jahr später an gleicher Stelle Stucks waghalsige Darbietungen gleich 24 Stunden lang zu bestaunen sind. Im Koepchen-BMW 2002 gewinnt er 1970 zusammen mit Clemens Schickentanz die erste Auflage des heute so berühmten Ring-Klassikers. „Und das", so erinnert sich Koepchen-Chefschrauber Werner Frowein feixend, „obwohl der Clemens ständig ins Auto gekotzt hat." Jener Frowein übrigens, den Stuck respektlos „Bergziege" nennt und der heute technischer Kopf der innovativen Audi-Tochter „quattro GmbH" in Neckarsulm ist.

Denkwürdiger Heyer-Auftritt

Der spektakuläre Fahrstil macht Stuck schnell überall zum Publikumsliebling. Was er mit dem BMW aufführt, ist gigantisch. Obendrein wird mehr gelacht als je zuvor, weil Strietzel ständig neuen Unfug ausheckt. Nur Helmut Kelleners, routinierter Stammpilot und bis dahin bester Mann in Koepchens Stall, ist leicht pikiert. Aber das ist wohl immer so, wenn einer neu ins Team kommt, gleich allen davonfährt und obendrein auch noch gute Laune verbreitet. Als Hans Heyer im Mai 1970 als Frischimport aus dem Kartsport in einem Kunden-Auto unter Koepchen-Regie sein erstes Autorennen in Zolder fährt, ist sogar Stuck für kurze Zeit perplex. Dabei hat HPK dem Hans und mir noch nach dem Training gesagt: „Macht euch keine Gedanken um den Heyer, der ist neu, hat nur unseren Reservemotor, steht ganz hinten und muss noch viel lernen."


Hans Heyer startet 1970 als Neuling im Kundenauto und erschreckt seine Teamkollegen gleich mit einem Sieg
Copyright / Fotograf: Archiv Heyer / Hallo Fahrerlager

Offenbar hat er schnell gelernt, genauer gesagt über Nacht. Die Zeit von Samstag auf Sonntag hat der technisch pfiffige Neuling genutzt, um das Auto in seiner Firmen-Werkstatt in Wegberg einer „großen Inspektion" zu unterziehen. Koepchen weiß nicht so recht, wie er mit der Situation umgehen soll, dass sein Gaststarter wie entfesselt durchs Feld stürmt.

Nach wenigen Runden taucht er schon im Spitzenpulk auf, kassiert im Finish auch noch Stuck und gewinnt doch tatsächlich auf Anhieb. Während Heyer bei der Siegerehrung frech grinst, zieht Vater Stuck den Teamchef empört zur Seite: „Das war aber so nicht besprochen, Herr Koepchen, mein Sohn ist doch die Nummer 1." Daraufhin verpasst HPK mit Stuck sen. im Schlepptau Heyer erst einen lautstarken Anschiss, danach allerdings, als die Luft rein ist, hört sich das schon ganz anders an. „Gut gemacht, Hans", lobt Koepchen feixend, „wenn du willst, kannst du bei uns weiterfahren."

Ab hier beginnt auch Heyers Erfolgsgeschichte im Automobil-Rennsport. Da er zunächst bei Koepchen bleibt, kann der jetzt neben Stuck, Kelleners und Struckmann sogar noch auf einen vierten Siegfahrer zurückgreifen. Hier erlernt der junge, trickreiche Hans Heyer schnell auch noch den letzten Rest jener Schlitzohrigkeit, die ihn in den nächsten 20 Jahren seiner Renn-Karriere begleiten sollte.

Absturz in Raten

Trotz aller Erfolge und Siege ist das Renn-Team von Hans-Peter Koepchen wirtschaftlich verwundbar. Für die Prestigeduelle mit den Dauerrivalen Schnitzer und Alpina steht nur ein bescheidener Etat zur Verfügung. Erlöse aus dem Tuningbetrieb stopfen zwar so manches Finanzloch, aber die fiskalische Lage bleibt angespannt. Die teameigenen BMW 2002 werden im klapprigen Planen-LKW mit offenem Transportanhänger zu den Rennen gekarrt. Zwei Motoren-Leute (einer davon ist Enrico, Vater des heute in Japan rennenden Jung-Profis André Lotterer) und zwei Mechaniker sind zur Betreuung vor Ort abgestellt. Kaum Sponsoren, ein bisschen Geld von Solex, Gratisbenzin von Aral, Unterstützung von Dunlop, Prämien von BMW und Veedol. Schrott ist in der Kalkulation nicht vorgesehen. Und Fahrergagen gibt's schon gar nicht.


Teamchef Hans Peter Koepchen war selbst erfolgreicher Rennfahrer - hier im BMW 2002 auf dem Nürburgring an vorderster Spitze
Copyright / Fotograf: Archiv BMW / Hallo Fahrerlager

HPK ist zwar strategisch und technisch ein kleines Genie, aber dafür hapert es im kaufmännischen Bereich. Seine Freunde und Gönner, darunter der Journalist und spätere Industrie-Manager Hans-Wilhelm Gäb, arbeiten oft kostenlos für ihn, um den angespannten Finanzhaushalt nicht noch mehr zu belasten. Trotzdem zeichnet sich der langsame Niedergang ab. Zuerst zerfällt der Rennstall, dann naht auch das Ende des Tuning-Betriebs. Dazu kommen familiäre Probleme. Koepchen sucht Trost im Alkohol, sein Allgemeinzustand verschlechtert sich zusehends.

Bei Toyota in Köln findet HPK Ende der 70er Jahre eine neue Heimat. Sportchef Adolf Hüngsberg und Pressedame Jutta Sein versuchen ihn neu zu motivieren. Er wird in die Sportabteilung integriert mit der technischen Betreuung des Starlet- und Corolla-Rallye-Cups beauftragt. Später erhält er innerhalb der expandierenden Sportorganisation der Japaner weiterte Aufgabenbereiche. Obwohl es immer wieder neue Alkohol-Abstürze gibt, halten seine Toyota-Freunde eisern zu ihm. Extern wird er zusätzlich durch die alte Düsseldorf-Connection um Hans Heyer, Henry Panhuis und Klaus Schlüter betreut.

Doch alle Mühen sind vergeblich, HPK rutscht von Jahr zu Jahr immer tiefer ab und lebt phasenweise wie ein Clochard. So findet ihn Hans Heyer einmal nach wochenlanger Suche im Düsseldorfer Hafen. Sein Zustand ist katastrophal, er haust in einem ausrangierten Wohnwagen.

Das Ende des großen, genialen Teamchefs Hans-Peter Koepchen ist grausam. Er wird in ein Pflegeheim für Suchtkranke am Rande des Eifelstädtchens Blankenheim eingewiesen. Dort stirbt er Ende Oktober 1999 kurz nach seinem 60. Geburtstag einsam, krank und völlig mittellos. Seine letzte Ruhe findet er auf dem anstaltseigenen Friedhof. Ein gutes Dutzend treuer Weggefährten aus besseren Zeiten haben ihn an einem kalten, grauen Herbsttag auf seinem letzten Weg begleitet. Später merkt ein trauriger Toyota-Kollege mit schwarzem Humor an: „Hoffentlich haben sie ihn wenigstens so begraben, dass er in Richtung Nürburgring gucken kann."

Diese Geschichte stammt aus dem ersten Band der erfolgreichen Buchreihe "Hallo Fahrerlager" von Rainer Braun. Weitere Infos dazu gibt es auf der Webseite der Reihe www.hallo-fahrerlager.de.

Bilder zu diesem Artikel

Quelle:
von 02******
12.03.2015 (19:02)
Antworten
Danke für den tollen Bericht. Die meisten erinnern sich ja nicht mehr an dieses Tuning-Unternehmen.
Mir ist das Unternehmen insofern ein Begriff, da mein Vater damals einen Koepchen-Motor in seinem BMW 2000 gefahren hat.
Anschliessend wechselte er dann zu den Autos der Firma Heidegger. Die wäre doch auch mal einen Bericht wert...? Von dort kamen viele schöne und interessante BMW's...
von hh******
10.03.2015 (11:50)
Antworten
Allen Freunden des historischen Motorsports kann ich die 3 Bände Hallo Fahrerlager v. Rainer Braun nur ans Herz legen. Alle Stories sind so lebendig geschrieben, das man meint man ware selber dabei gewesen.
Rainer Braun's Erfahrungsschatz und Erzählweise ist einzigartig. Das zeigt er auch noch bei einigen historischen Events wie am Roßfeld Edelweiss Bergpreis.
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