Jo Siffert - Tod auf dem Karrierehöhepunkt

Erstellt am 24. Oktober 2011
, Leselänge 9min
Text:
Thomas Suter
Fotos:
Josef und Daniel Reinhard 
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Sutton Images 
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Porsche Archiv 
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Es gibt Ereignisse, da steht die Zeit still. Und alle können sich später noch genau an den Moment erinnern. Der 24. Oktober 1971 war so ein Datum. Die (Schweizer-) Rennsportwelt hielt den Atem an und verstummte: Am Sonntag Nachmittag verunglückte Jo „Seppi“ Siffert  bei einem nicht zur WM zählenden Formel-1-Rennen in Brands Hatch tödlich – ausgerechnet auf jenem Kurs, auf dem er drei Jahre zuvor seinen ersten, ganz grossen Sieg feiern konnte. 


Jo Siffert in einem Bugatti an einer Autoausstellung (1966)
Archiv Automobil Revue

Die letzte Seite des Scheckheftes

Vor 40 Jahren herrschten im Vergleich zu heute archaische Zustände auf den Rennstrecken. Auslaufzonen, Leitplanken waren Fremdwörter.  Die Rennwagenkonstrukteure in der Formel 1  laborierten empirisch an ihren Konstruktionen, die Labormäuse waren die Piloten, die Erfindung von lebensrettendem Karbon lag in weiter Ferne. Noch nicht einmal Sicherheitstanks oder Knautschzonen an den Rennwagen gab es. Tödliche Unfälle waren vorprogrammiert und trotzdem hoffte jeder Pilot, dass es ihn nicht treffen würde. Allein in der Saison 1970 / 1971 kamen mit Jochen Rindt, Bruce McLaren, Piers Courage, Ignazio Giunti, Pedro Rodriguez nicht weniger als fünf arrivierte Formel-1-Piloten ums Leben!

Siffert ging mit dieser ständigen Gefahr sehr pragmatisch um. „Ich glaube, dass jeder Rennfahrer so etwas wie ein Scheckheft besitzt. Und bei jedem Unfall reisst dir das Glück oder Schicksal ein Blatt aus dem Heft. Doch keiner weiss, wie viele Blätter noch in seinem Heft sind…“,  vertraute er in einem Gespräch dem Formel-1-Journalisten Roger Benoit an. Am 24. Oktober 1971 am Nachmittag war Siffert’s Checkheft aufgebraucht.

Sein letztes Rennen startete er in einem BRM P160 aus der Poleposition. Und zwei Dinge zeigen, wie schicksalhaft dieses Rennen in Brands Hatch für Siffert war: Der GP von Mexiko, der eigentlich an diesem Datum auf dem Programm stand, war nach dem Tod von Pedro Rodriguez (200 Meilen Norisring) von den Mexikanern abgesagt worden. Und bei Siffert machte sich nach 40 Rennen in der Saison 1971 etwas (Renn-) Müdigkeit breit. Zwei Tage vor dem Abflug nach Brands Hatch meinte er zu Jacques Deschenaux, dass er eigentlich gar keine grosse Lust verspüre, dieses nicht zu WM zählende Formel-1-Rennen zu fahren und er nur Jackie Stewart zu Ehren an den Start gehen würde …

Aufholjagd im letzten Rennen

Sein letztes Rennen verlief wie viele in Sifferts Karriere: Mit einer Aufholjagd. Den Vorteil der Poleposition konnte er beim Start nicht ausnützen und fiel bis auf Rang 10 zurück. Von dort kämpfte er sich wieder nach vorne. Nach 14 Runden lag er bereits auf Rang vier.


BRM P160 (1971) - in diesem Wagen verunglückte Jo Siffert 1971
Copyright / Fotograf: Sutton Images

Am Ende der 16. Runde fehlte er aber bei der Zieldurchfahrt, und die schlimmsten Ahnungen bestätigten sich – Rauchschwaden stiegen bei der „Hawthorn-Bend“ in den Himmel. Siffert war von der Strecke abgekommen, der BRM P160 hatte sich überschlagen und fing Feuer. Mit mehreren Beinbrüchen festgeklemmt, erstickte der Schweizer in den Flammen. Das Rennen wurde sofort abgebrochen, die genaue Unfallursache – vermutlich ein Materialdefekt – konnte nie geklärt werden.

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Tod auf dem Karrierehöhepunkt

Siffert war auf dem Höhepunkt seiner Karriere. In der Formel 1 stellten sich mit BRM endlich die Erfolge ein, die er in den Sportwagen-Rennen mit Porsche schon längst feiern konnte. Ferdinand Piech erinnert sich: „Er ist vielleicht der einzige Fahrer, den ich aus dieser Zeit kenne, der die Schuld an einer schlechten Platzierung nie seinem Wagen gab. Wenn der Rennwagen nicht perfekt war, kompensierte er es mit Können.“

Was machte es aus, dass Siffert ein grosses Idol der damaligen Zeit war? Was war die Grundlage seines Charismas? Beeindruckend ist sicher der Werdegang seiner sportlichen Karriere. Aus dem Nichts kämpfte er sich vom mittellosen Motorradrennfahrer (den Töff wählte er nur, weil’s billiger als ein Rennwagen war!) bis in die Spitze der Formel-1- und Sportwagen-Piloten-Zunft.

Sein Einstieg in den vierrädrigen Rennsport 1960 war zwar ernüchternd: Rang 34 bei einem Eisslalom mit einem Jaguar. Doch der Fribourger liess sich nicht entmutigen, mit dem Kauf eines Stanguellini-Formel-Junior-Rennwagens erfüllte er sich einen Bubentraum und auf Anhieb hatte er Erfolg. 1961 wurde er Europameister!

Mit dem letzten zusammengekratzten Geld kaufte sich Siffert einen Formel-1-Wagen und setzte ihn in Eigenregie bei den Grossen Preisen ein. Ein kurzes Intermezzo mit der Scuderia Filipinetti scheiterte nach einer knappen Saison „an den Reibereien zweier Charakterköpfe“, wie sich die Wegbegleiter Heini Mader und Jacques Deschenaux erinnern. Nachdem Siffert trotz eines Verbotes Filipinettis den GP von Rom bestritt, wurde er mit dem Startverbot beim GP von Monaco bestraft, was zum definitiven Bruch führte.

Die Durststrecke

Danach begann eine jahrelange Durststrecke. „In den Anfangsjahren borgte sich Siffert auf dem Rennplatz nicht selten das Geld für eine Tankfüllung seines Transporters – um  überhaupt wieder in die Schweiz zurückkehren zu können“, erinnert sich der Photograph Josef Reinhard aus Sachseln an seine ersten Begegnungen mit Siffert.

Obwohl er grosse Erfolge zu verzeichnen hatte – der legendäre und als unbesiegbar geltende Jimmy Clark wurde von Siffert zweimal geschlagen – konnte sich vorerst kein Team durchringen, dem Fribourger einen Werkswagen zu geben. Erst die Verbindung mit Rob Walker, einem Enkel der Whisky-Dynastie, der auf privater Basis Formel-1-Autos einsetzte, brachte für Siffert einen Aufschwung. Der Fribourger hatte ein grosses Problem weniger: Er musste sich nicht mehr ums Geld kümmern. Auch die Veranstalter freuten sich: Bei den Banketten fiel nicht mehr das ganze Siffert-Team über das Büffet her.

Bereits in den Anfangsjahren seiner Karriere konnte Siffert einen harten Kern um sich formieren. Heini Mader und Jean-Pierre Oberson unterstützten ihn als Rennmechaniker, Jacques Deschenaux und Paul Blancpain hielten ihm den Rücken frei, organisierten im Hintergrund seine Termine und unterstützen ihn auch bei der Sponsorensuche – aus der Perspektive des heutigen Rennsportes, in dem Automobilkonzerne ganze Hundertschaften von Personal für den Rennbetrieb bereitstellen müssen, geradezu unglaublich, was die verschworene Crew aus Fribourg erreichen konnte.

Nur ein Le Mans-Sieg fehlt

Nach der Durstrecke der ersten Jahre stellt sich der Erfolg ein: Nach einem Test beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans 1966 holte Porsche-Neffe Ferdinand Piech den Schweizer nach Stuttgart und offerierte für die darauffolgende Saison einen  Werksvertrag. Siffert hatte ein grosses Karriereziel erreicht – er war erstmals Werksfahrer.

Mit der Verpflichtung Sifferts legte das Zuffenhausener Werk den Grundstein für seine Marken-WM-Titel. Praktisch im Alleingang  holte er einen Sieg nach dem andern nach Deutschland. Siffert schaffte es, sich bei fast allen klassischen Langstrecken-Rennen ins Buch der Sieger einzutragen, nur ein Erfolg beim Klassiker schlechthin – den 24-Stunden von Le Mans – blieb ihm verwehrt.

Die Sternstunde in Brands Hatch

Seine Sternstunde hatte der Schweizer 1968. In England gewann er seinen ersten Formel-1-Grand-Prix mit einem Lotus. Darauf begannen sich auch die Werkteams um den Schweizer zu reissen. BRM und Ferrari wollten Siffert haben. Die Italiener spielten mit dem Gedanken, Porsche als direktem Gegner in der Marken-WM den stärksten Fahrer wegzunehmen. Siffert entschied aber: „Aus Loyalität fahre ich wieder bei Rob Walker in der Formel 1, die Langstreckenrennen bestreite ich für Porsche“.

Rennen waren ein und alles

In den folgenden drei Jahren füllte sich sein Terminkalender. Neben Formel-1-Rennen und Marken-WM-Prüfungen verschrieb sich Siffert der CanAm und der Formel 2. Bis 45 Rennen fuhr der Schweizer in einer Saison, manchmal deren zwei an einem Wochenende. Rennen waren sein Massstab. Einmal nach dem Hochzeitsdatum befragt, kam die Antwort: „Ach ja, das war unmittelbar nach Spa“ – das genaue Datum wusste er nicht mehr, die Geburt seiner beiden Kinder verpasste er!

1970 konnte er der Versuchung, als Werksfahrer die Formel-1-Weltmeisterschaft zu bestreiten, nicht mehr widerstehen. Der Fribourger verliess das Team seines väterlichen Mentors Rob Walker und unterschrieb einen Vertrag mit March. Im Laufe der Saison bekam er in den Medien ein neues Image: Der GP-Sieger von England 1968 holte keinen einzigen WM-Punkt, die Formel-1-Saison im unterfinanzierten March-Ford-Team war eine einzige Katastrophe und gekennzeichnet von mangelhafter Vorbereitung und technisch bedingten Ausfällen. Siffert wurde das Image des materialmordenden Piloten von einem Teil der Medien angedichtet. Immerhin: Im Porsche konnte der Schweizer zeigen, dass er jederzeit zu guten Resultaten fähig war.

Vierter Schlussrang in der Fahrer-WM und dann das Ende

Hervorragend liess sich für Seppi die Saison 1971 an. Von March wechselte er zu BRM und erhielt endlich denjenigen Wagen, um die Formel-1-Rennen an der Spitze mitzufahren. Drei „Schweizer“ standen beim GP von England in der ersten Startreihe: Clay Regazzoni, in der Mitte der in der Schweiz wohnhafte Jackie Stewart und Jo Siffert. Der Sieg im GP von Österreich war die Krönung der Saison.

Mit einem vierten Schlussrang in der WM erreichte Siffert die beste WM-Platzierung seiner ganzen Karriere. Die Weichen für die Saison 72 waren bereits gestellt: für BRM sollte er die Formel-1-Rennen bestreiten, und für Alfa Romeo, nach dem Rückzug Porsches, die Langstreckenrennen.

Dann kam jener unglückliche 24. Oktober 1971 mit dem „Saison-Kehraus-Rennen“ in Brands Hatch. Auf der Strecke, auf der Siffert drei Jahre zuvor den grössten Triumph feierte, kam er ums Leben. Eine buchstäbliche Bilderbuchkarriere fand abrupt ihr Ende. Dass Josef „Jo“ „Seppi“ Siffert beliebt, geschätzt und ein ganz grosses Rennfahrer-Idol war, zeigte sich fünf Tage nach dem Unfall. 50'000 Menschen säumten die Strassen Fribourgs, als er zu Grabe getragen wurde.

Weggefährten über Jo Siffert

Jo Siffert, ein Schweizer Autorennfahrer, war einer der Grossen, das sieht man schon in den Beurteilungen der Leute, die damals mit ihm zu tun hatten:

  • Prof. Dr. Ferdinand Piech:
    „Jedem, der Siffert fahren sah, war sofort klar, dass dies der richtige Fahrer für Porsche ist.“
  • Jacques Deschenaux:
    „Rennen waren sein ganzes Leben, dort fand er sein wahres Glück.“
  • Klaus Bischof:
    „Es gab nur einen einzigen Fahrer, den wir Mechaniker auf den Schultern zur Siegerehrung getragen haben – dies war Seppi Siffert beim 1000km-Rennen am Nürburgring 1969.“
  • Paul Blancpain:
    „Klar träumte er wie jeder Rennfahrer von Ferrari – aber er wusste, was Porsche für ihn getan hatte und blieb aus Loyalität bei den Stuttgartern.“
  • Jack Heuer:
    „Er war ein begnadeter Verkäufer: Kaum hatte er den Sponsorvertrag mit Heuer im Sack, drängte er mich dazu, in seiner Porsche-Vertretung ein Auto der Stuttgarter-Manufaktur zu kaufen.“
  • Nino Vaccarella:
    „Siffert war nicht nur ein sympathischer, schneller Pilot. Er gehörte gerade mal zu einer Handvoll Piloten, die überhaupt in der Lage waren, eine Strecke wie die Targa Florio auswendig zu können.“
  • Derek Bell:
    „Ich habe viel von Siffert gelernt. Einen Unterschied zwischen Grand-Prix und Langstreckenrennen gab es bei ihm nicht. Er kannte nur eines: Vollgas! Er wollte immer gewinnen, und immer wollte er auch Pedro (Rodriguez) schlagen.“  

Ausführlichere Meinungen seiner Weggefährten sind in einem separaten Artikel publiziert.

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