Frühstück mit Hervé Poulain - Versteigerungen gestern und heute

Erstellt am 14. Januar 2019
, Leselänge 8min
Text:
Bruno von Rotz
Fotos:
Bruno von Rotz 
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BMW AG 
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Artcurial 
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Archiv 
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Wer je eine Oldtimer-Versteigerung des französischen Auktionshauses Artcurial miterlebt hat, kann sich sicherlich auch an Hervé Poulain erinnern, den Mann mit dem Hammer. Wie er “Le million, le million” frohlockt, wenn ein Auto in die siebenstelligen Bereiche hochgeboten wird, oder über Kunst und Schönheit philosophiert. Immer in französisch, aber mit gewählten Worten und immer tiefsinnig. Wir haben ihn zum Frühstück getroffen und hingen an seinen Lippen, denn der Mann hat einiges zu erzählen.


Impressionen von der Artcurial Rétromobile Versteigerung am 8. Februar 2013 - Maitre Poulain dirigiert seine Show
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Die Berufung leben

Geboren wurde Hervé Poulain am 14. Dezember 1940 in der kleinen Stadt Avranches in der Normandie, im Norden Frankreichs. Er studierte Rechtswissenschaften, sah sich aber nicht so ganz als Rechtsanwalt, zumal er schon früh für die schönen Künste schwärmte. Ein Professor empfahl ihm, sich als Kunst-Auktionator zu versuchen, wozu man in Frankreich ein Rechtsstudium haben muss. Schon beim ersten Kontakt mit dem Auktionshaus “Hotel Drouot” war Poulain klar, dass dies genau sein Metier war.

“Ich bin ein Beispiel dafür, dass es möglich ist seine wahre Berufung zu finden”, erklärt Poulain und man sieht es seinen leuchtenden Augen an, dass er meint, was er sagt.

Im Jahr 1969 führt er erstmals eine Kunstauktion durch, versteigert unter anderem einen Dali. Es ist eine von vielen, die folgen. Aber es bleibt nicht bei der Kunst. 1975 versteigert er erstmals Autos, unter anderem einen 300 SL und einen Hispano mit Spezialkarosserie. Den ebenfalls angebotenen Ferrari 250 GTO kann er nicht verkaufen., weil nicht genug geboten wird. Heute kann man kaum mehr glauben, wie wenig Geld vor 44 Jahren reichte, um einen GTO zu erstehen.

Rennsport ist beschleunigte Intelligenz

Schon früh ist Hervé Poulain auch vom Rennsport fasziniert, zumal sein Bruder eine Renault-Garage in Avranche hatte. Der erste Renneinsatz findet im Jahr 1969 bei einer Rallye statt. Poulain engagierte extra einen Le-Mans-Nachwuchspiloten, um die richtigen Tips zu erhalten. Doch schon bald ist er schneller im Renault 8 Gordini als sein Co-Pilot. “Ich fuhr wie ein Verrückter, ich wollte um jeden Preis gewinnen”, erinnert sich Poulain. Seine Familie fürchtete gar um sein Leben, wenn er so weitermache. 1971 wurde er auf einer Renault-Alpine A110 Gesamtdreizehnter beim “Coupes de Vitesse” in Montlhéry.

Hervé Poulain liebte den Rennsport: “Ich liebe die Geschwindigkeit, im Inne von Beschleunigung der Intelligenz”. Im Rennwagen müsse man so schnell denken, so viel auswerten, soviel beachten, so schnell reagieren, nur schon, um zu überleben, aber auch um Unfälle zu vermeiden, die ja schnell Tausende von Euros kosten können.


24 Stunden von Le Mans 1995: #42 McLaren F1 GTR (BBA Compétition) mit den Franzosen Jean Luc Maury Laribiere - Marc Sourd - Hervé Poulain erreichte Platz 13
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Manche Rennautos liebte er, manche hasste er. So meint er, dass sich der Rondeau M379, den er 1982 in Le Mans pilotierte, fast wie ein Fahrrad fuhr, so einfach, so natürlich. Der Porsche 935 dagegen sei deutlich weniger angenehm und der BMW 3.0 CSL Schnitzer-Turbo sei praktisch unfahrbar gewesen. Den McLaren F1 (1995 in Le Mans) aber hielt er als “vrai bijoux” in Erinnerung. Zehn Mal startete Poulain in Le Mans, das letze Mal mit 58 Jahren und da wurde er noch 25. im Gesamtklassement. Eindrücklich!

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Ein Auto ist mehr als ein Mobilitätshilfsmittel

In den Augen Poulains ist ein Automobil nicht einfach ein Fortbewegungsmittel, sondern es ist ein Objekt, das man lieben kann und in dem man lebt/auflebt. Es weckt Emotionen, es betört die Sinne mit seiner Schönheit. Dazu kommt gerade beim klassischen Fahrzeug noch die Geschichte, die Herkunft, sowie die handwerkliche Komponente. Das gilt auch für den Rennwagen.

Poulain schaffte es in den Siebzigerjahren, seine beiden Passionen, den Rennsport und die Kunst, zu verknüpfen. Er nutzte seine Beziehungen zu bekannten Künstlern um mit BMW zusammen das “Art Car”-Projekt aus der Taufe zu heben.


BMW 3.0 CSL (1975) - Alexander Calder mit Hervé Poulain in seinem Atelier, auf dem Tisch das Modell des Art-Cars
Copyright / Fotograf: BMW AG

So entstanden ab 1975 Le-Mans-Rennwagen, die fahrende Kunstwerke waren und nicht nur für viel Aufsehen, sondern auch für viel Publicity sorgten. Die Künstler erhielten keinen Centime für ihre Arbeit, es war für sie eine Ehre, eines dieser rasenden Objekte zu bemalen. Calder, Stella, Lichtenstein und Warhol, sie alle interpretierten das Thema “Le Mans” auf ihre Art. Und Poulain sass jeweils zusammen mit Profi-Piloten hinter dem Lenkrad. Nur mit dem Stella-Schnitzer-BMW des Jahres 1976 legte er keinen Rennkilometer zurück. Aber dies ist eine persönliche Geschichte und soll es auch bleiben.

Die Stimme des Auktionators

Hervé Poulain hat viel Erfahrung als Auktionator. Er besitzt auch eine ganze Sammlung von Hämmern. Jeweils kurz vor einer Versteigerung wählt er den “richtigen” Hammer. Noch heute ist er nervös von einer Auktion, die nötige Konzentration hilft dann, richtig in die Gänge zu kommen.

“Als Auktionator muss man ein positives Klima schaffen, fast wie ein Prediger oder Sektenführer”, erkärt Poulain. Die Stimme, der Tonfall des Auktionstors sei dabei sehr wichtig, gerade bei den Saal- und den Telefonbietern. Sie müssen die Dringlichkeit spüren, die einmalige Chance erkennen, die sich ihnen bietet. Mit dem Internet sei dies alles viel schwieriger geworden. Alles werde langsamer, der Faden zwischen Auktionator und Bieter breche.


Die Konzert- und Hammermeister - in der Mitte Hervé Poulain - Artcurial Paris 2017
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Auch auf die früheren Einlagen mit Cabaret-Sängern, die manche Rétromobile-Versteigerung noch unterhaltsamer machten, verzichte man heute, um die Dramaturgie, die Spannung nicht zu gefährden.

“Heute sind die Leute im Saal viel besser informiert”, meint Poulain, “und damit auch wählerischer”. Dies mache die Aufgabe des Auktionshauses auch anspruchsvoller. Allerdings sei der Markt in der Vergangenheit auch ein wenig aus den Fugen geraten. Im Prinzip sei der Wert eines Wagens doch eigentlich eine Funktion daraus, wieviel Freude er bereite, sowie der Provenienz/Palmares des Autos. Aber dies erkläre den Wert heute nicht mehr, denn je nach Wagen könnte der Preis das Zehnfache dieser “Berechnung” sein. Ein gutes Beispiel hierfür ist der Ferrari F40 und der Bugatti EB110. Obschon der Bugatti deutlich seltener ist, erzielt er am Markt erheblich weniger Geld als ein F40.

Insgesamt hält Poulain den Automarkt aber für weniger spekulativ als den Kunstmarkt. Dies hänge damit zusammen, dass es deutlich mehr Enthusiasmus brauche, um ein Auto zu besitzen. Spätestens nach der ersten Panne spüren dies die Oldtimerkäufer. Und die Leute wollen/sollen ja fahren mit den Autos, damit wachsen auch die Wartungsaufwendungen.

Es gäbe auch typische Auslöser, die Autos an die Auktionen bringen, etwa Scheidung, Tod oder Umzug.

Es fehlt nicht an Nachwuchs

Generell sei zu beobachten, dass die Käufer immer älter, die Preise immer höher werden. Da könnte man schnell auf den Gedanken kommen, dass es an Nachwuchs im Klassikerumfeld mangelt. Poulain winkt ab: “Der Auto-Mythos ist (noch) nicht tot, auch junge Leute interessieren sich für Automobile”. Dies kann man auch an den Versteigerungen sehen, an den Leute, die Poulains Grosskinder sein könnten, auf alte Autos bieten. Design sei heute viel wichtiger als die reine Technik, jene sei halt viel zu gut und auch gleichförmig. Bei der Form aber, da käme noch Inspiration und Künstlertum zum Tragen. Bezüglich Design allerdings mache man kaum mehr Fortschritte, erwähnt Hervé am Rande, “on regresse aujourd'hui”.

Allerdings sieht auch Hervé Poulain eine Gefahr vom autonom fahrenden Auto kommen.

Kunst anstatt Autos

Der Auktionator selber, der mit Partnern zusammen im Jahr 2002 Artcurial gründete, hat nie Autos gesammelt. Gefallen würde ihm zwar ein Bugatti Atlantique schon und auch bei Ferrari gäbe es einige Modelle, die ihn faszinierten, aber als Sammler wandte sich Poulain lieber der Kunst zu. Schon mehrfach hat er ganze Kollektionen aufgebaut und sie später wieder veräussert. In seinem Landhaus beginnt er seine Ferien meist damit, dass er alle seine Bilder von der Wand nimmt und dann nach einem neuen Gestaltungsmuster wieder aufhängt. Auch seine charmante Frau ist eine Kunstliebhaberin. Sie zieht es sicherlich vor, wenn sich Poulain mit Malerei anstatt Rennwagen beschäftigt.


Hervé Poulain und das erste Art Car, ein BMW 3.0 CSL mit der Bemalung von Calder - BMW Art Cars Sonderschau im BMW-Museum in München 2018
Copyright / Fotograf: BMW AG

Selber malen wollte Hervé nie, er sieht sich nicht als Künstler. Am nächsten sei er der Kunst gekommen, wenn er gesammelt habe oder wenn er die “Art Cars” entstehen half.

Verschiebungen und Konsolidierung

Nach dem aktuellen Zustand des Klassikermarkts befragt, meint Poulain, dass wir fundamentale Trendwende sehen würden, es sei einfach ein gewisser Wahnsinn korrigiert worden. Die Preisauswüchse seien korrigiert worden, ein eigentlicher Crash habe nicht stattgefunden. Man könne auch die Folgen der Globalisierung und damit verbundene Verschiebungen erkennen. So entständen etwa in Russland neue Automuseen und daher seien dort plötzlich gewisse Vorkriegsautos gefragt, die bei uns kaum mehr Interesse auslösen. Allerdings sei wichtig zu verstehen, dass heutige und zukünftige Käufer halt vor allem entlang ihrer eigenen Autogeschichte Fahrzeuge suchen würden, darum auch der Preisanstieg bei Autos der Siebziger- und Achtzigerjahre, während etwa die Klassiker der Fünfzigerjahre mit Spezialkarosserien deutlich unter ihrem Seltenheits- und Ästhetik-Wert gehandelt würden.

Für den Auktionator Poulain, der übrigens auch Bücher zu den Themen ‘Auto und Kunst’ oder ‘Auto und die Frau’ geschrieben hat, ist dies alles kein Problem, denn er ist der Vermittler und nicht der Besitzer der Autos.


Hervé Poulain - vor einem Kunstwert, das ihn 1976 in Le Mans zeigt
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Hoffen wir, dass er uns noch lange erhalten bleibt, die Versteigerungswelt wäre deutlich farbloser ohne Hervé Poulain! In der Rétromobile-Woche, also am 8. bis 10. Februar 2019 werden wir ihn wieder im Einsatz sehen, anlässlich der drei Arcturial-Versteigerungen.

Bilder zu diesem Artikel

Quelle:
von ne******
17.01.2019 (14:14)
Antworten
Von Kurt Schwitters stammt der satz "Typografie kann unter Umständen Kunst sein" - das gilt unter Umständen auch für Automobile.
von co******
16.01.2019 (09:33)
Antworten
tja, Künstler sind auch nur Menschen
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