Eugen Böhringer - Rennkarriere hinter dem Stern

Erstellt am 22. Januar 2017
, Leselänge 8min
Text:
Sara Räss, www.eugen-boehringer.de
Fotos:
Daniel Reinhard 
1
Daimler AG 
94
Hallo Fahrerlager 
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Eugen Böhringer war ein deutscher Renn- und Rallyefahrer, der während seiner kurzen Rennfahrerkarriere zwischen 1958 und 1965 für eindrückliche Erfolge sorgte. Heute ist er vor allem für seinen Erfolg bei der Rallye Spa-Sofia-Lüttich bekannt, die er als Erster in zwei Folgejahren gewann. Vor vier Jahren verstarb der vierfache Familienvater im Alter von 91 Jahren.


Eugen Böhringer im Mercedes Benz 300SE - 24-Stunden-Rennen von Spa-Francochamps (1964)
Copyright / Fotograf: Daimler AG

Sein Leben vor dem Motorsport

Am 22. Januar 1922 kam Eugen Böhringer in Rotenberg bei Stuttgart zur Welt. Seine Mutter Emma war es, die ihm schon früh die Faszination für Automobile vermittelte, sie war 1921 eine der ersten Frauen in der Region, die ihren Führerschein machte. Von klein auf zerlegte er Spielzeug-Blechautos und später dann auch den Mercedes-Benz seiner Eltern. Sein Ziel war es Automechaniker bei Daimler zu werden.


Eugen Böhringer im Mercedes Benz 300SE - ADAC 6-Stunden-Tourenwagen-Rennen (1964)
Copyright / Fotograf: Daimler AG

Um aber später den Restaurantbetrieb der Familie zu übernehmen, gab er dem Wunsch seiner Eltern nach und ging als Koch in die Lehre. 1940 wurde Böhringer Soldat und geriet 1943 in russische Kriegsgefangenschaft. Erst Ende der Vierzigerjahre kehrte er in seine Heimat zurück, wo er 1952 das Hotel seiner Eltern übernahm.

Eine Stammtisch-Wette

Am Stammtisch liess sich Böhringer 1954 auf eine Wette ein, die zum Auslöser für seine Motorsportkarriere werden sollte. Der Motorsportclub Untertürkheim trug seine Clubmeisterschaft auf dem Cannstatter Wasen aus, wer da am schlechtesten abschneiden würde, musste zehn Flaschen Wein spendieren. Böhringer wurden die schlechtesten Chancen zugesprochen, aber der Älteste der Gruppe gab ordentlich Gas und gewann in seiner Kategorie.


Eugen Böhringer/Dieter Glemser, Alfred Kling/Peter Lang und Robert Crevits/Gustave Gosselin starteten mit ihren Mercedes Benz 300SE - 24-Stunden-Rennen von Spa-Francochamps (1964)
Copyright / Fotograf: Daimler AG

Von da an nahm Böhringer immer wieder mit seinem Privatauto an Rennen teil und hatte des öfteren Erfolg. Das liess die Rennsportingenieure von Daimler auf ihn aufmerksam werden. 1959 kam der Anruf mit dem Angebot, dass Böhringer für Mercedes an der Rallye Monte Carlo mitfahren könnte. Dies war der Start von Böhmingers Rallyekarriere bei Mercedes-Benz.

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Porsche 356 SC (1964)
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Verbeulte Wagen

Böhringer ging stets an die physischen Grenzen und forderte sein Glück immer wieder heraus. Manchmal habe er ein Auto schon aufs Dach gestellt, bekannte der Schwabe. Rennleiter Karl Kling meinte einst: „Ich brauch gar nicht aus dem Fenster zu sehen, das Auto ist ja doch krumm“ - wie wahr, denn selten kam ein an Böhringer geliehener Wagen heil zurück. Daraufhin meinte der Technik-Direktor Professor Nallinger: „Nur ein Auto, das ins Ziel kommt, kann auch gewinnen, Herr Böhringer.“


Eugen Böhringer mit dem Mercedes Benz 300SE und einer Taube - 7. Grosser Strassenpreis von Argentinien (1963)
Copyright / Fotograf: Daimler AG

Das nahm sich Böhringer anscheinend zu Herzen. Er siegte bei der Rallye in Griechenland, und bei der in Polen und war somit der klare Favorit in der Europameisterschaft, als er 1962 in die Rallye Spa-Sofia-Lüttich startete.

Rallye Spa-Sofia-Lüttich 1962

Die Strecke von Spa nach Sofia nach Lüttich umfasste 5500 km und dauerte jeweils vier Tage. Zwangspausen, wie man sie heute bei Rallyes kennt, gab es damals natürlich noch nicht, einzig in Sofia wurde den Fahreren eine Sunde Ruhezeit gewährt, in der es gerade einmal für ein Bad, eine Rasur und eine rechte Malzeit reichte.


Eugen Böhringer und Hermann Eger im Mercedes Benz 220SE - 32. Rallye Lüttich-Sofia-Lüttich (1962)
Copyright / Fotograf: Daimler AG

Trotz zunehmender Verkehrsdichte wurde die Rallye bis 1965 jährlich durchgeführt. Den Behörden wurde eine gemütliche Touristenausfahrt vorgegaukelt, dabei wäre man, hätte man die „offiziellen“ Zeiten eingehalten, längst ausgeschieden. Erschwerlich zum knappen Zeitplan, den winkligen Strassen und Schotterpisten kam der unberechenbare lokale Gegenverkehr hinzu.

Für die Navigation, die Einhaltung der Sollzeiten und allfällige Reparaturen stand 1962 Hermann Eger an Böhringers Seite. Noch vor dem Start kam der geübte Mechaniker zum Einsatz, die Rallye-Kupplung war kaputt und musste durch ein Serienteil ersetzt werden. Den Kofferraum vollgepackt mit Ersatzteilen für weitere Notfälle ging die Jagd in Belgien los.


Eugen Böhringer und Hermann Eger im Mercedes Benz 220 SE - Rallye Lüttich-Sofia-Lüttich (1962)
Copyright / Fotograf: Daimler AG

Böhringer und Eger hatten 1962 das Pech, die hohe Startnummer 82 gezogen zu haben, was auf den staubigen Strecken ein grosser Nachteil war. Also liessen sie sich zwei Stunden hinter das Feld zurückfallen, sodass sie ohne Überholmanöver und ohne Staubwolken vor sich fahren konnten. Eine Panne hätte allerdings den Ausschluss bedeutet. Als dann ein defekter Lastwagen die Strasse blockierte, wussten die beiden: „Wir müssen da durch.“ Böhringer gab Gas und liess bei diesem Manöver zwei Türgriffe auf der Strecke – das Auto sei davor ohnehin schon beschädigt gewesen.

"Auf bequemen Strecken haben wir ständig gewechselt, nur auf den knappen Etappen bin ich gefahren, und der Herrmann hat die Kurven angekündigt. Ansonsten hatte jeder von uns die Route exakt im Kopf, und einer konnte sich immer ausruhen" erinnerte sich Böhringer Jahre nach dem Rennen. Sein Geheimrezept um sich fit zu halten war ein Glas Milch mit viel Traubenzucker und einem grossen Schuss Rum, dazu gab es Unmengen an Wasser und für zusätzliche Motivation sorgte der knappe Zeitplan.


Eugen Böhringer und Hermann Eger im Mercedes Benz 220SEb - Rallye Lüttich-Sofia-Lüttich (1962)
Copyright / Fotograf: Daimler AG

Nach rund 94 Stunden ununterbrochenen Renneinsatzes sassen Böhringer und Eger zusammengesunken auf ihren Stühlen, sie hatten die Marathonfahrt Lüttich-Sofia-Lüttich mit einer Strafzeit von 53 Minuten gewonnen. Trotz Geheimrezept und hin und wieder einem Stündchen Schlaf waren sie am Ende ihrer Kräfte. Man könnte meinen, dass mache ein Fahrer nur einmal mit, aber im Folgejahr stand Böhringer ein weiteres Mal am Start.

Rallye Spa-Sofia-Lüttich 1963

Nach Böhringers erfolgreichem Rallyejahr 1962, in dem er nebst der Marathon-Rallye Spa-Sofia-Lüttich auch den Gesamtsieg der Rallye Akropolis, den Gesamtsieg der Polenrallye und den Titel „Rallye-Eutopameister“ gewann, setzte das Daimler Team viel daran, den Rennfahrer 1963 im Rennen zu behalten. Da kamen Böhringer und Karl Kling, der Rennleiter, auf die Rallye Spa-Sofia-Lüttich zu sprechen.


Martin Braungart, Dieter Glemser, Alfred Kling, Ewy Rosqvist, Manfred Schiek, Eugen Böhringer, Rolf Kreder und Klais Kaiser mit dem Mercedes Benz 230SL - 34. Rallye Spa-Sofia-Lüttich (1964)
Copyright / Fotograf: Daimler AG

„Diese Mammut-Rallye hatte ich im Vorjahr (1962) zusammen mit Hermann Eger auf dem 220 SE-Heckflosse gewonnnen. Da die Ausschreibung relativ frei war und ich wußte, wie es in den jugoslawischen und italienischen Bergetappen zuging, war mir klar, daß man da mit einem kleinen, wendigen Auto besser dran ist, als mit der grossen Limousine“ erinnerte sich Eugen Böhringer. Das Auto, das sich Böhringer vorstellte, gab es zu diesem Zeitpunkt allerdings noch gar nicht auf dem Markt.

Böhringer und Kling leisteten gemeinsam mit Nallinger ganz schöne Überzeugungsarbeit, sodass im August einer von drei 230 SL, die nach Angaben Böhringers für Rallyefahrten optimiert wurden, in Lüttich für Eugen Böhringer und Klaus Kaiser am Start stand.

Und diese Bemühungen haben sich anscheinend gelohnt, schliesslich gewannen Böhringer und Kaiser die Rallye mit nur acht Strafpunkten. Somit war Böhringer der erste, der in zwei Folgejahren die Marathonrallye gewann.

Rallye Spa-Sofia-Lüttich 1964

Eigentlich wollte Böhringer 1964 nochmals nachtrumpfen aber „es isch oifach net so gloffe“. Ein weiteres Mal stand Klaus Kaiser Böhringer zur Seite, die Gewinner des Vorjahres wurden als eines der Favoritenteams gehandelt, während dem Rennen kam dann aber alles etwas anders als geplant.


Eugen Böhringer und Klaus Kaiser im Mercedes Benz 230SL - 34. Rallye Spa-Sofia-Lüttich (1964)
Copyright / Fotograf: Daimler AG

Ein Kabel zur Lichtmaschine riss, was das Duo 25 Minuten kostete. In der darauf folgenden Nacht machten sie fünf davon wieder Wett. Der nächste Zwischenfall lässt sich auf ein Schaf zurückführen, das sich nicht rechtzeitig von der Fahrbahn begab, was zu einer kleinen Karambolage führte. Der Schaden am Wagen hielt sich in Grenzen. Weiter wurden Böhringer und Kaiser von unzähligen Reifendefekten ausgebremst. Das Geröll macht den Reifen ganz schön zu schaffen und einer nach dem anderen gab den Geist auf.

Als Dritte rollten sie schliesslich in Lüttich über die Ziellinie und Böhringer wurde als erfolgreichster Fahrer der letzten Jahre mit einem Goldpokal ausgezeichnet.

Motorsportreglementsänderungen von 1965

1965 gab es eine Änderung im Motorsportreglement, die besagte, dass eine  Mindeststückzahl  der produzierten Serienfahrzeuge vorgewiesen werden müsse,  damit die jeweilige Fahrzeug-Modellreihe als Rennfahrzeug überhaupt zugelassen werden konnte. Bisher setzte Mercedes seriennahe Prototypen in den Rennen ein, was Böhringer zu Gunsten gekommen war. Aufgrund dieser Änderung stieg nun aber Ende 1964 das Mecedes-Benz Team aus dem Touren- und Rallye-Sport aus. Böhminger wechselte für die Saison 1965 zu Porsche, wo er mit dem Porsche 904 den zweiten Platz Rallye Monte Carlo errang.

Nach dieser einen Saison bei Porsche zog sich Böhminger aus dem Rennsport zurück. Der vierfache Familienvater kümmerte sich von da an wieder höchstpersönlich um sein Hotel, wo noch lange Motorsportlegenden ein und aus gingen.


Eugen Böhringer, Dieter Glemser und Karl Kling - 7. Grosser Strassenpreis von Argentinien (1963)
Copyright / Fotograf: Daimler AG

So ganz schien er den Motorsport nicht loslassen zu können - Immer wieder traf man ihn bei historischen Rennen an und er war Mitbegründer des Solitude Revivals. Vor vier Jahren verstarb Eugen Böhringer 2013 im Alter von 91 Jahren.

Böhringers Einzelerfolge

1958
1. Platz Rallye Hanseat
3. Platz Gaisbergrennen
2. Platz Rallye Solitude

1959
1. Platz Wallbergrennen
1. Platz Roßfeldbergrennen
1. Platz Flugplatz Pfersfeld
1. Platz und Gesamtsieger Rallye Sotitude
1. Platz Schauinsland Bergrennen
1. Platz Bergrennen Pirmasens

1960
2. Platz Gesamtwertung Rallye Monte Carlo - Böhringer/Socher auf MB 220 SE
1. Platz Rallye Solitude
2. Platz Coupes de Alpes auf MB 300 SL Roadster

1961
Vice-Rallye-Europameister Böhringer/Aaltonen auf Mercedes 220 SE

1. Platz Rallye Monte Carlo (Klassensieg über 2000 ccm)
1. Platz Tulpenrallye
1. Platz Bergrennen Schorndorf
1. Platz Rallye Akropolis
Gesamtsieger Polenrallye - Böhringer/Aaltonen auf MB 220 SE
1. Platz (Klassensieg über 2000ccm) und 2. Platz Gesamtsieger bei der Deutschlandrallye - Böhringer/Aaltonen auf MB 220 SE
1. Platz Coupes des Alpes

1962
Rallye-Europameister Böhringer/Lang auf Mercedes 220 SE

1. Platz Rallye Monte Carlo über 2000 ccm und 2. in der Gesamtwertung
1. Platz Tulpenrallye
1. Platz Mitternachtsrallye
2. Platz Solituderennen
1.Platz Deutschlandrallye - Böhringer/Lang auf 220 SE
Gesamtsieger Rallye Akropolis
Gesamtsieger Polenrallye
Gesamtsieger Marathonfahrt Lüttich-Sofia-Lüttich Böhringer/Eger auf MB 220 SE

Verdienst-Orden "Silbernes Lorbeerblatt Bundespräsidenten"

1963
ONS-Pokal "Erfolgreichster Deutscher Motorsportler"

1. Platz Rally Monte Carlo - Klassensieg über 2000 ccm
Gesamtsieger Deutschlandrallye
Gesamtsieger Rallye Akropolis auf Mercedes 300 SE
Gesamtsieger Rallye Liège-Sofie-Liège
Gesamtsieger Großer-Straßen-Preis von Argentinien
2. Platz Großer Tourenwagenpreis von Deutschland auf dem Nürburgring - Böhringer/Glemser auf Mercedes 300 SE

1964
1. Platz Rallye Monte Carlo - Klassensieg über 2000 ccm
1. Platz Bergrennen Mont Ventoux
Goldpokal und 3. Platz Rallye Liège-Sofie-Liège
1. Platz Brands Hatch
1. Platz Zoldern
1. Platz Karlskoga
Gesamtsieger Gr. Tourenwagenpreis von Deutschland Nürburgring
Gesamtsieger Großer-Straßen-Preis von Argentinien
Gesamtsieger Großer Tourenwagenpreis von Macao-Hong Kong

1965
1. Platz Rallye Monte Carlo (Klassensieg über 2000 ccm) und 2. Platz in der Rallye-Gesamtwertung auf Porsche 904

ADAC - Goldenes Sportabzeichen
AvD - Goldenes Sportabzeichen
Mercedes Benz - 13 Mercedes Benz Siegernadeln

Mehr Informationen findet man auf der offiziellen Webseite zu Eugen Böhringer.

Bilder zu diesem Artikel

Quelle:
von Kurt Infanger
03.11.2020 (15:13)
Antworten
CORONA sei Dank :) Da hat man Zeit wieder mal bei Zwischengas zu scrollen! Und siehe da, meinem Idol und Vorbild für meine Pagode ist eine Super Reportage gewidmet. Kompliment. Ja, und mein "Böhringer Pagode" macht immer noch viel Spass, auch nach unserer NEW SILK ROAD 2018 von Hamburg über Tibet nach Honkong.
von da******
24.01.2017 (15:17)
Antworten
Unbewusst vermutlich, weil Vater schon Mercedes fuhr und wegen der Aura und Mythos dieser Mercedesse mit ihren tollkühnen Fahrern wie Eugen Böhringer, bekam ich 26 Jahre nachdem drei 220 SE die Rallye Mote Carlo in meinem Geburtsjahr gewannen, auf Wunsch genau so eine Heckflosse von meinem älteren Bruder für einen Apfel und ein Ei quasi geschenkt. Zur Zeit der Markteinführung war das die beste Limousine der Welt gewesen. Und was für ein erhabenes Fahrgefühl! Und das Schnurren des eingespritzten Reihensechszylinder, der Säulentacho, die Holzapplikation, die Lenkradschaltung, der Chrom und das Ausstelldrehfenster und immer mühelos mit allem im Verkehr und auch auf der Autobahn mithaltend! Ich trauere dem heute noch nach. Als Sammler, oder die Alte erlaubt "1 Oldtimer", würde ich wohl wieder mit einer Flosse, einer luftgefederten 300 SE Automatik an Treffen fahren. Aber man kann halt nicht alles haben.
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