Diese Webseite verwendet Cookies, um Ihnen eine angenehmere Nutzung zu ermöglichen: Mehr Informationen.
 
Anmelden und profitieren, kostenlos!
alle Bilder grösser, Zugriff auf 1000+ Artikel
 
 
 
Jetzt einloggen oder kostenlos registrieren...
... und viel mehr Fotos und Artikel sehen.
Swiss Classic Award 2020
 
Württembergische 2020
Persönliches Archiv
Sie können nur dann Inhalte dem persönlichen Archiv hinzufügen, wenn Sie angemeldet sind.

Sie haben Benutzername und Passwort?
Dann melden Sie sich an (Login).

Noch kein Benutzername?
Die Registrierung ist kostenlos und dauert höchstens eine Minute.
Artikel drucken
Diese Funktion ist nur dann verfügbar, wenn Sie angemeldet sind.

  • Falls Sie einen Benutzernamen haben, melden Sie sich an (Login).
  • Ansonsten können Sie sich kostenlos registrieren!
  • Der liebenswürdige Gauner - über die österreichische Kult-Figur Willy Löwinger

    Erstellt am 24. August 2016
    Text:
    Rainer Braun
    Fotos:
    Hallo Fahrerlager / Archiv Rainer Braun 
    (5)
     
    5 Fotogalerie

    Dieser Bericht stammt aus dem 1. Band der beliebten Buchreihe “Hallo Fahrerlager“ von Rainer Braun aus dem Jahr 2007.

    Der liebenswürdige Gauner - Über die österreichische Kult-Figur Willy Löwinger

    Rossfeld-Bergpreis oberhalb von Berchtesga-den, Juni 1964. Als junger Reporter darf ich als Streckensprecher bei einem Lauf zur Europa-Bergmeisterschaft ans Mikrophon. Tonmeister Theo Esser, der auch den Nürburgring beschallt, hat mir mitten in den Zuschauern an einem Berghang meinen Sprecherplatz unter freiem Himmel aufgebaut. Das Ziel liegt in Sichtweite. In der Mittagspause stellt sich mir ein Mann mit Sonnenbrille und Zigarre vor: „Löwinger, Direktor Willy Löwinger, Präsident des ÖASC. Hätten’s Lust, bei mir in Österreich zu reden?“ Es geht um das Flugplatzrennen Innsbruck im Oktober. Auf meine Nachfrage zur Vergütung antwortet der ÖASC-Chef gönnerhaft: „San’s mit 500 einverstanden?“ Ich sage freudig zu, ein Handschlag besiegelt die Abmachung.

    Der Innsbruck-Job ist hart, die Alpenkulisse traumhaft. Zwei Tage Racing in Reinkultur, Gunther Philipp im Ferrari GTO, Eberhard Mahle im Mercedes 300 SL, Ben Pon im Abarth-Carrera, Toni Fischhaber und Ernst Furtmayr in heißen Alfa Zagatos, der alte Wendlinger im Steyr Puch TR. Mein Mikrofon verteilt elektrische Schläge, ich stehe im Freien auf einem wackeligen Stuhl und kommentiere, was ich sehe. Keine Rundentabelle, keine Assistenz, nix zu essen, nix zu trinken, nur ich, der Stuhl, das Mikro und die Action. Zehn Stunden lang Trainingsläufe am Samstag, zehn Stunden lang Rennen am Sonntag.

    Löwinger mit Zigarre 1969
    © Copyright / Fotograf: Hallo Fahrerlager / Archiv Rainer Braun

    Abends, nach getaner Arbeit, reihe ich mich abgeschlafft in die lange Schlange derer ein, die für eine Auszahlung anstehen. Hinter einem Klapptisch sitzen Willy Löwinger und sein Zahlmeister Fritz Orth, vor den beiden steht die stählerne Handkasse. Als ich dran bin, ordnet Willy die Auszahlung von 500 Schilling an, damals etwa 70 Mark. Auf meinen schüchternen Hinweis, dass aber 500 Mark abgemacht sind, herrscht er mich an: „Von D-Mark war nie die Rede, wir sind hier in Österreich, unsere Währung ist der Schilling. Und jetzt schaun’s, dass’ weiterkommen“

    Jeder Widerspruch ist zwecklos, eingehüllt in Zigarrenrauch wendet er sich dem nächsten Bitt-steller in der Auszahlungsschlange zu. Ich bin nur noch sprachlos - 70 Mark für zwei Tage harter Mikro-Arbeit, Benzin Wiesbaden - Innsbruck und zurück, Übernachtung, Verpflegung. Was für ein grandioses Verlust-Geschäft – aber schön war’s trotzdem. Vor allem wegen der einzigartigen Atmosphäre, oben schneebedeckte Berge, unten gigantische Rennen. Das hatte was.

    Egal ob Innsbruck, Aspern, Dobratsch, Gaisberg, Axamer Lizum oder später auch der Salzburgring, diese ganz spezielle Atmosphäre, diese Mischung Lockerheit, Schmäh und Schlitzohrigkeit, machten Löwingers Renn-Veranstaltungen immer zu einem besonderen Erlebnis. Das gab’s woanders nicht. Und deshalb bin ich auch immer wieder gerne zum Reden nach Österreich gekommen, zumal sich auch Willys Honorarsätze zögernd realistischen Regionen annäherten.

    „Wer sind sie, was wollen sie?“

    Bis weit in die 70er Jahre hinein habe ich Willy Löwinger dann auch als Journalist erlebt, also quasi auf der Seite der lästigen Bittsteller um Tickets und Durchfahrtsscheine. Das ist ein ganz spezielles Kapitel in seiner 30jährigen Amtszeit. Heerscharen von Kollegen müssen sich ohne Rücksicht auf Rang und Namen von ihm drangsalieren und wie Schulbuben abfertigen lassen. Die armen Kerle stehen oft stundenlang für ihre Ausweise Schlange. Im Stil eines Mafia-Paten pflegt „Willy der Unerbittliche“ hinter einem wackligen Klapptisch Hof zu halten: Dunkelblaues Club-Sakko mit ÖASC-Emblem, Krawatte, Sonnenbrille, dicke Havanna-Zigarre ‚Monte Christo’. Vor sich das Ticket-Köfferchen, daneben ein Polizist, abkommandiert zu seinem persönlichen Schutz, falls mal jemand die Nerven verlieren und handgreiflich werden sollte. Jeden Medienvertreter begrüßt er grundsätzlich erst mal mit der drohenden Frage „Wer sind Sie, was wollen Sie, für wen schreiben Sie?“ Wer nicht schnell und schlagfertig antwortet und zu allem Unglück auch keinen Vorbericht auf den Tisch legen kann, wird sogleich barsch abgebürstet. Und die schüchterne Bitte nach einem Ticket für die Begleitung lehnt er sowieso ab.

    Das Köfferchen mit den begehrten Ausweisen lässt er keine Sekunde aus den Augen. Der Kollege Helmut Zwickl ist sicher, „dass der Willy den Koffer sogar aufs Klo und ins Bett mitgenommen hat“. Kurt Bergmann, genialer Konstrukteur der Kaimann Formel V-Rennwagen und 1968 erster Teamchef des jungen Niki Lauda, erinnert sich noch sehr gut an folgende Ticket-Episode: „Der Niki hatte am Salzburgring sein Ticket verloren, marschierte völlig geknickt zu Löwinger und sagte: „Herr Direktor, ich habe meine Karte verloren und hätte gern eine neue.“ Darauf Löwinger zu Lauda: „Du Trottel, wannst jetzt sogst‚ Herr Direktor, i hob mei Korten verlorn und bin a Volltrottel, dann kriegst a neie.“ Lauda sagte brav auf, wie ihm befohlen und bekam sein neues Ticket…

    Meisterfeier des ersten Formel V-Europapokals 1966 mit Juan Manuel Fangio und Löwinger
    © Copyright / Fotograf: Hallo Fahrerlager / Archiv Rainer Braun

    Wenn’s nach Löwinger geht, ist er sowieso der „Erfinder“ von Lauda. Und überhaupt von allem, was Österreichs Motorsport wieder hoffähig gemacht hat. Da schließt er die Herren Rindt, Quester, Marko, und Berger ebenso selbstverständlich mit ein wie die Flugplatzrennen Aspern und Innsbruck, die Bergrennen Dobratsch, Gaisberg oder Axamer-Lizum. Obendrein auch gleich noch die ganze Europa-Bergmeisterschaft, die Tourenwagen-EM und den Mitropa-Rallye-Cup.

    Aber sein Lieblingsprojekt ist eindeutig der Salzburgring, von Niki Lauda einst respektlos als „längste Pissrinne der Welt“ verhöhnt. Dort, an der Fahrerlager-Einfahrt seines „Lebenswerks“, geht er auch mal bei einem Handgemenge zu Boden, als er sich mit Sportwagen-Pilot und Polemann Masten Gregory wegen eines Durch-fahrtsscheins prügelt. Dazu muss man wissen, dass der Herr ÖASC-Direktor stets persönlich kontrolliert.

    Angebote von Zwischengas-Spezialisten
     
    Toffen Oktober 2020 Auktion

    „Ich war immer ein Diktator“

    Bei seinen Veranstaltungen hören Dutzende von Polizisten auf sein Kommando. Am Gaisberg gibt er den Tagesbefehl aus, dass keine Rennautos ohne Nummernschild die öffentliche Straße kreuzen dürfen, „notfalls ist das unter Einsatz der Dienstpistole zu verhindern.“ Als Dieter Quester im BMW-Bergspider „Monti“ vom Fahrerlager zum Start fahren will, stellt sich ein Gendarm weisungsgemäß in den Weg. Der Disput eskaliert und endet damit, dass der Gesetzeshüter seine Pistole zieht und dem entsetzten Piloten vor die Nase hält. „Befehl vom Herrn Direktor, drehen’s um oder ich schieße.“

    König Ibn Saud von Saudi Arabien mit Hofstaat, Löwinger, Sieger Ahrens 1963
    © Copyright / Fotograf: Hallo Fahrerlager / Archiv Rainer Braun

    „Ich war immer ein Diktator, und das war auch gut so“, gesteht Löwinger heute freimütig. Dem „Ecclestone für Arme“ (O-Ton Quester) gelingt es aber auch, mit Charme und Wiener Schmäh die Großen der Welt für sich und seine Rennveranstaltungen zu begeistern. So schafft er es 1963 sogar, König Ibn Saud von Saudi Arabien samt Hofstaat während dessen Kur-Aufenthalts in Wien als Ehrengast zum Asperner Flugplatzrennen zu bugsieren. Als Dank überreicht der spendable Monarch bei den Siegerehrungen am Rennplatz goldene Rolex-Uhren mit seinem Portrait im Zifferblatt. Der Braunscheiger Kurt Ahrens, einer der Sieger von damals, trägt das königliche Geschenk noch heute voller Stolz. Willy himself bekommt von Ibn Saud ein vergoldetes Schwert.

    Kurt Ahrens trägt die goldene Uhr mit dem Königskonterfei noch immer
    © Copyright / Fotograf: Hallo Fahrerlager / Archiv Rainer Braun

    Mit 90 noch frisch und fröhlich

    Löwinger wickelt sie alle ein, auch die Großen dieser Welt. Mit dem russischen Regierungschef Nikita Chruschtschow trinkt er Wodka, mit Formel 1-Legende Juan-Manuel Fangio arrangiert er eine Formel V-Siegerehrung, mit Landsmann Carlo Abarth zieht er in Wien um die Häuser, und Porsche-Baron Huschke von Hanstein ringt er per Handschlag Starts der Stuttgarter Werks-wagen ab. Sein Feindbild im eigenen Land ist die „Knittelfeld-Mafia“ (O-Ton Löwinger) um Dr. Tiroch, weil die Steyrer den Österreichring als Konkurrenz zu seinem Salzburgring bauen.

    So turbulent wie seine Amtsführung als ÖASC-Präsident ist auch Löwingers Vorleben. Den Direktor hat er aus einer Zeit rübergerettet, als er noch Inhaber einer Tuchfabrik war. Als Eisschnell-Läufer brachte er es bis zur National- und Olympia-Mannschaft. Er war Rad-Rennfahrer, Staatsmeister, Journalist, Manager, Veranstalter und bekommt für seine vielschichtigen Verdienste schon 1966 das „Goldene Ehrenzeichen der Republik Österreich.“

    Im Mai 2006 hat das Original Willy Löwinger seinen 90. Geburstag gefeiert. Freunde von früher arrangieren eine Überraschungsparty für „unser aller Willy“ mit vielen alten Weggefährten. Darunter auch solche, die ihn oft genug verflucht und zum Teufel gewünscht haben. Aber Österreichs PS-Zunft weiß längst, was sie dem alten Gauner Willy L. in Sachen Motorsport zu verdanken hat. Ohne sein Engagement hätte es dieses wunderbar unbeschwerte Stück Motorsport-Geschichte in der Alpenrepublik nie gegeben. Und den Salzburgring natürlich auch nicht.

    Löwinger mit Prof. Hertz, Präsident der österreichischen Motorsporthoheit OSK
    © Copyright / Fotograf: Hallo Fahrerlager / Archiv Rainer Braun

    Angesichts der über 100 Gäste stammelt Willy, geistig immer noch erstaunlich frisch, in seiner Dankesrede fassungslos: „Ich bin so erregt, ich kann meine Freude nicht mit Worten zum Ausdruck bringen.“ Martin Pfundner, einst Österreichs einflussreichster Motorsport-Mann und FIA-Delegierter, und der aktuelle OSK-Präsident Professor Dr. Harald Hertz, bringen die Stimmung an diesem Nostalgie-Abend unisono auf den Punkt: „So eine schillernde Figur wie den Löwinger gibt’s heute leider nicht mehr und wird es wohl auch nie mehr geben. Wer diesen Mann nicht erlebt hat, der hat in diesem Sport was versäumt.“ Zumindest in Österreich.

    Selbst im hohen Alter hat Löwinger noch ein geradezu phänomenales Gedächtnis. So nimmt er am Abend seines 90. Geburtstags zielstrebig Kurs auf mich und erinnert mit diebischer Freude an den denkwürdigen Reporter-Einsatz vor 42 Jahren: „Weist no, wie ich dich ogschmiert hob in Innsbruck mit die Schilling“. Und fast entschuldigend fügt er an: „Dafür warst du ja auch der erste Piefke, der in Österreich hat reden dürfen.“

    Diese Geschichte stammt aus Band 1 (2007) der dreiteiligen Buchreihe "Hallo Fahrerlager" von Rainer Braun. Derzeit sind noch Restbestände der Bände 1, 2 und 3 als Paket im Schuber verfügbar, solange der Vorrat reicht. Aktuell ist die Sonderedition „Hallo Fahrerlager Classic“ im Großformat mit 300 Seiten und vielen neuen Episoden im Handel. Weitere Infos dazu und Bestellungen auf der Website von “Hallo Fahrerlager” oder dem Racing-Webshop .

    Weitere Beiträge von Rainer Braun sind im Themenkanal "Hallo Fahrerlager" zu finden.

    Alle 5 Bilder zu diesem Artikel

    ···
     
    Quelle:

    Neueste Kommentare

     
     
    bi******:
    02.09.2016 (21:54)
    Wegen solcher Berichte finde ich Zwischengas.com absolut klasse!
    Möchten Sie einen Kommentar abgeben?
  • Sie haben bereits einen Benutzernamen für Zwischengas?
    Dann melden Sie sich an (Login).
  • Sie haben noch kein Profil bei Zwischengas? Die Registrierung ist kostenlos und geht ganz schnell.
  • Swiss Classic Award 2020
    Swiss Classic Award 2020