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Bild (1/1): Auto Union Rekordwagen (1937) - "Siegt für Deutschland" (© Archiv Martin Schröder, 1937)
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    Bernd Rosemeyers tödlicher Unfall - oder die Macht der Bilder am Beispiel Büttners Foto vom Januar 1938

    2010
    Text:
    Martin Schröder
    Fotos:
    Archiv Martin Schröder 
    (4)
    Archiv Stiftung Fachsenfeld 
    (1)
    Archiv Peter Kirchberg 
    (1)
     
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    Auch im Zeitalter von Photoshop haben Fotografien für die meisten Menschen noch immer einen hohen dokumentarischen Wert, insbesondere gilt dies für Pressefotos. Doch auch Pressefotos vermitteln nicht die „reine Wahrheit“, sondern unterliegen je nach Zeitpunkt der Aufnahme, nach politischen oder gesellschaftlichen Umständen der Interpretation.

    Ein Beispiel dafür ist das Foto von Bernd Rosemeyer nach der Rekordfahrt vom 25. Oktober 1937, bei der er mit einem Mittel von 406,3 km auf der damals 8,5 m breiten Autobahn einen für unmöglich gehaltenen Geschwindigkeitsrekord aufgestellt hatte.

    Die über die offene Fahrerkanzel streichende Luft hatte einen Unterdruck im Cockpit erzeugt und Rosemeyer derartig die Luft genommen, dass er benommen war und eine halbe Stunde vom Rennarzt Dr. Gläser behandelt werden musste, wie er später selbst berichtete.

    Helfer hoben ihn aus dem Wagen, sprangen zur Seite, ein Foto wurde gemacht, ging an die Presse und wurde der Zeit entsprechend mit heroischem Text unterlegt.

    Nur drei Monate später, am 28. Januar 1938 trafen sich die Konkurrenten Mercedes und Auto Union wieder auf der Messstrecke der Autobahn Frankfurt Darmstadt.

    Das tragische Ergebnis ist bekannt, Rosemeyer kam von der Strecke und starb am Rand der Autobahn. Über die Ursachen ist viel geschrieben und diskutiert worden, die Literatur ist reichhaltig. Aus den Fotos der Überreste lassen sich nur Indizienschlüsse ziehen.

    Auto Union Rekordwagen im Jahr 1938 - Rosemeyer wird angeschoben - Alex Büttner (2.v.r. mit Hut) bei der Vorbereitung des "Büttner-Fotos".jpg
    © Copyright / Fotograf: Archiv Martin Schröder

    Das letzte Foto des fahrenden Wagens stammt von dem Fachjournalisten Alex Büttner und wird seither als „Büttner-Foto“ bezeichnet. Es ist von rechts hinten aufgenommen und zeigt die Seitenfläche der zwischen den Radhäusern des 1937er Rekordwagens angebrachten „Wülste“ leicht wellig. Wenn man weiß, dass diese Verkleidung aus 0,8mm dünnem Alublech bestand und auf einen Hilfsrahmen mit Stegen im 50 cm Abstand genietet war, dann wundert man sich nicht über die Welligkeit der Seitenfläche.

    Auto Union Rekordwagen im Jahr 1938 - Das Büttner-Foto
    © Copyright / Fotograf: Archiv Martin Schröder

    Das wussten aber nur die Ingenieure, nicht aber die Presse und damit die veröffentlichte Meinung, denn die hatte nur dieses eine Foto und das beflügelte die Phantasie und damit die Interpretation derartig, dass vom Verziehen der Karosserie auf Grund der extremen Geschwindigkeit bis zu Alfred Neubauers Theorie von der geplatzten Karosserie alles möglich war und auch geschrieben wurde.

    Bernd Rosemeyers Tod war 1938 ein nationales Unglück und wurde von den Machthabern und der Sportwelt entsprechend zelebriert. Das Büttner-Foto bewirkte auch sofort Fragen nach der Sicherheit von Rekordfahrten und nach der Verantwortung der Herstellerwerke, in diesem Fall der Auto Union.

    Die Auto Union selbst nahm das Büttner-Foto für so wichtig, dass sie den noch existierenden Avus-Wagen des Jahres 1937 mit der inkriminierten „Wulst“ versah und das „Büttner-Foto“ des stehenden Autos auf dem Werkshof nachstellte, um zu zeigen, dass auch im Stand die Seitenflanke leicht verzogen erscheint. Dabei spielte es für die Verantwortlichen keine Rolle, dass sie nur eine linke Wulst zur Verfügung hatten. Man wollte unter allen Umständen das Büttner-Foto für die Presse haben und musste daher ein seitenverkehrtes Foto in Kauf nehmen.

    Auto Union Rekordwagen im Jahr 1938 - Das auf dem Werkshof der Auto-Union nachgestellte Büttner-Foto (seitenverkehrt), um den Eindruck des Büttner-Fotos zu wiederholen
    © Copyright / Fotograf: Archiv Martin Schröder

    Da die Ursachenforschung nach dem letztlich noch immer nicht zweifelsfrei geklärten Auslöser des Unfalls jedoch immer weitergeht, können wir heute, 73 Jahre nach dem Unfall zwei Dokumente präsentieren, die das „Büttner-Foto“ in einem gänzlich anderen Licht erscheinen lassen.

    Peter Kirchberg, der Auto Union Historiker entdeckte den Streckenplan von 1937, in dem der Platz für die Fotografen eingezeichnet ist. Da der Rekordversuch 1938 nur drei Monate später stattfand, ist davon auszugehen, dass dieser Plan auch 1938 Gültigkeit besass.

    Auto Union Rekordwagen (1937) - Die Streckenskizze mit dem Standplatz der Pressefotografen
    © Copyright / Fotograf: Archiv Peter Kirchberg

    Die wichtigste Entdeckung jedoch gelang Thomas König vom Prototyp-Museum im Archiv der Stiftung Fachsenfeld, die das Erbe des deutschen Aerodynamiklers Reinhard Koenig-Fachsenfeld verwahrt, nämlich der nebenstehend wiedergegebene Brief vom 10. Februar 1938 von Alex Büttner an Koenig-Fachsenfeld.

    Brief von Alex Büttner an Reinhard Koenig-Fachsenfeld vom 10. Februar 1938
    © Copyright / Fotograf: Archiv Stiftung Fachsenfeld

    Danach ist das Foto kurz nach dem Anschieben entstanden, also bei geringem Tempo und aus reiner Fotografen-Routine. Büttner bedauert in diesem Brief, dass er die Negative an die Auto Union weitergegeben hat. Und offensichtlich war sich auch in der Presseabteilung der Auto Union niemand der möglichen Interpretationen des Fotos bewusst. Denn wie wir nun aus erster Quelle wissen, war es die Presseabteilung der Auto Union, die das Büttner-Foto in Umlauf gebracht hat.

    Wenn auch der letzte Beweis für die Unfallursache nach wie vor fehlt, so ist mit diesen Dokumenten zumindest erwiesen ist, dass die historischen und noch bis heute veröffentlichten Interpretationen des „Büttner-Fotos“ jeder Grundlage entbehren.

    Alle 6 Bilder zu diesem Artikel

    ···
     
    Quelle:

    Neueste Kommentare

     
     
    gf******:
    06.03.2018 (12:33)
    Ich kenne die Theorien zwar nicht, die seinerzeit aus der Aufnahme heraus entwickelt wurden - aber kann man denn ausschließen, daß diese "Eindellungen" für den Unfall (mit-)ursächlich waren, auch wenn sie schon im "Ruhezustand" vorhanden waren?
    Wenn der Fahrer durch den über dem Cockpit entstandenen Unterdruck quasi bis zur Bewußtlosigkeit herausgehoben wurde, ist für mich vorstellbar, daß der zwischen den Radhäusern durch die "eingedellte" insgesamt konkave Fläche entstandene Unterdruck die Karosserieverkleidung stellenweise vom Hilfsrahmen herausgerissen hat, was zu fatalen Folgen für die Spurhaltung führen dürfte. Daß das Fahrzeug die Rekordfahrt ein paar Wochen zuvor unbeschadet überstanden hat, ist für mich kein Gegenargument - schließlich tritt eine Materialermüdung erst allmählich auf.
    Es würde mich interessieren, ob ich als Nichtingenieur mit dieser Einschätzung alleine dastehe.
    Antwort von ne******
    06.03.2018 (12:57)
    Sie bringen da Einiges durcheinander: Der Unterdruck im Cockpit entstand beim 1937er Rekordwagen. Um dem 1938 abzuhelfen wurde Fahrtluft ins Cockpit geleitet. Die Menge war durch einen auf die unter dem Wagen befindlichen Luftauslässe wirken Hebel zu regulieren.
    Der 1937 Rekordwagen hatt die Seitenflächen nicht. Das Foto hat Büttner unmittelbar nachg dem Abschieben, also geringer Geschwidnigkeit gemacht. Um die Welligkeit der Seitenflächen zu zeigen, wurde das Foto des stehenden Wagens auf dem Werkhof geacht.
    Antwort von gf******
    06.03.2018 (13:35)
    "Sie bringen da Einiges durcheinander: Der Unterdruck im Cockpit entstand beim 1937er Rekordwagen. Um dem 1938 abzuhelfen wurde Fahrtluft ins Cockpit geleitet. Die Menge war durch einen auf die unter dem Wagen befindlichen Luftauslässe wirken Hebel zu regulieren."

    ok - da habe ich insoweit offensichtlich nicht genau genug gelesen.

    Das ändert aber nichts am Ausgangspunkt, der zu meiner Frage geführt hat:
    Beim "alten" Wagen hat die Geschwindigkeit zu einem hohen Unterdruck im Cockpit geführt (was im neuen Wagen reguliert wurde). Warum ist man so sicher, daß die in etwa gleiche Geschwindigkeit nicht an den konkaven "Eindellungen" zwischen den Radhäusern am neuen Wagen einen ähnlich hohen Unterdruck erzeugt hat (also die im Stand bzw. bei geringer Geschwindigkeit nach innen weisenden "Eindellungen" nach außen gezogen hat) und das Material dem nicht standgehalten hat?
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