Skandal im Sperrbezirk - die Sportschau-Moderatoren in der Werbefalle

Erstellt im Jahr 2009
, Leselänge 5min
Text:
Rainer Braun
Fotos:
Hallo Fahrerlager / Archiv Rainer Braun 
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Dieser Bericht stammt aus dem 3. Band der beliebten Buchreihe “Hallo Fahrerlager“ von Rainer Braun aus dem Jahr 2009.

Schleichwerbung und Motorsport-Übertragungen – Anfang der Siebziger-Jahre ein Reizthema bei ARD und ZDF. Vor allem die mobilen Werbetafeln der Spirituosenhersteller Jägermeister und Martini sind ins Visier der TV-Gewaltigen geraten. Am Norisring stellen die Mainzer den Veranstalter sogar vor die Entscheidung: Entweder die Martini-Aufsteller weg oder wir senden nicht.


Den Fernsehmachern ein Dorn im Auge - im TV-Bild sichtbare Sponsorenwerbung, wie diese Informationstafel
Copyright / Fotograf: Hallo Fahrerlager / Archiv Rainer Braun

Im ZDF-Sportstudio wird peinlichst genau darauf geachtet, dass Interview-Gäste und Sportler nicht mit Werbelogos auf der Kleidung erscheinen. Werden Rennwagen im Studio präsentiert, sind zusätzliche Werbeschriftzüge über die feststehende saisonale Beklebung hinaus ebenfalls nicht erlaubt. Notfalls findet der Auftritt nicht statt. Eine gemeinsame Erklärung von ARD und ZDF verschreckt TV-Zuschauer und Veranstalter zudem nachhaltig: „Wir werden künftig keine Autorennen mehr übertragen, die auf Strecken mit beweglichen oder festen Werbetafeln stattfinden“.

Mit Live-Studio am Nürburgring

Angesichts solch düsterer Aussichten sind die Fans schon froh, dass die ARD ein Einsehen hat und die Sportschau aus gegebenem Anlass live vom Nürburgring sendet. Der Große Preis von Deutschland 1972 steht an, es ist Samstag, der 29. Juli.

Das Studio wird gleich neben dem Tunnel im Fahrerlager aufgebaut. Hinter den Kulissen gibt es ein heftiges Gerangel um die Moderatoren-Besetzung: SDR und SWF proben mal wieder den üblichen Eitelkeits-Machtkampf und wollen jeweils einen Mann aus ihren Reihen in der vom WDR gefahrenen Sendung platzieren.

Nachdem der SDR seinen Sportchef und Fußballfachmann Günter Wölbert durchgeboxt hat, zieht das sofort den Protest des SWF-Sportoberhaupts Rudi Michel nach sich. „Der Nürburgring ist SWF-Sendegebiet, deshalb muss da zwingend ein Mann von uns dabei sein.“ Also wird Motorsport-Experte und Nürburgring-Kenner Fritz Danco vom SWF-Landesstudio Mainz ebenfalls nominiert. Das Gezerre endet mit dem Kompromiss, dass beide die Sendung gemeinsam bestreiten.


Mit Studiogästen - Fritz Danco befragt Lotus-Chef Colin Chapman, im Hintergrund warten Rolf Stommelen und Jacky Ickx auf ihren Einsatz
Copyright / Fotograf: Hallo Fahrerlager / Archiv Rainer Braun

Gäste im hübsch dekorierten Studio sind WM-Leader Emerson Fittipaldi, seine Frau Maria Helena, Lotus-Chef Colin Chapman, Jackie Stewart, Jacky Ickx und Rolf Stommelen sowie Rennleiter Leopold von Zedlitz.

Moderatoren als wandernde Litfasssäulen

Was das Fernsehbild dann zeigt, verwundert doch sehr angesichts der vorherigen Debatten um „Werbung am Mann“. Die beiden Sportschau-Männer Wölbert und Danco stehen in schicken, weißen Renn-Overalls mit Werbeaufnähern des Reifenherstellers Goodyear vor der Kamera.


Eröffnung - Günter Wölbert startet die Sendung mit einem Live-Interview des Schweden Bror Jgatlund, der im RPB das Rennen der Formel Super V gewann
Copyright / Fotograf: Hallo Fahrerlager / Archiv Rainer Braun

Das Unheil ist nicht mehr zu stoppen, noch während die Sendung läuft, greifen Intendanten und Abteilungsleiter diverser ARD-Anstalten fassungslos zum Telefon. „Wie ist es möglich“, toben Ernst Huberty beim WDR in Köln und Rudi Michel beim SWF in Baden-Baden fast zeitgleich, „dass ausgerechnet in der Sportschau zwei unserer Leute als wandelnde Litfasssäulen auftreten?“

Noch dicker kommt es montags: Die übliche Schaltkonferenz, an der sich alle ARD-Anstalten beteiligen, artet zu einer Art Tribunal aus. Wölbert und Danco müssen sich rechtfertigen, die SWF-Intendanz ist zunächst dafür, beide zu feuern.

Am Ende der hitzigen Debatte einigen sich die hohen Herren auf eine strenge Rüge und einen Eintrag in die Personalakte. Auch der verantwortliche WDR-Regisseur Günther Baumhauer kriegt sein Fett weg. „Das war eindeutig unser Fehler, wir haben da in der Hektik einfach nicht aufgepasst, als uns die Anzüge von Goodyear als Beitrag zur Sendung übergeben wurden.“ Genau das nimmt man Regie und Moderatoren nicht ab. „Spätestens bei der Stellprobe“, bemerkt ein hoher WDR-Mann süffisant, „hätte das beim Blick auf den Kontroll-Monitor doch irgendwer von denen merken müssen.“


Programmierter Ärger - Moderatoren Danco, Wölbert, Regisseur Baumhauer
Copyright / Fotograf: Hallo Fahrerlager / Archiv Rainer Braun
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Bis fast zum Rausschmiss

Weitere Nachbeben folgen, wie sich Fritz Danco, inzwischen 78, noch sehr gut erinnert: „Schon bald meldete sich Goodyear-Konkurrent Firestone beim SWF-Intendanten Helmut Hammerstein und verlangte Aufklärung darüber, was da von wem an wen bezahlt worden sei.“ Bis man die misstrauischen Firestone-Leute endlich beruhigt hat, muss die ARD ihre besten Diplomaten aufbieten.

Selbst eine offiziell von Goodyear deponierte Entschuldigung bringt nicht auf Anhieb die gewünschte Entspannung. „Wir bedauern sehr“, erklärt der PR-Manager Friedrich S. Maass von der Deutschen Goodyear in Köln schuldbewusst, „dass die gut gemeinte Angelegenheit so viele Unannehmlichkeiten ausgelöst hat. Als wir die Anzüge mit den Namen der Moderatoren verschenkt haben, hatten wir nie die Absicht, uns auf diesem Weg einen Werbevorteil zu verschaffen. Wir wollten mit unserem Overall-Beitrag nur ein bisschen Rennatmosphäre ins Studio bringen.“

Am meisten haben Danco die fortwährenden Frozzeleien aus dem Bekannten- und Kollegenkreis genervt. Noch wochenlang nach dem unglücklichen Auftritt musste er sich bei jeder Gelegenheit provozierend fragen lassen, „wie viele Reifensätze fürs Privatauto denn bei der Aktion raus gesprungen seien“. „Kein einziger“, versichert der redliche TV-Mann, „aber dafür jede Menge Ärger.“

Schlusswort Fritz Danco zur Werbeposse vom Nürburgring aus heutiger Sicht: „Auf so was kannst du in deiner Reporter-Laufbahn ein zweites Mal gerne verzichten. Das war damals eine ganz böse Sache, die uns fast den Job gekostet hätte. Und selbst heute wäre das zumindest bei den Öffentlichen-Rechtlichen nicht anders. Wir haben zwar seinerzeit alle ein bisschen gepennt, aber Vorsatz, dass kann ich guten Gewissens für alle Beteiligten sagen, hat ganz gewiss nicht dahinter gesteckt.“   

Diese Geschichte stammt aus Band 3 (2009) der dreiteiligen Buchreihe "Hallo Fahrerlager" von Rainer Braun. Derzeit sind noch Restbestände der Bände 1, 2 und 3 als Paket im Schuber verfügbar, solange der Vorrat reicht. Aktuell ist die Sonderedition „Hallo Fahrerlager Classic“ im Großformat mit 300 Seiten und vielen neuen Episoden im Handel. Weitere Infos dazu und Bestellungen auf der Website von “Hallo Fahrerlager” oder dem Racing-Webshop .

Weitere Beiträge von Rainer Braun sind im Themenkanal "Hallo Fahrerlager" zu finden.

Bilder zu diesem Artikel

Quelle:
von al******
09.08.2016 (10:58)
Antworten
So ändern sich die Zeiten.
Heute ist die Werbeindustrie eine gigantische Gelddruckmaschine und
erst recht die sog. "Rechte"-Händler im Fußball.
Wessen Rechte werden eigentlich gehandelt ?
Es ist die Perversion des Urheberrechts.
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