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Shalom - über das grandiose Chaos beim ersten Autorennen in Israel

Erstellt im Jahr 2007
, Leselänge 9min
Text:
Rainer Braun
Fotos:
Hallo Fahrerlager / Archiv Rainer Braun 
8
Der Boxenbereich bei ersten Grand Prix of Isreal - im Freien - was würde Bernie E. wohl dazu sagen?
Chaos-Rennen in Israael - nach vielen Zwischenfällen wird der Formel V-Lauf vorzeitig abgebrochen
Statt Auslaufzonen gibt es Zuschauer in mehreren Reihen hintereinander
Die Zeitnahme logierte in einem überfüllten Bus - sehr vertrauenserweckend ...
Staunendes Formel V-Trio in Israel - Braun, Koinigg und Harald Ertl (von links nach rechts)

Dieser Bericht stammt aus dem 1. Band der beliebten Buchreihe “Hallo Fahrerlager“ von Rainer Braun aus dem Jahr 2007.

Flughafen Frankfurt, 17. November 1970, ein Dienstag. PanAm-Flug 3542 nach Tel Aviv. Für mich beginnt eine Abenteuer-Reise ins Ungewisse, das erste Autorennen in Israel steht bevor. Eine Doppelaufgabe erwartet mich: Für meine Redaktion, die Auto Zeitung in Köln, soll ich einen Erlebnisbericht schreiben, und für den Rennstall von Heinz Fuchs im Formel V-Monoposto starten.

Bild Chaos-Rennen in Israael - nach vielen Zwischenfällen wird der Formel V-Lauf vorzeitig abgebrochen
Chaos-Rennen in Israael - nach vielen Zwischenfällen wird der Formel V-Lauf vorzeitig abgebrochen

Prominenz im Jumbo Jet

Mit allen Pflicht-Impfungen für Cholera und Pocken vom Kölner Gesundheitsamt versehen, besteige ich den PanAm-Jumbo. Außer mir gibt es noch etwa 15 weitere Fluggäste und fast ebenso viel Bordpersonal. Der Flug wird zur Luxusreise, auf jeden Gast kommt eine Stewardess. Schade, dass wir nach vier Stunden schon landen.

Die Einreiseformalitäten sind unkompliziert, Teilnehmer am „Grand Prix of Israel“ erhalten bevorzugte Abfertigung an einem Extra-Schalter. Anton Konrad, Chef der Formel V-Europa-Organisation, nimmt mich am Ausgang in Empfang. Im Mietwagen fahren wir eine gute Stunde bis nach Ashkelon, wo die ganze Formel V-Truppe im Hotel Schechter einquartiert ist. Bis zum Mittelmeer-Strand sind es zu Fuß nur ein paar Minuten. Dass der hochbrisante Gaza-Streifen nur etwa 30 km entfernt ist, wirkt auf niemanden beunruhigend.

Autos im Boot

Im Hafen von Haifa begrüßen wir wenig später die Ankunft des Dampfers „Nilli“, der fünf Tage zuvor in Genua ausgelaufen ist. Aus dem Schiffsbauch quellen Formel 2- und Formel V-Transporter, Mechaniker und auch einige Fahrer. Eingeladen sind 15 Formel 2-Piloten, darunter Derek Bell, Patrick Depailler, die Brambilla-Brothers und der Schweizer Xavier Perrot. Dazu die 20 erfolgreichsten Formel V-Chauffeure der EM-Saison mit dem Trio Helmut Koinigg, Harald Ertl und Bertil Roos an der Spitze.

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Formel V als Auftakt zur Formel 1

Idee und Einladung zum israelischen Rennabenteuer kommen vom landeseigenen Automobil- und Touringclub sowie dem israelischen VW-Importeur „Champion Motors“. Schiffsreise, Verpflegung und Unterkunft vor Ort werden von den Gastgebern übernommen. Die vom Rennbazillus befallenen Israelis haben sogleich die „Israel Racing Association“ (IRA) mit Sitz in Tel Aviv gegründet. Denn spätestens 1973, so plant die IRA, soll anlässlich des 25-jährigen Bestehens des Staates Israel ein Formel 1-WM-Rennen ins Land geholt werden. Kooperations-partner der IRA ist der Wiesbadener Auto-mobil Club (WAC), zu dieser Zeit auch Veran-stalter des Formel 2-EM-Frühjahrsrennen in Hockenheim. Der hessische Club stellt die gesamte Rennorganisation.

Bedrohliche Lage

Das Abenteuer rund um den „Grand Prix of Israel“ beginnt mit einem Schock. Die erste Inaugenscheinnahme von Rennstrecke und Fahrerlager ergibt ein desolates Bild. Der 4,5 km lange Rundkurs ist schmal, holprig und liegt in einem trostlosen Mischgelände aus Sand, Wiese und Dreck. Im Innenbereich müssen die Teams mit ihrem Equipment auf unbefestigtem Untergrund logieren. Über Sicherheits-Standards reden wir besser nicht.

Bild Der Boxenbereich bei ersten Grand Prix of Isreal - im Freien - was würde Bernie E. wohl dazu sagen?
Der Boxenbereich bei ersten Grand Prix of Isreal - im Freien - was würde Bernie E. wohl dazu sagen?

Die erste Schlacht liefern sich nicht etwa die Piloten beim Zeittraining auf der Piste, sondern Organisatoren, Behörden und religiöse Extremistengruppen auf politischen Parkett. Weil das Rennen für Samstag (dem einzigen arbeitsfreien Tag in Israel) angesetzt ist, zetteln orthodoxe Juden und radikale Religions-Splittergruppen wegen „Schändung des Sabbat“ einen wüsten Aufstand an. „Das Rennen der Ungläubigen muss verboten werden“, poltern die religiösen Führer und rufen den Obersten Israelischen Gerichtshof an. Der weist die Klage in einer Eilentscheidung ab, was prompt zu Übergriffen führt.

So gibt es im Fahrerlager nachts Plünderungen und Verwüstungen, Teilnehmer werden auf offener Straße bedroht. Formel V-Pilot Helmut Bross aus Herrenberg, unterwegs im 220er Mercedes mit deutschem Kennzeichen und drei Landsleuten im Fond, gerät bei der abendlichen Besichtigung der Strecke in eine besonders bedrohliche Lage, als er plötzlich in die Maschinengewehre einer Randalierer-Gruppe blickt. Der deutsche Formel V-Meister ruft seinen Kumpels „volle Deckung“ zu, wirft mutig den Rückwärtsgang ein und legt Vollgas voraus eine elegante 180°-Wende hin. Wie in einem guten Gangsterfilm ergreifen die deutschen PS-Helden mit quietschenden Reifen in wilder Zickzack-fahrt die Flucht.

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Nägel auf der Piste

Derweil präparieren die Religiösen über Nacht die Piste mit Nägeln und Glasscherben. Die Situation droht zu eskalieren, bevor ein „letztes Friedensangebot“ der Sabbat-Kämpfer die hoch-explosive Lage entspannt: Dem Ausrichter werden 200.000 israelische Pfund (damals etwa 250.000 DM) für die Verlegung des Rennens auf Sonntag angeboten. Was gleichzeitig bedeutet, dass statt der kalkulierten 50.000 Zuschauer am arbeitsfreien Sabbat-Samstag jetzt bestenfalls noch die Hälfte kommt. Denn der Sonntag ist in Israel ein normaler Arbeitstag.

Ober-Rabbiner Porush fordert ultimativ: „Entweder ihr nehmt an oder wir werden das Rennen mit Mitteln stören, wie sie Ashkelon noch nie erlebt hat.“ Nach dem Freitags-Training wird der Handel perfekt, der Veranstalter erhält neben der Ablösesumme die Garantie eines störungsfreien Rennens am Sonntag.

Wie im Urlaub

Der erzwungene freie Samstag wird von vielen zu einem Ausflug in die Wüstenstadt Beer Sheva genutzt. Die Herren Bell und Perrot üben sich im Kamelreiten, ein paar Formel V-Buben wagen sich unter der kundigen Führung von Porsche-Weltmann Huschke von Hanstein in die Wüste Negev.

Als mich die Beduinen hochkant aus ihrem Zelt werfen, weil ich ein paar Schnappschüsse machen will, klärt Huschke auf, dass man da ganz anders rangehen muss. „Erst fragen, dann zahlen und danach erst knipsen. Ich mach’ das mal vor.“ Mit dem Resultat, dass die Beduinen noch aufsässiger werden und den Stuttgarter Edelmann genauso laut keifend an die Luft setzen wie mich zuvor. „Lassen wir das“, befindet er souverän, „die haben heute ihren schlechten Tag.“

Chaos am Renntag

Auf dem Rückweg verfahren Anton Konrad und ich uns noch ein bisschen, setzen den Fiat-Leihwagen auf einen dicken Stein, ritzen die Ölwanne an und werden von der sengenden Wüstensonne geröstet. Am Ende sind wir froh, mit dem letzten Tropfen Öl wieder in der Zivilisation von Beer Sheva einzulaufen. Auf dem Basar decken Helmut Bross und ich uns noch schnell mit zwei Scheich-Kostümen samt Kopfbedeckung ein, mit denen wir eine Woche später beim Saisonfinale in Hockenheim für Heiterkeit in der Startaufstellung sorgen.

Bild Nichts geht mehr - die begeisterten Zuschauer sind auch von der Polizei nicht mehr zu bändigen
Nichts geht mehr - die begeisterten Zuschauer sind auch von der Polizei nicht mehr zu bändigen

Am nächsten Tag erweist sich die Hoffnung auf einen geordneten Rennablauf als Trugschluss: Jetzt geben zwar die Religiösen Ruhe, dafür gerät das Publikum in seiner grenzenlosen Begeisterung völlig außer Kontrolle. Viele der etwa 20’000 Fans durchbrechen ohne jedes Gespür für Gefahr schon während des Formel V-Rennens die ohnehin kaum vorhandenen Absperrungen, rennen kreuz und quer über die Piste oder lassen sich sorglos am Fahrbahnrand nieder. Knapp 300 Polizisten, die sich sowieso mehr für den Rennverlauf als für ihren Job interessieren, kapitulieren vor dem entfesselten Publikum.

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Abbruch

Das Rennen der europäischen Formel V-Elite ist gerade erst so richtig in Schwung gekommen, als der Direktor jener israelischen Assekuranzgesellschaft an der Strecke erscheint, die das Risiko der Veranstaltung abdeckt. Angesichts des sich ihm darbietenden Durcheinanders verfügt er den sofortigen Entzug des Versicherungsschutzes. Damit ist der Mann allerdings der ohnehin ins Auge gefassten Abbruch-Entscheidung des deutschen Rennleiters Gerd Kroeber nur knapp zuvor gekommen.

Bild Statt Auslaufzonen gibt es Zuschauer in mehreren Reihen hintereinander
Statt Auslaufzonen gibt es Zuschauer in mehreren Reihen hintereinander

Während das führende Formel V-Trio Bertil Roos, Helmut Koinigg und Helmut Bross nach haarsträubender Slalomfahrt zwischen wild gewordenen Zuschauern und umher springenden Haustieren das vorzeitige Ende „als Erlösung“ empfindet, bleiben für das Formel 2-Feld als Notlösung nur noch ein paar gemütliche Demo-Runden ohne Wertung. Und dann das Wunder: Statt Zuschauer-Randale wegen nicht stattgefundener Rennläufe gibt es einen geordneten Abmarsch von rund 20’000 zufriedenen Rennbesuchern…

Mit Grausen erinnert sich Formel V-Pilot Manfred Jantke noch heute an seinen Doppelsalto im Kaimann. „Ich lag kopfüber im Sand, Zuschauer eilten herbei und stellten mich wieder auf die Räder. Noch bevor ich aussteigen konnte, krabbelten Kinder und Halbwüchsige über mich durchs Cockpit, jeder wollte mich anfassen. An die 100 Fans fledderten den Monoposto wie die Piranhas, jeder riss irgendwas als Souvenir ab. Es war die Hölle.“

Ärger ohne Ende

Es grenzt schon an eine glückliche Fügung. dass keine Zuschauer verletzt werden oder es gar Tote gibt. Harald Ertl verfehlt bei einem Dreher die dicht gedrängte Menge am Straßenrand nur um Haaresbreite, Sieger Bertil Roos muss sich „mehr auf umher springende Leute als auf die Strecke konzentrieren“. Helmut Koinigg, um 7/10 Sekunden von Roos geschlagen, rasiert auf dem Randstein sitzenden Fans die Schuhspitzen und muss dann auch noch einem Hund ausweichen. Dass dem Formel V-Feld im weiteren Verlauf erst ein Polizei-Jeep und wenig später noch ein Feuerwehrauto entgegenkommt, kann die Jungs schon nicht mehr so richtig erschüttern.

Im religiösen Lager weiß man Zuschauerchaos und Abbruch mit entsprechender Schadenfreude zu deuten: „Das ist die Strafe Gottes.“ Dabei hat sich das Desaster bereits am Trainingstag abgezeichnet: Radfahrer auf Gegenkurs, kreuzende Zivilautos inmitten driftender Rennwagen, freilaufende Hunde, Katzen und Ziegenböcke als Garnierung. Allein das Formel V-Training muss deshalb siebenmal unterbrochen werden.

Bild Dem israelischen Publikum fehlt jedes Gespür für Gefahr, deshalb bleibt für die Formel 2 statt eines Rennens nur ein gesitteter Demo-Lauf in mäßigem Tempo
Dem israelischen Publikum fehlt jedes Gespür für Gefahr, deshalb bleibt für die Formel 2 statt eines Rennens nur ein gesitteter Demo-Lauf in mäßigem Tempo

Den Formel 2-Piloten ergeht es auch nicht viel besser. Die müssen sich überdies beim Zusammenpacken ihres Equipments nach dem vorzeitigen Ende des Renntages auch noch allzu aufdringlicher Souvenirjäger erwehren. Die Brambilla-Brüder fackeln nicht lange und verprügeln die dreistesten Teile-Diebe an Ort und Stelle. Bei diesem Gerangel gibt es auch den einzigen Verletzten des Wochenendes: Ein 22jähriger Gymnasiast muss mit einer blutenden Kopfwunde abtransportiert werden, was Vittorio Brambilla zu allem Überfluss eine Strafanzeige wegen Körperverletzung einbringt. Bis zur Klärung darf er das Land nicht verlassen.

Betrug und Pannen auf mehreren Ebenen

Mit der Ankündigung einer weitaus brisanteren Strafanzeige sieht sich der Veranstalter am Ende des fragmentierten Renntages konfrontiert: Der Religionsminister will ein Verfahren wegen Betrugsverdacht in Gang setzen. „Wenn einerseits viel Geld für die Verlegung kassiert wird“, so der Minister, „aber andererseits das zahlende Publikum um die versprochenen Rennläufe geprellt wird, ist der Tatbestand des Betrugs erfüllt.“
Die Einnahmen werden zunächst beschlagnahmt, aber wieder freigegeben, als das Verfahren Wochen später eingestellt wird. Mehrere als Zeugen geladene Zuschauer vertreten die Meinung, dass sie sich nicht geprellt fühlen. „Wir haben ein kurzes, aber schönes Rennen gesehen. Das ist doch besser als nichts.“

Bild Staunendes Formel V-Trio in Israel - Braun, Koinigg und Harald Ertl (von links nach rechts)
Staunendes Formel V-Trio in Israel - Braun, Koinigg und Harald Ertl (von links nach rechts)

Dem Debakel an der Rennstrecke folgt anschließend im Hafen von Haifa das nächste Fiasko. Kaum sind Renntransporter, Trailer und PKW’s verladen und die Passagiere an Bord des Frachters „Dan“ für die Rückreise nach Genua eingecheckt, verzögert sich das Auslaufen. Geschlossen verlässt die Mannschaft das Schiff, um für höhere Löhne in einen 24-stündigen Streik zu treten.

Quasi als Schlussakt des Horror-Trips erleben die leidgeprüften Organisatoren die letzte böse Überraschung in Deutschland. Wenige Tage nach ihrer Rückkehr sind die Einnahmen des verrückten Renn-Wochenendes von Israel nicht mehr auffindbar. Alle Nachforschungen verlaufen im Sande, die Millionen-Summe hat sich ebenso verflüchtigt wie der mit dem Inkasso betraute Gewährs-mann.

So landen die Ereignisse rund um das erste und zugleich auch letzte Autorennen in Israel im Raritätenkabinett der Automobilsporthistorie.

Diese Geschichte stammt aus Band 1 (2007) der dreiteiligen Buchreihe "Hallo Fahrerlager" von Rainer Braun. Derzeit sind noch Restbestände der Bände 1, 2 und 3 als Paket im Schuber verfügbar, solange der Vorrat reicht. Aktuell ist die Sonderedition „Hallo Fahrerlager Classic“ im Großformat mit 300 Seiten und vielen neuen Episoden im Handel. Weitere Infos dazu und Bestellungen auf der Website von “Hallo Fahrerlager” oder dem Racing-Webshop .

Weitere Beiträge von Rainer Braun sind im Themenkanal "Hallo Fahrerlager" zu finden.

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