Rallye Monte Carlo 1975 - Munari und der allerletzte Nagel

Erstellt am 21. Januar 2011
, Leselänge 3min
Text:
Bernhard Brägger
Fotos:
Archiv 
7

1974 hatte die Rallye Monte Carlo wegen der Energiekrise nicht stattgefunden.

Bei der letzten Austragung 1973 haben die Fahrer protestiert, 1975 sind es die Bauern am Fusse des Gerbier-de-Jonc, an der Quelle der Loire und der Ardèche, welche aufbegehren. „Le pays meurt – le rallye passe“ schreiben sie an die Felswände. Mit ihrer Aktion machen sie auf das fehlende Engagement des Staates für ihre Randregion aufmerksam. Von der Rallye, die einmal im Jahr vorbeirast, können sie nicht leben.“

1975 ist endgültig genug. Die zornigen Bewohner begnügen sich nicht mehr mit Pinsel und Farbe, sie suchen nach medienwirksameren Hilfsmitteln und finden sie in Form von grossköpfigen, langen und spitzen Nägeln. Bevor die ersten Zuschauerwagen eintreffen, streuen sie oben auf der Hochebene von Burzet spitze Nägel mit grossen Köpfen auf die Strasse und harren der kommenden Dinge. Und wie sie kommen. Die Pneus der Zuschauer fressen diese eisernen Dinger förmlich in sich hinein. Jetzt stehen ihre Autos kreuz und quer da, still und ruhig, auf den Felgen natürlich und versperren den Eisspionen die Strecke. Doch die Reifen der Eisspione sind ebenso gierig auf grossköpfige Nägel und finden auch jene, die all die Citroëns, Renaults und Peugeots am Strassenrand nicht aufgepickt haben. So funken an ihre Fahrer ausrastende Eisspione Änderungen für den Streckenaufschrieb (Gebetsbuch). Beispiel: „Neu nach Col du Pendu: 200 links 2+100Kuppe 50Nägel !!! 100links fahren  links 4 150Nägel!!! rechts fahren  200….“

Ein zweites Rallye-Chaos innert 24 Monaten ist perfekt. Und so will Monsieur le Préfet de l’Ardèche vor Ort die Situation beurteilen. Doch die Nägel haben vor ihm so wenig  Respekt  wie die Anwohner selber. Böse Zungen sagen, es sind die vier letzten noch herumliegenden Nägel gewesen! Dass diese von der modernen Gesellschaft Vergessenen die Rallye für ihr Anliegen – le pays meurt – benutzen, ist mehr als verständlich. Ob sich dadurch ihre schwierige Lebenssituation verbessern wird? Die Nagelaktion richtet sich bestimmt auch gegen die Rallyefahrer selber. Im Verlaufe der Jahre sind die Trainingsfahrten zu jeder Tages- und Nachtzeit immer häufiger geworden. Bereits Wochen vor der Rallye herrscht für die Anwohner gefährlicher Gegenverkehr. Da kann dem Bäcker und Metzger, dem Gemeindepräsidenten und dem Bauern schon mal der Kragen platzen.

Mit zweistündiger Verspätung geht dann die Rallye los. Natürlich spielt sich am Start ein grosses Theater ab. Bei Lancia ist nur noch Munari/Mannucci im Rennen. Ausgerechnet er muss als erster auf die Strecke. Er zittert vor Angst, den allerletzten Nagel einzufangen. Sandro Munari kommt durch und erzielt auf dem Stratos Bestzeit. Um sich nicht ganz in die Knie zwingen zu lassen, bewegen die Verfolger ihre Wagen ständig am Limit. Mit Konsequenzen. Ragnotti, Nicolas, Warmbold, Thérier schmeissen ihre kostspieligen Geräte weg, auch die beiden Teamgefährten von Munari, Pinto und Andruet, kommen auf Abwege und rutschen praktisch an der gleichen Stelle von der Strasse. Aus! Natürlich mit Racingreifen.  Einzig Mikkola/Todt und Alén/Kivimäki liefern sich im Rücken des diesjährigen Dominators ein spannendes Duell. Munari/Mannucci siegen mit 3 Minuten 6 Sekunden vor Mikkola/Todt und 3 Minuten 41 Sekunden auf Alén/Kivimäki, beide Teams auf Fiat Abarth 124. Der Zehnte, Christian Dorche auf BMW 2002 muss sich bereits um 1 Stunde und 23 Minuten deklassieren lassen!

P.S. Was für ein Fahrzeug ist dieser Stratos. Munari, 1972 Sieger der Monte auf einem Lancia Fulvia HF, gilt als talentiert, mit einem Hang zu spektakulären Abgängen. Der Stratos, als erstes Auto allein für den Rallyesport gebaut, ist seiner Zeit weit voraus. Mike Parkes, Konstrukteur und ehemaliger Rennfahrer, Cesare Fiorio, Leiter der Rallyeabteilung, Nuccio Bertone der begnadete Carrosserie-Künstler und Sandro Munari selber stecken all ihr Wissen und Können in das Projekt Stratos. Im Rücken von Fahrer und Beifahrer brodeln bereits 1975 aus dem 2,4-Liter-Ferrari-V6-Motor 240 PS. Der konventionell angetriebene Wagen bringt 850 kg auf die Waage. Der extrem kurze Radstand verhilft unter Munaris Kommando zu einem exzellenten Handling.  Auf den Punkt gebracht: Der Stratos ist bis ins letzte Detail auf Sandro Munari höchst persönlich angefertigt – ein Massanzug sagt der Schneider.

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