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Rallye Monte Carlo 1973 - Burzet und das heillose Durcheinander

Erstellt am 21. Januar 2011
, Leselänge 3min
Text:
Bernhard Brägger
Fotos:
Archiv 
1

Der Sturm bläst ständig Schnee in die tief ausgefräste Fahrbahn. Bedingungen für Draufgänger und Kaskadeure. Mit einem 280-PS-Ford Capri stürzt sich Klaus Fritzinger, der ehemalige Fussballer aus Kaiserslautern, vom Start in Burzet zur Quelle der Loire hinauf. Beifahrer Schorns gibt das Kommando bis zum rien ne va plus. Die Deutschen fliegen von der Strecke. Ein Baum rettet die beiden vor dem Sturz ins Leere. Schorns verletzt sich, die Ambulanz fährt los. Der Start wird unterbrochen. Doch der Sturm hält sich nicht an Befehle aus Monaco. Er bläst Schnee in die Bobbahn und innert kurzer Zeit ist sie randvoll. Aus, Schluss. Nach einer Stunde wird wieder gestartet. Keiner kommt mehr zur Quelle hoch. Die Prüfung muss abgebrochen werden. So weit, so gut! Nach einer längeren Funkstille meldet sich die Rallyeleitung, so oder ähnlich: Wer die Burzetprüfung nicht gefahren sei – werde disqualifiziert und sie wünschen allen gute Heimreise! Das sind immerhin an die 140 Equipen.

Konsternation bricht aus. Da einigen sich die erzürnten Ausgestossenen, die Rallye zu blockieren und fangen bei Digne die Spitze der noch ca. 50 im Rennen verbliebenen ab. Die Rallyeleitung streicht die restlichen zwei Prüfungen, streicht die Zeitkontrollen und gibt freie Fahrt nach Monaco bekannt. Sie hofft so auf eine erfolgreiche Sprengung der Blockade durch die Profis. Das Chaos ist perfekt! Die einen dreschen ihre Wagen über gefrorene Wiesen an den Protestierenden vorbei, andere schleichen sich hinter Polizeifahrzeugen um die Aufständischen herum, und die dritten drücken sich mit Gewalt durch die immer grösser werdenden Lücken hindurch. Schliesslich siegt die Vernunft, welche bei der überforderten Rallyeleitung gefehlt hat. Natürlich stützt sie sich auf einen Passus im Reglement, der besagt, dass eine „Spéciale“ gewertet werden kann, sofern ein einziger Konkurrent durchkommt. Dem Monte fehlt ein kompetenter Rallyeleiter, kühl, in ständiger Verbindung mit sachkundigen Chef-Funktionären draussen im Schneesturm.

Burzet hätte mit einer einfachen Entscheidung vermieden werden können: Nach dem Absturz Fritzingers die Spezialprüfung neutralisieren, die Spitze der Rallye vor ihrem nächsten Start zur nächsten Spezialprüfung stoppen, der grosse Rest des Feldes mit der Spitze neu vereinigen und alsdann den Start freigeben. Ironie des Schicksals: Die nächste Prüfung bei St. Bonnet-le-Froid nach Riotord wäre ab Burzet – Mézilhac – St. Agrève ohne Zeitverlust auf den Fahrplan der Rallye möglich gewesen.

Die Medien stürzen sich natürlich auf diesen Skandal, der sportliche Teil wird nicht gross behandelt, ausser in Frankreich und an der Strecke natürlich. Nach dem heillosen Durcheinander erscheint doch ein Zwischenklassement. Von den fünf gestarteten Werkswagen von Alpine-Renault (jetzt mit 170 PS aus 1796 ccm Hubraum) liegen drei in Führung. Ein vierter nimmt den fünften Platz ein. Andruet/“Biche“ mit 1 Minute 44 Sekunden vor Ove Andersson/Jean Todt und 3 Minuten 6 Sekunden vor Jean Pierre Nicolas/Michel Vial. Mikkola/Porter und Mäkinen/Liddon auf Ford Escort stehen schon klar im Abseits. Vorjahressieger Munari hat den Lancia in den Schnee gesteckt. In der letzten Nacht holt Andersson auf Andruet ständig auf. Andruet beklagt einen Reifenschaden und am Col de Couillole knallt Andersson gegen eine Leitplanke – kann aber noch einige Sekunden seines Vorsprungs ins Ziel bei Beuil retten. Jean Pierre Nicolas nähert sich unaufhörlich den beiden Kampfhähnen. Vor gewaltigen Zuschauermassen geht’s zum dritten Mal über den Turini. Andruet holt sich die Spitze zurück. Der Col de la Madone de Gorbio muss die Entscheidung bringen. Andersson wittert seine letzte Chance und fährt als sei ihm der Teufel im Nacken. 15.23. Eine Traumzeit. Auf Andruet wird eher zögernd gewettet. Der 32jährige wächst aber über sich hinaus und stellt mit 15.11. eine sensationelle Bestzeit auf. Nicolas rollt ohne Sprit durchs Ziel. Die Rallye 1973 ist gelaufen: Ein dreifacher Sieg der Alpines wird Tatsache.
 
P.S. Die zierliche Michèle Petit, „Biche“ ist ihr Pseudonym, besitzt die psychologischen Fähigkeiten den nervösen und stimmungsabhängigen Andruet  aus seinen Tiefs herauszuholen und ihn zu eigentlichen Höhenflügen anzuspornen. Rennleiter Jacques Chenisse: „Sie ist die einzige Person, die es jemals geschafft hat, Andruet unter Kontrolle zu halten.“ Und ganz zum Schluss:  Die Rallye Monte Carlo 1973 ist der erste Lauf zur neu geschaffenen Rallyeweltmeisterschaft.

Quelle:
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