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An den Galgen mit ihm - Erinnerungen an das Klausenrennen Memorial von 1998

Erstellt am 12. Oktober 2011
, Leselänge 8min
Text:
Bernhard Brägger
Fotos:
Archiv Bernhard Brägger 
7

Hoch gingen die Emotionen im Vorfeld des 2. Klausenrennen-Memorials. Bürgerliche und grüne Gegner wetzten die Messer und glaubten in einer den Regierungen von Uri und Glarus angedichteten Einmaligkeitsklausel den tödlichen Stoss zu finden. Die Urner Zeitung versuchte der Klausenrennen-Memorial AG einen Konkurs herbei zu schreiben. Einheimische waren der Meinung, der Brägger habe sich eine „goldige Nase“ verdient und eine zweite wolle man ihm mit Schikanen und Geldforderungen gründlich vermiesen. Und auf dem Urnerboden? Da baumelte er am papiernen Galgen – der Brägger. Ehret  fantasievolles, einheimisches Schaffen!

Bei all diese Aktionen ging weder dem OK noch mir der Schnauf aus. Im Gegenteil – sie verhalfen dem Klausenrennen-Memorial zu noch mehr Präsenz in Wort und Schrift. Die Medien in der Schweiz, in England, Frankreich oder Italien hatten die Bedeutung des Klausenrennen-Memorials für die Region, für seine Bewohner und für den historischen Motorsport erkannt. Die positiven Reaktionen von Zuschauern und den Fahrern aus ganz Europa bestärkten uns in der Absicht, das Klausenrennen-Memorial zum besten Bergrennen Europas mit historischen Rennwagen- und Motorrädern aufzubauen.

Delahaye 135 S - Jean Chambert auf einem Delahaye am Klausenrennen Memorial 1998
Copyright / Fotograf: Archiv Bernhard Brägger

Nach dem Rennen ist vor dem Rennen

Im Vorfeld des 2. Klausenrennen-Memorials von 1998 gab es ein grosses Thema: Seine Einmaligkeit. Nachdem sich die Gegner des Anlasses 1993 (Alternative, Grüne und Konservative) mit der eigenen Waffe geschlagen geben mussten – dem Oekobonus – glaubten sie jetzt dem Klausenrennen mit einer vermeintlichen Einmaligkeit den Todesstoss zu verpassen. Den Bewilligungsbehörden versuchten sie das Versprechen anzudichten, dass die Bewilligung von 1993 eine Einmaligkeitsklausel enthalte. Doch weder in regierungsrätlichen Protokollen noch in der offiziellen Bewilligung stand etwas von Einmaligkeit.

Dass ich persönlich von einem einmaligen Anlass gesprochen hatte, stritt ich nie ab. Doch ich musste zur Kenntnis nehmen, dass das Klausenrennen-Memorial von 1993 ein unerwartetes, europaweites Echo ausgelöst hatte. Bei einem zielgerichteten Marketing musste der Anlass dem Tourismus, dem Gewerbe ja der ganzen Region zu neuen Impulsen verhelfen.

Und so entschloss ich mich, gegen meine ursprüngliche Absicht, das Rennen wieder zu organisieren, allerdings jetzt in eigener Verantwortung, ohne Aktiengesellschaft und Automobilclubs. Und das Klausenrennen-Memorial 1998 kam – ausser beim Wettergott – bei Fahrern, Zuschauern und Medien erneut an.

ERA - Georges Frey auf dem ERA am Klausenrennen Memorial 1998
Copyright / Fotograf: Archiv Bernhard Brägger

Von der eigenen Dummheit und einer gehörigen Sackgeldaufbesserung

Natürlich gab es auch 1998 Episoden, oft groteske, aber immer wieder schimmerte das Menschliche durch. Sie machten das Salz in der Suppe aus. Diesmal wollte ich Grüne, Alternative,  Anwohner und Älpler vermehrt in das Geschehen integrieren, auf die Gefahr hin, Vorträge über die Sinnlosigkeit eines solchen Karrenrennens anzuhören. Und überhaupt, ich solle das Klausenrennen an den Oberalpass verlegen, und es gehe mir ja sowieso nur ums Geld und ich führe mich auf, als ob der Klausenpass mir gehöre. Angespielt wurde hier auf die zwei Meter hohen Zäune links und rechts der Strasse. Diese Zäune sollten unvorsichtige Zuschauer vom Überqueren der Strasse abhalten. Trotz Sicherheitsmassnahmen in der Höhe von über 500’000 Franken, gab es am Klausen immer wieder Zuschauer, die sich über jede Sicherheitsmassnahmen hinwegsetzten, die Organisatoren wegen den Zäunen- und Absperrmassnahmen beschimpften. Hier die wörtliche Aussage eines solchen Zuschauer: „Ich habe bezahlt und lass mir nichts vorschreiben. Wenn ich hier verkarrt werde, ist das für mich eine grosse Ehre!“ Dummheit lässt sich schwer heilen – auch nicht mit Schutzmassnahmen vor der eigenen Blödheit.

Unvergessen bleibt mir auch jener Anwohner, der in den schlimmsten Tönen von diesem verdammten Rennen lamentierte und er werde schon dafür sorgen, dass ich auf die Rechnung kämen. Und als ich zwei Tage vor dem Rennen den gleichen Herrn am Telefonapparat hatte, glaubte ich bereits an ein weiteres, über mich herfallendes „Ugfehl“. Irrtum! Er habe es sich jetzt überlegt und möchte Kaffee, Käse und Würste verkaufen - so eine kleine Wirtschaft betreiben. Ich willigte natürlich in den Handel ein, er hatte seine bezahlenden Gäste und ich meine Ruhe. Und zum guten Ende: Durch eine Indiskretion kam mir dann zu Ohren, dass eine fünfstellige Umsatzzahl sein Sackgeld gehörig aufgebessert habe!

Der Engländer Mazub und sein Bugatti

Den sportlichen Höhepunkt schuf der Engländer Julian Mazub mit seinem Bugatti Typ 35B, einem Rennwagen, der dem englischen Gentleman - und Geschwindigkeitsfanatiker - Malcolm Campell gehört haben soll. In der unglaublichen Zeit von 13.49.08 legte er die 21,5 km lange Strecke zurück und eroberte mit seiner spektakulären Fahrt – höllisch laut, quer und krumm, mit qualmenden Reifen - die Herzen der Zuschauer.

Aber auch die unglaublich schnellen Dreiräder liessen erahnen, was in den 30er-Jahren an Auto- und Motorradrennen so alles abging. Ein Blick auf die Startliste las sich wie ein nostalgisches Gedicht: Der 16-Zylinder der Auto Union, zwei GP-Opel von 1914, der Siegerwagen Alfa Romeo P3 vom Klausenrennen 1932, jede Menge legendäre Grand Prix-Rennwagen von ERA, Bugatti, Maserati gaben ihre Nennungen ab. Sogar ein Indianapolis-Rennwagen der Marke Studebaker scheute sich nicht, den Pass zu erobern!

Allein 33 Engländer mit hochkarätigen Rennwagen sorgten für Spektakel am Berg. Einzig Mercedes liess seine Rennwagen im Museum zu Stuttgart traurig vor sich hinbrüten. Die Manager schmollten, weil ich nicht bereit war, das Klausenrennen-Memorial zu einem Markenevent verkommen zu lassen. Doch jener Engländer, der vor laufender Kamera begeistert ausrief: „Das Klausenrennen ist der grösste historische Motorsportevent der Welt!“, liess die Abwesenheit des Sterns vergessen.

Und bei den Motorrädern? Auch hier war die ganze Motorradwelt zu Gast. Es kam zum erwartenden Duell zwischen dem Engländer John Andrew  Bennett und dem Schweiz Jo Kaufmann. Im Gegensatz zu 1993 siegte jetzt Kaufmann auf seiner Moto Guzzi in 15.07.25 – weit unter der Zeit von Tom Bullus anno 1930.

Der unschuldige Kohlensack

Da fällt mir noch ein bekannter, ehemaliger aktiver Motorrad- und Autorennfahrer aus der Innerschweiz ein. Er gehörte zu den spektakulärsten Fahrern in der Szene der historischen „Kohlensäcke“ (Bezeichnung der schwarz gekleideten Motorradrennfahrer). Sein routinierter Beifahrer musste von einem Motorradunfall genesen und so verknurrte Freund E. einen eher ungeübten „Plampi“ in den Seitenwagen. („Plampi“, Bezeichnung für Beifahrer und kommt von Gewicht verlagern. Schweizerdeutsch „hin- und herplampen“). 

nd als ob die beiden nicht schon bei der Bergfahrt für Spektakel gesorgt hatten, glaubten sie auch bei der Rückfahrt zum Start die Fans bei guter Laune halten zu müssen. Als E. unverhofft den Seitenwagen aufstellte, packte den „Plampi“ das nackte Entsetzen, verlagerte das Gewicht auf die falsche Seite und es kam zu einem fürchterlichen Sturz der beiden.

Im Rennfunk durfte ich zur Kenntnis nehmen, dass bei der Talfahrt ein Seitenwagengespann gestürzt sei und sofort ärztliche Hilfe brauche. Da nützte auch mein nicht druckreifes Fluchen im Rennleiterfunk wenig. Der Beifahrer kreidebleich, aber unverletzt, stammelte etwas von unschuldig. Sein Fahrer wurde ärztlich versorgt und mit der Ambulanz  ins nächste Spital gefahren.

Und heute? Er fährt kaum mehr Motorradrennen – nicht wegen des Sturzes – nein, niemand mehr will in seinem Beiwagen Platz nehmen! Dafür macht er jetzt die historische Rallyeszene mit einem Maserati Mistral auf den engen Strassen der Vogesen und auf den Waldwegen zwischen Cornwall und John O’Groats verrückt. Zum Glück bin ich da nicht Rallyeleiter!

Bekannt bei 70% der Schweizerbevölkerung

Das Klausenrennen-Memorial 1998 ging erfolgreich über die 21,5 km lange Strecke.  Die Finanzen pendelten sich knapp im schwarzen Bereich ein, die Medien glaubten an die Zukunft der Klausenrennen, ein Meinungsforschungsinstitut führte eine repräsentative Umfrage durch. Das OK durfte zur Kenntnis nehmen, dass das Klausenrennen in der Schweizerbevölkerung einen Bekanntheitsgrad von rund 70% erlangt hatte.

Und Emanuele Pirro – der bekannte Starpilot von Opel und Audi – zeigte sich beeindruckt von seiner Fahrt auf dem Auto Union. „Unglaublich, welche Bärenkräfte hier wirken. Mit den Reifen und Fahrwerken von damals sind sie kaum zu bändigen. Ich ziehe den Hut!

Die Zürichsee-Zeitung schrieb: „Kein Oldtimerrennen der Welt vereint so viele maschinelle Prominenz. Wenn dann noch die Strecke selbst Legende ist, dann lebt der Mythos.“

Und mir wurde so richtig klar, dass dieser Anlass nicht ohne professionelle Sportdienste- und hunderte ehrenamtliche Freiwillige über die Bühne gehen kann und dass die von mir gewählte Organisationsform der direkten Entscheidungswege richtig war. Das Klausenrennen-Memorial hatte Dimensionen angenommen, für die sich weder ein Verein mit seiner schwerfälligen Struktur noch eine AG mit dem Anstrich auf Geldverdienen eignet.

Das längste und wildeste Bergrennen

Und so fuhr ich einige Tage nach dem Rennen durchs wieder still gewordene Linthal. Wie ein Film lief vor mir das echte, das historische Klausenrennen ab. Beim Hotel Bahnhof hielt ich an. Hier wohnten die Rennfahrer, feierten Rekorde, trauerten verlorenen Sekunden nach, feilschten mit dem Rennleiter um Geld: Chiron, Caracciola, Bullus, Stuck, Nuvolari, Varzi… Rizinus, das Rennöl aus Wolfsmilchgewächs war ihr Parfum. Die Frauen - kokett, mit Bubikopf und Zigarette als Zierde für ihre verwegene Männlichkeit. Das nackte Knie verführte, weckte Lust. Doch die Mechaniker verscheuchten die Begierde. Ein Ruck, ein Knall, die schlummernden Geister waren erwacht. Der Start zum längsten und wildesten Bergrennen Europas war frei. Nervöse, arrogante Kommissare, schrien, gestikulierten. Nach 200 Metern die Startkurve. Pflastersteine, aalglatt bei Regen, rechts die unverrückbare Mauer. Dann zwei stockdunkle Tunnels. Als Sicherheit einzig weisse Farbe an den Felswänden…..

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