Volvo P 1800 ES - Traumwagen nicht nur für Märchen-Prinzessinnen

Erstellt am 28. April 2015
, Leselänge 6min
Text:
Bruno von Rotz
Fotos:
Volvo Car Group 
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Balz Schreier 
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Bruno von Rotz 
21
Volvo 
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Volvo Car Group Gothenburg 
1
Archiv 
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Beim Wort “Schneewittchensarg” denken Autofans nicht  in erster Linie an die vorübergehende Ruhestätte der Prinzessin aus dem Märchen, das u.a. von Walt Disney verfilmt wurde. Sie denken auch nicht an den Braun Phonosuper SK 4, eine Radio-Plattenspieler-Kombination, die 1956 mit einer Acrylglasabdeckung Assoziationen zum verglasten Sarg Schneewittchens erzeugte.

Schneewittchensarg im Disney-Film

Sondern sie haben einen Sportkombi aus Schweden, den Volvo P 1800 ES, vor ihrem Auge, der wegen seiner üppigen Verglasung des Hecks hierzulande zu diesem Spitznamen kam, was vielleicht auf den Bericht in der Zeitschrift “Stern” zurückzuführen ist, der mit “Traumwagen für Schneewittchen” übertitelt war. 


Volvo P 1800 ES (1973) - aus dem Sportwagen P 1800 S wurde durch geschickte Designkniffe ein praktischer Sportkombi
Copyright / Fotograf: Balz Schreier

Mit Umwegen ans Ziel

Vorgestellt wurde der Volvo P 1800 ES im Sommer 1971, die Arbeiten daran hatten aber bereits viel früher begonnen. Denn schon Mitte der Sechzigerjahre machte man sich bei Volvo Gedanken über einen Nachfolger des bereits bei seiner Vorstellung nicht mehr ganz taufrischen Sportwagens P 1800 , dessen Design immerhin auf das Jahr 1956 zurückging.


Volvo P 1800 S (1963) - eleganter Sportwagen für alle Tage - Abbildung aus dem Verkaufsprospekt
Archiv Automobil Revue

Designstudien wurden modelliert, externe Karosseriefirmen wie Fissore oder Zagato zeigten mögliche neue Wege auf.

Doch es war der Inhouse-Designer Jan Wilsgaard, der 1967 zwei Studien für einen Sportkombi entwarf, die den Volvo-Häuptlingen Tor Berthelius und Gunnar Engellau am besten gefielen. Denn für sie stand nicht nur ein neues Design, sondern vor allem mehr Nutzfläche im Vordergrund.

Die beiden Studien namens “Beach Car” und “Rocket” (auch “jaktvagn” genannt) liess man bei zwei Karosseriefirmen aufbauen. Während die sehr futuristische und ein wenig raumschiffmässige Variante “Rocket” bei Pietro Frua als Projekt P183 realisiert wurde, setzte die Carrozzeria Coggiola die Variante “Beach Car” in die Realität um. Dieser deutlich nüchternere Prototyp überzeugte die Volvo-Entscheider mehr und so gelangte diese Variante mit nur geringen Anpassungen in die Serienfertigung.


Volvo P 1800 ES (1971) - bereits der Prototyp war goldfarbig gespitzt
Copyright / Fotograf: Volvo Car Group

Ökonomisch durchdacht

Wilsgaard hatte beim Beach Car eindeutig auf die oftmals angespannten finanziellen Verhältnisse des schwedischen Herstellers Rücksicht genommen. Im Prinzip hatte er nur die Dachpartie, den Verlauf der oberen Fensterlinie und natürlich die Heckpartie angepasst und mit viel Glas versehen. Fertig war der praktische Sportkombi, für den es damals nur wenige Vorbilder gab.


Volvo P 1800 ESC (1971) - Prototyp von Coggiola, auf dem Autosalon von Paris 1971
Copyright / Fotograf: Volvo Car Group

Zum immer noch rustikalen Volvo mit Kombiheck hätte allerdings Sergio Coggiola auch eine deutlich modernere Variante namens Volvo P 1800 ESC mit keilförmiger Silhouette “in petto” gehabt, doch diese wurde erst 1971 vorgestellt und da war der klassische Volvo Sportkombi als P 1800 ES (“E” für Estate oder Kombi) bereits präsentiert.

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Technisch auf bewährter Basis

Die enge Verwandtschaft mit dem weiterhin erhältlichen Modell P 1800 S prägte sich natürlich auch in der Technik aus, die 1:1 vom Bruder übernommen werden konnte.


Volvo P 1800 S (1963) - unter dem Blechkleid ein typischer Volvo seiner Zeit
Archiv Automobil Revue

Der unverwüstliche B20-Motor mit 1986 cm3, Grauguss-Block/Kopf, untenliegender Nockenwelle und hängenden über Stossstangen/Kipphebel gesteuerten Ventilen produzierte in der europäischen Variante 124 PS bei 6000 Umdrehungen, die Amerikaner mussten die Entgiftungsmassnahmen mit 9 PS Verlust bezahlen. Eine elektronisch gesteuerte Benzineinspritzung verteilte den Treibstoff unter den vier in Reihe angeordneten Zylinder, ein Vierganggetriebe mit serienmässigem Laycock de Normanville Overdrive führte die Kraft auf die Hinterachse.
Diese wiederum war starr, während vorne Einzelradaufhängungen mit Dreieckslenkern die 15-Zoll-Räder führten. Gebremst wurde rundum mit Scheiben und mit hydraulischer Unterstützung.


Volvo P 1800 ES (1971) - Durchsichtszeichnung
Copyright / Fotograf: Volvo Car Group

Individuell und praktisch

Gleichzeitig zur Einführung des Modells P 1800 ES wurden der Kühlgrill überarbeitet und im Interieur begrüssten nun lederbezogene Sitze mit integrierten Kopfstützen und serienmässigen Rollgurten die Passagiere.


Volvo P 1800 ES (1973) - grösse Ladeöffnung am Heck, genug Platz für die Golftaschen
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Durch die verglaste Hecktüre, die ohne Rahmen auskommen musste, erhielt man Zugang zu einem flachen, aber nicht überaus grossen Kofferraum. Unter dessen Boden waren Reserverad und weiterer Stauraum verborgen, während die Utensilien, die man im Heck lagerte ansonsten wie in einem Schaufenster ausgestellt waren.

Die hintere Sitzbank, die umgelegt werden konnte, taugte eher als zusätzliche Gepäckablage denn als Unterbringungsgelegenheit für weitere Passagiere.

Freundlich empfangen

Die Kritiker der schreibenden Zunft reagierten durchaus positiv auf die neue Volvo-Variante, lobten den individuellen Look, die reichhaltige Ausstattung, die insgesamt überzeugende Ergonomie, die Fahrleistungen (AMS: 0 bis 100 km/h in 10,1 Sekunden, 181,8 km/h Höchstgeschwindigkeit), die sicheren Fahreigenschaften (Gewichtsverteilung 50:50) und den insgesamt akzeptablen Verbrauch (Testverbrauch damals 13,8 Liter pro 100 km).

Weniger gut leben liess es sich allerdings mit dem nicht ganz überzeugenden Fahrkomfort, dem lauten Motor, den Windgeräuschen und vor allem dem überaus hohen Preis, denn mit DM 25’150 bewegte sich der Volvo fast auf Ebene eines BMW Sechszylinder-Coupés oder eines Porsche 911.

Auch in der Schweiz kostete der ES mit CHF 25’800 mehr als ein Ford Capri RS 2600 oder ein Opel Commodore GS/E Coupé, da musste man schon wohlhabender Individualist sein, um zum Schweden zu greifen.

Selbst in den USA, wo der P 1800 ES vielleicht am beliebtesten war, kostete er fast soviel wie eine Corvette mit acht Zylindern.

Kurzes Leben

Und es waren dann schliesslich die Amerikaner, die dem Volvo den Todesstoss gaben. Nicht die Kunden und Käufer waren es, sondern die für das Jahr 1974 antizipierten Sicherheitsvorschriften, die sich mit dem betagten Volvo nicht mehr erfüllen liessen. So verliess am 27. Juni 1973 der letzte von 8077 Schneewittchensärgen das Werk Lundby.


Volvo P 1800 ES (1972) - schwedische Strandszene
Copyright / Fotograf: Volvo Car Group

Wiedergeburt?

Ganz gestorben ist der Volvo Sportkombi 1973 allerdings nicht, denn 1986 präsentierte Volvo den Typ 480 ES , der technisch zwar nichts mehr mit seinem Vorgänger gemeinsam hatte, optisch aber wiederum ein Kombiheck aufwies, dem man die Verwandschaft mit Wilsgaards Entwurf ansah.


Volvo 480 ES (1988)
Copyright / Fotograf: Volvo

Und nochmals 40 Jahre später erinnerte der kurzlebige C30 erneut an seine Sportkombi-Vorfahren. Fortsetzung folgt ...


Volvo C30 (2009) - die Ähnlichkeit zum legendären P 1800 ES war sicher kein Zufall
Copyright / Fotograf: Volvo Car Group

Ein Männerauto?

Schon in den damaligen Testberichten wurden die vergleichsweise hohen Bedienungskräfte für Lenkung und Kupplung kritisiert. Heute überrascht der Kraftaufwand, der für ein Parkmanöver nötig ist, noch viel mehr. Ganz klar, hier zahlt sich ein regelmässiges Fitnesstraining aus. Mit zwei Fingern lässt sich der Volvo Sportkombi nicht dirigieren.


Volvo P 1800 ES (1973) - Sportlichkeit à la Fünfzigerjahre
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Aber er verströmt das typische Volvo-Gefühl, das von Robustheit und  Sicherheit geprägt ist. Nur den doch etwas ungehobelten Motor hätte man dem eigentlich filigran wirkenden Schweden nicht zugetraut, immerhin aber zieht er gut an und lässt sich mit dem exakt schaltbaren Getriebe gut bei Laune halten.


Volvo P 1800 ES (1973) - der Vierzylindermotor mit zwei Litern Hubraum ist längs eingebaut
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Ein Sportwagen ist der Schneewittchensarg definitiv nicht, wohler als bei der Kurvenhatz fühlt er sich beim gleichmässigen Touren bei nicht allzu hohen Geschwindigkeiten. Und dank der grossartigen Rundumsicht, kann man Landschaft und Umfeld immer bestens im Auge behalten. Im Gegensatz zu vielen Artgenossen ist der Volvo auch grossgewachsenen Naturen freundlich gesinnt.

Und man kann sich an seiner langlebigen Natur erfreuen, es dürfte kein Zufall sein, dass es Volvo Coupés mit über einer Million Kilometer gibt, die immer noch im Einsatz sind.


Volvo P 1800 ES (1973) - fast 180 km/h schnell
Copyright / Fotograf: Balz Schreier

Wir danken der Firma classic-autos.ch , die uns den gelben Sportkombi zur Verfügung gestellt hat.

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