Venturi 260 Cup 511 - wie ein französischer Ferrari, nur viel seltener ...

Erstellt am 3. September 2014
, Leselänge 6min
Text:
Bruno von Rotz
Fotos:
Bruno von Rotz 
43
Dan Morgan 
6
Archiv 
8

Man nennt die Venturi, einst als MVS Venturi geboren, häufig auch “französische Ferrari”. Doch konzeptionell und technisch bewegten sich die Macher des französischen Mittelmotor-Sportwagens eher im Umfeld von Lotus und TVR. Passanten aber, die den Venturi meist nicht erkennen, halten das elegante Coupé häufig für einen Wagen aus Maranello, was seinen Machern nachträglich Recht gibt.


Venturi 260 Cup 511 APC (1991) - Klappscheinwerfer erlaubten eine flache Front
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Aller Anfang ist schwer

Am Anfang stand eine Inspiration. Gérard Godfroy, einst in Diensten von Heuliez und Peugeot, erinnerte sich an seine Fahrten im Dino 246 GTS. So ähnlich sollte der Sportwagen sein, den er selber bauen wollte. Für einen Produktionswagen war aber mehr als ein Design nötig und so tat sich Godfroy mit Claude Poiraud zusammen, der zuvor Erfahrungen als Produktionsingenieur bei Heuliez gesammelt hatte.

In einem Keller entwickelten die beiden ihren ersten Sportwagen und präsentierten ihn im Oktober 1984 am Autosalon von Paris. Aus Bescheidenheit und auch zugunsten eines niedrigen Gewichts hatten sich Godfroy und Poiraud für einen VW-Golf-GTI-Vierzylindermotor entschieden, aber für Finanzierer Hervés Boulan versprach diese Konfiguration nicht genug Prestige. Er wollte mehr Zylinder, mehr Leistung und mehr Luxus. Und so positionierte man den MVS Venturi auf Augenhöhe zu Ferrari.

Serienversion MVS Venturi

Bis ein grösserer Motor verfügbar war, bauten die beiden Ingenieure aber erst noch zwei Exemplare ihres Sportwagens mit Vierzylinder-Turbomotor. Und zeigten ihn der Presse, die vor allem in Frankreich sehr positiv reagierte.


MVS Venturi (1986) - eine frühe Version vor dem Eifelturm
Archiv Automobil Revue

Im Oktober 1986 aber konnte man am Pariser Autosalon bereits die Version mit dem 2,5 Liter grossen V6-PRV-Europa-Turbo-Motor mit 200 PS vorzeigen und begann kurz danach mit dem Bezug einer Fabrik in Cholet. Im Februar 1987 konnten die ersten beiden Vorserien-Exemplare fertiggestellt werden und auf dem Genfer Autosalon erfolgte im März 1987 die öffentliche Vorstellung.

Einen Monat später war die Fabrik produktionsbereit und man steigerte sich schrittweise von einem gebauten Auto pro Woche auf deren vier.
Im April 1988 verliess das 100. Exemplar die Fabrik.


MVS Venturi (1989) - kurzer Überhang hinten
Archiv Automobil Revue

Der MVS Venturi (MVS stand für “Manufacture de Voitures de Sport” war ein klassischer Mittelmotorsportwagen geworden, den mancher für die mondänere Variante der Alpine V6 Turbo hielt. Doch mit Ausnahme des gemeinsam genutzten Motors gab es im Detail kaum Ähnlichkeiten zwischen den beiden Sportwagen. Während nämlich bei der Alpine der Motor im Heck sass, wurde er bei MVS längs in der Mitte vor der Hinterachse montiert. Auch Aufhängungskonstruktionen und Chassisaufbau waren unterschiedlich.

Der Venturi wies als Fahrgestell eine Stahlstruktur auf und führte alle Räder an Einzelradaufhängungen. Für die Karosserie wurden Polyesterharze und Glasfasern eingesetzt. Für Kleinteile bediente man sich in den Lagern der Grossserienhersteller Frankreichs.

200 PS leistete der mit einem Garret T3 Lader zwangsbeatmete V6-Motor im Venturi, was ihn zu rund 245 km/h und einen Spurt aus dem Stand auf 100 km/h in knapp sieben Sekunden befähigte. Da blieb dann doch der eine oder andere Wunsch nach mehr Temperament offen.

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Mehr Leistung

Mit dem 2.8 SPC (sans pot catalytique) kamen die MVS-Macher diesem Leistungshunger nach. Dank Feinarbeit am Motor, höherem Ladedruck und nun 2849 cm3 stieg die Leistung auf rund 260 PS, die Höchstgeschwindigkeit auf über 260 km/h. Der Preis des ab Werk komplett ausgestatteten Wagens war allerdings mit der Verbesserung von nahezu 100’000 Franken auf gegen 120’000 angestiegen.

Fahrerisch wichtig war auch eine andere Änderung. Die Schaltung wurde bei späteren Modellen nämlich nicht mehr über ein wartungs- und justierungsempfindliches Gestänge, sondern über einen Seilzug betätigt, was die in ersten Test bemängelte Schaltpräzision deutlich verbesserte. 

Dem Modell “SPC” war aber nur eine kurze Lebensphase gegönnt, denn die europäischen Umweltvorschriften forderten den Katalysator und so wurde aus dem “SPC” (auch “Cup 521” genannt) nach etwa 60 produzierten Exemplaren ab 1990 die Variante “APC”, was für “avec pot catalytique” stand. Die Leistung der nun “Cup 511” genannten Version sank beim Umbau nur minim und auch die Fahrleistungen blieben nicht zuletzt wegen des sehr guten cw-Werts von 0.31 auf höchstem Niveau. 


Venturi 260 Cup 511 APC (1991) - aus dieser Perspektive sahen ihn die meisten
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Typenvielfalt

Inzwischen war die MVS-Bezeichnung verschwunden, die Firma hiess nun Venturi, die Fahrzeuge zeigten das Leistungsniveau in der Typenbezeichnung. Bis 1996 wurden die Katalysator-Versionen des 260 hergestellt, rund 70 Fahrzeuge sollen es gewesen sein. Es folgten noch das Coupé 260 Atlantique (25 Exemplare) und das Coupé 260 LM (33 Exemplare von 1994 bis 1996).

Parallel dazu gab es auch das Cabriolet Transcup in unterschiedlichen Leistungsstufen, die Spitze aber verkörperte der Venture 400 GT, der mit über 400 PS die Basis für die Renneinsätze von Venturi bot.

Bewährung im Rennsport

In den Jahren 1993, 1994 und 1995 trat Venturi mit leistungsstärkeren GT-Modellen bei den 24 Stunden von Le Mans an. Zudem wurde eine Gentlemen-Driver-Serie mit teilweise bis zu 75 Fahrern aufgebaut und vor allem auch die Erfolge in der BPR Global GT Serie zeigten, dass sich Venturi erfolgreich gegen die Konkurrenz von Porsche und Ferrari behaupten konnte.


Venturi 500LM bei den 24 Stunden von Le Mans 1993 - 7 Venturi 500LM waren am Start, 5 erreichten das Ziel. Die Nummer #92 war die letzt platzierte Venturi unter jenen, die ins Ziel kamen.
Copyright / Fotograf: Dan Morgan

Ende und Wiedergeburt

Doch der Sportwagenfirma Venturi war das Glück nicht hold, das Geld wurde knapp und im Jahr 2000 wurde das Unternehmen liquidiert. Die Überreste gingen an Gildo Pallanca Pastor, der 2004 mit dem Venturi Fetish einen Elektro-Zweisitzer präsentierte. Spätestens damit allerdings waren die Zeiten, als man eine französische Alternative zu Ferrari bauen wollte, vorbei.

Dissonanzen

Wenn man sich in einen Venturi setzt und das Einsteigen gelingt mit überraschend geringen Verrenkungen, dann überrascht zuerst einmal das Interieur, das Luxus-Ambiente der Achtzigerjahre ausstrahlt. Holzverkleidungen erwartet man eigentlich eher in englischen Sportwagen-Klassiker als in einem französischen Kunststoff-Coupé.


Venturi 260 Cup 511 APC (1991) - der Sportwagen-Fan staunt über die opulenten Mengen von Holz, die da verbaut wurden
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Sitzposition und Rundumsicht sind für einen Mittelmotorsportwagen sehr gut und die wichtigen Bedienungselemente können problemlos erreicht werden. Dass nur geringste Stückzahlen produziert wurden, ist jedenfalls nicht auf Anhieb zu bemerken und über Komfortmankos kann man nicht jammern.

Berauschend

Sobald aber der Zündschlüssel gedreht ist, dann zeigt sich der Venturi 260 von einer ganz anderen Seite. Der Motor startet sofort und lässt einen wohltönenden Bariton erklingen, der einen sofort fesselt. So gut also kann der Europamotor klingen.


Venturi 260 Cup 511 APC (1991) - mit 1,7 Metern ist der Venturi für heutige Begriffe schmal geraten
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Die 260 PS werden natürlich mit dem überschaubaren Gewicht von rund 1,3 Tonnen problemlos fertig und der Vortrieb überzeugt auch verwöhnte Naturen. Und kommt die erste Kurve, dann schwindet jedes Vorurteil über französische Sportwagen. Auch ein Lotus Esprit umrundet Bögen nicht souveräner und auch im Federungskomfort sind kaum Einschränkungen nötig. Und dank der feinfühligen Servolenkung artet die Kurbelei auch nicht in Schwerstarbeit aus.

Die Fahrt im Venturi macht süchtig. Immer wieder ertastet man den Drehzahlbereich ab 3500 U/min, ab dem der Turbolader mit maximalem Ladedruck der Verbrennung nachhilft und der Rücken gegen die Sitzlehne gepresst wird. Angesichts der heutigen Geschwindigkeitslimiten und der damit verbundenen Überwachungsdichte jedenfalls ist der Franzose eine Gefahr für das Bankkonto, auch wenn seine Anschaffung (noch?) auch mit normalen Bankkonti-Saldi verantwortet werden kann.


Venturi 260 Cup 511 APC (1991) - der Mechaniker wird an diesem Zugang wenig Freude haben
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Technisch dürfte man auch beim Unterhalt von der Grossserientechnik profitieren, allerdings könnten verwendete Elektronikspezialteile und die nicht gerade einfach zugänglichen Technik-Ingredienzen den einen oder anderen Mechaniker durchaus zur Weissglut treiben.

Sobald man aber in Fahrt ist, sind solche Sorgen vergessen und, fast ohne es zu bemerken, ist man schon auf dem Weg nach Cannes oder Rimini ...

Wir danken der Oldtimer Galerie Toffen für die Gelegenheit, uns den heissblütigen Franzosen für ein Weilchen ausleihen zu können.

Weitere Informationen

Bilder zu diesem Artikel

Quelle:
von ib******
19.02.2021 (23:40)
Antworten
Venturi ist ein echter Geheimtipp. Wichtig ist es, ein wirklich gutes Exemplar zu kaufen. Der V6-Turbo, das Fahrwerk und der Komfort sind einmalig und das bei sehr vernünftigen Unterhaltskosten. Extra!
von ma******
09.09.2014 (19:41)
Antworten
Ein toller Bericht. Vielen Dank!

Eine Anmerkung zum gezeigten Venturi - der übrigens der erste der ganzen Serie 260 APC (Chassis 0001) ist : diese Seitenschweller wurden nur bei einigen wenigen Exemplaren montiert - also eine Rarität.
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