VW Scirocco - Unvernunft der Siebzigerjahre

Erstellt am 26. März 2011
, Leselänge 5min
Text:
Bruno von Rotz
Fotos:
Volkswagen Archiv / Werk 
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Bruno von Rotz 
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Volkswagen 
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Archiv Italdesign/Giugiaro 
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Volkswagen AG 
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Archiv 
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Wer sich in den Siebzigerjahren ein Coupé kaufte, konnte das kaum sachlich begründen. Weniger Platz, knappere Innenhöhe, geringeres Stauraumvolumen und ein höherer Einstandspreis sprachen - neutral gesehen - für die typischerweise verwandte Limousine und nicht für das knapper geschnittene Coupé. Aber wem Design, Auftritt und sportliches Fahrgefühl genügend wichtig waren, der griff trotzdem zum Coupé.


VW Scirocco (1977) - die Front weist einige Familienähnlichkeit mit K70 und Passat auf
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Giugiaro und Karmann

Der VW Scirocco erschien 1974 auf dem Markt, kurz vor dem Golf, dem er die Technik eigentlich verdankt. Er ersetzte den nie zum richtigen Sportwagen gewordenen Karmann-Ghia, der noch mit der Technologie des Käfers - luftgekühlter Heckmotor - bis 1974 gebaut wurde. Wie sein Vorgänger wurde auch der Scirocco, nach einem Wüstenwind benannt, bei Karmann gebaut.

Das Design stammt von Giorgio Giugiaro, der die Aufgabe brilliant leistete, auf der technischen Basis einer Limousine ein hinreissend geformtes Coupé zu zeichnen. Dass das Auto dem 1976 präsentierten Alfa Romeo Alfasud Sprint gleicht, liegt sicher nicht zuletzt daran, dass dieser auch von Giugaro stammt und zudem das Pflichtenheft wohl ähnliche Punkte umfasste.

Technischer Vorläufer

Technisch war der Scirocco mit dem einige Monate später präsentierten Bruder Golf verwandt, zusammen aber beschritten sie neue Wege. Erstmals im Volkswagen-Konzern wurden die Motoren, die Audi-Wurzeln hatten, quer eingebaut. Dies bedingte eine eigens entwickelte Getriebe-/Differentialeinheit. Eine Besonderheit war der unterschiedliche Einbauwinkel der unterschiedlichen Motoren: Der kleine 50 PS 1,1-Liter-Motor war nach vorn geneigt, während die stärkeren und schwereren 1,5-Liter-Motoren nach hinten geneigt eingebaut wurden. Das Leistungsspektrum reichte am Anfang bis 85 PS.


VW Scirocco (1974) - ganz schön sportlich für einen Volkswagen, Modellvariante TS
Copyright / Fotograf: Volkswagen Archiv / Werk

Auch die Hinterachskonstruktion war eine raffinierte Ingenieurleistung, sie wurde Verbundlenkerachse genannt und überzeugte durch Einfachheit und hervorragende Fahreigenschaften. Helmut Eicker von der Zeitschrift Auto Motor und Sport beschrieb den Scirocco auf jeden Fall als einen der bestliegenden Wagen, die im Jahre 1974 erhältlich waren. Mit rund 800 kg geriet der bereits mit 85 PS kräftig motorisierte Scirocco zum Leichtgewicht, was zu guten Fahrleistungen (0-100 km/h in 10.6 Sekunden, Spitze 177,3 km/h gemäss AMS 12/1974) und günstigen Verbräuchen bei der Topversion (9,6 Liter pro 100 km) führte.


VW Scirocco (2013) - Sondermodell zur Feier von einer Million Scirocco
Copyright / Fotograf: Volkswagen Archiv / Werk

Zum Vergleich: Der moderne Scirocco, erhältlich seit 2008, wiegt 1’300 bis 1’500 kg und misst immerhin 4.25 m in der Länge, respektive 1.81 m in der Breite.


VW Scirocco - Weltpremiere Scirocco II auf dem Autosalon Genf 1981
Archiv Automobil Revue

Am Genfer Autosalon 1981 wurde ein neuer Scirocco vorgestellt. Man hatte sich in Wolfsburg dazu entschieden, eigene Wege zu gehen und den von Giugiaro vorgelegten Entwurf nicht in die Serienversion umzusetzen. Die Verkäufe blieben dann allerdings hinter den Erwartungen zurück.


VW Scirocco (1977) - Entwurf von Giorgetto Giugiaro für den Scirocco 2 - so nicht umgesetzt
Copyright / Fotograf: Archiv Italdesign/Giugiaro
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Fährt sich fast wie ein Golf

Die Unterschiede zwischen den Brüdern Golf und Scirocco beschränkten sich hauptsächlich auf Karosserieform (der Scirocco war 10 Zentimeter niedriger, aber rund 15 cm länger), ansonsten wurden die meisten Komponenten für beide Baureihen verwendet, dies schloss auch Armaturen, Knöpfe, usw. mit ein. Als Fahrer konnte man sich an einer leicht sportlicheren Sitzposition erfreuen, die mehr Kontakt zur Strasse zu vermitteln schien. Motoren, Schaltung, Lenkung usw. fühlten sich an, wie beim Golf, machten dabei viel Laune. Den Vergleich mit seinen Konkurenten Ford Capri GT oder Opel Manta SR musste der Scirocco auf jeden Fall nicht scheuen, bereits den ersten Vergleichstest der Zeitschrift Auto Motor und Sport konnte er zu seinen Gunsten entscheiden, dies inbesondere durch seinen starken Motor und die hohe Fahrsicherheit. Auch die Redakteure der Automobil Revue zeigten sich begeistert, trotz des Preises von 14’750.- Franken, respektive 11’745.- DM.

Mit GTI-Power zum richtigen Sportwagen

Zum richtigen Sportwagen mutierte der bereits im Stand dynamisch aussehende Scirocco mit dem Einbau des 1,6-Liter-Einspritzermotors. 110 PS standen nun, wie auch beim berühmten Bruder Golf GTI, zur Verfügung, genug für 185 km/h Spitze und eine Zeit von rund 9 Sekunden für den Sprint von 0 bis 100 km/h. Spätestens ab jetzt mussten sich auch die Fahrer vermeintlich schneller Limousinen (BMW, Mercedes-Benz, Alfa Romeo) und Sportwagen vor dem VW-Zeichen im Rückspiegel in Acht nehmen. Dass diese Sportlichkeit auch noch mit einer guten Ökonomie, dank verbesserter Teillastverbräuche und generell effizientem Treibstoffeinsatz, gekoppelt war, half der Marktakzeptanz zusätzlich.


VW Scirocco (1976) - Interieur des Scirocco GTI
Archiv Automobil Revue

Die rote Gefahr

Leider litten die ersten Baujahre von Golf und Scirocco wegen hoher Rostanfälligkeit unter beschleunigtem Zerfall, mancher Wagen wurde daher keine fünf Jahre alt. Dies besserte sich erst mit der Einführung der serienmässigen Hohlraumversiegelung ab Ende 1976.

Unverbastelt schwierig zu finden

Die Siebzigerjahre waren die Zeit der Glas-Sonnendächer, Kamei-Spoiler, Nachrüst-Alufelgen und Miura-Heckstoren. Mancher Scirocco wurde wohl in seinem Leben mehrfach umgebaut und nicht alle Veränderungen hielten mit seiner schlichten Eleganz mit.

Einen frühen Scirocco, gebaut vor der grossen Modellpflege Mitte 1977, mit originalem Interieur und gut erhaltener Karosserie zu finden, dürfte schwieriger sein, als fünf “Nanos” aufeinanderzuschichten. Gut erhaltene VW Scirocco I - es wurden immerhin eine gute halbe Million gebaut - wechseln heute durchaus zum damaligen Neupreis den Besitzer. Dies mag nach viel tönen, eine Restauration eines Fahrzeugs in schlechtem Zustand wird sich normalerweise trotzdem nicht rechnen. Die Unterhaltskosten aber sind erträglich, technisch ist das meiste noch erhältlich, nur Scirocco-spezifische Innenraum- und teilweise Karosserieteile geben zu Stirnrunzeln Anlass.


VW Scirocco (1975) - Der Scirocco wird als Freizeitgerät positioniert
Archiv Automobil Revue

Mit einem VW Scirocco ist man auch heute noch gut “gekleidet”, das Mitschwimmen im modernen Verkehrsfluss ist kein Problem und spätestens beim Parkieren ist man dank kompakter Abmessungen sowieso der König. Frühe Scirocco sind seit Jahren Oldtimer und geniessen damit die Privilegien schützenswerter mobiler Kulturgüter.

Testberichte, Fahrzeugvorstellungen, technische Daten

Bilder zu diesem Artikel

Quelle:
von sc******
29.08.2020 (16:56)
Antworten
Ein wunderschönes Coupé, dieser Scirocco, wenn man bedenkt, dass Design ein paar Jahre zuvor bei einem 166 TL nicht gerade die Domäne von VW war...Schade, dass nicht mehr Scirocco's aus der ersten Generation überlebt haben., das wird mal ganz bestimmt ein gesuchter Klassiker.
von 98******
21.05.2020 (17:36)
Antworten
Hatte einen 78er TS mit Original Sportlenkrad gelocht In orange. Leider komplett verrostet. Schweller, Kotflügel, Heckklappe etc.
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