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VW Golf Country – ein Golf für alle Fälle

Erstellt am 5. Mai 2021
, Leselänge 5min
Text:
Bruno von Rotz
Fotos:
Bruno von Rotz 
43
Volkswagen / Werk 
2

Allzu viel verriet die Automobil Revue nicht, als sie beim Rückblick auf den Genfer Autosalon vom März 1989 auf eine neue Volkswagen-Studie hinwies:
“Geländegängiger VW Golf: Geländetauglichkeit mit Limousinen-Komfort verbindet die in Genf gezeigte VW-Studie auf der Basis des Typs Golf Syncro. Rohrrahmen vorn und hinten und ein Steinschlaggitter schützen Karosserie und Triebwerkseinheit”.

VW Golf "Montana" am Genfer Autosalon 1989 (© AR)

Zu jenem Zeitpunkt war der Bau der Studie “Montana” noch keineswegs beschlossene Sache. Doch das Interesse am hochbeinigen Golf war gross und so stand auf der IAA im September 1989 bereits das Serienmodell namens Golf Country.

VW Golf Country (1994) - die Chrome-Edition
Copyright / Fotograf: Volkswagen / Werk

Schnell?

164 km/h lief der Golf Country gemäss den Stoppuhren von “auto motor und sport” und der Automobil Revue. Damit war er kein schnelles Auto.

Überraschend kurz war dafür die Entwicklungszeit, denn die Idee (von Ernst Fiala) wurde erst im November 1988 geboren, schon wenige Monate später stand der Prototyp auf dem VW Stand am Genfer Autosalon. Ein Produktionsentscheid wurde noch im März 1989 gefällt und weitere sechs Monate später konnte im September 1989 die Serienversion auf der IAA vorgestellt werden.

Kaufen konnte man den Golf Country allerdings erst im Sommer 1990 und geplant waren 4000 Verkäufe pro Jahr.

Um den Golf höher zu legen, arbeitete VW mit Steyr-Daimler Puch in Österreich zusammen.

Hoch?

Tatsächlich war der Golf Country 18 cm höher als der normale Syncro-Golf, den es bereits seit 1986 gab.

VW Golf Country (1991) - Gesamtlänge 425,5 cm
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Samt aussenliegendem Reserverad und “Kuhfänger” vorne war der Gelände-Golf bei unverändertem Radstand von 248 cm 425,5 cm lang, 170,5 cm breit und 155,5 cm hoch.

Wer die heutigen Dimensionen eines VW ID.3 betrachtet, staunt, wie nah diese am damaligen Hoch-Golf lagen: 426,1 x 180,9 x 156,8 cm. Der moderne ID3 ist also sogar noch höher als der Golf Country.

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Geländewagen?

Durch Einbau eines aufwändigen Rohrrahmens, grösseren Federwegen und ein um sechs Zentimeter nach oben verlegtes Fahrwerk konnte der Golf Country mit deutlich mehr Bodenfreiheit und günstigeren Böschungswinkeln überzeugen. Zusätzlich Schutzbleche wie der kräftige Auffahrschutz unter der Frontpartie liessen den Golf kräftiger und robuster erscheinen.

VW Golf Country (1992) - nahm moderne Allrad-Konzepte vorweg
Copyright / Fotograf: Volkswagen / Werk

Weil aber der Golf Country auf ein Reduktionsgetriebe und eine Differentialsperre verzichten musste, war er trotz des brachialen Äusseren kein richtiger Geländewagen.

Im Innern spürte man sowieso wenig vom martialischen Look, denn hier war der Golf Golf geblieben und wirkte in einigen Punkten sogar wertiger als seine Kameraden.

Volkswagen?

Der aufwändige Umbau in Graz hatte allerdings deutliche Auswirkungen auf den Preis. CHF 31’200 mussten in der Schweiz, DM 32’275 in Deutschland bezahlt werden. Radio, Schiebdach oder Metallic-Farbe kosteten zusätzlich. Zu jener Zeit kostete der günstigste VW Golf knapp die Hälfte und selbst eine Synro-Version war 6000 Franken günstiger zu haben.

VW Golf Country (1991) - 1781 cm3, 98 PS
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Als Motor erhielt man ausschliesslich den auf 98 PS gebrachten 1,8-Liter-Vierzylinder mit Einspritzung und Dreiwegkatalysator. Geschaltet wurde über ein Fünfganggetriebe. Die Syncro-Infrastruktur bestand aus einer Visco-Kupplung und einer aufwändigen Hinterradaufhängung mit automatischem Freilauf. Verzögert wurde über Scheibenbremsen vorne und Trommelbremsen hinten. Sechs-Zoll-Leichtmetallfelgen mit Reifen der Dimension 195/60 HR 15 sollen den Wagen auf der Strasse halten.

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Flott?

In 12,8 Sekunden beschleunigte der 1270 kg schwere Golf Country von 0 bis 100 km/h. Der Durchschnittsverbrauch belief sich trotz Allrad und suboptimaler Aerodynamik auf nur 9,3 Liter pro 100 km bei den Versuchsfahrten der Automobil Revue, respektive 10,5 Litern beim AMS-Test.
Mit den Fahreigenschaften konnte man zufrieden sein.

Im AMS-Bericht jedenfalls lässt sich folgende damalige Textpassage finden:
“Wir gehen noch ein wenig auf die Straße mit diesem „Golf für alle Individualisten“ (VW-Werbung) und prüfen die „Schlechtwegequalität“ (VW-Presse). Doch die zusammen mit der Zielgruppe anvisierten Geröllpisten, auf denen man niemand stört, sind in der Bundesrepublik gar nicht so leicht zu finden. Entmutigt kehrt man auf die reguläre Landstraße zu rück, wohl wissend, daß der massive Stahlkäfig zum Schutz des hinteren Differentials ein mal mehr nur vor warmer Luft zu schützen hatte. Der Federungskomfort erscheint gar nicht viel schlechter als im normalen Golf Syncro, wie dies ganze Auto überhaupt erstaunlich gepflegte Straßeneigenschaften hat.”

Die Automobil Revue resümierte:
“Mit dem Country hat das Volkswagenwerk eine echte Nische gefunden und ausgefüllt. Die Verarbeitung ist ebenso vertrauenerweckend wie bei allen Golf-Modellen. Der Mehrpreis für Vierradantrieb und das Hochsetzen der Karosserie ein- schliesslich der aufwendigen Fahrwerksmodifikationen ist allerdings nicht unbeträchtlich. Doch selten verbinden sich die volle Alltagstauglichkeit eines «Grösstserienautos» mit einer wesentlich erweiterten Einsatzmöglichkeit abseits befestigter Strassen in gleich optimaler Weise.” 

Am Kunden vorbei?

Zwar konnten fast soviele Golf Country abgesetzt werden wie geplant, doch dafür war einiges an Anstrengungen nötig. So gab es etwa die “Allround”-Version mit einfacherer Ausstattung (und günstigerem Preis) oder für die Mitarbeiter in Wolfburg eine Edition mit 1,8-Liter-GTI-Motor.

VW Golf Country (1991) - kreativer Modellschriftzug
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Doch mehr als 7735 Golf Country liessen sich bis Dezember 1991 nicht absetzen, er blieb ein Exote in der Millionen-Baureihe und beim Nachfolger gab es keine Country-Version mehr.

Selbstversuch

Rund 20 Jahre später setzen wir uns in einen späten Golf Country. Er gehörte einst einer Besitzerin aus Graubünden, die damit vielleicht einen Subaru ersetzt hatte. Der Golf in der Farbe “Brightblue Metallic” (es gab auch noch Montanagrün, Dunkelgrün, Tornadorot und Schwarz als Alternativen) hat sich gut gehalten.

VW Golf Country (1991) - typische Golf-Atmosphäre ohne Komfortmangel
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Der Einstieg ist natürlich eher ein Aufstieg, mit der Kraxelei, wie sie mancher “richtige” Geländewagen erfordert, hat das aber nichts zu tun. Innen fühlt sich der Golf Country an wie seine Serienbrüder und genauso einfach gestaltet sich auch die Bedienung.

VW Golf Country (1991) - 164 km/h lief der geländegängige Golf
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Die Bedienungskräfte liegen auf gewohnt niedrigem Niveau, der Golf Country fährt sich kaum anders als ein normalhoher Golf. Zwar mag er etwas mehr wanken in Kurven, aber der Unterschied ist gar nicht so gross wie erwartet. Auch die Fahrleistungen gehen in Ordnung, untermotorisiert fühlt man sich trotz über 1,2 Tonnen, welche die 98 Pferdestärken sicherlich fordern, nicht.

VW Golf Country (1991) - war damals eine ziemlich ungewöhnliche Erscheinung
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Auffallen jedenfalls tut man mit einem Golf Country trotz der neuzeitlichen SUV-Schwemme. Und es kann einem auch heute noch wie schon damals passieren, dass man gefragt wird, ob man denn den Wagen selber umgebaut habe.

Wir danken der Touring Garage für die Gelegenheit zum Proberitt.

Bilder zu diesem Artikel

Quelle:
von ae******
13.05.2021 (21:50)
Antworten
Zum Country;
ich hatte total 3 Country für meinen Betrieb, 1 x Rot und 2 x Blau. Die Wägelchen haben den Anforderungen im Gelände, im Schnee und Eis und Morast auch teils mit Anhänger immer sehr gut entsprochen. Der Letzte von den Dreien lief unter 6 verschiedenen Fahrern total 260 000 Km. Er geniesst meines Wissens bei Garage Weibel Aarberg seinen verdienten Lebensabend
von Ru******
12.05.2021 (10:55)
Antworten
Um 1990 herum galt dieser VW Versuch schlicht als völlig mißlungen, ich kannte wirklich jede Menge Leute, die herzlich über ihn lachten. Es gab (oder gibt noch?) mal eine Kinderschokolade, die nannte sich Kinder-Country, das trifft es am besten. Einen normalen Golf dermaßen lächerlich hochbockig aussehen zu lassen und dann trotzdem keine gute Geländegängigkeit zu haben, das ist schon ein Widerspruch in sich. Der Country wird höchstens noch "getoppt" vom SIMCA Ranchero, der nochmals ca. 10 Jahre früher herauskam und schlicht überhaupt nichts konnte. Allerdings hatte er einen großen Auftritt in dem lieben Film "La Boum - die Fete", mit der noch kleinen, jugendlichen Sophie Marceau von ´81. Ich glaube, es gab dann noch einen zweiten Teil zwei Jahre später....
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