Unterwegs im Mercedes-Benz 220 SE Cabriolet - Einspritzluxus und Wohlfühlatmosphäre

Erstellt am 12. Juni 2015
, Leselänge 5min
Text:
Bruno von Rotz
Fotos:
Balz Schreier 
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Bruno von Rotz 
14
Daimler AG 
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Archiv Daimler AG 
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Archiv Reinhard / Max Pichler 
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Archiv 
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Als sich ein begüterter Herr im Jahr 1959 ein Mercedes-Benz 220 SE Cabriolet in die Schweiz liefern liess, gehörter er sicher zu den oberen Zehntausend. Denn das teilweise in Handarbeit gebaute Cabriolet kostete ohne Extras 30’800 Franken und damit nicht nur 9900 Franken mehr als die gleich motorisierte Mercedes-Limousine sondern auch fast den Gegenwert eines einfachen Einfamilienhauses. Fast sechs fabrikneue VW Käfer hätte er für dasselbe Geld kaufen können, war der Mercedes wirklich so viel besser?


Mercedes-Benz 220 SE Cabriolet (1959) - die Zweifarbenlackierung steht ihm gut
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Elegant

Auf jeden Fall war er deutlich eleganter, der Mercedes. Denn er sah mit seiner Pontonkarosserie richtig “fesch” aus, wirkte modern. Er wirkte geöffnet und geschlossen wie aus einem Guss. Dabei hatten die Mercedes-Gestalter viel von der Limousine übernehmen können. Der Viertürer lieferte auch die Rahmenbodenanlage, auf der die Cabriolet-Karosserie sass. Allerdings musste sie gekürzt werden, denn der Radstand fiel beim Cabriolet (und beim parallel gebauten Coupé) 12 cm kürzer aus. Weil gleichzeitig die Heckpartie neu gezeichnet und länger gestaltet wurde, war das Cabriolet dann aber nur fünf cm kürzer als die Limousine.


Mercedes Benz 220 S Cabriolet (1958) - elegantes Cabriolet mit 106 PS starkem Vergaser-Motor
Archiv Automobil Revue

Im Detail unterschieden sich Cabriolet und Limousine dann aber doch deutlich, vor allem besass die teurere Kleinserienvariante (Lieferung nur auf Bestellung) deutlich mehr Schmuck und Innenausstattungsluxus in Form von Edelholz, Veloursteppichen und Leder für Sitze, Türverkleidungen und Armaturentrafel.

Robust und stabil

Stabilität war den Mercedes-Ingenieuren wichtig, daher verstärkten sie die verkürzte Rahmenbodenanlage, so dass das Cabriolet trotz geschrumpften Aussenmassen und Verzicht auf zwei Türen über 60 kg schwerer geriet als die bereits 1300 kg schwere Limousine. Der Sportlichkeit kam dies nicht zugute, aber die war auch gar nicht angestrebt, sonst hätte man sicher auch auf die Lenkradschaltung und die wahlweise erhältliche Frontsitzbank verzichtet.

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Fehlstart

Vorgestellt hatte man das neue Cabriolet bereits im September 1955 auf der IAA. Die elegante Ponton-Karosserie kam gut an, technisch basierte der offene Wagen auf der Limousine 220 a. Liefern wollte man per Mitte 1956, doch dazu kam es nicht mehr. Denn inzwischen erschien die Sechszylinder-Limousine 220 S und diese offerierte deutlich mehr Luxus und somit die bessere Basis. Entsprechend ging der in Frankfurt präsentierte Wagen nie in Serie, die Form aber überlebte im 220 S Cabriolet.


Mercedes Benz 220 A/C (1955) - Werbeanzeige Mercedes-Benz "Premiere in Frankfurt" - dieser Typ ging so nie in Serie
Copyright / Fotograf: Daimler AG

Leistungsstark

Produziert wurde der Mercedes-Benz 220 S als Cabriolet ab Juli 1956 mit dem Reihensechszylinder-Vergasermotor des 220 S, der 100 PS, später 106 PS leistete, ab September 1958 aber konnte auch das Einspritzer-Aggregat mit Zweistempel-Einspritzpumpe bestellt werden, womit die Leistung auf  115 PS bei 4800 Umdrehungen anstieg.


Mercedes-Benz 220 S Cabriolet (1958) - Einspritz-Motor M 127 I für den 220 SE
Copyright / Fotograf: Daimler AG

Einfallsreiche Technik

Auf die Einspritzvariante waren die Mercedes-Leute so stolz, dass sie ihr einen Baureihencode - W 128 anstatt W 180 II - gaben. Tatsächlich hatten es sich die Daimler-Ingenieure nicht einfach gemacht, die Einspritzung vom 300 SL / 300 S auf die kleinere Baureihe 220 zu adaptieren. Statt einer Sechs-Stempel-Pumpe kam nun eine Zwei-Stempel-Pumpe zum Einsatz, die über zwei Verteiler jeweils drei Zylinder versorgte. Voraussetzung dafür war ein intermittierender Betrieb, der wohl für einiges Kopfzerbrechen bei den Technikern sorgte. Aber es gelang und das Ergebnis überzeugte. Denn der Einspritzmotor lieferte nicht nur 9 PS mehr, die Maximalleistung stand auch noch 200 Umdrehungen früher an. Auch das Drehmoment stieg von 175 Nm auf 190 Nm. Allerdings erhöhte sich auch der Preis um DM 1900, immerhin über 15% des 220 S Limousinenpreises.

Den Mehrpreis wert

Trotzdem befanden die damaligen Tester, die sich die Limousine vornahmen, dass der Mehrpreis gerechtfertigt sei. Denn der Einspritzer beschleunigte 2,3 Sekunden schneller auf 100 km/h als die Vergaser-Variante und liess damit auch noch den Porsche 356 hinter sich. Dabei verbrauchte der Wagen auch noch weniger. Jedenfalls meinte der AMS-Tester, dass der 220 SE dem 300 S in kaum etwas nachstehe und das war sicher ein dickes Kompliment. Und dies trotz der Tatsache, dass ansonsten wenig Neues geboten wurde, will heissen Pendelachse hinten, Einzelradaufhängungen an Doppelquerlenkern vorne, Trommelbremsen - immerhin turboverrippt - rundum.


Mercedes-Benz 220 S (1956) - Vorderachs-Konstruktion für den Ponton-Mercedes von vorne und hinten gesehen
Copyright / Fotograf: Daimler AG

Selten geblieben

Während die Einspritzvarianten bei der Limousine eher eine Nebenrolle spielten, entschieden sich die Cabriolet- und Coupé-Kunden gerne dafür. Insgesamt wurden 3429 220 SE Cabriolet/Coupés und 1942 Vergaser-Varianten gebaut zwischen 1956 und 1960.


Mercedes-Benz 220 S Cabriolet (1956) - Zeichnung aus dem Prospekt
Copyright / Fotograf: Daimler AG

Absolut gesehen waren diese Ponton-Schmuckstücke also schon damals selten, heute sind sie es noch viel mehr, kein Wunder liegen die Preise fast immer im sechststelligen Bereich.

Schöner wohnen Fünfzigerjahre

Hochbeinig stellt sich das Ponton-Cabriolet mit vergleichsweise kleinen Rädern (13 Zoll Stahlfelgen) vor den Betrachter. Und wirkt trotzdem schmuck. Dies liegt an den vielen Chromelementen, aber auch an der “verlängernden” Zweifarbenlackierung.


Mercedes-Benz 220 SE Cabriolet (1959) - auch mit geschlossenem Dach elegant
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Heute verströmt dieser “Benz” vor allem Robustheit und Souveränität. Man öffnet die schweren Türen und blickt in eine Symphonie von Leder und Holz. Dicke Polster-Sessel laden zum Einsteigen ein, das Holz sieht auch wirklich wie Holz aus und wurde offensichtlich aus dem Vollen geschnitzt. Grifffreundliche Schalter sitzen auf glänzendem Riffelblech und das Lenkrad mit dünnem Kunststoffkranz und Pralltopf erinnert uns an eine Zeit, als Lederhandschuhe beim Autofahren zum guten Ton gehörten.


Mercedes-Benz 220 SE Cabriolet (1959) - knautschig und edel
Copyright / Fotograf: Balz Schreier

Vor uns thront eine zentrale Instrumenteneinheit, die mit Bandtacho (bis 180 km/h), Wassertemperatur, Öldruck, Tankanzeige und Tageskilometerzähler kaum Wünsche offen lässt.

Der ideale Tourer

Dass der 220 SE eher Luxus- denn Sportmobil sein sollte, spürt man schon auf den ersten Metern. Obschon der Motor eine durchaus attraktive Aussprache und und gut am Gas hängt, will man mit dem 4,7 Meter langen und fast 1,8 Meter breiten Cabriolet lieber elegant dahinrollen als schnell durch Kurven eilen. Weder Lenkung noch Schaltung (am Lenkrad) verlangen nach hohen Kräften, die hohe Sitzposition lässt einen erhaben über Bodenunebenheiten gleiten.


Mercedes-Benz 220 SE Cabriolet (1959) - als es noch kein Windschott gab
Copyright / Fotograf: Balz Schreier

Man fühlt sich einfach gut im 220 SE Cabriolet und es kommt kaum je Hektik auf. Die Fahrleistungen reichen aus, damit man nie zum Verkehrshindernis wird. Und das gemächliche Tempo, das man automatisch einschlägt, gibt genug Zeit, sich an den schönen Details im Interieur zu erfreuen.

Ein Plattenspieler im Automobil? Ja das gab’s, gerade im 220 SE Cabriolet. Die Nutzung dürfte allerdings nur mit Beifahrer entspannend gewesen sein, denn alle drei bis fünf Minuten mussten die Singles wieder ausgetauscht werden, wenn man nicht immer wieder “La Paloma” von Billy Vaughn & Orchestra hören wollte.

War das Mercedes-Cabriolet nun tatsächlich sechsmal besser als der VW Käfer? Eine Antwort zur eingangs gestellten Frage fällt nicht leicht, jedenfalls ist der 220 SE als Cabriolet auch heute noch rund sechsmal so viel wert wie der Wolfsburger und sein Luxus überzeugt auch heute noch.

Das für diesen Artikel portraitierte Mercedes-Benz 220 SE Cabriolet mit Jahrgang 1959 wurde uns von classic-autos.ch zur Verfügung gestellt.

Weitere Informationen

Bilder zu diesem Artikel

Quelle:
von mo******
16.06.2015 (13:35)
Antworten
Das Bild mit der Achskonstruktion zeigt 2 mal die Vorderachse. Einmal von vorn und einmal von hinten gesehen.
Die Hinterachse ist hier nirgendwo dargestellt.

PM
Antwort vom Zwischengas Team (Chefredaktor)
16.06.2015 (13:41)
Korrekt, unser Fehler, wir haben das angepasst. Die Hinterachse wäre eine Pendelachs-Konstruktion it Differential zwischen den beiden Achsteilen.
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